Moderner Menschenhandel

Buch Das Leid der Frauen in den Entwicklungsländern ist die größte moralische Herausforderung unseres Jahrhunderts – sagen die Autoren des Buchs "Die Hälfte des Himmels"

Im Jahr 2004 kaufte der New-York-Times-Journalist und zweifache pulitzer-PReisträger Nicholas Kristof einem kambodschanischen Bordellbesitzer zwei Mädchen ab und erhielt dafür eine Quittung und absolute Verfügungsgewalt, mit den beiden Mädchen zu tun oder zu lassen, was er wollte. Als er die Mädchen kaufte, befand Kristof sich auf einer abenteurlichen Reise durch den Nordwesten Kambodschas und hatte gerade in der Stadt Poipet in einen Hotel mit angeschlossenem Bordell eingecheckt, in dem die Nacht acht Dollar kostete. Er ließ neth zu sich auf's Zimmer kommen. Sie war seit einem Monat in dem Bordell, ihr eigener Cousin hatte sie dem Besitzer verkauft. Dünn und zerbrechlich, hatte sie keine Ahnung, wie alt sie war, Kristof schätzte sie jedenfalls auf 14. Ihre Jungfräulichkeit war an einen thailändischen Casino-Besitzer verhökert worden, der später an AIDS starb. Jetzt wurde sie vermöge ihrer Jugend und hellen Haut zu einem Premium-Preis an Einheimische verkauft.

Kristof kaufte sie und in einem anderen Bordell schließlich auch Momm. Momm war gebrechlicher und schon deutlicher von dem gezeichnet, was man ihr angetan hatte: Fünf Jahre Prostitution lagen hinter ihr. Unter Tränen flehte sie Kristof an, sie zu kaufen, zu befreien und zurück in ihr Dorf am anderen Ende Kambodschas zu bringen. Er brachte beide Mädchen zurück in ihre Dörfer und versuchte, sie mithilfe einer amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Die Geschichte von Neth und Momm ist nur ein kleiner Indikator dafür, wie weit Kristof und WuDunn zu gehen bereit sind, um die ihnen begegnenden Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Billige Prostituierte aufzukaufen ist ein recht radikaler Schritt, der der Radikalität der Botschaft ihres Buches aber in keiner Weise nachsteht, das in Deutschland seit heute im Buchhandel erhältlich ist.

In Die Hälfte des Himmels sprechen sie von einem moralischen Skandal, der in Bezug auf Ausmaß und Intensität so ungeheuerlich sei wie der Sklavenhandel des 18. und 19. Jahrhunderts oder die Völkermorde des vergangenen 20. Sie sind der Ansicht, dieser Skandal sei ein Schlüsselfaktor hinter vielen der drängendsten wirtschaftlichen und politischen Probleme von heute, vom Hunger in Afrika bis hin zu islamistischem Terrorismus und Klimawandel. Dennoch sei das Phänomen für die meisten von „uns“ unsichtbar und es werde kaum darüber berichtet.

Gegenstand dieses modernen Menschenhandels sind nicht Afrikaner, sondern Frauen. Wenn die Sklaverei die größte moralische Herausforderung des 19. Jahrhunderts und der Kampf gegen den Totalitarismus die des 20. war, so bestehe, so schreiben sie „die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts, den Kampf für die Gleichheit der Geschlechter in den Entwicklungsländern aufzunehmen“.

Ich sage ihnen, dass manche ihre Behauptung für übertrieben und unangemessen halten werden, schließlich vergleicht man das heutige Leid von Frauen in Entwicklungsländern nicht leitfertig mit der Sklaverei oder dem Holocaust.

„Wir denken schon ein paar Jahrzehnte darüber nach“, sagt Kristof. „So sind wir schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass dies wirklich die größte moralische Herausforderung dieses Jahrhunderts darstellt.“ WuDunn ergänzt: „ Wenn man erfährt, dass gegenwärtig 60 bis 100 Millionen Frauen vermisst werden, dann scheint uns dies in Bezug auf den Umfang und die Zahl vergleichbar. Wenn man den Sklavenhandel auf seinem Höhepunkt in 1780er Jahre zum Vergleich heranzieht, als 80.00 Sklaven aus Afrika in die Neue Welt verschleppt wurden, und man sieht, dass heute zehnmal so viele Frauen über internationale Grenzen verschleppt werden, ist der Gedanke nicht mehr so abwegig.“

Angefangen hat dieser Denkprozess bei Kristof und WuDunn mit dem Massaker auf dem Tianamen-Platz, über das die beiden damals berichtet hatten. Sie waren als jungverheirates Paar von der NYT 1989 nach China geschickt worden, kurz bevor die Proteste begannen. „Das was auf dem Platz geschah, war furchtbar. Dann aber reisten wir ein, zwei Jahre durch das Land und hörten Unglaubliches: Dass in China 30 Millionen weibliche Babys verschwunden sind.“

Das chinesische Sprichwort – und die Realität

Ihnen wurde bewusst, dass in China jede Woche fast 800 weibliche Babys durch mangelnde Gesundheitsversorgung sterben – so viele Demonstranten waren auf dem dem Tianamen-Platz ums Leben gekommen: fast 800. 1996 erhielt Kristof einen weiteren Schock, als er zum ersten Mal mit Mädchen in Berührung kam, die als Sexarbeiterinnen nach Kambodscha verschleppt werden. Die Entdeckung derart abscheulichen Missbrauchs gab ihnen in Bezug auf ihre Arbeit zu denken: Sie und andere „seriöse“ Journalisten diskutierten jeden Tag über geopolitische Themen, während gleichzeitig dieses unglaubliche Unrecht vonstatten ging, ohne dass in den Mainstream-Medien jemand darüber berichtete. „Dies Versagen ist wohl zum Teil darauf zurückzuführen, dass unser Nachrichtenwesen so stark darauf ausgerichtet ist, was an einem konkreten Tag geschieht, während viele der wichtigsten Dinge eben nicht an einem einzelnen Tag passieren …“ „Zum anderen liegt es aber auch daran,was Männer in den mittleren Jahren als Nachrichten definieren“, fügt Kristof hinzu.

Nach und nach begannen sie die weltweite Katastrophe deutlicher in den Blick zu bekommen, dass in jedem Jahr über zwei Millionen Mädchen aufgrund von Diskriminierung verschwinden. Sie begannen zu recherchieren und die verschiedenen Erscheinungsformen zu dokumentieren, von der Sex-Skalverei bis hin zu Ehrenmorden an Frauen, Vergewaltigung als Mittel im Krieg, Genitalverstümmelung, bis hin zu weniger akut gewaltförmigen Arten von Diskriminierung, die unter anderem darin besteht, dass Frauen der Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung verweigert wird. Sie weiteten ihre Recherechen von China auf Indien, Korea, Japan und Afrika aus.

„Im Laufe der Jahre begannen wir darüber nachzudenken, worin die Verbindung besteht“; sagt WuDunn. „Uns wurde schließlich klar, dass dies die in einer Gesellschaft herrschende Haltung ist, Frauen nicht als menschliche Wesen zu betrachten.“ Die Erkenntnis, dass es sich hierbei um nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei handelt, hatte für die beiden weitreichende Folgen. Zuallererst verlangte sie danach, die Funktion ihres Schreiben radikal zu überdenken. Wenn man davon überzeugt ist, dass man auf eine gewaltiges moralisches Verbrechen gestoßen ist, kann man es nicht damit bewenden lassen, darüber zu berichten. Man muss versuchen, etwas zu ändern.

Eben dies macht ihr Buch, das nach einem alten chinesischen Sprichwort benannt ist, wonach Frauen die Hälfte des Himmels tragen, so ungewöhnlich. Nicht nur in Bezug auf seine Rechercheergebnisse und erschütternden Inhalte, sondern auch in seinem eisernen Willen zur Veränderung. Von der ersten Seite an werben die beiden unumwunden um die Unterstützung und das Engagement des Lesers. Kein Einerseits-Andererseits, „Wir hoffen, dass wir Sie für die Bewegung gewinnen können, die zur Emanzipation der Frauen führen soll … Öffnen Sie ihr Herz und machen Sie mit.“ Am Ende führen sie ein Liste von Dingen auf, die die Leser innerhalb von zehn Minuten tun können, um etwas zu verändern.

Da sie wissen, dass Statistiken nicht dazu geeignet sind, Menschen zum Handeln zu motivieren, halten sie sich vornehmlich an die Beschreibung konkreter Schicksale und stellen auch immer wieder die positiven Beispiele heraus, bei denen es gelungen ist, schreckliches Unrecht zu überwinden. Das eindrücklichste Beispiel ist zugleich WuDunns persönlichstes: Ihrer Großmutter wurden die Beine eingebunden und gebrochen, um sie einem alten chinesischen Schönheitsideal aus der Kaiserzeit entsprechend zu formen (der sogenannte Lotusfuß). „Ich bin mir sehr bewusst darüber, was für ein Glück ich hatte, dass es in China eine Bewegung gab, die dieser Jahrhunderte alten Praxis ein Ende bereitete.“ Die Autoren erinnern uns daran, dass Genitalverstümmelungen auch in England bis Ende der 1860er Jahre praktiziert, dann aber geächtet wurden.



Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen, 2010. 359 S.: mit 43 Abbildungen. Gebunden. Von Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn. Mit einem Vorwort von Margot Käßmann. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Siber. Die Seiten 11 bis 86 wurden übersetzt von Grete Osterwald

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:35 01.09.2010
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14517
The Guardian

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2