Mit harten Bandagen

Oscarrennen Mickey Rourke feiert als Ringkämpfer im Film "The Wrestler" gerade ein fulminantes Comeback. Wie man fair kämpft, hat er bisher scheinbar aber nicht gelernt.

Herzlich Willkommen im Jahr 2009, liebe Klatsch- und Tratschjunkies. Das Rad der Zeit dreht sich weiter und so tut es auch das Rad der Fortuna. Und für den wenig wahrscheinlichen Fall, dass sie es noch nicht mitgekriegt haben: Mickey Rourke ist für den Oskar nominiert worden. Nehmen sie sich ruhig einen Moment Zeit, diese Nachricht auf sich wirken zu lassen. Noch vor zehn Jahren wären dies wohl die annähernd unwahrscheinlichsten Worte gewesen, die man aus Hollywood zu Ohren bekommen hätte (die aller-unwahrscheinlichsten lauteten damals wie heute „Andie MacDowell ist für einen Oskar nominiert.“)

Nun hat Mickey die Oskar-Nominierung ja nicht gerade auf direktem Weg angesteuert. 1991 gab er das Schauspielern für eine Karriere im Boxring auf, wo er zwar ungeschlagen blieb, sich aber aufgrund seines Alters zahlreiche Verletzungen, darunter eine gespaltene Zunge und einen zertrümmerten Wangenknochen, einfing. Nunmehr also auch kein Matinee-Idol mehr, kehrte er 1995 zurück vor die Kamera und bescherte der Welt Filme wie 9 1/2 Wochen in Paris, der, so muss man leider sagen, den ausgefeilten Plot des Vorgängers vermissen lies, die ohne den Umweg über die Kinoleinwände in den Regalen der Videotheken landeten. Heute aber, nach seiner zugegebenermaßen erstaunlichen Kehrtwende kann Mickey sich ernsthafte Chancen auf den Oskar als bester Hauptdarsteller für seine gefeierte Darbietung als kaputter Haudegen in The Wrestler ausrechnen.

Rüpel Rourke

Doch trotz der Rückkehr aus der Wildnis in die exklusiven Gefilde Hollywoods, bleibt Mickeys Verhalten recht primitiv. Das Ganze erinnert ein wenig an Szenen des Filmes Greystoke – Die Legende von Tarzan, Herr der Affen, in denen Christopher Lambert zurück nach England gebracht wird – „Er ist ganz gewiss einnehmend, aber könnte er die Suppe bitte mit einem Löffel zu sich nehmen?“

Im Fall Rourke äußern sich solch atavistische Impulse in Form rücksichtsloser und unüberlegter Textnachrichten, von denen eine nun auf undurchsichtigen Wegen an die Öffentlichkeit gelangt ist. In dieser SMS geht es um keinen geringeren als den Schauspieler Sean Penn, ebenfalls heißer Anwärter auf das begehrte Goldmännchen. Penn verkörpert Harvey Milk, den ersten US-Politiker, der offen zu seiner Homosexualität stand, in der Filmbiographie Milk, Untertitel: Verwehrt mir nicht mein Pseudo-Homosexuellen-Recht auf die Auszeichnung für den besten Hauptdarsteller, wie ihr es schon mit Heath Ledger gemacht habt. Was den Anspruch des Hauptdarstellers auf die Auszeichnung betrifft, hat Rourke, der durchgesickerten SMS zufolge, anscheinend allerdings Bedenken.

„Also, Sean ist ein Freund von mir“, liest man und wittert sogleich den Einwand, der unmittelbar folgt: „Ich habe ihm seine Darstellung aber kein Stück abgekauft. Finde, er legt eine durchschnittliche schauspielerische Leistung hin und ist außerdem einer der homophobsten Leute, die ich kenn’.“

"Sean Penn ist homophob"

Unmöglich, das kann nicht stimmen! Oder etwa doch? Immerhin hegt Sean tiefe Bewunderung für einen gewissen, zutiefst homophoben Revolutionär, namentlich Raul Castro, den Bruder Fidels, mit dem er eine Reihe bilateraler Gespräche geführt hat. (Wie kann im Übrigen ein Revolutionär mit auch nur einem Funken Selbstachtung homophob sein? Dadurch sieht er doch wie ein kleiner bourgeoiser Teilzeit-Revolutionär aus.)

Aber nein, trotzdem – die implizierte Unterstellung Sean habe die Harvey Milk-Rolle mit „Bester Hauptdarsteller“-Verdacht aus irgendeinem anderen Beweggrund als brennendem Mitgefühl angenommen, ist völlig absurd!

Doch nun ist es nicht zu ändern: Mickeys Gedanken schwirren da draußen herum und ein Hollywood-Anwalt hat bereits gewarnt: „Mickey sollte sich darüber bewusst sein, dass sich ihm gerade die einmalige Gelegenheit zu einem Neuanfang bietet. Er macht sich keine Freunde damit, wenn er auf Penn herumhackt. So geht man nicht in der Oscarjury auf Stimmfang.“

Daher wirft sich jetzt auch Mickeys Agentin mit Eifer ins Gefecht: „Es gibt keine Oskar-Fehde zwischen Rourke und Penn", beharrt sie. "Die beiden kennen sich seit langem und sind seither Freunde. Mickey war bei der Premiere von Milk in New York um Sean zu unterstützen und hat höchsten Respekt vor ihm.“

Leider wollte sie den Text der Nachricht nicht als gefälscht bezeichnen und sagte nur, Mickey habe "keinerlei Kenntnis von dem Text.“ Hm. Mickey hat auch keinerlei Kenntnis davon, dass er 2001 in dem Kakerlaken-Horrorfilm namens Crawlers die Hauptrollegespielt hat. Wir aber wissen, dass es sehr wohl so war.



Der Film "Milk" mit Sean Penn startet am 19.02.2009 in den deutschen Kinos. The Wrestler mit Mickey Rourke ist ab dem 26.02.2009 zu sehen.


Übersetzung: Zilla Hofman

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09:00 09.01.2009
Geschrieben von

Marina Hyde | The Guardian

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The Guardian

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