Mit Äpfeln statt Birnen

Erderwärmung Die Klimaforschung krankt an Skepsis und Skandalen. Ein US-Team will einen Neuanfang machen. Und die Wahrheit finden

Im Jahr 1964 betrat der 20-jährige Richard Muller die Sproul Hall der University of California in Berkeley um sich an einem Massenprotest nie dagewesenen Ausmaßes zu beteiligen: Mehrere Tausend Studenten protestierten damals gegen das Verbot der freien Rede auf dem Unigelände und für die Freiheit der Wissenschaft. Nach zwei Tagen stürmte die Polizei das Gebäude. Hunderte Studenten wurden verhaftet. Auch Muller landete im Gefängnis. Doch die Proteste gingen weiter. Nach Monaten musste die Universitätsführung einlenken. Dieser Widerstand machte Berkeley zu einem Hort geistiger Unabhängigkeit.

47 Jahre später ist Muller immer noch in Berkeley, und die Publikationsliste des Physikprofessors ist ein guter Beleg für die Freiheit, die er dort bis heute genießt: Er hat über das Licht kurz nach dem Urknall geforscht, eine neue Theorie der Eiszeit formuliert und sich mit Einschlagkratern auf dem Mond befasst. Er ist ein begehrter Experte und war mehr als 30 Jahre lang Berater der US-Regierung in Verteidigungsfragen. Seit einem Jahr allerdings arbeitet Muller sehr zurückgezogen an einem neuen Projekt, gemeinsam mit einer Gruppe Auserwählter. Sie treffen sich regelmäßig im kleinen Kreis, um ihre Fortschritte zu prüfen, Probleme zu diskutieren – und um nach Fehlern zu suchen, die das Projekt schwächen könnten. Sie haben allen Grund für diese Sorgfalt: Wenn Muller und sein Team in ein paar Wochen erstmals mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit treten, mischen sie sich in eine der schmutzigsten und härtesten Debatten ein, die gegenwärtig in der Wissenschaft geführt werden.

Mullers nennt seine neuste Obsession das „Berkeley Earth Project“, und sein Ziel klingt so simpel, wie das Unterfangen komplex ist: Muller will noch mal ganz von vorn anfangen. Mit selbst entwickelten Programmen und mehr Daten als je zuvor wollen er und sein Team zu einer neuen, vollkommen unabhängigen Einschätzung der Klimwandels gelangen. Das Team wird dafür all seine Daten – rund 1,6 Milliarden Messwerte – ins Netz stellen. Die Forscher werden offenlegen, woran sie gerade arbeiten und wie die über 100 Jahre von tausenden Instrumenten rund um den Globus gesammelten Daten zur Klimageschichte unseres Planeten verwoben werden.


Denn Muller hat die Politisierung des Klimawandels gründlich satt. Indem sein Team alle Daten und Arbeitsweisen für jedermann offenlegt hofft er, einen breiteren Konsens in Bezug auf die Erderwärmung herstellen zu können. Auf keinem anderen Gebiet wäre Mullers Traum so ehrgeizig und vielleicht auch so naiv. „Wir sind unabhängig und überparteilich. Wir werden die Daten sammeln, diese analysieren, die Resultate präsentieren und alles zugänglich machen. Es wird keine Verdrehung der Tatsachen geben, ganz egal, wie das Ergebnis auch aussehen mag.“

Es gibt bereits drei Schwergewichte, die über das Weltklima wachen und ihre Ergebnisse an das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bei den UN weitergeben: In den USA sind es das Goddard Institute for Space Studies der Nasa und die National Oceanic and Atmospheric Adminstration (NOAA). Die dritte Organisation steht unter der Leitung des britischen Wetterdienstes. Sie alle lesen Daten von Messstationen rund um den Globus, um eine gleitende Darstellung der Durchschnittstemperatur zu ermöglichen. Die Zahlen unterscheiden sich, da jede Gruppe ihre eigenes Set von Daten verwendet und eigene Analysen durchführt, aber weisen auf dasselbe hin: Seit vorindustriellen Zeiten hat sich unser Klima um etwa 0,75 °C erwärmt.

Man könnte nun meinen, drei Gruppen seien genug, aber Muller nennt eine ganze Reihe von Versäumnissen, die seiner Meinung nach den Glauben der Öffentlichkeit an die bisherigen Aufzeichnungen unterwandern. Die verwendeten Daten seien gefiltert und möglicherweise nicht so repräsentativ, wie sie es sein könnten. Außerdem habe die Forschung Defizite in Bezug auf ihre Transparenz. Andere weisen derartige Behauptungen allerdings mit dem Hinweis zurück, dass die betreffenden Berichte und die Mittel zu deren Analyse schon seit Jahren öffentlich zugänglich sind.

Climategate spornte das Projekt an

Dann gab es da noch das Fiasko von 2009, als ungefähr 1.000 E-Mails von einem Server der Abteilung für Klimaforschung der University of East Anglia (Climate Research Unit, CRU) ihren Weg ins Internet fanden. Der Wirbel um die veröffentlichten Nachrichten – die Presse sprach schnell von Climategate – gab Mullers Projekt noch zusätzlichen Antrieb. „Es wurde um so wichtiger, dass ein neues Team die Bühne betritt, eine neue Analyse vorlegt und all die legitimen Fragen anspricht, die Skeptiker aufwerfen“, sagt Muller. Dieser letzte Punkt dürfte heikel für ihn werden. Denn wer einräumt, dass die Kritik der Klimaskeptiker berechtigt ist, der sagt auch, dass Wissenschaftler und Regierungsbehörden Fehler gemacht haben.

Das Earth Project entstand vor mehr als einem Jahr, als Muller David Brillinger anrief, einen Professor für Statistik in Berkeley. Seit dem ersten Treffen hat Brillinger das Team bei der Analyse der Daten beraten. Für den Rest des Teams habe er Wissenschaftler ausgewählt, die für originelles Denken bekannt sind, sagt Muller. Einer ist Saul Perlmutter, jener Physiker, der beweisen konnte, dass das Universum sich aufgrund der „dunklen Materie“ immer schneller ausdehnt. Ebenfalls im Team ist Art Rosenfeld, der letzte Student des legendären Enrico Fermi und selbst eine Art Legende in der Energieforschung, sowie Robert Jacobsen, ein Berkeley-Physiker und Experte für Datenmassen und Judith Curry, Klimatologin am Georgia Institute of Technology, die über das Rudelverhalten und die Selbstüberschätzung einiger Kollegen in der Klimaforschung besorgt ist. Die Schwerstarbeit erledigt allerdings Robert Rohde, ein junger Doktor der Physik: Er hat eine Software geschrieben, die offene Datenbanken nach globalen Temperaturaufzeichnungen durchsucht. Die Funde werden zusammengesetzt, entdoppelt und verschmelzen schließlich zu einer einzigen großen historischen Temperaturchronik.Aufgrund der Datenmenge, die Rhode bislang gesammelt hat – einige Werte stammen vom Beginn des 17. Jahrhunderts – spricht Muller vom umfassendsten historischen Verzeichnis von Landtemperaturen, das jemals zusammengestellt wurde. Insgesamt hat das Earth Project Aufzeichnungen von 339.340 Stationen auf der ganzen Welt zusammengetragen.


Das erste Ziel von Mullers Projekt ist die Veröffentlichung der bislang umfangreichsten Temperaturaufzeichnungen, erst das zweite Ziel wird dann die Analyse dieser enorme Datenmengen sein. Nasa, Noaa und das Met Office bestimmen die Tendenz der Erderwärmung, indem sie ein imaginäres Raster über den Planeten legen und für jedes Planquadrat einen Durchschnittswert errechnen. Mullers Team wird die Temperaturaufzeichnungen einzelner Stationen verwenden und sie entsprechend ihrer Verlässlichkeit gewichten.

Das wird bei weitem die schwierigste Aufgabe: Die Daten sind von Fehlern durchzogen, die sich aus der simplen Tatsache ergeben, dass das weltweite Netzwerk von Temperaturmessstationen nicht dafür erschaffen wurde, den Klimawandel zu dokumentieren, sondern das jeweilige Wetter vor Ort. Die Messzeiten variieren von ungefähr sechs Uhr früh bis neun Uhr abends. Die Genauigkeit der einzelnen Stationen schwankt, sie verändert sich sogar durch die Umgebung: So können zum Beispiel wachsende Bäume von einem Jahr aufs nächste eine Station stärker vor Wind und Sonne schützen. All dies beeinträchtigt die Messgenauigkeit einer Station – vielleicht misst sie die Temperatur zu niedrig, vielleicht zu hoch, in jedem Fall werden sich die Fehler summieren. Die Algorhitmen des Earth Project korrigieren einige der Fehler automatisch. Muller bevorzugt diese Methode, da sie nicht von menschlicher Einflussnahme abhängt. Aber wenn die Ergebnisse veröffentlicht sind, wird die Konkurrenz auf diesen Aspekt argwöhnisch gucken.

Muller ist dennoch sicher, dass sein Team zu einer genaueren Schätzung der Erderwärmung kommt. „Die Wissenschaft hat ihre Schwächen und kann die Wahrheit nicht im Würgegriff halten, aber sie verfügt über eine Möglichkeit der technischen Annäherung, die sie näher an die Wahrheit heranbringt als jede andere Methode, die wir kennen.“ Es ist vielleicht kein gutes Zeichen, das ein prominenter Klimaskeptiker – der kanadische Ökonom Ross McKitrick – auf Anfrage des Guardian noch nie etwas von dem Projekt gehört hat und ein anderer (Stephen McIntyre), den Muller in Bezug auf mache Themen verteidigt hat, das Projekt ebenfalls nicht verfolgt. McIntyre meinte aber, was Muller mache, mache er gut.

Braucht man 20 Stationen?

Anderorts bekommt Muller Unterstützung von einigen der größten Namen im Geschäft. Bei der Nasa begrüßte man das Projekt, warnte aber davor, die seiner Ansicht nach geringfügigen Unterschiede, die zwischen Mullers Einschätzung der globalen Erderwärmung und derjenigen anderer Gruppen zu erwarten seien, zu stark betont werden könnten.

Peter Thorne, der im vergangenen Jahr vom Met-Office zum Cooperative Institute for Climate and Satellites in North Carolina wechselte, ist von dem Projekt in Berkeley begeistert, zieht aber bei manchen Ankündigungen Mullers skeptisch die Augenbrauen hoch. Die Berkeley-Gruppe sei nicht die erste, die ihre Daten und Instrumente online stelle, Teams der Nasa und NOAA machten das schon seit Jahren. Und auch wenn Muller möglicherweise über mehr Daten verfügt, seien diese möglicherweise weniger wert, meint Throne. „Braucht man wirklich 20 Stationen in einer Gegend, um einen Temperaturwert zu erhalten? Die Antwort lautet nein. Eine derartige Übersättigung führt nicht zu besseren Ergebnissen.“

Wie viele Experten hegt auch er Zweifel, ob das Earth Project die Klimaskeptiker überzeugen kann. „Dadurch, dass sie neu im Geschäft sind, schenken ihnen mache vielleicht mehr Gehör, aber ich glaube nicht, dass es die Einstellung der Leute grundsätzlich ändern wird“, sagt Thorne.

Als er den Campus von Berkeley überquert, bleibt Muller vor der Sproul Hall stehen, wo er vor über 40 Jahren verhaftet wurde. Heute ist der angrenzende Platz ein Ort für Proteste, an dem studentische Aktivisten Transparente aufspannen, Tische aufstellen und Reden zu allen möglichen Themen halten. Glaubt er, dass sein jüngstes Projekt etwas verändern wird? „Vielleicht kommen wir zu dem Schluss, dass das, was die anderen Gruppen machen, absolut richtig ist, aber wir machen es eben auf eine neue Art. Wenn das einzige, was wir erreichen, darin besteht, dass ein Konsens darüber gefunden wird, was mit der Erderwärmung geschieht, ein echter Konsens, nicht einer, der auf Politik beruht, dann ist dies unglaublich wertvoll.“

Ian Sample ist Autor des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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16:00 10.03.2011
Geschrieben von

Ian Sample | The Guardian

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The Guardian

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