Oliver Wainwright
Ausgabe 2114 | 05.06.2014 | 06:00 8

Narben bleiben

Architektur In New York hat Barack Obama das 9/11 Memorial Museum eröffnet. Das Haus bildet den Höhepunkt der Erinnerungsarchitektur auf Ground Zero

In der Mitte des Areals, auf dem früher das World Trade Center stand, drücken sich nun Touristen die Nasen an den verspiegelten Scheiben des 9/11 Memorial Museum platt. Zwischen ihren Fingertapsern sieht man gespenstergleich zwei rostige, angekohlte Pfeiler aufragen, die aus den Trümmern der Twin Towers geborgen wurden. „Das Museum ist ein beliebter Ort für Selfies geworden“, kommentiert Architekt Craig Dykers die Versuche der Touristen, ihr Spiegelbild so zu fotografieren, dass es mit den Pfeilern verschmilzt. „Wenn wir Leute dazu bringen, an diesem Ort zu lächeln, dann haben wir etwas richtig gemacht.“

Fast 13 Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001, dessen Bilder live um die Welt gingen, hat Ground Zero nichts von seiner grauenhaften Anziehungskraft verloren. Über zwölf Millionen Menschen waren hier, seit 2011 am zehnten Jahrestag der Memorial Plaza eröffnet wurde. Wo die Türme standen, klaffen nun Schluchten, in die sich imposante Wasserfälle ergießen, umgeben von einem kleinen Wald aus 400 Eichen. Ihre Ruhe schafft einen angenehmen Kontrast zu dem Baulärm rundum, wo ein Ring aus Bürotürmen wächst, um die fast 100 Hektar große Gewerbefläche zu ersetzen, die sich hier befand.

700 Millionen Dollar wurden in die Erinnerungsarbeit an diesem Ort gesteckt. Die Eröffnung des 9/11 Memorial Museum ist nun der finale Akt. Es führt den Besucher auch emotional tief hinunter ins Fundament von Ground Zero. Das Tor dorthin hat Craig Dykers Büro Snøhetta aus Norwegen entworfen: Mit seinen glänzenden Flanken wirkt es wie ein Keil, der in die nordöstliche Ecke des Platzes gestoßen wurde. Die Struktur der gefalteten Außenhaut aus Metall und Glas lässt das Gebäude auf gespenstische Art wie einen gefallenen Twin Tower aussehen – eine silbern glänzende Säule, die abgeknickt und verdreht zwischen den Wasserbecken liegt.

Libeskind light

Die verwinkelte Form ist eines der wenigen Überbleibsel der Bildsprache, die Daniel Libeskinds Masterplan von 2003 vorsah. Ihm schwebte ein Ensemble unterschiedlich hoher Wolkenkratzer vor, die spiralförmig um den seinerseits spiralförmigen Freedom Tower in ihrer Mitte anwachsen sollten. Die Entwürfe waren symbolisch überfrachtet, angefangen bei der Höhe der Turmspitze – 1.776 Fuß, angelehnt an das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit – bis hin zu dem Lichtstrahl, der jedes Jahr am 11. September zur gleichen Zeit hier aufleuchten sollte. Libeskind gewann das Herz der Nation, nicht aber das des Grundstückspächters, Larry Silverstein. Inzwischen haben auch die ökonomischen Gegebenheiten dafür gesorgt, dass Libeskinds gläserne Felsformation in wesentlich firmenfreundlichere Büroblocks übersetzt wurde, die eine Handvoll Pritzker-Preisträger zu verantworten haben, unter ihnen Norman Foster und Richard Rogers.

Snøhettas Memorial Museum ist so etwas wie ein „Libeskind light“. Die für Libeskind typische Ästhetik von Trauma und Tragödie ist durch einen milderen, skandinavischen Einschlag gefiltert. „Wir wollten dem Eindruck des Masterplans treu bleiben“, sagt Dykers, „aber das Gebäude soll nicht ängstigen.“ Im Inneren herrschen helles Holz und warme Naturtöne vor, „um einen Augenblick der Entspannung zu erzeugen, bevor man sich der Herausforderung stellt“. Das Auditorium und der kleine Raum, der den Familien der Opfer vorbehalten ist, sind handwerklich einwandfrei gemacht, aber sie versprühen nun die sanfte Atmosphäre einer Flughafen-Lounge.

Snøhettas Gebäude ist auch ein Opfer der juristischen und politischen Streitigkeiten geworden, die seit 2001 auf diesem Grundstück ausgetragen werden. Ursprünglich sollte es zehn Mal so groß sein und zusätzlich ein Museum für Menschenrechte und ein Zentrum für bildende Künste beherbergen. Im Grunde ist es nun eine bessere Eingangslobby für das, was tief darunter liegt: das eigentliche Memorial Museum der US-Firma Davis Brody Bond. Über eine Wendeltreppe geht es von Snøhettas lichtdurchfluteter Glaskonstruktion hinab in die ätherische Düsternis, vorbei an den verkrüppelten Sockeln der zwei Pfeiler, die man von außen bereits sieht. Eine lange, gewundene Rampe führt die Besucher 20 Meter unter die Erde. Der Weg ist mit Bedeutung aufgeladen: Er wird von den Wasserfällen gesäumt, die in einer Aluminiumhaut wie geisterhafte Kadaver der Twin Towers durch die Decke in die Tiefe stürzen, wo der Hauptteil der Ausstellung ist.

Auf diesem dunklen Holzpfad – der an die 200 Meter lange Rampe erinnern soll, auf der die Trümmer nach oben geschafft wurden – passiert man Stahlsäulen, die durch den Aufprall der Flugzeuge zu monströsen Klauen verdreht wurden, und einen gewaltigen Klumpen des Antennenmastes. Wohin man schaut, sieht man massivste Stahlplatten, aus denen sich Splitter mühelos wie Bleistiftspäne winden. Wie sie präsentiert werden, hinterlässt ein flaues Gefühl: An den Wänden und auf Sockeln, effektvoll ausgeleuchtet, sind sie zu schaurigen Kunstobjekten geadelt, ja fetischisiert. Diese Form architektonischer Bergung macht mehr Sinn, wo sie mit dem Weg der Besucher klug verwoben ist, etwa wenn die bröseligen Betonstufen, auf denen Überlebende in Sicherheit flüchteten, parallel zur Treppe verlaufen, auf der man nun in die Tiefe geht. Im Untergeschoss wiederum wurden subtil starke Akzente gesetzt, etwa indem die tragenden Pfeiler freigelegt wurden, die nun in einer stummen Linie den einstigen Grundriss der Türme markieren und als Schwelle zwischen dem Eingangsbereich und dem gravitätischen Ausstellungsbereich stehen.

Die letzte Säule

In den Ausstellungsräumen selbst werden dicht an dicht Dinge, die aus den Trümmern geborgen wurden, gezeigt. Es ist eine Auswahl der 10.000 Teile starken Sammlung: die verkohlten Reste der Axt eines Feuerwehrmannes, von der Hitze verbogene Autotüren, Schuhe, Hüte, Flaggen, Spielzeug und die Plakate, die während der neunmonatigen Bergung den Helfern Mut zusprachen. Aus ihnen ragt die „letzte Säule“ hervor, die ganz am Ende der Räumungsarbeiten entfernt wurde: Mit guten Wünschen bemalt und beklebt steht sie dort als Totempfahl der Hoffnung und Trauer. Persönliche Geschichten sind außerdem als Audio- und Videobeiträge zu sehen, dazu Berichte aus den Medien. Der Besucher, so formulieren es die Ausstellungsmacher, soll durch eine „Vielzahl subjektiver Stimmen“ navigieren, da eine endgültige Sicht auf die Ereignisse verfrüht und nicht angemessen wäre.

In mehr als einer Hinsicht ist das eine passende Metapher für die Situation über der Erde. Jedes Gebäude in diesem Block trägt nicht nur die Narben des emotionalen Traumas, sondern auch die der Kämpfe, die seit dem 11. September 2001 darum gefochten wurden, ob überhaupt, und wenn ja, was, dort gebaut werden darf. Das Gebäude des 9/11 Memorial Museum ist nicht nur vom Schmerz gezeichnet, für den dieser Tag steht, sondern auch von Kompromissen zwischen konkurrierenden Interessen, die Ground Zero seither beherrschen.

Oliver Wainwright ist Architekturkritiker des Guardian 

Das 9/11 Memorial Museum wurde am vergangenen Donnerstag auf Ground Zero von US-Präsident Barack Obama mit einem Festakt eingeweiht. Danach blieb der Besuch eine Woche lang den Überlebenden der Terroranschläge und den Hinterbliebenen vorbehalten.

Alle Opfer der Anschläge werden in der Ausstellung des Museums vorgestellt, dazu werden mehrere Tausend Fundstücke aus den Trümmern gezeigt. Das Museum soll aber nicht nur der Erinnerung an den 11. September 2001 dienen, sondern auch die Folgen fortlaufend erforschen und dokumentieren.

Vertreter von Muslim-verbänden hatten im Vorfeld kritisiert, dass insbesondere in einem Film über den Aufstieg von al-Qaida am Ende der Ausstellung nicht deutlich genug zwischen der Terrororganisation und dem Islam unterschieden werde.

Proteste gab es auch von Angehörigen, die sich dagegen verwahrten, dass nicht identifizierbare sterbliche Überreste in das Museum überführt wurden. New Yorks früherer Bürger- meister Michael Bloomberg erklärte dazu: „Etwa 3.000 Hinterbliebene halten das für eine gute Idee, und nur rund ein Dutzend sind dagegen.“

Seit dem 21. Mai 2014 ist das 9/11 Memorial Museum der Öffentlichkeit zugänglich. Der Eintritt kostet 24 Dollar.

 

 

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/14.

Kommentare (8)

CS Spuhr 08.06.2014 | 03:33

Ihren Verschwoerungstheorien in allen Ehren (ich bin auch ein Fan von guten Verschwoerungstheorien), aber ich sehe wirklich nicht, wie man in diesen Artikel einen Hinweis auf ae911truth haette einbauen koennen. Es geht um das Museum und um die Architektur.

Schreiben Sie doch einen Beitrag zu ae911truth und dem was dort so erzaehlt wird. Ich wuerde das zumindest sehr gespannt lesen. (und vielleicht, wenn Sie gut schreiben, sogar irgendwas davon glauben.)

Schade jedenfalls dass Libeskinds Entwuerfe nicht gemacht werden, es sah auf dem Papier sehr schoen aus.

Hunter S.T. 08.06.2014 | 10:27

Bei Gelegenheit werde ich vielleicht anfangen, hier Beitrage zu verfassen und nicht nur zu kommentieren, es gibt allerdings gerade zu 9/11 unzählige gut recherchierte Artikel. Ob diese 'gut geschrieben' liegt natürlich im Auge des Betrachters. Ich gebe Ihnen auf jeden Fall sehr gerne einige Vorschläge: Hintergrund.de macht einen sehr seriösen und sachlichen Eindruck (linke sidebar, unten '11. September und die Folgen). SchallundRauch kommt eher polternd daher (ändert aber nichts an der Stichhaltigkeit der Argumente; einfach bei Themen auf 911 klicken). Beim Kopp Verlag kann verschiedene Stile mehrerer Autoren betrachten (Suchfunktion nutzen). Natürlich gibt es noch unzählige weitere Websites und auch Dokus zu 911, wie etwa 9/11 Mysteries (was sogar mehrfach bei VOX lief, obwohl unsere Medien in der Regel komplett gleichgeschaltet sind, was Verschwörungstheorien anbelangt) oder Loose Change (einige Fehler aber auch viel korrektes drin). Sollten Sie ernsthaft und objektiv recherchieren, kommen Sie vielleicht auch zu dem Schluss, dass man gewisse Fragestellungen gar nicht oft genug wiederholen kann, solange sie nicht seriös beantwortet worden sind. Insofern wäre es mir lieb wenn in jedem Artikel der veröffentlicht wird, irgendwo ein Hinweis zu finden ist, dass die offizielle Verschwörungstheorie über 911 unhaltbar und deshalb die Beschneidung unserer Freiheit unnötig ist (das gilt natürlich insbesondere für Artikel, die mit 911 auch nur im Entferntesten zu tun haben). Des Weiteren könnte man auch schön kleine Spitzen einbauen, wie etwa 'der für seinen 'pull it'-Ausspruch berühmt berüchtigte L. Silverstein'. An 'guten Verschwörungstheorien' könnte ich Ihnen noch die 'Geschichten' rund um MKUltra, Fiat-Geld, Ponerologie und messianische Sekten (usw.) empfehlen.

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Ehemaliger Nutzer 11.06.2014 | 13:00

Ganz ehrlich? Wen juckts? Die Amerikaner beweinen sich selbst. Zivile Opfer, die sie seit Jahrzehnten weltweit produzieren, nun zur Abwechslung mal im eigenen Land, das ist ungewohnt. Aber man reagiert schnell und nutzt die Situation für zwei Kriege, den Ausbau der weltweiten Vorherrschaft und einen massiven Abbau elementarer Bürgerrechte. Man möchte eher ausspucken, wenn man 9/11 hört, nicht noch mehr über das verlogen-weinerliche Getue und der Selbstbeweihräucherung Amerikas lesen. Es HÄNGT einem zum Halse heraus!

Es bleiben auch nicht nur Narben, sondern nach wie vor viele, viele offene Fragen, etwa warum die Hauptzeugen nicht verhört werden können, sondern deren Aussagen nur durch den cia-Filter in irgendeinem Foltergefängnis tröpfeln oder warum man Osama sicherheitshalber gleich gekillt hat.

Wer diesen ganzen Terrorspuk glauben möchte... ich tue es nicht. Die plausibelste Theorie ist nach wie vor die, dass die Geheimdienste von einer Entführungsaktion echter Terroristen wußten und diese für ihre Zwecke ausnutzten. Und noch ordentlich nachgeholfen haben, damit die Sache dramatischer wird.

Dazu passt auch, dass das cia angeblich in der Lage ist, Passagierflugzeuge zu drohnen, also fernzusteuern.

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Ehemaliger Nutzer 11.06.2014 | 13:46

Keine Ahnung wo er nach der neuesten USA-Russland Konfrontation lebt, vielleicht wird er ähnlich gejagt wie Snowden. Ich konnte dazu nichts finden. Angesichts der Tatsache, dass er Voice of Russia Interviews gibt, ist das nicht so unwahrscheinlich.

Neulich hat er sich nämlich zu dem verschwundenen Flugzeug MH370 geäußert. In einem der verlinkten Videos wird auch sein Ausweis in die Kamera gehalten. Er scheint also zumindest keine komplette Erfindung der Russen zu sein. Auch die im Artikel genannten Verfahren sollten in den USA nachprüfbar sein.

Bedroht wird er offensichtlich schon, da steht auch, dass er in 2012 noch in den USA lebte.

Wahrscheinlich wird er einfach unter VT/Truther abgeheftet. Als Laie ist es auch schwer, seine Aussagen zu beurteilen, vielleicht ist er wirklich durchgeknallt. Andererseits stinkt 9/11 einfach zu sehr nach einem inside Job und seit Snowden wissen wir, wozu die Geheimdienste mit ihrem zusammengekauften KnowHow und entsprechenden Geheimgesetzen in der Lage sind.