Muslime sind wichtige Verbündete

Al-Qaida Das Profiling gewöhnlicher Muslime an den Flughäfen bedeutet Schikanen gegen all jene, deren Unterstützung wir brauchen, um al-Qaida in Schach zu halten

Es ist wieder einmal dasselbe Spiel. Wieder ein vereitelter terroristischer Anschlag und wieder benutzen ihn amerikanischen Ideologen, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen, als die dringend benötigte Entschuldigung um die Eröffnung „neuer Fronten“ im „Kampf gegen den Terror“ zu fordern, darunter das gezielte Profiling von Muslimen an Flughäfen. Tut mir Leid, aber diese Denke ist falsch, fehlerhaft, und sie wird alles nur noch schlimmer machen.

Der Jemen gewährt Al-Qaida nicht bereitwillig Zuflucht. Er ist das Opfer einer Ideologie, die aus dem benachbarten Saudi Arabien eingeführt wurde. Bei all unserer Bereitschaft, Schuldige zu finden und schließlich mit Bomben zu antworten sollten wir den anderen Jemen nicht vergessen, der eine der letzten Bastionen des traditionellen, gemäßigten Islam ist. Jemenitische Sufis verbreiten ihre Version des normativen Islam seit Jahrhunderten durch Handel und Reisen. Hunderte von britischen Muslimen haben in tadellosen islamischen Einrichtungen im Jemen studiert. Sie sind nach Großbritannien zurückgekehrt und leiten nun muslimische Gemeinden, deren Geist im Sinne des Sufismus von der Liebe zu allen Menschen, der Hingabe an die Andacht und dem Dienst am Islam geprägt ist.

Ist Bin Laden nicht ein Saudi?

Ich bin der Ansicht, dass es das beste Erfolgsrezept für einen möglichen Sieg ist, diesen jemenitischen Islam zu stärken und gegen die rigide wahhabitische Ideologie der saudischen Alliierten in Riadh zu verteidigen, die eine wortwörtliche Auslegung des Islam und die Überlegenheit seiner Anhänger predigen. Aber werden wir es wagen, das saudische Königshaus zu brüskieren? Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Präsident Obama senkte vor dem saudischen König letztes Jahr in London buchstäblich den Kopf.

Uns wird gesagt, Al-Qaida unterhalte auf der arabischen Halbinsel Terrorlager und diese würden „vorbeugende Militärschläge“ im Jemen rechtfertigen. Aber was wäre die arabische Halbinsel ohne die führenden saudischen Terroristen – Naser al-Wahishi and Said al-Shihri – die sich nun mit einer lautstarken Armee von 200 Mann im Jemen niedergelassen haben? Ist Osama bin Laden denn nicht ein Saudi, der in seinem eigenen Land politische Reformen anstrebte, damit scheiterte und dann seine Waffen auf die Unterstützer des saudischen Regimes aus dem Westen richtete?

Wo ein Wille, da ein Weg

Immer wieder, von den Anschlägen vom 11. September bis hin zu dem versuchten Anschlag auf das Flugzeug in Detroit, haben Saudis, sowohl ideologisch als auch praktisch gesehen, bei diesen terroristischen Anschlägen ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Dennoch stochern die westlichen Mächte im Dunkel Iraks, Afghanistans und nun vorrausichtlich des Jemens herum und bemühen dabei die wenig überzeugende Rhetorik, unsere Straßen würden dadurch sicherer werden.

Sowohl in Großbritannien als auch in Amerika werden die Forderungen nach einem gezielten Profiling von Muslimen an den Flughäfen immer lauter. Diese Denkart übersieht nicht nur, dass die meisten Muslime aus allen Teilen der Welt al-Qaida verabscheuen. Sie übersieht auch, dass die Terroristen in diesem Spiel immer einen Schritt voraus sind. Wenn muslimische Namen verdächtig sind, wie soll dann jemand entdeckt werden, der wie der berüchtigte "Schuh-Bomber" Richard Reid heißt? Wenn asiatische Männer verdächtig sind, werden dann nicht in Zukunft einfach zunehmend weiße rekrutiert?

Schließlich ist auch al-Qaidas englisches Sprachrohr Adam Gadahn ein weißer Amerikaner. Wenn wir die Männer aufhalten, dann wird es mehr weibliche Terroristinnen geben. Denken Sie nur an die alleinstehenden Frauen, die von palästinensischen Gruppen zunehmend als Selbstmordattentäterinnen benutzt werden. Unterschätzen Sie nicht die Macht der Terroristen, wenn es darum geht Piloten und anderes Flugpersonal zu rekrutieren. Wo ein Wille ist, wird immer ein Weg sein.

Muslime als Verbündete

Das Profiling gewöhnlicher Muslime eröffnet al-Qaida nicht nur andere Wege, es wird auch zu Schikanen gegen all jene führen, deren Unterstützung wir brauchen, um al-Qaida in Schach zu halten. So aber verlieren wir womöglich die Unterstützung dieser Muslime. Wenn wir sie nicht an unserer Seite haben, dann wird es nicht gelingen, al-Qaida und ihren Verbündeten den Schlag zu versetzen, den sie verdienen. Immerhin war es der muslimische Vater des verhinderten nigerianischen Selbstmordattentäters, der die amerikanische Botschaft in Lagos sechs Wochen vor dem versuchten Anschlag informierte. Muslimische Familien sind unsere wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Terror. Können wir es uns leisten, diesen unsichtbaren, nicht gewürdigten Puffer gegen die Extremisten zu verlieren?

Am Ende ist das Ganze doch ein Ideenkonflikt. Weder die Dronenangriffe in Pakistan, noch die Truppen in Afghanistan, noch die Besetzung des Irak oder Luftangriffe im Jemen werden den Terrorismus eindämmen. Gewalt sät Gewalt.

Die stärksten Waffen unseres Feindes sind die Propaganda einer religiösen Überlegenheit und andauernde Konfrontationen, die durch logistische Netzwerke gestützt werden, für die repressive politische Umstände von Vorteil sind. Solange wir im Westen ihre Vorstellungen nicht mit besseren Vorstellungen bekämpfen, werden wir nur mit den Symptomen in Form von terroristischen Anschlägen kämpfen, anstatt die zugrunde liegenden Ursachen zu heilen. Wir müssen die verführerische Idee zerstechen, dass sie als politische Opfer handeln, wir müssen ihr selbstbewusstes Märtyrertum in Frage stellen und wir müssen die Wahrnehmung ablegen, dass es um die unablässige Feindschaft gegenüber allen Muslimen geht. Wie sieht es aus, wenn wir, beinahe ein Jahrzehnt nach den Anschlägen vom 11. September, die Etats, die für diese Ziele bereitgestellt werden mit jenen des Militärs vergleichen? Schweigen ist auch eine Antwort.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 02.01.2010
Geschrieben von

Ed Husain, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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