Nach dem Hochmut

Treibhauseffekt Mit den Polkappen wird die Selbstgefälligkeit der reichen Welt schmelzen. Die Annahme, Europa und die USA seien vom Klimawandel kaum betroffen, ist überholt

Es gibt nichts, womit man es vergleichen könnte. Das hier ist nicht wie Krieg oder eine Seuche oder ein Börsencrash. Wir sind historisch und psychologisch schlecht darauf eingestellt, es zu verstehen.  Unter anderem deshalb wollen so viele nicht akzeptieren, dass es passiert.

Was wir hier und jetzt erleben, ist die Transformation des atmosphärischen Physik unseres Planeten. Drei Wochen vor dem wahrscheinlichen Minimum hat die Schmelze des arktischen Eises bereits den Rekord von 2007 gebrochen. Die tägliche Rate des Verlusts ist heute um 50 Prozent größer als vor fünf Jahren. Das tägliche Gefühl des Verlusts – jener Welt, die wir liebten und kannten – ist dagegen kaum beziffern.

Die Arktis hat sich etwa doppelt so schnell erwärmt wie die übrige nördliche Hemisphäre. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Klimakatastrophe dort selbst verstärkt. Unter dem schmelzendem Eis zum Beispiel kommt dunkler Ozean zum Vorschein, der Hitze absorbiert, die sonst zurück ins All reflektiert würde.

Zu oft zu optimistisch

Eis und Gewissheit lösen sich nun derart schneller auf, als die meisten Klimaforscher vorhergesagt haben, dass einer von einen schreibt: „Es fühlt sich an, als sei alles, was ich gelernt habe, obsolet“. In seinem jüngsten Gutachten, das 2007 erschien, bemerkte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Ende des 21. Jahrhunderts verschwinde das arktische Meereis einigen Projektionen zufolge “in den Spätsommern  fast vollständig“. Das waren die extremsten Vorhersagen, die das Panel berücksichtigt hatte. Nun sagen einige Wissenschaftler vorher, dass das arktische Meereis im Spätsommer schon in diesem oder dem nächsten Jahrzehnt vollständig verschwunden sein könnte.

Ich habe immer wieder, wenn auch vergeblich, davor gewarnt, dass  das IPCC eher zu konservativen Schätzungen neigt. Es leuchtet ein, wenn man bedenkt, wie viele Leute diese Prognosen  absegnen müssen, bevor sie veröffentlicht werden. Nur einige wenige Male – wie mit der Schätzung der Geschwindigkeit, mit welcher die Gletscher des Himalaja verschwinden – war das IPCC mit seiner Vorhersage zu pessimistisch. Offenkundig weit häufiger war es aber zu optimistisch.

Mit dem Eis schwindet auch eine andere Überzeugung: Dass die klimatisch gemäßigten Teile der Erde – in denen die meisten reichen Nationen liegen – als letzte und am schwächsten betroffen sein werden. Neue Erkenntnisse darüber, wie die Zerstörung des arktischen Meereises sich in Nordeuropa- und Amerika auswirkt, legen nahe, dass dies ein Irrtum ist. Ein Anfang dieses Jahres in den Geophysical Research Letters veröffentlichtes Paper zeigt, dass die Erwärmung der Arktis wahrscheinlich Grund für die extremen Wetterlagen ist, die die Länder – in denen einst ein eher gemäßigtes Klima herrschte – derzeit heimsuchen.

Schön wird es nicht

Der nordpolare Jetstream ist ein mehrere Hundert Kilometer breiter Luftstrom, der in östlicher Richtung durch die Hemisphäre wandert. Er stellt eine Barriere dar, die das kalte, nasse Wetter des Nordens vom wärmeren und trockeneren des Südens trennt. Viele der Variationen in unserem Wetter werden durch große Mäander innerhalb des Stroms – sogenannte Rossby-Wellen – ausgelöst.

Aus dem Paper geht hervor, dass die Erwärmung der Arktis die Rossby-Wellen bremst und sie steiler und breiter macht. Statt sich zu verändern, bleibt das Wetter hängen. Regionen, die südlich der festsitzenden Wellen liegen, warten wochen- oder monatelang auf Regen. Nördlich davon liegende Regionen warten wochen- oder monatelang darauf, dass der Regen wieder aufhört. Statt einer freundlichen Abfolge von Sonnenschein und Schauern erleben wir Hochwasser oder Dürren. Während des Winters kann ein langsamer, steiler Mäander uns direkt mit dem polaren Wetter verbinden und heftiges Eis und Schnee viel weiter nach Süden tragen als üblich. Anhand dieses Mechanismus lässt sich die Entwicklung hin zu anhaltenden – und damit extremeren – Wetterereignissen in der nördlichen Hemisphäre erklären.

Ich habe keine Ahnung, was in Folge der Rekordeisschmelze in diesem Winter und dem nächsten Sommer auf Europa und Nordamerika zukommen wird, schön wird es aber wohl nicht werden. Bedenken Sie, das dieser Rekord im Vergleich mit dem langfristigen Durchschnitt einem Verlust von dreißig Prozent des arktischen Eises gleichkommt. Sollte diese Zahl auf 50 oder 70 oder 90 Prozent ansteigen, werden die Folgen noch schlimmer.

Erschließung freigelegter Ölfelder

Unsere Regierungen aber tun nichts. Nachdem sie auf dem Earth Summit im Juli nicht einmal mehr vorgaben, sie würden auf die Umweltkrise reagieren, gucken sie nun blöd aus der Wäsche, während das Eis, auf dem wir stehen, weiter schmilzt. Ihre einzige unzweideutige Reaktion auf die Eisschmelze besteht darin, die Erschließung des freigelegten Öls zu erleichtern und die Ausbeutung der nun erreichbaren Fischbestände zu ermöglichen.

Diejenigen Firmen, die für diese Katastrophe verantwortlich sind, balgen sich nun um den Profit. Am vergangenen Sonntag hat Shell eine Verlängerung des Zeitraums seiner Explorationsbohrungen im Chukchi-Meer vor der Nordwestküste Alaskas beantragt. Damit würden die Operationen des Unternehmens fast bis zu dem Augenblick dauern, an dem sich wieder Eis bildet. Öl, das bei den Bohrungen verschüttet wird, würde dann ins Eis eingeschlossen. Der russische Öl-Riese Gazprom nutzt die Schmelze, um im Pechora-See nordöstlich von Murmansk zu bohren. Nachdem man die eigenen arktischen Gebiete in der Komi-Republik zum Niger-Delta des Nordens gemacht hat (immer wieder wurden Öllachen in der Tundra zurückgelassen), will Russland diese Industrie auf eines der fragilsten Ökosysteme der Erde ausdehnen, in dem Eis, Stürme und Dunkelheit jede Dekontamination annähernd unmöglich machen.

Während ich dies hier schreibe, sind Aktivisten der Organisation Greenpeace, die ich als Helden betrachte, an ein Versorgungsschiff von Gazprom gekettet und verhindern die Arbeit auf einer Ölbohrinsel des Unternehmens. Diese Menschen greifen dort ein, wo die Regierungen versagt haben. David Cameron, der immer noch behauptet, die grünste britische Regierung aller Zeiten anzuführen, umarmt keine Huskies mehr. Im Juni hat er ein Abkommen mit dem norwegischen Premierminister geschlossen, das „die nachhaltige Entwicklung der arktischen Energie ermöglichen“ soll. Nachhaltige Entwicklung meint dabei natürlich das Bohren nach Öl.

Alles andere wichtiger?

Wird es sich unseren Kindern einmal so darstellen, dass wir die freundlichen Bedingungen, die unsere wundervolle Welt möglich gemacht hätte, zerstört und den Schaden noch weiter vergrößert haben? Natürlich können wir alle von uns behaupten, anderes im Sinn gehabt zu haben oder auch gar nicht getan zu haben, weil all die anderen Dringlichkeiten des Lebens wichtiger schienen. Doch wenn wir nicht endlich reagieren, werden die Folgen mit ebenso großer Sicherheit eintreten, als wenn wir sie absichtlich herbeigeführt hätten.

Dummheit, Gier, Untätigkeit? So, wie Vergleiche sich in Luft auflösen, tun es auch diese Worte. Das Eis, dieser solide Grund, auf dem, wie wir jetzt erkennen, so vieles ruhte, löst sich ebenfalls auf. Unser Anspruch auf Frieden, Wohlstand und Fortschritt wird wohl folgen.

"Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden / Die wolkenhohen Türme, die Paläste / Die hehren Tempel, selbst der große Ball /Ja, was daran nur Teil hat, untergehn“

(William Shakespeares Der Sturm - Vierter Aufzug, Erste Szene)

 

Der Brite George Monbiot ist Umweltschützer, politischer Aktivist und Autor zahlreicher Bücher. Er lehrte unter anderem in Oxford und schreibt eine wöchentliche Kolumne im Guardian 

09:44 30.08.2012
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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