Nervös? Panisch!

Schwangerschaft Frauen mit Kinderwunsch sind glücklich, wenn sie endlich schwanger sind – denkt man. Das gilt aber nicht für alle. Jede sechste Schwangere hat extreme Angst vor der Entbindung

Ich liege im Krankenhaus und zittere vor Angst. Es ist niemand da, den ich kenne; nur Ärzte und Hebammen beugen sich über mich und bewegen lautlos die Lippen. Die Wehen nehmen kein Ende und ich bin furchtbar verwirrt. Aber wie kann ich, die ich doch nie schwanger werden wollte, denn in den Wehen liegen?

So oder so ähnlich sieht es aus, wenn mich mein Unbewusstes in regelmäßigen Abständen an meine schreckliche Angst erinnert, Kinder zur Welt zu bringen. Die Alpträume begannen, als ich ein Teenager war. Ich konnte mir schon damals nicht vorstellen, jemals die Schmerzen der Geburt zu ertragen. Seitdem gerate ich schon in Panik, wenn ich nur eine schwangere Frau sehe: meine Hände zittern, mein Herz rast.

Ich hatte mich bereits an den Gedanken gewöhnt, dass ich keine Kinder haben würde. Als aber eine Freundin nach der anderen eine Familie gründete, ließ mich der Anblick der glücklichen Mütter meine Angst kurzzeitig vergessen und vor sechs Monaten wurde ich dann selbst schwanger. Zunächst schien es mich nicht weiter zu bekümmern, schließlich blieb mir noch fast ein Jahr Zeit. Dann aber kam die Angst wieder und nahm fortan immer mehr zu.

Jede sechste Frau ist betroffen

Die extreme Angst vor der Entbindung, auch Tokophobie genannt, wurde zum ersten Mal im Jahr 2000 von Dr. Kristina Hofberg als eigenständiges Krankheitsbild diagnostiziert. Jede sechste Frau ist von ihr betroffen. Hofberg unterteilt die Betroffenen in zwei Gruppen: primäre Tokophobikerinnen, die die Entbindung nur fürchten, so lange sie noch nicht schwanger sind, und sekundäre Tokophobikerinnen, deren Angst von einer traumatischen Geburt herrührt.

Für mich als primäre Tokophobikerin ist die Tatsache, dass es sekundäre gibt, natürlich eine Bestätigung. Was die Tokophobie nun von den ganz normalen Ängsten aller werdenden Mütter unterscheidet, ist das Ausmaß der Furcht. Manche Tokophobikerinnen glauben, sie müssten sterben, andere stellen sich vor, das, was im Falle einer Schwangerschaft auf sie zukäme, läge jenseits des Erträglichen. Am weitesten verbreitet ist die Angst vor der vaginalen Entbindung, die in keiner Relation zu der Angst steht, die manche vor einem Kaiserschnitt haben. Viele haben aber vor beidem Angst gleich viel Angst.

Für viele ist die Vorstellung, dass ein Baby in ihnen heranwächst, zutiefst beunruhigend. Oft stürzen sie sich dann geradezu auf Geschichten, die sie in ihrer Angst vor den Geburtsschmerzen bestätigen.

Alison Ellerbrook erging es während ihrer Schwangerschaft mit ihrer Tocher Isobel ähnlich: „Ich habe alles über die Entbindung gelesen, was ich kriegen konnte, aber das führte nur dazu, dass meine Phantasie immer mehr mit mir durchging. Ab dem siebten Monat hatte ich dann regelmäßig Weinkrämpfe, Panikattacken und schreckliche Alpträume wegen der Wehen. Ich sagte meinem Mann, dass ich es nicht schaffe. Im Schwangerschaftskurs sprachen die anderen auch darüber, dass sie nervös seinen, aber das war etwas anderes. Ich hatte wirklich Todesangst.“

Schwangerschaft nur gegen Zusicherung eines Kaiserschnitts

Unglücklicherweise waren Alisons Wehen dann besonders lang und kompliziert. „Ich hatte das Gefühl, nicht mehr in meinem eigenen Körper zu stecken. Am Schluss standen 13 Leute am Fuße meines Bettes. Ich kam mir vor wie ein Stück Fleisch – ich hatte keinerlei Würde mehr und stand vollkommen unter Schock.“ Sie hatte Flashbacks, litt unter postnataler Depression und posttraumatischer Belastungsstörung. Sie brauchte zwei Jahre um sich zu erholen. Liebend gerne hätte sie ein zweites Kind, hält dies aber für ausgeschlossen. Sie verwendet zwei verschiedene Formen der Empfängnisverhütung, was für Tokophobikerinnen nicht unüblich ist, und wird solange keine Schwangerschaft mehr zulassen, bis ihr zumindest ein Kaiserschnitt zugesichert wird.

Der Psychotherapeut Graham Price, der schon viele Patientinnen mit Tokophobie behandelt hat, sagt, es gebe einige bestimmte Auslöser. Opfer sexuellen Missbrauchs und Frauen, die zu Angstzuständen neigen, seien stärker gefährdet. Die Angst kann entstehen, wenn man als Mädchen zu früh eine besonders grausame Geschichte über eine Entbindung erzählt bekommt oder Bilder sieht, die einem Angst machen. Die Schauspielerin Hellen Mirren ist davon überzeugt, dass ein Aufklärungs-Video, das sie sich in der Schule ansehen musste, ihr die Angst vor den Wehen einbrachte. „Ich könnte schwören, dass mich das bis zum heutigen Tag traumatisiert hat“, sagte sie 2007 in einem Interview. „Ich habe keine Kinder und kann heute nichts anschauen, was irgendwie mit der Geburt zu tun hat. Es ekelt mich einfach zu sehr.“

Faustschläge in den Unterleib

Price sagt, dass ernsthafte Tokophobikerinnen alles tun, um eine Schwangerschaft zu vermeiden: „Sie gehen keine langfristigen Beziehungen ein oder nehmen heimlich Verhütungsmittel, während sie nach außen hin so tun, als würden sie versuchen, eine Familie zu gründen.“ Manche, die sich unbedingt ein Kind wünschen, werden schwanger, lassen dann aber von heute auf morgen abtreiben. Andere versuchen durch Überbelastung, Faustschläge in den Unterleib, Trinken oder Rauchen einen Abgang herbeizuführen. Tokophobikerinnen verlieren Partner und Ehemänner und fühlen sich oft von ihrer Umgebung verurteilt.

Jeder Tokophobikerin liegt das Recht auf einen Kaiserschnitt am Herzen. Diesen Frauen wird oft unterstellt, sie seinen sich zu fein für eine vaginale Entbindung, das British Journal of Obstetrics and Gynaecology kam aber im Jahr 2008 zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der Frauen, die nach einem Kaiserschnitt verlangen, dies nicht aus Gründen der Eitelkeit oder leichtfertig tun, sondern weil sie Angst haben.
Maureen Treadwell von der British Trauma Association sagt, ein Kaiserschnitt würde für viele Frauen mit Tokophobie eine Lösung darstellen, vielen werde aber im Vorfeld keiner garantiert. „Ärzte und Hebammen sagen ihnen, sie sollen erst einmal abwarten, wie sie sich fühlen. Das erhöht ihre Angst aber nur noch zusätzlich und bringt manche dazu, nach einem Abbruch zu verlangen. Ein derartiger Mangel an Einfühlungsvermögen erscheint mir äußerst grausam.“

Schuld sind Schauergeschichten

Bei der Mehrzahl der Frauen verläuft die Entbindung aber natürlich nicht traumatisch, unterstreicht Barbara Kott, die auf 30 Jahre Erfahrung in der Schwangerschaftsvorbereitung zurückblicken kann. „Die meisten sind überrascht und empfinden die Wehen als weniger schlimm, als sie erwartet hatten. Ein Teil des Problems sind die Schauergeschichten, die Frauen in der Schwangerschaft erzählt werden. Die Leute neigen dazu, die wenigen negativen Geschichten überzubewerten, statt sich an die Mehrzahl der guten zu halten. Ein weiterer Grund liegt in der Art und Weise, wie Entbindungen im Fernsehen dargestellt werden: Das ist immer ein Drama. Die Menschen müssen schnell ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie stark bluten. Das entspricht einfach nicht der Realität. Die allermeisten Geburten verlaufen absolut komplikationsfrei und für die allermeisten Frauen ist es eine überaus positive Erfahrung. Ich versuche der Angst entgegenzutreten, indem ich darauf hinweise, wie gut der weibliche Körper für die Geburt eingerichtet ist.“ Mehrere seiner Patientinnen, die kurz vor einem Abbruch standen, konnten auf natürliche Weise gebären, nachdem sie mit einem Psychotherapeuten ergründeten, was das Trauma ausgelöst hatte.

Ich für meinen Teil will aber dennoch unbedingt einen Kaiserschnitt und habe meine Ärztin schon nach dieser Möglichkeit gefragt, bevor ich schwanger wurde. Damals meinte sie, dies dürfte kein Problem sein, jetzt scheint sie schon wesentlich weniger sicher und ich bereite mich deshalb auf eine natürliche Geburt vor. Ich versuche einfach, immer an die Worte meiner Ärztin zu denken und sage mir immerzu, dass es gar nicht so schrecklich werden muss. Aber insgeheim hoffe ich auf eine Steißlage – das ist mein Freifahrtschein zu einem chirurgischen Eingriff.

Einige Namen wurden geändert.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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08:30 06.03.2010
Geschrieben von

Jessie Hewitson | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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