Mit Air Lingus ins Ungewisse

Irland Der keltische Tiger hat aufgehört zu fauchen, jetzt liegt er im Sterben. Der soziale Zusammenhalt per skype sorgt dafür, dass die Jungen noch schneller das Land verlassen

Wir fahren von Waterford aus Richtung Norden und tauchen für einen Augenblick in ein irreales Licht. Die Sonne ist zwischen zwei Wolken versunken und schickt im steilen Winkel ihr Licht auf die Äcker von Kilkenny. „Das wird für lange Zeit dein letzter irischer Sonnenuntergang sein“, sage ich zu dem 25-jährigen Michael Dermody, der zum Dubliner Flughafen unterwegs ist, um von dort nach Rom, Bangkok und schließlich ins westaustralische Perth weiterzufliegen. Er schaut zum Fenster hinaus. „Es wird für mich jetzt eine ganze Reihe letzter Dinge geben ...“, erwidert er, „aber ich betrachte das Leben nicht von dieser Seite.“

Den keltischen Tiger nennt man das Land, durch das wir fahren. Während der letzten 15 Jahre, in denen der Tiger fauchte, hat die irische Provinz einen ungeahnten Bauboom erlebt. In einem wahren Kreditrausch wurde gebaut, gebaut und nochmals gebaut. Irland beherrschte ein Gefühl, dass die Erniedrigungen von einst nun unwiederbringlich Vergangenheit seien. Wer vor einer Blase warnte, wurde beschimpft – nicht zuletzt von Premierminister Bertie Ahern, der sagte, er könne nicht verstehen, warum die Leute, die immer nur jammerten, nicht einfach Selbstmord begingen.

Michael traf ich zum ersten Mal, als ich über die gälische Sportart Hurling recherchierte. Auf den Mannschaftslisten standen die Berufe der Spieler: Schreiner, Flaschner, Maurer. „Früher wollten alle auf`s College gehen, dann brachen sie die Schulen ab und fingen Ausbildungen an“, erzählte er mir. „Sie verdienten 1.000 Euro die Woche und hauten alles raus, gingen jedes Wochenende weg, hatten schicke Autos und schicke Klamotten. Sie dachten, das würde jetzt immer so weitergehen.“

Doch das tat es nicht. In jedem Dorf, das wir durchqueren, stehen Apartmentblocks leer. Die Emigration, die Wunde in der Geschichte der Iren, ist wieder aufgeplatzt. „Vor ein paar Jahren kannte ich in ganz Australien vielleicht zwei Leute“, sagt Michael. Heute kenne ich 30. Allein in Perth leben fünf oder sechs meiner Freunde.“

Auf meiner Fahrt durch Irland werden mir die Leute erzählen, dass der Boom das Land für immer verändert habe und der neue Exodus via modernem Luftverkehr dieses Mal nur vorübergehend sein werde. Die Technologie in Gestalt von Facebook und Skype ist allerdings auch ein mächtiges Mittel, um Dörfer zu entvölkern. „Diejenigen, die weggehen, bleiben mit ihren Freunden zuhause in ständigem Kontakt“, sagt Michael. „Sie erzählen uns, wie gut es ihnen geht und fragen, was uns denn noch halte.“ Der soziale Zusammenhalt, der in Irland immer so wichtig gewesen ist, sorgt nun dafür, dass die Jungen noch schneller das Land verlassen, als sie dies ohnehin täten.

Wenige Stunden zuvor war Michael im Farmhaus seiner Eltern vom Küchentisch aufgestanden und hatte gepackt, um sich auf den Weg zu machen. Seine Mutter saß aufrecht mit zusammen gepressten Lippen. Später erzählt Michael, seine Eltern hätten „nie wirklich“ über seinen Weggang gesprochen. Die neue Auswanderungswelle erfüllt die Älteren mit Entsetzen. Sie wissen, dass ein guter Arbeitsplatz oder eine Heirat genügt, und Michael wird nie wieder zurückkommen. „Sie wollen wissen, wann ich wiederkommen werde, aber das weiß ich wirklich nicht“, sagt er, als wir in die Dunkelheit hineinfahren. „Falls es in Perth nicht klappt, hätte ich auch nichts gegen Neuseeland einzuwenden.“

Sechs vom Hunger gezeichnete Gestalten auf der Flucht

Am Custom House Quay in Dublin angekommen, stolpern sechs vom Hunger gezeichnete Figuren aufs Wasser zu. Sie sind aus Bronze. Es ist das Famine Memorial, das an die Landflucht aus Irland erinnert. Die sechs Gestalten habe ich noch vor Augen, als mein Weg mich in den Süden Dublins führt, in die Shrewsbury Road. Hier kann man sehen, welchen Weg das Land zurückgelegt hat. Die Häuser sind hübsch, aus roten Ziegeln, solide aber nicht luxeriös – dennoch kostete 2005 ein Haus 58 Millionen Euro. 2008 hatte sich die Zahl der Rennpferde in irischem Besitz im Vergleich zum Beginn der Neunziger mit 12.119 fast verdoppelt, die Zahl der Privatflugzeuge stieg im gleichen Zeitraum von vier auf 80. Heute stehen die Häuser leer und Rennpferde sind so günstig zu haben wie nie. Manche lassen sie einfach am Straßenrand stehen oder erschießen sie. Auch die Privatflugzeuge stehen zum Verkauf.

Dennoch hatten viele während des Booms eine großartige Zeit. In den späten Achtzigern wurden unter der Partei Fianna Fáil die Körperschaftssteuer und die Regulierungen für Finanztransfers drastisch reduziert, um aus Irland das Land mit einem der freiesten Märkte überhaupt zu machen, an Freizügigkeit übertroffen nur noch von Hong Kong und Singapur. Auch wenn Journalisten über die Reform spotteten und von der „Doheny Nesbitt School of Economics“ sprachen, weil sie angeblich in der gleichnamigen Kneipe ausbaldowert worden sei – sie sorgte dafür, dass 40 Prozent der amerikanischen Europa-Investitionen an Irlands Küsten angespült wurden.

Plötzlich boten sich Perspektiven für gut ausgebildete, englischsprachige Arbeitskräfte, erklärt der Historiker Fintan O’Toole. Das ganze Land schwamm auf dieser Welle nach oben, und viele, die in den Achtzigern das Land verlassen hatten, kamen zurück. Um die Jahrtausendwende dann nistete sich ein Parasit in der Wirtschaft ein. Die von der Europäischen Zentralbank herabgesetzten Zinssätze erlaubten es den irischen Banken, große Geldsummen zu leihen, die diese ihrem bevorzugten Klientel, dem Baugeschäft, zukommen ließen, mitunter auch sich selbst. Am buntesten trieb es die Anglo Irish Bank. Aals sie im Dezember 2008 die irische Regierung um Hilfe anrief, hatte sie 15 Kunden je mehr als 500 Millionen Euro geliehen.

Wer Mauern gezogen hatte, wollte nun selbst ein Haus

Paradoxerweise sorgte der Geldsegen für einen Vertrauensschub in der Bevölkerung. Eine Reihe spektakulärer neuer Gebäude entstand stromabwärts jener ausgehungerten Bronzgestalten am Ufer des Liffey, die an den einstigen Auszug der Iren gemahnten. Die Baumeister, wie man in Irland die großen Erschließer von Grundstücken nennt, verkauften sich gegenseitig Land zu immer astronomischeren Preisen. Diese Männer – es waren ausschließlich Männer ­–, deren Väter einst auf englischen Baustellen geschuftet hatten, bauten nun Wolkenkratzer nicht nur in Irland, sondern auch in New York, Chicago und London und flogen in Falcon-Jets um die Welt. Sie gaben ein Beispiel, dem jeder Ire, der je Mörtel auf Ziegel gestrichen hatte, folgen wollte. Sie eroberten die Welt des Glamour. Der bekannteste von ihnen ist der große Baulöwe Sean Dunne. Während des Booms kaufte er für drei Millionen irische Pfund einen Bauplatz in der Shrewsbury Road. Als er sein Haus baute, muss er das Gefühl gehabt haben, dort angekommen zu sein, wo er immer hin gewollt hatte. Ein weiter Weg von seiner Kindheit in County Carlow im Südosten Irlands, die er einmal so beschrieb: „Wenn ich oder ein anderer aus meiner Familie ein Bad nötig hatte, sprangen wir in den Fluss Slaney und schwammen eine Runde.“

Nun war nichts mehr wie zuvor. Irlands Gesellschaft wandelte sich binnen nur eines Jahrzehnts tiefgreifend. Man konsumierte, die Sitten lockerten sich, das kulturelle Leben blühte, man bemerkte es an vielen Erscheinungen des Alltags, unter anderem daran, dass die Schwulenszene, die sich im Verborgenen gehalten hatte, nun ihren Platz in der Gesellschaft einnahm.

Was war geschehen?Um es zu erklären, führt O’Toole mich zum Restaurant Les Frères Jacques gegenüber des Dublin Castle, das in besseren Zeiten ein Treffpunkt für Literaten war. Heute stehen die Räume leer. „Unsere Geschichte seit der Unabhängigkeit war vom Scheitern geprägt“, sagt O’Toole. „In den 1950er gab es ernstzunehmende Analysen, die davon ausgingen, dass einmal niemand mehr auf der Insel zurückbleiben werde. In den Achtzigern hängte die Irish Developement Agency am Dubliner Flughafen ein Plakat mit der Abschlussklasse des University College Dublin auf, darunter stand der Satz „Wir sind die jungen Europäer“. Ein Jahr später hatten alle Abgebildeten das Land verlassen.

„Wenn die Jungen das Land verlassen, entsteht ein Gefühl der nationalen Minderwertigkeit und des Versagens. Man spürt, dass mit dem Land auf einer ganz grundsätzlichen Ebene etwas nicht stimmt. Bei den Familien hinterlässt das tiefe Wunden. Wenn die Kinderdann zurückkommen, ist das ein großartiges Gefühl. Die Leute spüren, dass sich etwas verändert und schöpfen Hoffnung.“

Für die Iren, sagt O’Toole, war das Wachstum nicht nur ein schnöder wirtschaftlicher Aufschwung, „für sie war es eine nationale Wiedergutmachung.“ Eines der lächerlichsten Klischees über das Land besagt, die Iren seien von ihrer Geschichte besessen. In den vergangenen Jahrzehnten war das Gegenteil der Fall: „Wir lebten in einer permanenten Gegenwart, das Jetzt war alles, was zählte.“

Im Dubliner Vorort Goatstown treffe ich Charlie Chawke, der vielleicht beste Beweis für O’Tooles These. Charlie steht in seinem Pub The Goat und ist zum Plaudern aufgelegt. Er erzählt von einem Abend im Jahr 2003. Damals hatte er eben seine Wochenendumsätze von fast 50.000 Euro in seinem Wagen verstaut, da sah er im Rückspiegel, wie ein Mann mit einem abgesägten Gewehr näher kam. Der riss die Autotür auf und schrie: „Gib mir das verdammte Geld!“ Charlie hätte dem Mann geben können, was er verlangte, er war damals schon Millionär, aber ihn reizte die Chance, gegen den Räuber zu gewinnen. Er verlor. Er versuchte, nach dem Gewehr zu greifen, verfehlte es und fiel hin. „Der Typ legte mir das Gewehr ans Knie und blies mir das ganze Ding weg“. Charlie hätte nicht kämpfen müssen. Aber er war ein Spieler. Er war in armen Verhältnissen aufgewachsen, hatte Kredite aufgenommen, um das Goat zu kaufen, um zu expandieren und sich zu amüsieren. Bald war er Miteigentümer beim FC Sunderland, Shareholder bei den Celtic Glasgow und Besitzer von acht Pubs.

Ihre Spielsucht wurde den Iren zum Verhängnis

Es ist nicht nur ihre Spielernatur, die in der Boomzeit mit den Iren durchging, auch ihre sozialer Zusammenhalt wurden ihnen zum Verhängnis. „Wir sind ein kleines Land“, sagt Charlie. „Und wenn ich etwas brauche, dann wird immer einer einen kennen, der mir helfen kann. Wenn jemand in meinen Pub kommt und 500 Euro braucht, dann weiß er, dass er sie auch bekommen wird.“ Wie in Charlies Pub lief es im ganzen Land. Die Bauherren trafen ihre Freunde in den Banken und das Geld ging von Hand zu Hand.

Heute sitzt Charlie Chawke hinter seinem Tresen, bereut das eine oder andere vermasselte Geschäft, aber er glaubt, die Rezession sei bald vorbei. Schließlich hat er eben erst beim Pferderennen gewonnen.

Aber die Rezession ist nicht vorbei. Die High Society mag sich der Situation angepasst und die Sterne-Restaurants gegen etwas günstigere Lokale eingetauscht haben. Für den Rest des Landes bedeutet das Platzen der Blase eine Arbeitslosigkeit von über elf Prozent, die Verstaatlichung von Banken und ein voraussichtliches Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 8,3 Prozent, viele können ihre Kredite nicht mehr bedienen, Ökonomen warnen vor einem Staatsbankrott und die Steuern steigen für eine Durchschnittsfamilie um 4.000 Euro. Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb, Irland stecke so tief in den Miesen, dass das Land kaum mehr Möglichkeiten habe, auf die Krise zu reagieren. Der keltische Tiger liegt im Sterben und keiner kann sagen, was bleiben wird. Viele warnen, es könnte weit schlimmer werden als in den Achtzigern, weil diemal weltweit Rezession herrscht und es im Ausland auch keine Arbeit gibt.

Am Abend lese ich eine Mail von Michael. „Wir sind gut in Perth angekommen. Gerade versuche ich noch, ein Zimmer und einen Job zu finden. Die Stadt ist toll, das Wetter auch. Beim Surfen war ich noch nicht, weil es zur Zeit häufig Angriffe von Haien geben soll, also warte ich lieber noch ein paar Monate.“

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

05:00 10.06.2009
Geschrieben von

Ruaridh Nicoll, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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