Na hör mal!

Raumpflegerinnen Exhibitionistische Gäste, verdreckte Toiletten, üble Beschimpfungen: Der Fall Dominique Strauss-Kahn wirft ein Schlaglicht auf den Arbeitsalltag von Hotelangestellten

Das Leben von Reinigungskräften in Hotels ist nicht leicht: Die Palette der Zumutungen reicht von verbalen Beschimpfungen über zweideutige Angebote bis hin zum Hygieneverhalten mancher Gäste, das einen Schimpansen beschämen würde. Aber dank der Aufmerksamkeit, die der Berufsstand durch den Fall des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn erhalten hat, könnte ihre Situation sich zum Besseren wenden.

In den Hotels von New York City arbeiten über 10.000 sogenannter Zimmermädchen, die sich selbst lieber Raumpflegerinnen nennen. Diese unsichtbare Armee von Reinigungskräften, die, wenn sie einer Gewerkschaft angehören, 24 Dollar die Stunde verdienen, bringt es nur selten in die Schlagzeilen. Doch nach der mutmaßlichen versuchten Vergewaltigung in Zimmer 2806 des Times Square Sofitel im vergangenen Monat fordern Politiker nun Sicherheitskontrollen, weitere Fälle sexuellen Missbrauchs kommen an die Öffentlichkeit und die Stimmen der Arbeiterinnen werden gehört.

Als Strauss-Kahn sich in der vergangenen Woche Hand in Hand mit seiner millionenschweren Ehefrau auf den Weg ins Gericht machte, um auf „unschuldig“ zu plädieren, schaffte es eine Gruppe protestierender Hotelangestellter, die ihm „Schande, Schande – Schäm dich!“ zuriefen, in die internationalen Nachrichten. Wenn die Verhandlung beginnt, wollen sie wieder dabei sein und hoffen, dass ihre Arbeitgeber und Kunden in der Zwischenzeit besser begreifen, was es bedeutet, als Zimmermädchen in Manhattan zu arbeiten.

Verbale Übergriffe

Viele der Raumpflegerinnen in New York gehören der Gewerkschaft für Hotellerie und Gaststätten Local 6 an. Vorfälle wie der, der Strauss-Kahn zur Last gelegt wird, sind selten, sagen die Sprecher der Gewerkschaft, auch wenn seit der mutmaßlichen versuchten Vergewaltigung durch Strauss-Kahn bereits ein weiterer Fall öffentlich geworden ist: Der ägyptische Geschäftsmann Mahmoud Abdel Salam Omar wurde verhaftet, nachdem eine Frau, die versuchte, sein Zimmer im luxuriösen Pierre Hotel in der Fifth Avenue zu reinigen, ihn beschuldigte, er habe sie befummelt und sich mit der Hüfte kreisend an ihr gerieben.

Während körperliche Übergriffe die Ausnahme darstellen, sind andere Formen sexueller Belästigung nach Aussagen von Gewerkschaftsangehörigen weit verbreitet. Luz Martinez, die seit 13 Jahren als Raumpflegerin arbeitet, sagt, verbale Übergriffe gehörten genauso zu ihrem Alltag wie männliche Gäste, die sich in ihrer Gegenwart entblößen. Erst in der vergangenen Woche habe einer versucht, eine ihrer Kolleginnen in sein Zimmer zu zerren.

Die Affäre Strauss-Kahn habe es für sie leichter gemacht, über diese Dinge zu sprechen, so Martinez: „Es ist sehr schwer, jeden Tag darüber zu berichten. Das ist das Leben. Diese Lady hat uns die Tür geöffnet, um darüber zu sprechen, was in Hotels vor sich geht. Zuvor wollten wir nicht darüber reden, um des lieben Friedens willen.“

Linda Valle arbeitet seit 18 Jahren als maid und reinigt heute die Zimmer im Hilton. Sie sagt, oft würden Gäste das Klopfen ignorieren oder das Nicht Stören –Schild nicht an die Tür hängen: „Manchmal ziehen sie die Vorhänge zu, du betrittst das Zimmer und sie sitzen nackt da und warten auf dich – ohne die geringste Scham.“

Die meisten Gäste bleiben den Arbeiterinnen zufolge weitgehend anonym, ein kleiner Teil sei sehr nett und ein vergleichbarer verhalte sich völlig unmöglich – Junge wie Alte, Amerikaner wie Europäer, Männer wie Frauen gleichermaßen. Was sie fast alle gemein haben, ist der absolute Mangel an Respekt. Alle Raumpflegerinnen geben an, bei manchen Gästen sei es üblich, das benutzte Toilettenpapier auf den Fußboden zu schmeißen, anstatt es hinunterzuspülen. Die sexuellen Annäherungsversuche empfinden sie alle dabei aber als noch inakzeptabler.

Nur auf Bewährung

Gladys Natal arbeitet als Raumpflegerin und ist in der Gewerkschaft aktiv. Sie erzählt von einer befreundeten Kollegin, die von einem Gast immer wieder gefragt worden sei „Wieviel? Wieviel?“, während er auf seine mit Geldscheinen gefüllte Hemdtasche getippt habe. „ Sie fragte ihn „Wieviel wofür? Der Zimmerservice ist inklusive“ und sah zu, dass sie so schnell wie möglich wieder da raus kam.“

Es ist zu hoffen, dass die Verhaftungen Strauss-Kahns sowie des Mannes aus dem Pierre Hotel einige Leute zu besserem Benehmen veranlassen. Die Raumpflegerinnen sind jedenfalls von der Geschwindigkeit beeindruckt, mit der die Behörden in diesem Fall gehandelt haben. Aber Valle ist dennoch enttäuscht darüber, dass Strauss-Kahn auf Bewährung draußen ist und in Tribeca in einer Wohnung lebt, die 50.000 Dollar im Monat Miete kostet. „Weil er Millionär ist? Ich wette mit Ihnen: Wenn ich ein Mann wäre und das gleiche getan hätte, würden sie mich bis zur Verhandlung im Knast lassen, weil ich ein Niemand bin.“

Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird eine dieser „Nobodys“ ihren großen Tag im Gericht gegen einen Multimillionär haben, der bis vor kurzem einer der aussichtsreichsten Anwärter auf das im kommenden Jahr neu zu besetzende Amt des französischen Staatspräsidenten war. Vor den Türen des Verhandlungsraumes werden die Frauen von Local 6 sie mit Sicherheit lautstark unterstützen.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:40 15.06.2011
Geschrieben von

Dominic Rushe | The Guardian

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The Guardian

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