Nach dem Scheitern von Glasgow: Unsere letzte Hoffnung ist die kritische Masse

Klima Die Gesellschaft muss im Kampf gegen die Klimakrise ihren Kipppunkt erreichen. Wie wir die notwendigen Veränderungen noch durchsetzen können, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten
Beispiele für rasanten Wandel? Da wären das Rauchen und #MeToo
Beispiele für rasanten Wandel? Da wären das Rauchen und #MeToo

Illustration: der Freitag

Ab jetzt geht es schlicht und ergreifend: ums Überleben. Der Klimapakt von Glasgow wirkt, trotz seiner zurückhaltenden und diplomatischen Sprache, wie ein Selbstmordpakt. Nach so vielen vergeudeten Jahren des Leugnens, der Ablenkung und der Verzögerung ist es zu spät für schrittweise Veränderungen. Eine echte Chance, die Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad zu verhindern, gibt es nur, wenn die Treibhausgasemissionen jedes Jahr um rund sieben Prozent gesenkt werden: also schneller als im Jahr 2020, auf dem Höhepunkt der Pandemie.

Die Klimakonferenz COP26 hätte ein Aus für die Verbrennung fossiler Brennstoffe nach 2030 bringen müssen. Stattdessen haben mächtige Regierungen einen Kompromiss zwischen unseren Überlebensaussichten und den Interessen der fossilen Brennstoffindustrie gesucht. Doch für Kompromisse war gar kein Raum. Ohne massive und sofortige Veränderungen droht ein dominoartiger ökologischer Kollaps, sobald die Ökosysteme der Erde kritische Schwellenwerte überschreiten und in neue, feindliche Zustände übergehen.

Heißt das, wir können genauso gut aufgeben? Nein, heißt es nicht. Ähnlich wie die komplexen Systeme der Natur, von denen unser Leben abhängt, plötzlich von einem Zustand in einen anderen kippen können, können das auch vom Menschen geschaffene Systeme. Unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen weisen dieselben Merkmale auf wie die Erdsysteme, von denen wir abhängen. Sie besitzen selbstverstärkende Eigenschaften, die sie bis zu einer bestimmten Stressbandbreite stabil halten, aber kippen lassen, wenn der äußere Druck zu groß wird. Wie natürliche Systeme können sie, wenn sie über ihren Kipppunkt hinaus getrieben werden, mit erstaunlicher Geschwindigkeit ihren Zustand verändern. Unsere letzte und größte Hoffnung ist, diese Dynamik zum Vorteil der Menschheit zu nutzen und etwas anzustoßen, was die Wissenschaft „kaskadierende Systemveränderungen“, sprich: Kettenreaktionen, nennt.

Mini-Störung: Riesen-Wirkung

Eine faszinierende Studie zu diesem Thema wurde im Januar in der Fachzeitschrift Climate Policy veröffentlicht. Sie zeigt, wie wir uns die Macht der „Domino-Dynamik“ zunutze machen können, also nicht linearer Veränderungen, die sich von einem Teil des Systems zum anderen ausbreiten. Die Autoren weisen darauf hin, dass „Ursache und Wirkung nicht proportional sein müssen“: Eine kleine Störung an der richtigen Stelle kann eine massive Reaktion eines Systems auslösen und es in einen neuen Zustand versetzen. So entwickelte sich zum Beispiel die weltweite Finanzkrise ab dem Jahr 2008: Ein relativ kleiner, lokaler Schock – Hypothekenausfälle in den USA – wurde durch ein ganzes System vermittelt und verstärkt, bis dieses fast zusammenbrach. Genau diese Eigenschaft könnten wir uns zunutze machen, um positive Veränderungen zu bewirken.

Plötzliche Veränderungen in Energiesystemen sind an sich kein neues Phänomen. Der Übergang von Pferdekutschen zu Autos mit Verbrennungsmotor in den USA vollzog sich innerhalb von nur rund zehn Jahren. Die Verbreitung neuer Technologien neigt sowieso zur Selbstbeschleunigung, da größere Effizienz, Größenvorteile und industrielle Synergieeffekte sich gegenseitig verstärken. Die Hoffnung der Autoren der Studie ist daher folgende: Wenn sich die Verbreitung der Nutzung von umweltfreundlichen Autos und Maschinen einer kritischen Schwelle nähert und die dafür erforderliche Infrastruktur erst einmal vorhanden ist, führt das automatisch zum raschen Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe.

Zum Beispiel: Sobald sich die Leistung von Batterien, Stromversorgungskomponenten und Ladestationen verbessert und ihre Kosten fallen, werden Elektroautos preiswerter und damit attraktiver. An diesem Punkt (mit anderen Worten: jetzt) könnten kleine Interventionen der Regierungen eine Kettenreaktion auslösen. In Norwegen ist das bereits geschehen. Steuerliche Begünstigungen machten Elektroautos in der Anschaffung günstiger als Verbrenner. Das brachte das System fast über Nacht zum Kippen: Heute sind mehr als 50 Prozent der neu gekauften Autos im Land Elektromodelle, während Verbrenner drauf und dran sind, auszusterben.

Wenn Elektroautos beliebter und umweltschädlichere im Gegenzug gesellschaftlich inakzeptabel werden, dann wird es für Regierungen immer weniger riskant, mit ihrer Politik den Wechsel der Antriebssysteme zu komplettieren. Dadurch kommen die neuen Technologien in noch größerem Stil zum Einsatz, was den Preis weiter fallen lässt, bis sie die Konkurrenz ohne die Hilfe von Steuern und Subventionen schlagen. Der Übergang wäre vollzogen. Angetrieben von dieser neuen ökonomischen Realität, springt die Veränderung dann von einem Land auf das nächste über.

Wie schwer wiegt Trägheit? Wie schwer Lobbyismus?

Die im Verkehrssektor entwickelten Batterietechnologien können auch auf andere Energiesysteme übertragen werden und so dazu beitragen, einen Systemwechsel etwa im Stromnetz herbeizuführen. Die sinkenden Preise für Solarstrom und Offshore-Windkraft lassen Kraftwerke für fossile Brennstoffe wie eine schmutzige Geldverschwendung erscheinen. Das wiederum verringert die politischen Kosten dafür, durch Steuern und andere Maßnahmen ein Ende ihrer Nutzung zu beschleunigen. Sobald die Fabrikanlagen abgerissen sind, ist der Wechsel besiegelt.

Natürlich sollte man die Macht der Gewohnheit und die Mittel an Lobbyismus nicht unterschätzen, die eine veraltete Industrie verwenden wird, um ihr Geschäft zu schützen. Denn der Wert der globalen Infrastruktur zur Förderung, Verarbeitung und dem Verkauf fossiler Brennstoffe bewegt sich irgendwo zwischen 25 Billionen Dollar und null, je nachdem, welchen Weg die Politik einschlagen wird. Die Fossilindustrie wird alles in ihrer Macht stehende tun, um ihre Investitionen zu schützen. Sie haben die Klimaschutzpläne von US-Präsident Joe Biden bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Es wäre nicht überraschend, wenn sie mit Donald Trumps Team darüber berieten, wie man ihn zurück ins Amt hieven könnte. Und selbst wenn es ihnen nur gelingt, dringend benötigte Klimaschutzmaßnahmen lange genug zu verzögern, könnte der am Ende doch kommende Schwenk zu emissionsarmen Technologien kaum noch von Bedeutung sein. Denn dann könnten die Erdsysteme schon über ihre Kipppunkte hinausbewegt sein, bei deren Erreichen ein Großteil des Planeten unbewohnbar werden könnte.

Aber nehmen wir für einen Moment mal an, dass wir den Ballast dieser Uraltindustrie abwerfen und fossile Brennstoffe tatsächlich für immer hinter uns lassen können. Haben wir damit unsere existenzielle Krise schon gelöst? Zum Teil vielleicht. Trotzdem hat mich die verengte Fokussierung auf CO₂-Emissionen im Glasgow-Pakt und anderswo erschüttert, während man die anderen Attacken des Menschen auf die lebende Welt außer Acht lässt.

Elektroautos sind ein klassisches Beispiel für dieses Problem. Ihre Befürworter argumentieren, dass innerhalb weniger Jahre die stinkende Infrastruktur von Benzin und Diesel abgeschafft werden könnte. Das ist sicher richtig. Aber, was lokal für saubere Luft sorgt, ist global eine schmutzige Sache. Der Abbau der Rohstoffe, die für den massenhaften Einsatz von Batterien und Elektronik notwendig sind, hat verheerende Folgen: Schon jetzt werden dadurch Dörfer zerstört, Wälder gerodet, Flüsse verschmutzt, empfindliche Wüsten zerstört und in einigen Fällen Menschen in Sklaverei-ähnliche Arbeitsbedingungen gezwungen.

Verkehr mit Blut-Lithium, Blut-Kobalt, Blut-Kupfer

Unsere „saubere, grüne“ Verkehrswende entsteht dank Blut-Kobalt, Blut-Lithium und Blut-Kupfer. Und obwohl die CO₂-Emissionen und der lokale Schadstoffausstoß unzweifelhaft zurückgehen werden, ändert sich an unserem idiotischen, versagenden Verkehrssystem wenig: Die Straßen sind verstopft von tonnenschweren Metallkisten, in denen jeweils nur einzelne Personen sitzen. Neue Straßen werden weiterhin die Natur immer mehr durchschneiden und neue Wellen der Zerstörung auslösen.

Eine echte Verkehrswende gibt es nur, wenn es einen kompletten Systemwechsel gibt. Das würde damit anfangen, dass man die Notwendigkeit des Sichfortbewegens reduziert, wie es etwa die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, mit ihrer „15-Minuten-Politik“ tut (der Freitag 40/2021). Ziel ist eine Infrastruktur, die es Bürger:innen erlaubt, alle ihre grundlegenden Bedürfnisse in einem Radius zu stillen, der maximal 15 Minuten zu Fuß entfernt liegt.

Ein neues Transportsystem würde zudem alle, die können, zum Zufußgehen und Radfahren ermutigen, was sich nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf unsere Gesundheitskrise positiv auswirken würde. Für längere Wege würde so eine Wende öffentliche Verkehrsmittel bereitstellen. Private Elektroautos wären nur noch für jene da, die kein anderes Verkehrsmittel benutzen können. Wenn der Systemwechsel dagegen nur den Umstieg von Verbrennern auf Elektroautos vorsieht, bleibt – außer dem Antrieb – alles erhalten, was an unserer Art der Fortbewegung und des Reisens problematisch ist.

Das führt obendrein zur Frage, was mit dem Mehrwert passiert, der sich mit dieser neuen „sauberen“ Wirtschaft verdienen lässt. Wenn die Dinge so weiterlaufen wie derzeit, dann verdient und profitiert nur jene kleine Gruppe, die die Produktion der Autos kontrolliert und die Auflade-Infrastruktur, sowie die Baufirmen, die weiter an dem großen Straßennetz bauen, das für die Autos notwendig ist. Die, die daran mitverdienen, werden dieses Geld wie heute für Privatjets, Jachten, Ferienhäuser und anderen den Planeten zugrunde richtenden Schnickschnack ausgeben wollen.

Es ist also nicht schwer, sich eine dekarbonisierte Wirtschaft vorzustellen, in der alles andere vor die Hunde geht. Das Ende der fossilen Ära allein wird die multiplen Krisen des Artensterbens und der Entwaldung, die Bodenkrise, die Trinkwasserkrise, die Konsumkrise oder die Abfallkrise nicht verhindern. Auch die Krisen des Anhäufens und Wegwerfens sind nicht gelöst: Alles Krisen, die unsere Zukunftsperspektive und jene des Großteils des Lebens auf der Erde zerstören werden. Aus diesem Grund müssen wir die Eigenschaften komplexer Systeme für etwas anders nutzen: einen Politikwechsel.

Es gibt einen Aspekt der menschlichen Natur, der zugleich schrecklich und hoffnungsvoll ist: Die meisten Menschen stellen sich auf die Seite des Status quo, wie immer der auch aussehen mag. Es gibt eine kritische Schwelle, die erreicht ist, sobald ein gewisser Anteil der Bevölkerung seine Ansichten geändert hat. Andere Leute spüren dann, dass der Wind sich gedreht hat und machen eine Kehrtwende, um den Anschluss nicht zu verpassen. In jüngster Vergangenheit gab es einige solcher Kipppunkte: der bemerkenswert schnelle Rückgang des Rauchens; die ebenfalls rapide Abkehr von Homophobie in Ländern wie Großbritannien und Irland; die #MeToo-Bewegung, die innerhalb weniger Wochen die gesellschaftliche Akzeptanz von sexuellem Missbrauch und alltäglichem Sexismus stark verringert hat.

Aber wo liegt die kritische Schwelle? Eine Studie, die 2018 in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde, vermutet, dass ein sozialer Kipppunkt dann erreicht ist, sobald eine überzeugte Minderheit rund 25 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Wenn diese Schwelle überschritten wird, ändern sich gesellschaftliche Konventionen plötzlich. In den Experimenten, die in diese Studie einflossen, änderten zwischen 72 und 100 Prozent der Teilnehmer:innen ihre Meinung. Die Studie sagt auch, es sei inzwischen Forschungsstand, dass „die Macht kleiner Gruppen nicht auf Autorität oder Reichtum gründet, sondern auf ihrer Überzeugung für die Sache“.

Neuer Schwung für Fridays for Future

Eine andere wissenschaftliche Arbeit untersuchte die Frage, ob die Fridays-for-Future-Klimaproteste eine derartige Dominodynamik auslösen könnten. Sie zeigt, wie aus dem von Greta Thunberg initiierten Schulstreik 2019 schneeballartig eine Bewegung wurde, die zu beispiellosen Wahlergebnissen für die Grünen in mehreren europäischen Ländern führte. Umfragedaten belegen eine plötzliche und tiefgreifende Meinungsänderung: Die Menschen räumen der Klimakrise zunehmend Priorität ein.

Laut den Analysen der Forscher hatte Fridays for Future das politische System in Europa nahe an einen „kritischen Zustand“ gebracht. Die Coronapandamie unterbrach dann diese Entwicklung, sodass er nicht erreicht wurde. Aber wenn ich mir den Organisationsgrad und die Wut der in Glasgow versammelten Bewegungen angucke, dann liegt der Schluss nahe, dass die Bewegung neuen Schwung aufnimmt.

Die Trägheit der Gesellschaft hat lange genug gegen uns gearbeitet. Wenn sie aber einmal umspringt, kann das Ausgang für krasse Veränderungen werden: Was heute radikal und merkwürdig erscheint, wird dann auf einmal „normal“. Wenn wir eine solche Kettenreaktion sowohl im Bereich der Technik als auch der Politik auslösen können, haben wir vielleicht noch eine Chance. Es klingt wie ein verzweifeltes Klammern an einen Strohhalm der Hoffnung. Aber wir haben keine Wahl. Unser Überleben hängt davon ab, mit zivilem Ungehorsam die größte Massenbewegung in der Geschichte der Menschheit zu mobilisieren und jene 25 Prozent zu erreichen, die es für fundamentale Veränderung braucht. Denn wir lassen es nicht zu, dass die Grundlagen für Leben auf dieser Erde zerstört werden.

George Monbiot ist Kolumnist beim Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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