Abbas Barzegar
18.06.2010 | 13:35 23

Mythos von der Twitter-Revolte

Iran Der Westen sollte ver­suchen, sich auf den politischen Islam einzulassen, anstatt ihn zu bekämpfen

Es ist nun schon ein Jahr her, dass ich das Privileg hatte, über die schicksalhaften Wahlen im Iran zu berichten. Noch heute frage ich mich, welche Geschichte sich länger halten wird – die des eigentlichen politischen Aufstands, der die iranische Gesellschaft entzweite, oder die von der weltweiten Medien-Ekstase, die das meiste falsch auslegte.

Nachdem sie 2009 die Linie zwischen Berichterstattung und Parteinahme für die Demonstranten aufgaben, haben die meisten „Experten“ und Journalisten inzwischen ihren Fehler bemerkt und rudern zurück. Während es verständlich sein mag, dass die Medien es nicht lassen konnten, sich in Fantasien wie der von der Twitter-Revolution und dem Zusammenbruch der Islamischen Republik zu ergehen, frage ich mich, ob das auch für die verquere Logik gilt, die derartigen Träumereien zugrunde liegt. Dies ist insofern von Bedeutung, weil eine schlechte Analyse in schlechte Strategien mündet.

Bedauerlicherweise könnte es sich bei der Grünen Bewegung, von der man erhoffte, sie werde dem Liberalismus im Iran zu einem kosmischen Triumph verhelfen, nur um das zufällige Zusammentreffen verschiedener Kräfte gehandelt haben. Wegen des systematischen Mangels an Führung und Richtung löste sich das von Präsidentenbewerber Moussawi geführte politische Biotop schnell wieder in seine sozialen Bestandteile auf und hinterließ lediglich einen harten Kern von Dissidenten, die dem Regime weiter entgegentreten. Die Massen, die im Juni 2009 die Straßen Teherans bevölkert haben, sind längst wieder auf den Basaren und in den Gotteshäusern zum alltäglichen Nihilismus zurückgekehrt, der das Leben im Iran heute bestimmt. Dennoch argumentieren Experten fortgesetzt mit der traumverlorenen Annahme, es gebe tatsächlich eine nicht näher zu definierende Demokratie-Bewegung, die eine Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert. Als die Grüne Bewegung zuletzt kontinuierlich schwächer statt stärker wurde, reagierten die Experten mit dem Versprechen, der Sieg sei auf lange Sicht nicht aufzuhalten. Es gehe „stufenweise“ vor sich. Als niemand mehr zu den Demonstrationen erschien, erzählte man uns etwas von vermehrten Internet-Aktivitäten und mitternächtlichen „Allahu-Akbar“-Rufen von den Dächern Teherans, anstatt uns über die Realität der gewaltsamen politischen Neutralisierung in Kenntnis zu setzen.

Kein Platz für liberalen Idealismus

Dieselben Analytiker nehmen die Kritik an Präsident Ahmadinedschad als Zeichen für ein gespaltenes Regime und ignorieren, dass sich eine erschöpfte klerikale Basis stabilisiert hat. Wenn sich Ex-Staatschef Rafsandschani lange nicht äußert, wird dies als kalkuliertes Taktieren eines gewieften Politikers statt als Rückzug eines alternden Mafia-Dons gedeutet. Mit einem Wort, der Aufstand im Iran war nicht annähernd das, was wir uns vorstellten.

Ein Jahr nach der Wahl ist das Land immer noch eine anti-liberale Theokratie und nicht bereit, sein Uran-Anreicherungsprogramm aufzugeben. Was angebliche Experten und Politiker, die ihnen Gehör schenken, einfach nicht akzeptieren können: Dass sich die Islamische Republik in absehbarer Zeit nicht verändern wird. Gleiches lässt sich über den politischen Islam als Ganzes sagen, auch wenn niemand bereit scheint, diese Realität anzuerkennen. Vom Boykott der demokratisch gewählten Hamas-Regierung im Gaza-Streifen bis hin zum millionenschweren finanziellen Beistand für moderate islamische Institutionen zielt die westliche Politik bislang allein darauf ab, den politischen Islam an seiner Entfaltung zu hindern, statt sich auf ihn einzulassen. Dies hat konträre Ziele befördert. Nach dem längsten Krieg in der Geschichte der USA weigern sich die Taliban zu verhandeln, weil sie davon ausgehen, in Afghanistan zu gewinnen. Die säkulare türkische Machtelite ist dabei, in den „Istanbul ist Jerusalem“-Gesängen unterzugehen. Derartige Weckrufe stoßen freilich auf taube Ohren. Liberaler Idealismus mag Klassenzimmer schmücken, in der Welt der Realpolitik hat er keinen Platz. Um so mehr sollte man die pragmatische Haltung des Weißen Hauses würdigen, die verhindert hat, dass der Nahe Osten noch weiter ins Chaos abrutscht.

Es war schmerzhaft, die politische Degeneration mit ansehen zu müssen, die sich 2009 im Iran Bahn brach. Aber ebenso schmerzhaft ist die chronische Weigerung westlicher Intellektueller, die tiefe Verwurzelung des politischen Islam in muslimischen Gesellschaften anzunehmen. Es stellt sich hier nicht nur die Frage, wie man eine Geschichte erzählt, sondern wie man mit der Realität des Islamismus im 21. Jahrhundert umgeht. Ich hoffe nur, dass es hierfür keiner weiteren Twitter-Revolution bedarf.

Abbas Barzegar berichtet für den Guardian aus dem Nahen Osten

Kommentare (23)

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omakruse 18.06.2010 | 22:04

Hmm, das hab' ich doch irgendwo schon mal gelesen. Ist das jetzt wie beim Mate-Tee, wo der zweite Aufguss angeblich besser schmecken soll?

Jedenfalls scheint Herr Barzegar immer noch der Meinung zu sein, dass das iranische Volk in unverbrüchlicher Treue zu seinem Führer steht, der Widerstand gegen die Wahlfälschungen das Werk westlich-imperialistischer Kräfte war und wir es im übrigen gut finden sollen, dass im Iran ein Regime herrscht, das kleine Mädchen auspeitscht, weil sie Alkopops trinken.

goedzak 18.06.2010 | 22:08

"...und wir es im übrigen gut finden sollen, dass im Iran ein Regime herrscht, das kleine Mädchen auspeitscht, weil sie Alkopops trinken." - Sensationell, ich wollte schon immer mal jemandem auf die Schliche kommen, der dieser Ansicht ist, aber die tarnen sich ja immer so gut, gibt ja keiner richtig zu... Leider kann ich im Text oben die Stelle nicht finden, auf die Du Dich beziehst. Hilf mir mal auf die Sprünge, Oma!

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omakruse 18.06.2010 | 22:19

Nun, die Grundthese von Herrn Barzegar ist, dass wir uns mit Regimen wie dem Iran arrangieren müssen.

Ich bin dagegen, weil ich glaube, dass die Menschen im Iran genauso ein Recht auf den Genuss der Menschenrechte haben, wie Deutsche, Schweden oder Franzosen; alles andere ist Rassismus.

Zu den Menschenrechten im Iran kann man zum Beispiel das hier lesen: www.amnesty.de/jahresbericht/2010/iran

aha 19.06.2010 | 01:35

Ich halte es für einen Irrtum zu glauben, dass der Begriff der Menschenrechte überall auf der Welt auf genau die selbe Art und Weise interpretiert werden müsse wie in Deutschland, Frankreich oder Schweden. Wie stark sich die Auslegungen dieses Begriffs unterscheiden erkennt man bereits am Verhältnis zur Todesstrafe in den Staaten des westlichen Kulturkreises (Europa - USA). Der Begriff der Menschenrechte und insbesondere auch dessen Interpretation ist Ergebnis einer langen, sehr langen kulturellen Entwicklung die es zu respektieren gilt ohne davon auszugehen die eigene Interpretation und somit Kultur wäre einer anderen überlegen! Somit muss man solchen Staaten wie zum Beispiel dem Iran natürlich die Freiheit lassen seinen Weg selbstbestimmt zu gehen. Die westlichen Staaten sollten sich hüten in ihrer nahezu grenzenlosen Arroganz den Rest der Welt mit ihrer Interpretation von Zivilisation beglücken zu wollen. Das führte schon bei Kolumbus zur Vernichtung ganzer Kulturen (und ungezählten Toten).

weinsztein 19.06.2010 | 04:50

Sehr geehrte Frau Oma Kruse,

was qualifiziert Sie, die heutige Situation im Iran qualifizierter einschätzen zu können als Abbas Barzegar? Wo schreibt der Autor, "dass das iranische Volk in unverbrüchlicher Treue zu seinem Führer steht" oder "der Widerstand gegen die Wahlfälschungen das Werk westlich-imperialistischer Kräfte war"? (Dass der Westen daran massiv beteiligt war, ist mir allerdings klar.)

Oder "dass wir uns mit Regimen wie dem Iran arrangieren müssen...".

Ja was denn sonst? Ewige Sanktionen? Bomben auf Öl- oder Gasvorkommen? Und was ist mit ausgepeitschten kleinen Mädchen nach Alkopop-Genuss?

Was Sie hier sagen, klingt mir nach radio free europe und anderem Kalter-Krieg-Agitprop von Oma und Opa.

"Um so mehr sollte man die pragmatische Haltung des Weißen Hauses würdigen, die verhindert hat, dass der Nahe Osten noch weiter ins Chaos abrutscht" läse ich von Abbas Barzegar hier gerne näher erläutert.

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omakruse 19.06.2010 | 19:01

@ aha. Sie machen die Sache schwieriger als sie eigentlich ist. Man hat auch in Europa Menschen gefoltert, ohne Gerichtsprozess eingesperrt, verschwinden lassen oder von Staats wegen am Galgen ermorden lassen und wenn wir nicht aufpassen, wird das auch wieder passieren; man denke an den Fall Daschner/Gäffgen. Die Menschenrechte definieren das alles als Unrecht und Verbrechen. So ist es und Punkt.

Dass der Glauben an den Islam Folterknäste wie in Evin vorschreibt, wäre mir neu. Ich glaube, dass im Iran einfach ein stinknormales, faschistisches Regime seine politischen Gegner foltert und ermordet. Und wer behauptet, dass entspräche dem Islam oder der iranischen Zivilisation, der beleidigt den Islam und die iranische Zivilisation!

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omakruse 19.06.2010 | 19:17

Sehr geehrter Weinsztein,
"was qualifiziert Sie, die heutige Situation im Iran qualifizierter einschätzen zu können als Abbas Barzegar? "
Das ist natürlich ein Totschlag-Argument. Ich bin mir sicher, dass Herr Barzegar hundertmal mehr über Iran weiß als ich, aber ich sehe auch, dass er als Einflussagent des Iranischen Regimes in verschiedenen westlichen Medien versucht, die Iranische Opposition von westlicher Unterstützung abzuschneiden.
George W. Bush ist weg und selbst in Jerusalem denkt niemand ernsthaft daran, einen Militärschlag gegen den Iran zu führen; Unterstützung für die Iranische Opposition bedeutet nicht, das Land in Schutt und Asche zu legen, sondern die Oppositionellen moralisch und wenn möglich auch materiell in ihrem Kampf gegen den iranischen Faschismus zu unterstützen.

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Ehemaliger Nutzer 19.06.2010 | 20:01

...wer all seine Einlassungen mit "ich glaube" oder "ich finde" einzuleiten pflegt wie Omi hier und in ihrer Subjektivität als gelehrige Adeptin hiesiger ideologischer Implementierung deswegen auch gar nicht bemerken kann (und will), dass sie sich vom angeblichen oder wirklichen Totalitarismus des Feindes überhaupt nicht unterscheidet, bezweckt ausschließlich die Bestätigung eigener Gläubigkeit. Solche Art Immunisierung knackt auch nicht der schlichte Hinweis, dass die Opferhaufen Gefolterter und umgebrachter Menschen, die auf das Konto der westlichen und staatlichen Menschenrechtskämpfer gehen, da locker mit denen ihrer Feinde mithalten können...dieser Wahn versteigt sich sogar zu willkürlich und interessiert erfundenen Aussagen wie "und selbst in Jerusalem denkt niemand ernsthaft daran, einen Militärschlag gegen den Iran zu führen"...als wär die Olle die Omi von Bibi, die hier ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert...

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Ehemaliger Nutzer 19.06.2010 | 20:28

...diese traurigen Techniken der Antikritik teilen Sie leider mit Millionen anderer Menschen - Omi ist da leider keine Ausnahme... gibt aber auch hier einen tristen Einblick in die Frechheiten solcher Methodik...backen Sie doch lieber wieder ihre berühmte Blaubeertorte ...Ihren gläubigen Quark kann man doch eh schon überall, von BILD bis Spiegel, rauf und runter lesen...

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Ehemaliger Nutzer 19.06.2010 | 22:10

Sorry, wofür?
Und Omi schwadroniert über was ganz Anderes als die angebliche "Universalität der Menschenrechte" - Omi ergreift Partei für die Herrschaft(en), die mit dieser "Universalität der Menschenrechte" ein ultimatives ideologisches Zugriffsmittel in die Welt gesetzt haben, um so die Erfüllung ihrer politischen und wirtschaftlichen Interessen mit der Durchsetzung der "Menschenrechte" gleichzusetzen. Die "Erfüllung der Menschenrechte weltweit " heißt die Unterordnung noch des letzten Winkels dieses Planeten unter die herrschenden Ansprüche der paar westlich demokratischen Führungsnationen. Unter der Ägide dieser menschengerechten Herrschaft sind all die sonst inkriminierten herrschaftlichen Schönheiten überhaupt nicht aus der Welt - aber man verreckt auf den immer zahlreicher werdenden Schlachtfeldern, in der Sahelzone, in den diversen Folterzentren geregelt,halt menschengerecht und mit ganz viel Würde - überhaupt haben alle Menschen auf diesen Planeten nicht nur das Pech von den immer unerträglicher werdenden Notwendigkeiten des demokratischen Weltkapitalismus verwurstet zu werden - Sie haben dann doch tatsächlich auch ein RECHT darauf.
Wie schön.

Kabus 20.06.2010 | 20:38

"Aber ebenso schmerzhaft ist die chronische Weigerung westlicher Intellektueller, die tiefe Verwurzelung des politischen Islam in muslimischen Gesellschaften anzunehmen"

Vielleicht sollte Barzegar auch mal verstehen, dass es den "politischen Islam" nicht gibt, genauso wie es die "muslimische Gesellschaften" nicht gibt. Es gibt vielleicht türkische, persische, "arabische" Gesellschaften mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, wobei der Islam sich in allen diesen Ländern in seiner Wahrnehmung auch variiert.

Was den Iran angeht. Ja das Land ist ein Unrechtsregime und die universellen Menschenrechte sind auch im Iran anzuwenden. Oder ist hier unter uns der meint Folter ist was gutes? Natürlich stellt sich die Frage wie dieses Unrechtsregime beendet wird. Mit militärischer Interventionen? Embargos die aber die eigentlichen Machthaber kaum treffen, sondern die Bevölkerung? (siehe Irak) Oder dadruch das man realistisch versucht die Reformer (wer auch immer das ist) in diesem Land zu unterstützen. Aber hier frage mich wie wir das (realistisch) machen sollen? Eine kleine Enttäuschung und Resignation ist auch bei mir anzutreffen :(