Mister King redet Klartext

Bankenkrise Der britische Zentralbankchef hält die Vorstellung für wahnwitzig, eine Bankenkrise wie die jetzige werde sich nicht wiederholen. Er sieht keinen echten Reformwillen

Die Rede des Präsidenten der Bank of England, Mervyn King, Mitte der Woche dürfte wohl zu den kämpferischsten, radikalsten und regierungskritischsten zählen, die je ein Chef der britischen Zentralbank seit dem Zweiten Weltkrieg gehalten hat. Und King hatte fast mit allem recht, was er sagte. Es ist empörend, wie wenig Reformen und Reformwillen es als Gegenleistung für die staatliche Bankenrettung bislang gegeben hat. Und es ist empörend, dass Banker ein Vermögen machen können, die Risiken ihres Handelns aber von den Steuerzahlern getragen werden. Die Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis der Banker, sich Boni genehmigen zu können, die einem die Kinnlade offen stehen lassen, und dem Ärger der Öffentlichkeit ist erschreckend.

Egal, was Schatzkanzler Alistair Darling auch sagen mag – alle Rhetorik der Regierung vermag nicht darüber hinweg zu täuschen, dass sie immer noch nicht wirklich gehandelt und dem Einhalt geboten hat.
Die Wahrheit besteht schlicht darin, dass Großbritannien sich keine Banken leisten kann, die to big and complex to fail sind – zu groß und komplex, als dass ihr Bankrott verantwortbar wäre. Was also ist zu tun?

Sehr dünner Strohhalm

Die Regierung sagt, die Banken würden mehr Eigenkapital brauchen, um ihre Bilanzen ausgleichen zu können. Allerdings lehrt die Geschichte der Eigenkapitalvorschriften, die vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht in den vergangenen Jahren vorgeschlagen wurden (Basel II), dass die besten Absichten stets auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammenschrumpfen. Dafür gibt es einen entscheidenden Grund: Die vielen verschiedenen Empfindlichkeiten der einzelnen Bankensysteme.

Selbst wenn es zu einer Übereinkunft kommt, besteht immer noch die Schwierigkeit, dass die Regulierer es schaffen müssen, bis ins Innere der Banken vorzudringen und sich sehr genau anzuschauen, was dort vor sich geht. Das haben sie bislang nicht getan. Vielleicht wird ihnen das in Zukunft besser gelingen. Wer darauf hofft, eine Wiederholung der Krise werde verhindert, der hält sich an einem sehr dünnen Strohhalm fest. Für Zentralbankchef King scheint die Vorstellung nachgerade wahnwitzig. Wenn er mit seiner Analyse recht hat,besteht der einzige Weg nach vorn in der Zerschlagung der Banken, damit der Zusammenbruch einer einzigen nicht mehr das gesamte System in Gefahr bringen kann. Soweit ich sehe, ist er sich hierin mit Lord Adair Turner einig, dem Chef der Finanzaufsichtsbehörde. Leider nicht mit der Regierung Brown.

Kasino-Verbot aussprechen

Der Dissens mit der Exekutive besteht in der Frage, ob die spekulative „Kasino-Abteilung“ der Banken von dem Teil getrennt werden sollte, der für Sparguthaben, Geldtransaktionen und Kredite zuständig ist. Der Präsident der Zentralbank ist der Ansicht, dies sei möglich – Turner und die Regierung hingegen nicht. Was – so ihre rhetorische Frage – hätte dies im Falle von Northern Rock für einen Unterschied gemacht? Die Antwort lautet: Einen großen! Die ehemalige Sparkasse war zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs vollständig darauf angewiesen, ihre Verbindlichkeiten mit Wertpapieren und Kreditausfallversicherungen zu unterlegen, um ihre 125-prozentigen Hypotheken bedienen zu können. Das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital lag bei 50 : 1. Wäre Northern Rock der Zugang zum Kasino beschränkt worden, dann hätte sich dieses Haus retten können. Während Turner und King den Mut haben, diese wichtigsten Fragen unsere Zeit zu diskutieren, wagt die Regierung von Gordon Brown nichts, was über die Beschlüsse der G20 hinausgeht. Das hat früher nicht gereicht, und es reicht jetzt mit Sicherheit auch nicht. Das Finanzsystem braucht radikale Reformen. Wagt euch endlich dran!

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Will Hutton, The Guardian | The Guardian

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