Jimmy Wales
03.03.2011 | 15:00

Netz der Selbstkontrolle

GuttenPlag Für Wikipedia-Gründer Jimmy Wales beweist der Fall zu Guttenberg: Das Netz korrigiert die Auswüchse, die ihm vorgeworfen werden, selbst. In diesem Fall mit GuttenPlag

In den zurückliegenden Wochen wurde die Welt Zeuge, wie im ganzen Nahen Osten Diktatoren von Protesten ihrer Bürger gestürzt wurden. Diese Revolutionen wurden als „Twitter-" oder „Facebook-Revolutionen“ bezeichnet. Das ist zwar zu einem gewissen Grad übertrieben, jedoch auch nicht völlig realitätsfern. Die Wahrheit ist immer komplexer und interessanter, als Gemeinplätze es erfassen könnten.

Es lohnt sich, den Blick über diese aktuellen Ereignisse hinaus darauf zu richten, was sonst noch so passiert. Welcher anderen Hilfsmittel bedienen die Menschen sich, um größere Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit von den Institutionen einzufordern? Wie kann man – online oder offline – mit denkenden Menschen zusammenkommen, die bestrebt sind, eine bessere Welt zu schaffen?

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten, nachdem bekannt geworden war, dass es sich bei Teilen seiner Doktorarbeit um Plagiate handelt. Bei der Aufdeckung kam Online-Tools eine bedeutende Rolle zu: Beinahe zwei Wochen lang arbeitete eine Gruppe von Leuten daran, jene Abschnitte seiner Arbeit zu identifizieren, die unmittelbar aus anderen Quellen abgekupfert worden waren. Als ihnen klar wurde, dass Google Docs –  ein überaus nützliches Tool für die Zusammenarbeit innerhalb kleiner Gruppen – nicht die geeignete Plattform für  Projekte mit einer großen Zahl von Beteiligten ist, schufen sie ein „Wiki“ (eine Seite für Gemeinschaftsarbeiten), GuttenPlag, quasi eine PlagiPedia, um die Sache stemmen zu können.

Dieses Wiki legte einen Schnellstart hin – wurde es noch am 16. Februar 2011 kein einziges Mal aufgerufen, waren es zwei Tage später bereits zwei Millionen Aufrufe. Eine Untersuchung durch die Universität Bayreuth führte zur Aberkennung des Guttenbergschen Doktortitels – eine Entscheidung, die Deborah Weber-Wulff, Professorin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, als schnellste einer deutschen akademischen Einrichtung innerhalb der letzten vierhundert Jahre bezeichnete.

In der vergangenen Woche wurde ein zweites Wiki gegründet, um zu untersuchen, ob die von der London School of Economics entgegengenommene Doktorarbeit des Gaddafi-Sohnes Saif geklaute Stellen enthält. Wenige Tage später ging der britische Media Standards Trust mit einer Webseite namens churnalism.com an den Start, die bei der Offenlegung von Plagiaten in der Medienwelt behilflich sein soll.

Copy-and-Paste-Kultur und ihre Korrektur

Dem Internet wird vorgehalten, eine „Copy-and-Paste“-Kultur des unkritischen Abschreibens hervorgebracht zu haben. Vor allem Lehrer und Hochschuldozenten beschweren sich regelmäßig über Arbeiten, die direkt der von mir betriebenen Internetseite Wikipedia entnommen wurden. Doch Seiten wie GuttenPlag und churnalism.com zeigen nicht zuletzt, dass das Netz sehr wohl in der Lage ist, seine eigenen Auswüchse zu korrigieren.

Natürlich hat Saif Gaddafi sich weit mehr zu Schulden kommen lassen als Plagiarismus. Aber seine Geschichte an der LSE ist ein Schandfleck für die Institution und insbesondere für die Gutachter wie Lord Desai, die seine Dissertation angenommen haben. Wir mögen ihnen einiges davon verzeihen können – so ist es nicht einfach, Plagiate zu entdecken, zumal wenn das Gutachterkomitee nur aus wenigen Experten besteht. In der Welt der Open-Source-Software sagen wir: „Viele Augen machen alle Bugs platt.“ Dem getreu kann die Suche nach Plagiaten sich weit effektiver gestalten, wenn nicht nur ein paar wenige, sondern viele Leute daran beteiligt sind.

Die Möglichkeiten für Aktivitäten einer Community, wie die Wikis sie bieten, nehmen täglich zu, da mehr Menschen online aktiv werden und der Online-Aktivismus über das hinaus reift, was durchaus angemessen als „Clicktivismus“ verlacht wurde – als die Masche, den „Like“-Button für irgendeinen Zweck zu drücken oder einen einzigen Tweet zu versenden und schon zu denken, man hätte etwas getan.

Einige, darunter der Journalist und Buchautor Malcom Gladwell, haben die Idee der „Twitter-Revolutionen“ mit den Worten kritisiert, flüchtige und unbeständige Netzwerke von Menschen, die einander nicht kennen, seien weder der Anfang noch das Ende des Aktivismus, auch wenn sie daran Anteil gehabt hätten. Damit hat Gladwell nicht ganz unrecht, er übersieht jedoch die festen Netzwerke, die sich im Internet bilden. Netzwerke von Menschen, die sich seit Jahren, nicht nur aus Begegnungen im World Wide Web, sondern von Angesicht zu Angesicht kennen; Netzwerke von Menschen, die – wie bei Wikipedia – eine Menge Zeit damit verbringen, zu diskutieren, zu debattieren, zu lernen und leidenschaftlich an der Richtigkeit der Dinge zu arbeiten.

Wir werden erst in vielen Jahren um die ganze Geschichte der Aufstände in Ägypten, Tunesien und Libyen wissen. Dann aber werden wir sicher erkennen, dass diese Revolutionen zwar mit der Geschwindigkeit des Internet entstanden und dass Mobiltelefone, SMS, Facebook und Twitter wichtige Werkzeuge für die Organisation dieser Volksbewegungen waren, aber auch etwas viel Tiefgreifenderes vor sich ging. Diese Revolutionen wurden durch Menschen hervorgebracht, die sich Gedanken machten, über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiteten, Freunde fanden, Pläne schmiedeten und einander in ihren Hoffungen und Träumen für eine gemeinsame Zukunft unterstützten.

Mit dem Thema "Welche Tools und Konventionen braucht die Remix-Generation? Urheberrecht und der verantwortungsvolle Umgang damit in digitalen Zeiten" befasst sich der Workshop "code4copyleft" im Rahmen des Medienkongresses Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt, den der Freitag gemeinsam mit der taz am 8. und 9. April im Haus der Kulturen der Welt in Berlin veranstaltet. Das gesamte Programm erreichen Sie durch einen Klick auf den Programm-Button

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman