Nach den Tränen

Porträt Maryse Wolinski attackiert unermüdlich Frankreichs Polizei und die Regierung. Ihr Mann Georges gehörte zu den Ermordeten von „Charlie Hebdo“
Angelique Chrisafis | Ausgabe 26/2016 5

An Maryse Wolinskis Badezimmerwand, neben einem Regal voller Bürsten und Parfümflakons, beginnt sich ein orangefarbener Klebezettel einzurollen. In kunstvollen Großbuchstaben steht darauf geschrieben: „Liebling, nach einem sehr kleinen Couscous bei Nasser gehe ich zu Bett und denke an dein bezauberndes Lächeln. Gute Nacht, G.“

Die Nachricht stammt von dem Karikaturisten Georges Wolinski. Vor ein paar Monaten hat seine Witwe Maryse dieses und andere „Post-its d’amour“, wie sie sie nennt, vorsichtig zusammengepackt und aus ihrer alten Wohnung mit in die neue genommen, wo sie nun wie kleine Gemälde die Wände zieren. Neben ihrer Schlafzimmertür klebt ein „Gute Nacht“, und in ihrem Arbeitszimmer ein Zettel, auf dem steht, ein wenig Bargeld sei im Filofax und „jede Menge Liebe hinter der Brusttasche meines Tweedjacketts“. „Wenn mein Mann mir einmal keinen Zettel schrieb, war ich traurig und sagte, das musst du nachholen“, sagt Maryse Wolinski. „Und nun sind Symbole aus ihnen geworden, weil sie alles sind, was von ihm bleibt. Aber ich versuche, nur wenige aufzuhängen. Ich muss ja langsam vernünftig werden und irgendwie weiterleben, auch ohne seinen Blick.“

Zur Krisensitzung

Am 7. Januar 2015 stand Georges Wolinski, einer der bekanntesten politischen Zeichner Frankreichs, früh auf, um noch eine Skizze zu vollenden. Er trug seinen schwarzen Frotteebademandel und wirkte ungewohnt bedrückt, als er in der gemeinsamen Wohnung der Eheleute am Boulevard Saint-Germain Toast mit Butter in seinen Milchkaffee tunkte. Zur wöchentlichen Redaktionskonferenz bei der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, für die er seit über 40 Jahren zeichnete, ging er nicht regelmäßig. Diesmal aber schon, denn Charb, der Chefredakteur, wollte, dass alle kommen. Und zwar, um das neue Jahr mit einem Stück Kuchen zu begrüßen – und um die heikle Finanzlage des Blatts zu besprechen, dem die Leser und Anzeigenkunden in Scharen davonliefen. „Liebling, ich gehe zu Charlie“, rief er seiner Frau beim Hinausgehen zu. Sie war im Bad, in ein Handtuch gewickelt. Zwei Stunden später wurde Georges Wolinski erschossen.

Die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, aufgewachsen in einem Kinderheim in der französischen Provinz, später in Paris radikalisiert, stürmten mit Kalaschnikows die Redaktion und ermordeten in zwei Minuten zehn Menschen. Seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo ist Maryse Wolinski, 72 Jahre alt, Journalistin, Romanautorin und Dramatikerin, zu Frankreichs öffentlichem Gesicht der Trauer geworden. Ihre Angriffe gegen die Regierung und die Polizei, gegen das „unglaubliche“ Versagen der Behörden, das die Attacke auf Charlie Hebdo erst möglich gemacht habe, werden regelmäßig im Fernsehen gezeigt. Über die Morde vom November, bei denen 130 Menschen getötet wurden – von französischen und belgischen Attentätern, von denen viele aus Syrien zurückgekehrt und den Sicherheitskräften bekannt waren –, sagt sie: „Meine Wut hat sich vervielfacht.“

Mit 80 Jahren war Georges Wolinski der älteste Karikaturist, der bei dem Anschlag auf die Redaktion ums Leben kam. Er zählte zu den Gründern von Charlie Hebdo und hatte auch schon für das Vorläuferblatt Hara-Kiri Hebdo gearbeitet, das 1970 verboten wurde, weil es über den Tod Charles de Gaulles gespottet hatte. Wolinski, derart produktiv als Satiriker, Zeichner, Illustrator und Theaterautor, dass sein Schaffen fast jede Zeitung in Frankreich schmückte, zählte allerdings nicht zu den Mohammed-Karikaturisten. Den Propheten hat er nie gezeichnet, seine Spezialität waren, wie seine Fans zu sagen pflegen, „Titten und Ärsche“. Er bebilderte die sexuelle Revolution ab 1968 mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen zügelloser Frauen und wurde dafür später als Macho und Sexist beschimpft. Auf einem berühmten Selbstporträt von 1990 sitzt er mit einer Zigarre da, während Dutzende unbekleideter Schönheiten sich darum prügeln, sie ihm anzuzünden.

Anschlag und Anklage

Bereits 2006 hatte Charlie Hebdo Mohammed-Karikaturen des dänischen Zeichners Kurt Westergaard veröffentlicht, in der Folge publizierte das Satiremagazin dann auch immer wieder eigene Cartoons über den Propheten. Anfang November 2011, Charlie Hebdo hatte gerade eine Ausgabe unter dem Titel „Charia Hebdo“ herausgebracht, wurden die Pariser Redaktionsräume Ziel eines nächtlichen Brandanschlags, bei dem diese komplett ausbrannten.

Wenngleich es daraufhin sogar Warnungen seitens der französischen Regierung gab, dass derlei Karikaturen zu einem erhöhten Sicherheitsrisiko führten, ließ sich das Magazin davon nicht einschüchtern. Am 7. Januar 2015 wurde die mittlerweile umgezogene Redaktion, die zu dieser Zeit nicht mehr unter permanentem Polizeischutz stand, dann Opfer eines Terroranschlags der Brüder Chérif und Saïd Kouachi. Die beiden mit Sturmgewehren bewaffneten Männer, die zunächst in das falsche Gebäude eingedrungen waren, trafen im Treppenhaus auf die Car-toonistin Corinne Rey und zwangen diese unter vorgehaltener Waffe, den Code zum Zugang in die Büros einzugeben. Unter „Wir haben den Propheten gerächt!“-Rufen töteten sie dabei zwölf Menschen, davon zehn in der Redaktion. Unter ihnen war auch Georges Wolinski, der älteste Zeichner der Zeitschrift. Auf ihrer Flucht kaperten die Attentäter, es ist ein bizarrer Zufall, später das Auto jenes Pressehändlers, der Wolinski an diesem Morgen am Boulevard Saint-Germain Zeitungen verkauft hatte.

Georges’ Frau Maryse, 1943 in Algier als Maryse Bachère geboren, ist in Frankreich als Journalistin und Schrift-stellerin bekannt. Als Reaktion auf den Tod ihres Mannes veröffentlichte sie im Januar dieses Jahres das Buch Chérie, je vais à Charlie (Seuil, 144 S., 15 €). In dem Essay, der nach den letzten Worten benannt ist, die Georges an sie richtete, („Liebling, ich gehe zu Charlie“), klagt Maryse an, das Satiremagazin sei von den Sicherheitsbehörden nicht ausreichend beschützt worden. Ebenso kritisiert sie das Versagen der Geheimdienste und den respektlosen Umgang mit den Angehörigen seitens der Polizei. Katja Kullmann

Maryse, seine Muse, ist noch immer erstaunlich leicht wiederzuerkennen in einer verführerischen Nackten, die auf vielen Zeichnungen Wolinskis erscheint. Als sie sich kennenlernten, war sie 20 und er, neun Jahre älter, bereits ein erfolgreicher Karikaturist. Er nannte sie „die junge Blonde“, ein Etikett, das sie 2011 in einem Essay mit dem Titel Wenn du wüsstest, Georges … zurückwies. Darin schilderte sie, wie wütend sie seine anzüglichen Cartoons machen konnten, aber auch, wie viel Halt er ihr gab. „Die junge Blonde starb in den Trümmern des Anschlags“, sagt sie heute. Als erklärte Feministin hielt Maryse ihrem Mann seine Zeichnung oft öffentlich vor. In mehreren Büchern, die in Briefform verfasst sind, sezierten beide ihre Beziehung: seine Liebe, ihre kurze Affäre, ihre Entscheidung für getrennte Schlafzimmer, um in ihrer Ehe das Verführerische zu wahren. „Er war, würde ich sagen, der größte Chauvi unter den Feministen. In meinem Kampf hat er mich immer unterstützt. Zugleich prägte ihn seine Kindheit in Nordafrika, zu einer Zeit, als der Machismo dort besonders ausgeprägt war.“

Georges Wolinski, Kind jüdischer Eltern, wurde in Tunis geboren und kam erst als Teenager nach Frankreich. Er gehörte einer älteren Schule des Cartoons an als die anderen bei Charlie. Charb, der 47-jährige Chefredakteur, der wegen seiner Mohammed-Karikaturen als einziger Franzose auf einer Al-Qaida-Todesliste auftauchte und deshalb unter Polizeischutz stand, hatte Wolinski zuletzt gedrängt, seinen Ansatz zu ändern, sagt Maryse. Charb wollte mehr Politisches, Wolinski fühlte sich damit nicht wohl. Dem Wirt seines Stammbistros vertraute er an, er fürchte, „das wird ein böses Ende nehmen“. Maryse wunderte sich, dass ihr Mann im Monat vor dem Attentat ständig vom Tod sprach. Das war nicht seine Art. „In den letzten Tagen davor war er in düsterer Stimmung. Ich dachte, es sei wegen des drohenden Bankrotts von Charlie Hebdo.“

Heute glaubt sie, dass es Vorahnungen waren. Gewalt und Tod prägten Wolinskis Leben. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater, Chef einer Firma für Kunstschmiedehandwerk, bei Arbeiterunruhen in Tunis von einem seiner Angestellten mit einem Kopfschuss getötet. Wenig später verließ seine Mutter Tunesien, um ihre Tuberkulose behandeln zu lassen, Wolinski wuchs bei den Großeltern auf. Erst nach zehn Jahren sah er seine Mutter wieder, sie hatte inzwischen erneut geheiratet und ein weiteres Kind bekommen. Mit 13 zog er zu ihr nach Briançon in den französischen Alpen. Dort zeichnete er für die Schülerzeitschrift erste Cartoons. Er studierte an einer renommierten Kunsthochschule und arbeitete Teilzeit in einer Hutfabrik, bis das Magazin Hara-Kiri ihn unter Vertrag nahm. 1966 kam seine erste Frau bei einem Autounfall ums Leben – sie fuhr, Wolinski schlief auf der Rückbank. Seine beiden Töchter, damals sechs und acht Jahre alt, wuchsen dann in Paris bei ihm und Maryse auf, eine weitere Tochter kam hinzu.

Mit heiterer Miene

Maryse ist stolz darauf, dass die 47 Jahre ihrer Ehe für Georges eine Zeit ohne Gewalt waren. „Bis zu diesem Tag“, sagt sie. Am 7. Januar 2015 ging sie morgens zur Gymnastik. Danach hatte sie ein Meeting und schaltete ihr Telefon aus. Auf der Rückfahrt im Taxi stellte sie es wieder an, um Georges daran zu erinnern, dass sie um 16 Uhr eine Wohnung besichtigen sollten, denn kurz zuvor hatte die bisherige Vermieterin ihnen gekündigt. „Ich wunderte mich, lauter Nachrichten von Leuten, von denen ich ewig nichts gehört hatte.“ Sie machte eine Bemerkung darüber zu dem Fahrer, und als der erfuhr, was ihr Mann beruflich machte, hielt er an. Es gab ein Attentat, sagte er. Voller Angst wartete sie zu Hause auf weitere Nachrichten. Schließlich war es ihr Schwiegersohn, der ihr sagte, dass Georges tatsächlich tot war.

Noch immer verletzt es sie, dass kein Polizist sie anrief, weshalb sie es zunächst nicht ganz glaubte. Unter den Notfallnummern ging niemand ans Telefon. Später, berichtet Maryse, habe man ihr gesagt, dass alle Polizeikräfte zusammengezogen worden waren, um Präsident Hollande und andere Politiker zu schützen, die zum Ort des Attentats eilten. „Und deshalb war kein Polizist übrig, um die Familien zu informieren. Das ist verrückt.“ In der Leichenhalle sagte ihr der anwesende Psychologe, er habe noch nie einen Toten mit so heiterem Gesicht gesehen wie Georges. „Vier Kugeln trafen ihn, aber schon die erste durchschlug die Halsschlagader und tötete ihn sofort. Das war wichtig für mich und meine Tochter, denn wir hatten befürchtet, er habe leiden müssen. Aber er muss mit angesehen haben, wie sie Charb erschossen.“

Wie reagierte er? „Schwer zu sagen, denn mein Mann war ein komischer alter Kauz. Wahrscheinlich saß er da wie betäubt. Und dann starb er.“ Als die Polizei ihr die Gegenstände gab, die Georges bei sich hatte – seine Tasche, den Ehering und ein Notizbuch –, fehlte ein Stift. Sie glaubt, diesen Stift hielt er in der Hand, als er starb. Zehn Monate später, am Abend des 13. November, lag Maryse Wolinski im Bett und hörte Radio. „Meine Tochter rief an und sagte: ‚Stell das ab‘, aber das tat ich nicht, ich hörte immer weiter und wurde immer wütender. Sie hatten nichts gelernt aus dem Januar.“ Wie sich herausstellte, hatte ein aus Syrien zurückgekehrter Dschihadist bereits im Sommer vor Anschlagsplänen auf die Konzerthalle Bataclan gewarnt.

Die Behörden blieben tatenlos. Und nach dem Blutbad vergingen auch diesmal wieder Stunden, ehe die Hinterbliebenen der Opfer informiert wurden. So wie viele in Frankreich glaubt Wolinski, dass es weitere Terroranschläge geben wird. „Wir haben es noch nicht hinter uns“, sagt sie. Bei ihrem Umzug ließ sie den Zeichentisch und alles Mobiliar aus Georges’ Arbeitszimmer in ein Museum bringen. „Aber in meinem eigenen Schrank habe ich eine seiner Jacken, seinen Hut und ein Paar Schuhe behalten, für mich. Ich weiß nicht, wie ich ohne seinen Blick leben soll. Das klingt nicht sehr feministisch, aber so ist es. Sein Blick flößte Vertrauen ein und Liebe zum Leben.“

Jahrelang witzelte Georges Wolinski, wenn er tot sei, solle sie ihn verbrennen lassen und die Asche ins Klo werfen: „So kann ich jeden Tag deinen Arsch sehen.“ Eingeäschert wurde er tatsächlich, doch die Urne liegt auf dem Friedhof Montparnasse. Noch immer hinterlassen Leute dort Stifte, Zeichnungen und Blumen. „Wenn ich hingehe, räume ich das alles weg“, sagt Maryse. Sie hat seinen Marmorgrabstein lieber blank wie eine leere Seite. Ein letztes Kapitel, das fehlt.

Angelique Chrisafis ist Paris-Korrespondentin des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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06:00 27.07.2016
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Angelique Chrisafis | The Guardian

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