Naturkatastrophen in Italien: Die Klimakrise ist an den Toren Europas angekommen

Klimakrise Die Überschwemmungen sind lediglich die jüngste Wetterkatastrophe, die Italien heimgesucht hat. Die Regierung plant endlich Maßnahmen zur Anpassung an die Klimakrise, die längst in Europa angekommen ist
Nach der Dürre kam in Italien die Überschwemmung
Nach der Dürre kam in Italien die Überschwemmung

Foto: Alessandro Serrano/AFP via Getty Images

In dieser Woche fiel in Teilen der norditalienischen Region Emilia-Romagna in nur 36 Stunden die Hälfte der durchschnittlichen jährlichen Niederschlagsmenge. Flüsse traten über die Ufer und Tausende Hektar Ackerland wurden überschwemmt. Bis Donnerstagabend waren schätzungsweise 20.000 Menschen obdachlos geworden und 13 Tote bestätigt.

Dies ist nur die jüngste Wetterkatastrophe, die das Land heimgesucht hat. Vor sechs Monaten starben auf der südlichen Insel Ischia 12 Menschen bei einem durch sintflutartige Regenfälle ausgelösten Erdrutsch. Elf weitere kamen im vergangenen September bei Sturzfluten in der zentralen Region Marken ums Leben. Im Juli letzten Jahres, während einer Hitzewelle und der schlimmsten Dürre in Italien seit mindestens sieben Jahrzehnten, kamen bei einem Gletschersturz in den italienischen Alpen 11 Menschen ums Leben.

Es ist noch zu früh für eine Studie, um festzustellen, wie viel schlimmer oder wahrscheinlicher die Überschwemmungen dieser Woche durch die vom Menschen verursachte globale Erwärmung verursacht wurden.

Frontlinie der Klimakrise in Europa angekommen

Doch in ganz Europa nehmen mit dem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre auch die Wetterextreme zu: In Spanien und Südfrankreich wurden die Landwirte in den vergangenen Jahren von einer Dürre heimgesucht, und im vergangenen Jahr gab es auf dem gesamten Kontinent Hitzewellen von nie gekanntem Ausmaß.

„Der Klimawandel ist da und wir erleben die Folgen. Er ist keine ferne Aussicht, sondern die neue Normalität“, sagte Paola Pino d'Astore, Expertin bei der Italienischen Gesellschaft für Umweltgeologie (SIGEA), gegenüber Reuters.

Nach Ansicht von Experten ist Italien aufgrund seiner geografischen Lage besonders anfällig für Klimakatastrophen: Die unterschiedlichen geologischen Gegebenheiten machen das Land anfällig für Überschwemmungen und Erdrutsche, während die rasche Erwärmung der Meere auf beiden Seiten das Land bei steigenden Temperaturen anfällig für immer stärkere Stürme macht.

Foto: Federico Scoppa/AFP via Getty Images

Die Frontlinien der Klimakrise befanden sich bisher im Globalen Süden, was zu der oft wiederholten Aussage führte, dass diejenigen, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, die schlimmsten Auswirkungen zu spüren bekommen. Aber für Italien und wahrscheinlich bald auch für den Rest Europas steht der Feind vor den Toren.

Im August letzten Jahres wurde an einer Wetterstation in der Nähe von Syrakus auf der südlichen Insel Sizilien eine Temperatur von 48,8 Grad Celsius gemessen, was als die höchste jemals in Europa gemessene Temperatur gilt. Während die Welt einen aussichtslosen Kampf führt, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen unter 1,5 Grad zu halten, sind die Durchschnittstemperaturen in Italien in den letzten zehn Jahren bereits um 2,1 Grad Celsius höher als in vorindustriellen Zeiten.

Anpassung geschieht mit Verzögerung

Laut Coldiretti, einer nationalen Bauernvereinigung, wurden im letzten Sommer fünfmal so viele extreme Wetterereignisse wie vor zehn Jahren registriert, darunter Tornados, riesige Hagelkörner und Blitzeinschläge. Und wie in vielen Teilen der Welt, die bereits die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen, sind es die Landwirte, die am meisten leiden: Die schwere Dürre im letzten Jahr führte zu einem Rückgang der Ernteerträge um bis zu 45 Prozent.

Die Umweltorganisation WWF Italia erklärte, dass die Beseitigung der wasserabsorbierenden Wälder und der Vegetation entlang der Flussufer in der Emilia-Romagna die Katastrophe diese Woche noch verschlimmert habe. Dreiundzwanzig Flüsse traten über ihre Ufer. Experten zufolge ist dies das Ergebnis jahrelanger, oft ungeregelter Bautätigkeit und industrieller Landwirtschaft.

Trotz des Crescendos extremer Wetterkatastrophen fangen die italienischen Politiker gerade erst an, einzugreifen. Das Umweltministerium hat im Dezember 2022 den ersten nationalen Plan zur Anpassung an den Klimawandel veröffentlicht – nach fast vier Jahren Verzögerung. „Eine Politik zur Anpassung an den Klimawandel, die über die Bewältigung von Notfällen hinausgeht und die Auswirkungen der normalen Planung berücksichtigt, wird immer dringender“, so der WWF Italia in einer Erklärung.

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Übersetzung: Alina Saha
Geschrieben von

Damien Gayle | The Guardian

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