Mit kaltem Colt

Dylan in China Mal ehrlich: Bei uns galt Bob Dylan längst als exzentrischer Rentner, der sein Pulver verschossen hat. Das Erschreckende ist Chinas Angst vor "Blowin in the Wind"

Am 12. Mai 1963, weniger als zwei Wochen vor seinem 22. Geburtstag, verweigerte ein damals noch wenig bekannter Singer-Songwriter namens Bob Dylan der wichtigsten Unterhaltungssendung der Vereinigten Staaten von Amerika – der Ed Sullivan Show – seine Dienste. Die Macher der Sendung und ihre Produzenten hatten von ihm verlangt, ein anderes Stück zu spielen, als er geplant hatte.

"Talkin’ John Birch Society Blues" ist eine Satire auf das Linken-Bashing und die Kommunistenhatz der Zeit und Lieder, die mit Sex, Politik oder Drogen zu tun hatten, waren bei Sullivan nicht gern gehört. Da sich die Fernsehleute nicht regten, sagte der junge Dylan ihnen: „Nein, das ist das Stück, das ich spielen möchte. Wenn ich es nicht spielen kann, dann will ich lieber überhaupt nicht in der Sendung auftreten.“ Niemand sollte ihn zensieren.

Fast ein halbes Jahrhundert später, fand der mittlerweile fast 70-jährige Dylan sich in einem ähnlichen Dilemma wieder. Seine Tour durch Fernost hatte ihn am vergangenen Mittwoch nach jahrelangen Verhandlungen schließlich nach China bzw. Peking geführt. Er musste aber seine Set-List dem chinesischen Kulturministerium vorlegen, das zwei seiner bekanntesten Lieder für inakzeptabel erklärte. Des Weiteren geriet Dylan in die Kritik, weil er sich nicht gegen die Inhaftierung des berühmten chinesischen Künstlers Ai Weiwei aussprach. „Damals hätte Dylan erwartet, dass jemand für ihn das Wort ergreift, wenn es ihm so ergangen wäre wie Weiwei“, sagte ein Sprecher von Human Rights Watch. „Was hat er schließlich zu verlieren?“

Die Hymne der Bürgerrechtsbewegung

Es waren nicht einfach zwei x-beliebige Lieder, gegen die Peking ein Veto einlegte: "Blowin in the Wind" war die Hymne der Bürgerrechtsbewegung mit der Dylan sich einen Namen machte, nachdem es auf seinem zweiten Album The Freewheelin’ Bob Dylan 1962 zum ersten Mal veröffentlicht worden war. Und "Desolation Row" war das ellenlange poetische Meisterstück, das den Höhepunkt der drei Jahre später erschienenen Platte Highway 61 Revisited ausmachte.

Anders als einige Stücke mit wesentlich expliziteren Texten aus Dylans relativ kurzer, aber katastrophal einflussreicher „Protestsong“-Phase – ein Begriff, den er immer gehasst hat – wie "The Times Are A-Changin’", "Master of War", "With God on Our Side", sind beide Lieder eher indirekt und voller Anspielungen, in Metaphern und Allegorien gehalten und weisen keine thematischen Besonderheiten auf.

Aber Metaphern, symbolhafte Ausdrucksweise und Allegorien sind in der Kultur, die Konfuzius, Lao-Tse und das Buch der Wandlungen hervorgebracht hat, wesentlich stärker verankert als in der unsrigen, so dass die chinesischen Behörden genau verstanden, welche Subtexte diese Lieder mittransportierten, obwohl sie bereits vor mehreren Jahrzehnten als Kritik einer völlig anderen Gesellschaft geschrieben wurden. Ihnen war klar, dass sie diese Lieder nicht in Peking hören wollten und sie sagten dies. Dylan spielte sie nicht. Die Zeiten ändern sich also wirklich, auch wenn die Lieder die gleichen geblieben sind.

Inkriminierte Zeilen

Hieraus ergeben sich zwei Fragen, deren Antwort der Wind kennen mag oder auch nicht. Hat den 69-jährigen Dylan der Mumm verlassen, den er als junger Mann noch hatte? Und warum hat man im China des 21. Jahrhunderts Angst vor den gleichen Liedern wie das Amerika der Sechziger?

Dazu sei zunächst noch folgendes angemerkt: Dylan war nicht das einzige Opfer, weder in den Sechzigern noch heute. 1967 gerieten sowohl die Rolling Stones als auch die Doors mit Ed Sullivan wegen "Let's Spend the Night Together" und "Light My Fire" in Konflikt. Jeder reagierte auf seine Art und Weise: Mick Jagger änderte die Zeile in „Let's spend some time together“ ab und verzog dabei übermäßig das Gesicht, um seine Abscheu und sein mangelndes Einverständnis zum Ausdruck zu bringen. Jim Morrison hingegen sang die inkriminierte Zeile „girl, we couldn't get much higher“ bei der nicht zensierbaren Live-Übertragung schlichtweg doch und bezahlte dafür den Preis, dass die noch ausstehenden sechs Konzerte abgesagt wurden.

In jüngerer Zeit fielen zwei der drei Lieder, die die Stones 2006 in der Halbzeitpause des amerikanischen SuperBowl spielten, der Zensur zum Opfer: Bei den Zeilen „You make a dead man come" (aus "Start Me Up") und „Once upon a time I was your little rooster, am I just one of your cocks?“ (aus "Rough Justice") wurde Mick Jagger einfach das Mikro abgedreht.

Unterm sternengesprenkelten Banner

Im selben Jahr traten auch die Stones zum ersten Mal in China auf: Auch hier wurde gegen "Rough Justice" ein Veto eingelegt, ebenso wie gegen "Let's Spend the Night Together", "Brown Sugar", "Honky Tonk Women" and "Beast of Burden". Aber mag Jagger auch als Bad Boy unter den Rock-Veteranen gelten, so ist er doch auch als Geschäftsmann und Künstler ein alter Hase, der sich auf seinen Vorteil versteht. Und schließlich muss es für diese schon lange angepassten Rebellen im fortgeschrittenen Alter auch ein wenig schmeichelhaft sein, zu wissen, dass es irgendwo jemanden gibt, der immer noch Angst vor ihnen hat und dass ihr subversives Potenzial noch nicht vollständig absorbiert wurde.

Womit wir wieder bei Dylan wären. Die Wahrnehmung, dieser sei ein politischer Hardcore-Aktivist, Polemiker und eingefleischter Linker ist nicht nur überholt, sondern war schon in den frühen Sechzigern grundfalsch. Seine „Protestphase“ dauerte keine zwei Jahre und selbst da blieb er Linken gegenüber äußerst skeptisch, die von ihm für jedes ihrer Anliegen den passenden Song haben wollten. Mit "My Back Pages" (auf Another Side Of Bob Dylan von 1964) verabschiedete er sich von der Bewegung und irritierte bereits 1966 seine vermeintlichen Gesinnungsgenossen, als er auf seiner berüchtigten „elektrischen“ Europatour eine riesige Stars-and-Stripes-Fahne auf der Bühne aufhängte. In den späten Siebzigern erzürnte er seine Anhänger schließlich damit, dass er mit Slow Train Coming ein ganzes Album seiner Konversion zum evangelikalen Christentum widmete. Man darf auch nicht vergessen, dass Dylan am 24. Mai 70 wird. Ein 22-Jähriger, der nichts zu verlieren hat, wird sich so ziemlich mit jedem anlegen. Ein 70-Jähriger hingegen überlegt sich dies sehr genau.

Misstrauen gegen die äußere Welt

Unsere zweite Frage war die nach China, seinem Platz in der Welt und zu welcher Art von Gesellschaft es sich entwickelt. Die historischen Umstände brachten es mit sich, dass China, wie Russland direkt und übergangslos vom Feudalismus in den Staatssozialismus überwechselte und beide sich nun zurück auf dem Weg in den Kapitalismus befinden. Im Falle Chinas bedeutet dies die einmalige Form eines Staatskapitalismus, der immer noch viele der autoritären Praktiken aufweist, die Feudalismus und Staatssozialismus eigen waren.

Altmodische totalitäre Gesellschaften kontrollieren vermeintlich unangenehme Informationen durch Zensur, während in den fortgeschritteneren westlichen Demokratien die Wahrheit einfach in einer Flut von Fehlinformationen ertränkt wird, die man gar nicht alle überprüfen kann.

Chinas nationalem Narrativ ist ein tiefes Misstrauen gegen die äußere Welt eingeschrieben: Auf eine längere Phase völliger Isolation folgten die Opiumkriege gegen Großbritannien und einige unschöne Auseinandersetzungen mit Japan – beide Konflikte hallen immer noch nach.

Daher der Kampf gegen Google und die großen Firewalls, die das Land um das Internet errichtet, daher die Angst vor Instabilität, egal ob von außen oder von innen erzeugt, daher die Repression gegen Ai Weiwei, Liu Xiaobo und andere weniger bekannte.

So verhält sich keine selbstbewusste Gesellschaft, insbesondere keine, die im Westen als kommende Weltmacht des Jahrtausends gehandelt wird – ein Phänomen, fast so furchterregend wie der Islamismus al Qaidas. Letztendlich läuft alles auf Angst und Paranoia hinaus. Wir im Westen haben Angst vor dem Islam und vor China, in China hat man immer noch Angst vor Bob Dylan und den Rolling Stones, die man hierzulande für einen Haufen exzentrischer Rentner hält, die ihr Pulver schon lange verschossen haben. Alle Beteiligten sollten verdammt nochmal endlich erwachsen werden und sich locker machen! Die Zeiten verändern sich andauernd, aber sie tun das nie so, wie wir uns das erhoffen oder wie einige von uns befürchten.

p { margin-bottom: 0.21cm; }

Charles Shaar Murray ist ein preisgekrönter britischer Musikjournalist, der seine Karriere 1970 beim Oz Magazine begann. Unter vielen anderen verfasste er das Buch Crosstown Traffic: Jimi Hendrix And Post-War Pop


Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:20 12.04.2011
Geschrieben von

Charles Shaar Murray | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 13528
The Guardian

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community