Mythos von der Twitter-Revolte

Iran Der Westen sollte ver­suchen, sich auf den politischen Islam einzulassen, anstatt ihn zu bekämpfen

Es ist nun schon ein Jahr her, dass ich das Privileg hatte, über die schicksalhaften Wahlen im Iran zu berichten. Noch heute frage ich mich, welche Geschichte sich länger halten wird – die des eigentlichen politischen Aufstands, der die iranische Gesellschaft entzweite, oder die von der weltweiten Medien-Ekstase, die das meiste falsch auslegte.

Nachdem sie 2009 die Linie zwischen Berichterstattung und Parteinahme für die Demonstranten aufgaben, haben die meisten „Experten“ und Journalisten inzwischen ihren Fehler bemerkt und rudern zurück. Während es verständlich sein mag, dass die Medien es nicht lassen konnten, sich in Fantasien wie der von der Twitter-Revolution und dem Zusammenbruch der Islamischen Republik zu ergehen, frage ich mich, ob das auch für die verquere Logik gilt, die derartigen Träumereien zugrunde liegt. Dies ist insofern von Bedeutung, weil eine schlechte Analyse in schlechte Strategien mündet.

Bedauerlicherweise könnte es sich bei der Grünen Bewegung, von der man erhoffte, sie werde dem Liberalismus im Iran zu einem kosmischen Triumph verhelfen, nur um das zufällige Zusammentreffen verschiedener Kräfte gehandelt haben. Wegen des systematischen Mangels an Führung und Richtung löste sich das von Präsidentenbewerber Moussawi geführte politische Biotop schnell wieder in seine sozialen Bestandteile auf und hinterließ lediglich einen harten Kern von Dissidenten, die dem Regime weiter entgegentreten. Die Massen, die im Juni 2009 die Straßen Teherans bevölkert haben, sind längst wieder auf den Basaren und in den Gotteshäusern zum alltäglichen Nihilismus zurückgekehrt, der das Leben im Iran heute bestimmt. Dennoch argumentieren Experten fortgesetzt mit der traumverlorenen Annahme, es gebe tatsächlich eine nicht näher zu definierende Demokratie-Bewegung, die eine Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert. Als die Grüne Bewegung zuletzt kontinuierlich schwächer statt stärker wurde, reagierten die Experten mit dem Versprechen, der Sieg sei auf lange Sicht nicht aufzuhalten. Es gehe „stufenweise“ vor sich. Als niemand mehr zu den Demonstrationen erschien, erzählte man uns etwas von vermehrten Internet-Aktivitäten und mitternächtlichen „Allahu-Akbar“-Rufen von den Dächern Teherans, anstatt uns über die Realität der gewaltsamen politischen Neutralisierung in Kenntnis zu setzen.

Kein Platz für liberalen Idealismus

Dieselben Analytiker nehmen die Kritik an Präsident Ahmadinedschad als Zeichen für ein gespaltenes Regime und ignorieren, dass sich eine erschöpfte klerikale Basis stabilisiert hat. Wenn sich Ex-Staatschef Rafsandschani lange nicht äußert, wird dies als kalkuliertes Taktieren eines gewieften Politikers statt als Rückzug eines alternden Mafia-Dons gedeutet. Mit einem Wort, der Aufstand im Iran war nicht annähernd das, was wir uns vorstellten.

Ein Jahr nach der Wahl ist das Land immer noch eine anti-liberale Theokratie und nicht bereit, sein Uran-Anreicherungsprogramm aufzugeben. Was angebliche Experten und Politiker, die ihnen Gehör schenken, einfach nicht akzeptieren können: Dass sich die Islamische Republik in absehbarer Zeit nicht verändern wird. Gleiches lässt sich über den politischen Islam als Ganzes sagen, auch wenn niemand bereit scheint, diese Realität anzuerkennen. Vom Boykott der demokratisch gewählten Hamas-Regierung im Gaza-Streifen bis hin zum millionenschweren finanziellen Beistand für moderate islamische Institutionen zielt die westliche Politik bislang allein darauf ab, den politischen Islam an seiner Entfaltung zu hindern, statt sich auf ihn einzulassen. Dies hat konträre Ziele befördert. Nach dem längsten Krieg in der Geschichte der USA weigern sich die Taliban zu verhandeln, weil sie davon ausgehen, in Afghanistan zu gewinnen. Die säkulare türkische Machtelite ist dabei, in den „Istanbul ist Jerusalem“-Gesängen unterzugehen. Derartige Weckrufe stoßen freilich auf taube Ohren. Liberaler Idealismus mag Klassenzimmer schmücken, in der Welt der Realpolitik hat er keinen Platz. Um so mehr sollte man die pragmatische Haltung des Weißen Hauses würdigen, die verhindert hat, dass der Nahe Osten noch weiter ins Chaos abrutscht.

Es war schmerzhaft, die politische Degeneration mit ansehen zu müssen, die sich 2009 im Iran Bahn brach. Aber ebenso schmerzhaft ist die chronische Weigerung westlicher Intellektueller, die tiefe Verwurzelung des politischen Islam in muslimischen Gesellschaften anzunehmen. Es stellt sich hier nicht nur die Frage, wie man eine Geschichte erzählt, sondern wie man mit der Realität des Islamismus im 21. Jahrhundert umgeht. Ich hoffe nur, dass es hierfür keiner weiteren Twitter-Revolution bedarf.

Abbas Barzegar berichtet für den Guardian aus dem Nahen Osten

13:35 18.06.2010
Geschrieben von

Abbas Barzegar | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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