Nest ohne Junge

Serien Das Fernsehen entdeckt den Trend zur Leihmutter. Mit überraschenden Folgen für die Familienplanung

Auch wenn Zustände wie in der Republik Gilead aus Margaret Atwoods Romanvorlage The Handmaid’s Tale (deutsch: Der Report der Magd) noch fern sind, begegnet der Kinderwunsch immer höheren Hürden. Bedingt durch gesellschaftliche Entwicklungen und ökonomische Zwänge wird eine Schwangerschaft oft hinausgezögert, bis eine natürliche Empfängnis ausgeschlossen ist, während zugleich der finanziell gebeutelte staatliche Gesundheitsdienst in Großbritannien die Möglichkeit zur künstlichen Befruchtung einschränkt. Seit Beginn des Jahres wurden in 13 englischen Regionen entsprechende Behandlungen gekürzt oder vollständig eingestellt, und in acht weiteren Regionen wird über ähnliche Maßnahmen nachgedacht. Vor diesem Hintergrund sprang die Anzahl der in Großbritannien von Leihmüttern ausgetragenen Babys zwischen 2011 und 2015 von 117 auf 331. Für 2016 wird von mehr als 400 derartigen Geburten ausgegangen, wobei viele Paare sich für kostspielige ausländische Angebote entscheiden (für 2015 führt die Statistik insgesamt 57 unterschiedliche Länder auf).

Mithin verwundert es nicht, dass im Zentrum von zwei der herausragenden Fernsehserien des Jahres die Möglichkeit der Fremdgeburt steht. Die Rede ist von The Handmaid’s Tale und Top of the Lake: China Girl, beide mit Elisabeth Moss. Die eine Serie entwirft ein dystopisches Zukunftsbild der USA, die andere spielt im Sydney der Gegenwart, doch beiden ist gemein, dass eine privilegierte Klasse von der Geißel der Zeugungsunfähigkeit geplagt wird, als deren alles andere als einfache Kur die Leihmutterschaft erscheint.

Schwangere Teenager

Dagegen ging es früher in Serien durchaus noch amüsant zu, wenn die Familienplanung ein wenig unkonventionell verlief. Als etwa in Friends Phoebe für ihren getrennt von ihr aufgewachsenen Halbbruder Drillinge bekam oder die Manhattanites Monica und Chandler sich um eine einfältige schwangere Teenagerin aus dem Mittleren Westen kümmerten, war dies lediglich Stoff für die üblichen Witze. Nicht zuletzt lieferte die Problematik der Leihmutterschaft den Stoff für die Sitcom The New Normal von 2012/2013, und in Indien – wo die kommerzielle Leihmutterschaft 2002 legalisiert wurde (momentan wird allerdings ein entgegengesetztes Gesetzesvorhaben diskutiert) – ist das Thema seit langem in Soaps populär.

Ausgebeuteten Frauen begegnen wir in Top of the Lake: China Girl, thailändischen Prostituierten, die in Sydney leben und sich wohlhabenden australischen Paaren als illegale Leihmütter zur Verfügung stellen. Das Problem der Kinderlosigkeit nimmt in der Serie breiten Raum ein, schlug in dem Zusammenhang aber auch jenseits des Bildschirms Wellen. Als Robin Griffin (Moss) von ihren drei Fehlgeburten berichtet, soll darin „eine Botschaft der Natur“ erkannt werden.

Körper, aus Not vekauft

Indes lebt Griffins tatsächliche Tochter, die Teenagerin Mary (gespielt von Alice Englert, der 22-jährigen Tochter Jane Campions, der Ko-Autorin und Ko-Regisseurin von TotL), als Adoptivkind bei der nicht zeugungsfähigen Julia, dargestellt von Nicole Kidman, die 2010 selbst ein Kind von einer Leihmutter austragen ließ.

Die implizite Gleichsetzung von Leihmutterschaft und Prostitution in TotL ist keineswegs unproblematisch, zeigt jedoch das erwachende Bewusstsein der Fernsehsender für die globale politische Komponente der Fertilität. Im Wirtschaftsleben einer westlichen Stadt wie Sydney beruhen beide Gewerbe auf der „Entscheidung“ einer einzelnen Frau, ihren Körper zu verkaufen, wenngleich ihr angesichts ökonomischer Not oft keinerlei Wahl bleibt.

Darüber hinaus dient die Unfruchtbarkeit oftmals auch als Metapher für die sich abzeichnende Umweltkatastrophe, die jeden von uns mit Sorge erfüllen sollte. Zu sehen ist dies etwa in The Handmaid’s Tale, wo dem Aufstieg des totalitären Staats eine durch Umweltverschmutzung gesunkene Geburtenrate vorangeht.

Die neuen Serien interessieren sich allerdings weniger für die ökologischen Ursachen der Unfruchtbarkeit als vielmehr für deren emotionale Folgen. Mit besonderer Leidenschaft malen sie einen spezifisch weiblichen Körperhorror aus, man denke etwa an die wimmernden Föten in den Traumsequenzen von TotL oder daran, wie Ofglen in The Handmaid’s Tale mit bandagiertem Geschlecht aufwacht – ein ungeheures globales Unrecht erhält auf diese Weise einen zutiefst persönlichen Anstrich.

Doch wie persönlich wird es tatsächlich? Alice Englert zumindest erklärte, dass ihre beängstigend genaue Darstellung der Grausamkeit, die Teenager bisweilen ihren Eltern zufügen (und umgekehrt), nicht auf wahren Erfahrungen gründen würde: „Glücklicherweise entspricht die Beziehung im Film nicht unserer tatsächlichen Beziehung!“ Aber auch wenn sie ihre Ko-Stars Moss und Kidman als „verdammt coole Mütter“ beschreibt, liefert TotL ein sehr viel belasteteres Bild von Mutterschaft, als es der entspannten Atmosphäre hinter den Kulissen entspricht.

Ellen E. Jones ist freie Autorin vor allem für Film und Fernsehen beim Guardian

Übersetzung: Sven Scheer

06:00 24.09.2017
Geschrieben von

Ellen E. Jones | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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