Nach dem Rummel

Pop Prince war in vielerlei Hinsicht genial, ein Händchen für Alben hatte er nicht. Umso mehr verblüfft er posthum
Nach dem Rummel
Der posthume Prince-Kult garantiert Aufmerksamkeit

Foto: Chris Graythen/Getty Images

Sechs Jahre vor seinem Tod war Prince’ Karriere an einem seltsamen Punkt. Ein Auftritt während der Halbzeitshow des Super Bowl und eine Serie von 21 Auftritten in der Londoner O2-Arena hatten 2007 seinen unantastbaren Ruf als Live-Performer wiederhergestellt. Aber seine Plattenkarriere weigerte sich hartnäckig, dem zu folgen.

Er schien in einem Zyklus wenig überzeugender Veröffentlichungen festzustecken – Planet Earth, Lotusflow3r, MPLSound –, die über Zeitungen und Deals mit großen Einzelhändlern vertrieben wurden. 2010 war dann der Tiefpunkt erreicht mit 20Ten, dem Album, das nicht mal eine Veröffentlichung in den USA rechtfertigte und in Großbritannien mit der Tageszeitung Daily Mirror kostenlos verteilt wurde (in Deutschland lag es dem Rolling Stone bei). Der Fairness halber: Es gab eine Rezension, die das Album als „sein bestes seit 23 Jahren“ bezeichnete. Allein, sie stand im Daily Mirror. Es war deprimierend zu sehen, wie das einst unangefochtene Keine-weiteren-Fragen-Genie des Pop der 80er seine wohlwollendste Reaktion von jemandem erhielt, der fürs Nettsein bezahlt wurde.

Unter diesen Umständen wäre die Enttäuschung darüber verzeihlich, dass die jüngste posthume Veröffentlichung keines seiner legendären, nie gehörten oder ultrararen Alben darstellt, sondern Songs aus dem Jahr 2010, die Prince selbst für nicht veröffentlichungswürdig hielt. Aber dieses mangelnde Interesse kann sich schnell in Verblüffung verwandeln. Vom eröffnenden Titeltrack Welcome 2 America an – ein starker Funk in Zeitlupe, in dem Prince einen müden Blick auf den Zustand der Nation wirft, ein spiritueller und jüngerer Cousin von Sign o’ the Times – offenbart sich allmählich eine völlig andere Qualität als alles, was er zu dieser Zeit zu veröffentlichen wagte: Es ist eine Sammlung von größtenteils brillanten Songs mit einem sozialen Bewusstsein.

Musikalisch ist das Album oft von der goldenen Ära Curtis Mayfields beeinflusst. Und auch der sprachliche Duktus ist nicht neu, aber behutsamer und effektiver gemacht. Running Game (Son of a Slave Master) bietet eine bessere Erklärung für Prince’ Einwände gegen die Beziehung zwischen Schwarzen Künstlern und einer überwiegend weißen Musikindustrie, als einfach nur „Sklave“ auf seine Wange zu schreiben. Der Abschluss mit One Day We Will All B Free ist einfach fantastisch.

Es ist seltsam schlüssig

Was zu der Frage führt: Was zur Hölle? Warum hielt er das zurück? Wahrscheinlich war das ein typischer Prince, gemessen an normalen Standards war sein Verhalten oft unerklärlich. Vielleicht ahnte er neben all dem Rummel, den er veranstaltete, um es der Musikindustrie heimzuzahlen, aber auch, dass das Verhökern seiner Alben an die Boulevardpresse und Supermarktketten die Inhalte entwertet – und hielt deswegen das wirklich gute Zeug zurück.

Auf lange Sicht es ist fast seltsam schlüssig, dass diese Kollektion 2021 erscheint. Zum einen ist der Inhalt nicht veraltet: Er wirkt stärker zu einer Zeit, die turbulenter ist als jene, in der die Songs aufgenommen wurden. Welcome 2 America hätte Prince’ beschädigten Ruf vielleicht retten können. Oder es wäre von einem Publikum übersehen worden, das vom ständigen Gerede, Prince sei wieder in Bestform, gelangweilt und ermüdet war. Der posthume Prince-Kult garantiert da mehr Aufmerksamkeit – die das Album voll und ganz verdient.

Info

Welcome 2 America Prince Sony 2021

Übersetzung: Konstantin Nowotny

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06:00 22.08.2021
Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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