Mücken stechen das Fell des Löwen

Piratenjagd Die somalischen Piraten zeigen, wie verwundbar die westliche Welt ist, die mit ihrem Militärapparat am Horn von Afrika in einen weiteren asymmetrischen Konflikt gerät

Für die Familie von Richard Phillips, dem Kapitän des US-Handelsschiffes Maersk Alabama, war die Befreiung aus der Hand somalischer Piraten durch eine US-Spezialeinheit sicher das größte denkbare Ostergeschenk. Für die Amerikaner war es ein berauschender Beleg ihrer Macht, für Barack Obama eine dankbare Gelegenheit, die Behauptungen der Republikaner Lügen zu strafen, er sei ein „feiger Pazifist“. Für den distanzierten Betrachter allerdings stellt das Manöver gegen Piraterie im Indischen Ozean eher eine Ausnahme dar, die eine Regel bestätigt. Und die wird am besten durch eine Schlagzeile beschrieben, die unlängst in der New York Times zu lesen war: Standoff With Pirates Shows U.S. Power Has Limits - die Macht der USA hat ihre Grenzen. Wir haben es gewissermaßen mit einer höchst bedeutenden Entdeckung unserer Zeit zu tun: der Ohnmacht der Mächtigen.

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Die Vereinigten Staaten haben Soldaten in 153 Ländern dieser Welt stationiert – angesichts der 192 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen eine äußerst beeindruckende Zahl. Die US-Militärausgaben sind größer als die entsprechenden Etats der zehn folgenden Nationen zusammengenommen. Selbst 20 Jahre nach dem Niedergang der Sowjetunion verfügen die amerikanische Luftwaffe und Marine über eine immense Anzahl scharfer Nuklearsprengköpfe, die jederzeit abgeschossen werden können. Die Frage ist nur: Auf wen?

Trotz aller Konzentration an militärischer Macht haben sich die Einsätze in West- und Mittelasien als wesentlich schwieriger herausgestellt als ursprünglich gedacht. Im Herbst wird die Invasion in Afghanistan (sie begann am 7. Oktober 2001) acht Jahre zurückliegen – der Einmarsch im Irak (im März/Anfang April 2003) ist jetzt sechs Jahre her. Selbst dieser Krieg zwischen Euphrat und Tigris dauert schon länger als die Beteiligung der Amerikaner an den beiden Weltkriegen zusammen. Auch wenn der Zugriff auf Afghanistan zunächst besser begründet war als der auf den Irak (wozu freilich nicht viel gehört), scheint es im Hindukusch sehr viel schwieriger zu sein, einen Sieg zu erringen. Und selbst im Irak könnte sich der viel gepriesene Erfolg der als Surge bezeichneten Offensive, der eine Truppenaufstockung voran ging, als trügerisch erweisen, sollte er die US-Regierung zu der Annahme verleiten, sie könnten dort einen dauerhaften militärischen Triumph verbuchen.

Das alles ist nicht so neu, wie wir vielleicht glauben mögen. Wenn wir an den Höhepunkt des Kalten Krieges zurückdenken, so hielten damals sowohl die USA als auch die Sowjetunion ein ausreichendes Arsenal an Atomwaffen bereit, um die Gegenseite völlig zu vernichten. Beide Mächte schienen mühelos jede andere Armee auf der Welt niederringen zu können, doch was geschah? Die Amerikaner wurde in Vietnam, die Sowjets in Afghanistan in asymmetrischen Kriegen von vermeintlich unterlegenen Formationen, die sich zum Großteil aus Bauern rekrutierten, gedemütigt und geschlagen. Zwei blutrünstige Löwen waren bereit und in der Lage, sich gegenseitig bis auf den Tod zu bekämpfen, kamen aber mit einem Schwarm Mücken nicht zurecht.

"Failed state" Somalia als Rückzugsraum für Piraten

Unter heutigen Bedingungen sorgen die Piraten vor Somalia dafür, dass es diese Art der Ohnmacht weiterhin gibt. Vor 100 Jahren hätte jede Kolonialmacht Somalia in wenigen Wochen mithilfe von ein paar Kanonenbooten und einiger weniger Bataillone einnehmen können. Heute ist das Land seit über zwei Jahrzehnten ein so genannter failed state und befindet sich im Zustand eines gesetzlosen Durcheinanders, das kein anderer Staat in Ordnung bringen kann oder will. Es bietet Männern Schutz, die sich in Banden zusammentun, um mit wendigen Schnellbooten 50.000 Tonnen-Tanker westlicher Reeder zu kapern. Und es gibt kaum eine wirksame Abwehr gegen derartige Überfälle, trotz der Operation Atalanta.

Seit dem „Black-Hawk-Down“-Fiasko von 1993 in Mogadischu meiden die Amerikaner Somalia wie der Teufel das Weihwasser. Der Tod der 18 eigenen Soldaten, die seinerzeit nach einer missglückten Befreiungsaktion von somalischen Freischärlern durch Mogadischu geschleift wurden, traumatisiert die Army bis heute. Dass zur gleichen Zeit 1.000 Somalis ihr Leben ließen, wird als belanglose Episode am Rande abgetan. Stattdessen beunruhigen die 4.000 im Irak gefallenen US-Soldaten wie einst die 60.000 toten Amerikaner in Vietnam. Diesen Zahlen stehen allerdings Hunderttausende in den vergangenen sechs Jahren getötete Iraker und zwei Millionen tote Vietnamesen gegenüber.

Nichts macht uns mehr Angst als ein Selbstmordattentäter. Diese Form der Kriegführung ist in der Tat abscheulich, sie belegt aber auch, dass der römische Philosoph Seneca recht hatte, als er sagte: „Der Mann, der keine Angst hat zu sterben, wird immer dein Herr sein.“ Dies trifft mehr denn je auf die wohlhabenden, genusssüchtigen westlichen Gesellschaften zu, die Opfern und Leiden rein gar nichts mehr abgewinnen können. Ist es da denn verwunderlich, dass wir mächtig und schwach zur gleichen Zeit sind?

Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Geoffrey Wheatcroft, The Guardian | The Guardian

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