Mit Tunnelblick online

Gehirnwäsche Anders Breivik hat sich – wie viele Anti-Islamisten – eine Parallelrealität im Netz geschaffen. Das zeigt: Die selektive Nutzung des Internet kann Gesellschaften spalten

Es gibt einen einfachen Grund, warum die norwegische Polizei sich um den Rechtsextremismus in den vergangenen Jahren keine allzu großen Sorgen gemacht hat: Er ist schlicht und ergreifend nicht sichtbar. Zurzeit gehören Schätzungen zufolge gerade einmal 40 Norweger rechtsextremen Gruppen an, die sich selbst so nennen. Doch wer sich in den trüberen Gewässern der Blogosphäre auskennt, der kennt die seit Jahren aktive Szene: Sie zeichnet sich durch unverhohlenen Hass auf das moderne Europa aus, durch aggressive Schmähungen der „korrupten, multikulturellen Machteliten“ und durch verallgemeinernde Beleidigungen von Migranten und Muslimen.

Es wäre zu einfach, die Leute, die sich an diesen Chats und Blogs beteiligen, unter dem Stichwort „rechtsradikal“ zusammenzufassen – selbst ein Mitglied der Sozialistischen Linkspartei war im „Forum gegen Islamisierung“ aktiv. Viele sehen sich als die wahren Verfechter sozialdemokratischer Werte oder als Fackelträger der Aufklärung. Einige beschäftigen sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter oder mit sozialen Ungleichheiten. Andere vertreten konventionelle rechte Ansichten, die von unverblümtem Rassismus bis hin zu paranoiden Verschwörungstheorien reichen, etwa der Idee von einer Übernahme Westeuropas durch „die Muslime“. Manche sind täglich online, andere schauen nur einmal im Monat vorbei. Die Onliner bilden lose Netzwerke, deshalb ist ihre Anzahl schwer abschätzbar.


Was die meisten von ihnen verbindet, sind Ressentiments gegenüber den Verteidigern des Pluralismus – diese werden häufig als „Verräter“ oder „naive Multikulturalisten“ bezeichnet. Sie sind sich einig darin, dass der Islam mit den demokratischen Werten des Westens unvereinbar sei – und das in einem Land, in dem 150.000 Muslime leben, und deren Zahl weiter steigt. Niemand weiß genau, wie weit verbreitet solche Haltungen sind. Aber sie können nun nicht mehr länger als harmlos abgetan werden.

Breivik ist Made in Norway. Er ist kein bärtiger Import aus dem Ausland, sondern ein homegrown terrorist, den man seiner Frisur und seiner Erscheinung nach im Osloer Westend verorten würde. Das sollte nicht nur dazu veranlassen, die Online-Netzwerke genauer unter die Lupe zu nehmen, sondern auch das Selbstbild der Norweger zu überprüfen – ruhig, aber kritisch. Es wäre für viele eine Erleichterung, wenn die Führung des Landes unmissverständlich erklären würde, dass Religionszugehörigkeit und Hautfarbe keine Bedeutung für die Frage haben, ob jemand zur Nation gehört oder nicht.

König Haakon VII., der das Land von 1905 bis 1957 regierte, hat einmal den berühmten Satz gesagt, er sei „auch der König der Kommunisten“. Der amtierende König Harald V. könnte es in der gegenwärtigen Situation wohl nicht besseres sagen, als dass er „der König aller norwegischen Muslime, Sikhs, Juden und Hindus“ sei. Vielleicht versteht sich das von selbst, aber eine Erklärung wie diese würde in der jetzigen Situation, in der extreme Fremdenfeindlichkeit und religiöse Vorurteile zur Inspirationsquelle für Gräueltaten geworden sind, für Klarheit sorgen.

Digitale Gehirnwäsche

Jedes Land braucht ein bestimmtes Maß an Zusammenhalt. Es ist legitim, darüber zu diskutieren, wie hoch dieses Maß sein sollte. Einige glauben, kultureller Pluralismus führe zum Auseinanderbrechen der Gesellschaft und zu gegenseitigem Vertrauensverlust. Das kann passieren, muss aber nicht. Solange die gemeinsamen Institutionen – Bildung, Wohnung, Arbeit – für alle in gleicher Weise funktionieren und keinen benachteiligen, kann in einer Gesellschaft durchaus ein beträchtlichen Maß an Vielfalt existieren.

Wenn wir aber aufhören, miteinander zu reden, wird die Sache ernst. Das ist genau das, was mit Breivik und vielen ähnlich Gesinnten passiert ist: Sie haben sich im Internet eine Parallelgesellschaft geschaffen.

Die Rolle, die das Internet beim Zersplittern der Gesellschaft spielt, wurde in jüngster Zeit oft diskutiert und untersucht: sowohl von Wissenschaftlern, als auch von Journalisten. Zuletzt hat Eli Pariser in ihrem Buch gezeigt, wie etwa Google und Facebook unsere Suchabfragen und Pinnwand-Einträge mit unseren Userprofilen und Surf-Verläufen verknüpfen.

Wenn ein Umweltschützer „Klimawandel“ bei Google eingibt, erhält er ein anderes Ergebnis als der Manager einer Ölfirma. Bei Amazon filtern die so genannten "Persönlichen Empfehlungen" heraus, was uns gezeigt wird. In ihren heimtückischeren Spielarten schneidern diese Filter die Ergebnisse unserer Suchabfragen im Netz so zurecht, dass wir in unserer Weltsicht bestätigt werden – ohne dass wir davon überhaupt etwas merken. Ab einem gewissen Punkt trennen sich dann die Wege und wir bewohnen nicht mehr dieselbe Welt.

Breivik muss sich bewusst der Gehirnwäsche islamophober und und rechtsextremer Internetseiten ausgesetzt haben. Es ist gut möglich, dass seine Weltanschauung etwas anders ausgehen hätte, hätte er seine Informationen stattdessen aus einer Zeitung beziehen müssen, in der nicht alle Geschichten vom Niedergang des europäischen Selbstbewusstseins oder dem Aufstieg des militanten Islams handeln. Vielleicht ist das eine Lehre, die man aus diesem schockierenden Wochenende ziehen kann: Kultureller Pluralismus bedroht nicht notwendigerweise den nationalen Zusammenhalt – der Tunnelblick, der aus einer selektiven Nutzung des Internets resultiert, aber durchaus.

Thomas Hylland Eriksen ist Anthropologe am Institut für soziale Anthropologie der Universität Oslo.

Übersetzung: Holger Hutt

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07:00 28.07.2011
Geschrieben von

Thomas Hylland Eriksen | The Guardian

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The Guardian

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