Paul Mason
30.10.2010 | 11:00

Millionen schwant etwas

USA Durch den Kollaps des ­Kreditsystems musste ein Teil der amerikanischen Mittelklasse abdanken. Deren Lebensstil hat sich bis auf weiteres erledigt

Die Männer, die in Atlanta bei 33 Grad Celsius auf dem Parkplatz eines Baumarktes unter den Bäumen sitzen, bilden die unterste Stufe dessen, was in Amerika Middle Class genannt wird. Wachsam wie die Schießhunde starren sie auf die Transporter, die den Platz verlassen. Wenn einer anfährt, rennen 15 bis 20 von ihnen zum Fenster des Fahrers, um zu verhandeln. Wer den Zuschlag erhält, springt mit seinem Werkzeugkasten ins Auto: Er wird zehn Dollar die Stunde für sehr einfache Bauarbeiten bekommen – bar auf die Hand.

Aber selbst die unterste Schicht ist keine homogene Einheit: Die zumeist jungen lateinamerikanischen Männer sind oft gerade erst eingewandert – die Afroamerikaner dagegen älter und ausgemergelt. „Sie nehmen nur noch Mexikaner“, sagt einer zu mir. Als ich ihn frage, warum, sieht er mich nur böse an. Bei Goodwill, einem von einigen wohltätigen Organisationen betriebenen Jobcenter in Atlanta, kann man die nächsthöhere Schicht antreffen: Anwaltsgehilfen, Sekretärinnen, Computertechniker – das ganze Panorama durch Aufstieg aus eigener Kraft imprägnierter schwarzer Arbeitsbiographien ist hier versammelt. Jeder von ihnen hat die gleiche Geschichte zu erzählen: Schon monatelang arbeitslos, manchmal seit Jahren.

Sucht man die Gegenden Atlantas auf, in denen dieses vermeintliche Bürgertum lebt, findet man in jeder zweiten Straße verwilderte Vorgärten. Die Häuser dahinter sind zwangsversteigert und stehen nun leer. Selbst wer bisher davongekommen ist, hängt am seidenen Faden. Juan und Kenyoda Pullen leben hier zur Miete, seit sie ihr Haus eingebüßt haben. Seit auch noch ihre Jobs als Briefträger und Bankangestellte verloren gingen, ist ihr Einkommen von 75.000 auf 14.000 Dollar im Jahr geschrumpft. Fühlen sie sich immer noch als Angehörige der Mittelschicht?

Die Middle Class war schon immer ein ideologisches Konstrukt. Ausdruck einer Sehnsucht, die auch den mexikanischen Gelegenheitsarbeiter auf dem Parkplatz erfasst. Sie sind dort, weil sie lieber arbeiten, als von staatlichen Zuwendungen zu leben. Sie werden versuchen, dem kalten Wind der Rezession bis zur Selbsterniedrigung zu widerstehen, um sich und anderen nicht eingestehen zu müssen – es ist alles vergeblich.

Neun Millionen Arbeitsplätze

Amerikas Mittelschicht ist im Verschwinden begriffen – ein Lebensstil, der über Jahrzehnte durch immer größere Schulden aufrecht erhalten wurde, hat sich erledigt, weil das Kreditsystem zusammenbrach. Die mittleren Einkommen liegen heute preisbereinigt unter denen von 1999. Als die Gesellschaft von der Krise getroffen war, sanken die Durchschnittsgehälter um 4,2 Prozent, nachdem sie zuvor zehn Jahre stagnierten. Millionen schwant, dass die Bezeichnung Mittelschicht auf sie nicht mehr zutreffen könnte. Aber die Kategorie Arbeiterklasse passt ebenso wenig. In den USA versteht man darunter keine soziologische Kategorie, sondern eine Lebensweise, die Gewerkschaftsarbeit und die Unterstützung proletarischer Baseball-Clubs einschließt.

Um die Dinge wieder in die alte Ordnung zu bringen, müssten in den USA neun Millionen Arbeitsplätze entstehen und Privatkredite wieder Millionen Amerikanern zugänglich sein, die vom Kreditwesen aussortiert wurden. Wenn man es nach diesen Kriterien beurteilt, hat Obamas Konjunkturpaket versagt. Das Kreditsystem, das die Krise verursacht hat, trägt auch jetzt noch zum Leid der Betroffenen bei: Die payday loan stores, in denen man kleine Darlehen bekommt, die am nächsten Gehaltstag zurückbezahlt werden müssen, machen gute Geschäfte und werben frech mit Neonreklame zwischen geschlossenen Supermärkten, den Krisenbrachen der Shopping-Malls. Gleiches gilt für Wirtschaftsauskunfteien: Der eingangs erwähnte Juan Pullen erzählt mir, ihm wurde ein Job verweigert, weil sein potenzieller Arbeitgeber seinen Kreditrahmen überprüft habe. „Sie glauben, der Kredit, den man bekommt, sage etwas über den Charakter eines Menschen aus: viel Kredit – guter Mensch, wenig Kredit – schlechter Mensch.“ Er zuckt mit den Achseln. Ohne Möglichkeit, sich Geld zu leihen oder zu verdienen, ist eine ganze Generation vom American Lifestyle ausgeschlossen.

Mittlerweile haben einige Bundesstaaten mit dem erschöpfenden Abbau sozialer Standards reagiert, race to the bottom genannt: Mit gekürzter Sozialhilfe, kassierten Arbeitnehmerrechten, gesenkten Gewerbesteuern sollen Investoren gelockt werden. Firmen, die einst hohe Löhne zahlten, machen dicht und wandern in Bundesstaaten mit niedrigen Lohnraten. Was Arbeitsmigranten aus Lateinamerika anzieht. Woran auch rechte Politiker nichts ändern können, die zum Lohndumping animieren und dann gegen dessen Folgen agitieren.

Einfach Arbeit ergattern

Im Vorfeld der Zwischenwahlen am 2. November versprechen die Politiker beider Lager , „etwas“ für die Mittelschicht zu tun. Das Beste wäre, sie würden die Wahrheit sagen: Die Amerikaner wollten sich die Privilegien des Bürgertums leisten, obwohl sie Löhne von Arbeitern bezogen. Die Lücke füllten sie bisher mit Krediten auf – diese Zeit ist jetzt vorbei.

In einer Gesellschaft, die freier Marktwirtschaft unterworfen ist, bleibt die Mittelschicht immer in der Minderheit: Ein echter Mittelschichtler lebt in einer Straße mit Tor und Sicherheitskamera. Ein echtes Mittelschichtskind kann sich eine Hochschule leisten, nicht nur die Fernuniversität. Eine echte Mittelschichtsfamilie muss keine Mahlzeit ausfallen und nicht das Auto in der Werkstatt stehen lassen, weil die Rechnung zu hoch ist. In Atlanta zählen auch Männer im Transporter, die Arbeiter mit dem Finger zu sich winken, zur Mittelschicht. Nicht aber all jene, die bei 33 Grad warten, um ein paar Stunden Arbeit zu ergattern.

Paul Mason ist USA-Korrespondent des GuardianÜbersetzung: Holger Hutt