Mit Kultur gegen Krieg

San Salvador Mörderische Gangs regierten die Stadt – bis ein neuer Bürgermeister alles änderte. Seine Waffen: Instagram und Youtube
Lauren Markham | Ausgabe 04/2017 1
Mit Kultur gegen Krieg
Ein Mitglied der Gang Barrio 18 im Fokus der Polizei
Foto: Fred Ramos/Washington Post/Getty Images

Als Außenstehender auf den ersten Blick sieht man es ihm überhaupt nicht an: San Salvadors Mercado Central ist statistisch gesehen einer der gefährlichsten Orte in einer der gefährlichsten Städte der Welt. Auf mehreren Dutzend Straßen bieten Zehntausende von Verkäufern an provisorischen Ständen und Tischen ihre Waren feil. Hier pulsieren das Leben und der Handel. Die Gewalt ist weitgehend unsichtbar.

San Salvador ist sowohl die politische Hauptstadt als auch die Stadt mit der höchsten Mordrate El Salvadors. Seitdem 2014 eine zweijährige Waffenruhe zwischen den Banden geplatzt ist, hat die Zahl der Gewaltverbrechen wieder sprunghaft zugenommen. Die Gangs kontrollieren den Mercado Central schon seit Jahren. Sie kommen auf den Markt, um Kinder zu rekrutieren oder von Einzelhändlern und Geschäften renta (ein Euphemismus für Schutzgeld) einzukassieren. Wer nicht zahlt, wird bedroht oder getötet.

San Salvadors junger, 2015 gewählter Bürgermeister, Nayib Bukele, versucht das Problem mit einer Verkleinerung und Neuordnung des Marktes in den Griff zu bekommen – ein ambitioniertes Projekt für einen 33-jährigen Politikneuling.

Mehrere seiner Vorgänger haben versucht, nicht registrierte Verkäufer vom Markt entfernen zu lassen, was aber immer zu Ausschreitungen führte. Bukeles Strategie besteht darin, die Händler durch die Errichtung neuer Märkte außerhalb des Stadtzentrums zum Verlassen des Mercado Central zu bewegen. Sie sollen dort unter sicheren und sauberen Bedingungen arbeiten können.

Die Neuordnung (reordenamiento) soll auch zur Wiederbelebung des historischen Stadtzentrums beitragen. Mit dieser offensiven Gentrifizierung will Bukele die Trennung zwischen Reichen und Armen angehen, in der er eine der Ursachen für die Gewalt sieht. Wenn man seine Nachbarn kennt, so die Überzeugung des jungen OBs, bringt man sich nicht gegenseitig um. Dass jemand mit seiner begrenzten politischen Erfahrung Bürgermeister werden kann, zeigt, wie unzufrieden die Salvadorianer mit dem Status quo sind. Die Enttäuschung über die zwei führenden Parteien des Landes ist groß. Bukeles linke Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) begann während des Bürgerkrieges von 1980 bis 1992 als Guerillagruppe; heute werfen viele der Partei vor, ihre Ideale verraten zu haben. Die konservative Alianza Republicana Nationalista (Arena), die während des Bürgerkrieges die Regierung stellte, gilt ebenso vielen als korrupte Interessenvertretung der Eliten.

Menschen mobilisieren

Bukele hingegen bewundern die Menschen wie einen Popstar. Sein Name ist auf Schulhöfen im kalifornischen Oakland ebenso zu hören wie auf den Getreidefeldern im sonnigen Osten El Salvadors. Selbst diejenigen, die seine Politik ablehnen, gestehen ihm zu, dass er wirklich etwas bewegt, und sprechen mit Respekt über ihn.

Mit Popularität allein kann man zwar keine soziale Krise bekämpfen, sie hilft aber, die Menschen zu mobilisieren. Fast 25 Jahre nach dem Ende des katastrophalen Bürgerkrieges, der mehr als 75.000 Menschen das Leben kostete, befindet sich das Land heute de facto wieder im Krieg. Die drei größten Gangs des Landes – MS-13, Barrio 18 und die Revolucionarios – kontrollieren die meisten Städte, bekämpfen sich gegenseitig im Streit um Einflusszonen und verdienen Geld mit Drogengeschäften und Schutzgelderpressung. Wer ein Gang-Mitglied beleidigt, zu zahlen vergisst oder das Gebiet einer rivalisierenden Gang betritt, riskiert sein Leben. 2015 wurden insgesamt 6.640 Salvadorianer ermordet – das ergibt einen Durchschnitt von 104,2 Morden pro 100.000 Einwohner. (Zum Vergleich: In den USA lag der Durchschnitt 2014 bei fünf Morden pro 100.000.)

Doch Bukele redet lieber über die Projekte, die er angestoßen hat, als über die Gewalt. Sie sei nur Symptom einer beunruhigenderen Krankheit, die in der schon seit langem bestehenden Armut und strukturellen Ungerechtigkeit verwurzelt sei. „Hier ist die Polizei das Mittel gegen Kopfschmerzen. Die Leute wollen mehr Polizei und ich verstehe das auch. Das Leben hier ist gefährlich – sie haben Kopfschmerzen und wollen eine Tablette. Aber das wird das Problem nicht lösen.“ Auf den ersten Blick erscheinen Bukeles Bemühungen wie die naiven Ideen eines Sohnes reicher Eltern: ein Pop-up-Museum im Stadtzentrum, die Neuordnung des Mercado Central, Werbung fürs Skaten, um die Jugendlichen zu stärken. Bukele ist überzeugt, dass die Stadt zur Ruhe kommen und wirtschaftlich aufblühen wird, wenn man die strukturelle Ungleichheit beseitigt. Dafür brauche es mehr als Geld. Wichtiger sei das „heimliche Projekt der Inspiration“, mit der man die Menschen überzeugen könne, dass ihr Land das Potenzial zu Großem besitze. Er schätzt, dass Projekte wie die Wiederbelebung des Stadtzentrums auch das Verhältnis zwischen den Bürgern und dem Ort verändern, den sie ihr Zuhause nennen – und auch ihr Verhältnis untereinander.

Bukeles Einstieg in die Politik kam überraschend. Nach der Schule arbeitete er im PR-Unternehmen seiner Familie. Die Agentur hatte kurz zuvor einen prominenten Kunden gewonnen: die FMLN, die gerade dabei war, sich von einer Guerillabewegung in eine Partei umzuwandeln. Sie brauchte ein neues Image. Für Bukele war der Job für die FMLN ein politisches Erweckungserlebnis. „Dadurch habe ich die Realität meines Landes kennengelernt“, sagt er. „Die Partei stand für den Kampf der Menschen für Gerechtigkeit.“ Es dauerte noch ein paar Jahre, bis er sich 2011 im Alter von 29 Jahren entschloss, für seinen früheren Klienten als Bürgermeisterkandidat anzutreten.

Wähler beschimpfen

Bukele kandidierte in Nuevo Cuscatlán, einer Kleinstadt am Rande von San Salvador. Er wurde immer beliebter, konnte seine steigende Popularität aber nicht in Stimmenzuwächse umwandeln und begann deshalb irgendwann, die Leute auf seinen Wahlkampfveranstaltungen regelrecht zu beschimpfen: Wenn ihr weiter eine Partei wählt, die nicht eure Interessen vertritt, könnt ihr euch nachher auch nicht beschweren, wenn sich nichts ändert! Was zunächst wie politischer Selbstmord aussah, zeigte Wirkung, und Bukele kam 2012 bis auf zwei Prozent an den Amtsinhaber Álvaro Rodríguez von der Arena heran.

Die Anziehungskraft des Quereinsteigers hat etwas mit der Art zu tun, wie er sich vermarktet. Heute schmücken seine himmelblauen Schilder mit Slogans wie „Neue Ideen sind unbesiegbar“ oder „Deine Stadt arbeitet für dich“ wie Graffiti die ganze Stadt. Daran scheinen sich aber nur wenige zu stören. Er wird von Reichen und Armen, Landbevölkerung und Stadtbewohnern, Alten und Jungen gleichermaßen geliebt.

Bukele behauptet, dass seine Projekte im Kern darauf abzielen, das Leben derer zu verbessern, die am meisten der Hilfe bedürfen. Im Januar 2016 startete er die Initiative San Salvador 100 % „illuminado“. „Jede Ecke von San Salvador wird beleuchtet sein“, versprach er, als er das Projekt ankündigte. Die Idee war, die Sicherheit in den schlimmsten Gegenden zu erhöhen; er wollte aber auch, dass die Salvadorianer wie die New Yorker oder Pariser von sich behaupten können, in einer Stadt des Lichts zu leben.

Während Bukele weiter an seinem Inspirationsprojekt arbeitete, verstärkte die Bundesregierung allerdings ihr Vorgehen gegen El Salvadors Gangs. Die Maßnahmen zeigten Wirkung. Im März 2016 kündigten die drei großen Gangs im Internet an, sich fortan zurückhalten zu wollen. Innerhalb von vier Wochen fiel die Mordrate von 611 auf 353 pro Monat und hielt sich bei 350. Der Waffenstillstand schien eine Einladung an die Regierung, zu verhandeln. Doch Präsident Cerén tat es nicht.

Bis Juni hatten Regierungstruppen 346 Gang-Mitglieder getötet. Es handelt sich bereits um den dritten Versuch seit dem Jahr 2003, mit einer Politik der harten Hand gegen die Gewalt der Banden vorzugehen. Für Bukele bedeutet die Wiederaufnahme dieser Politik einen Krieg gegen die Jugendlichen, insbesondere gegen die armen, die oft wegen agrupación ilícita (illegaler Versammlung) verhaftet werden. Das Gesetz erlaubt den Behörden, Gruppen von drei oder mehreren Personen allein aufgrund des Verdachts zu verhaften, irgendwie organisiert zu sein oder zu beabsichtigen, eine Straftat zu begehen. Sie können also jede beliebige Gruppe von Kids auf den bloßen Verdacht hin verhaften, dass sie nichts Gutes im Schilde führen. Auf dieses „Verbrechen“ steht dann eine Strafe von bis zu fünf Jahren Haft. In dieser Situation verlassen die Jungen in Scharen das Land. Alleine zwischen Oktober 2015 und September 2016 nahmen die US-Einwanderungsbehörden 39.884 Kinder und Familien aus El Salvador fest, die versuchten, einzureisen. El Salvador hat eine Bevölkerung von 6,34 Millionen Menschen, aber laut einer Studie des Pew Research Center lebten 2013 fast zwei Millionen salvadorianische Einwanderer und deren Kinder in den USA.

Bukele hält trotzdem weiterhin alles für möglich und glaubt, das wahre Problem der Stadt liege in deren tief verwurzeltem Zynismus begründet. Angesichts seiner Beliebtheit und seiner Ambitionen scheint fast schon sicher, dass er 2019 für das Amt des Präsidenten kandidiert.

Lauren Markham lebt in Kalifornien und schreibt derzeit ein Buch über San Salvador

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 08.02.2017
Geschrieben von

Lauren Markham | The Guardian

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