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Netzgeschichten Tony Blairs Autobiographie "A Journey" steht in vielen britischen Buchläden nicht unter Politik, sondern in der Krimi- oder Fantasy-Abteilung – dank Facebook

Als der ehemalige britische Premierminister Tony Blair seine Autobiographie A Journey verfasste, dürfte er nicht geahnt haben, dass er einen Krimi schrieb. Bis zum Freitag schlossen sich mehr als 11.500 Facebook-Nutzer der Gruppe Subversively move Tony Blair’s memoirs to the crime section in bookshops an – Stelle Tony Blairs Memoiren heimlich in die Krimi-Abteilungen der Buchläden. Innerhalb eines Tages wurde eine dreistellige Zahl von Bildern eingestellt, auf denen das Buch an allen möglichen Orten zu sehen ist, nur nicht dort, wo es ursprünglich einmal stand. Ziel der Aktion ist es, „dass Buchhandlungen sich Gedanken darüber machen, wo sie den größten Kriegsverbrecher unserer ­Generation einordnen“, heißt es in der ­Facebook-Gruppe.

Diese wurde von dem Krankenpflegeschüler Euan Booth gegründet. Der 24-Jährige sagt: „Ich war wütend darüber, dass Blair immer noch in der Gegend herumspazieren und den Leuten seine Lügen auftischen konnte. Der Krieg basierte auf Lügen und wir zahlen noch immer den Preis dafür.“ Zuerst habe er überlegt, die Bücher mit Kunstblut zu beflecken, sagt Booth. Er entschied sich dann aber für die Facebook-Aktion. „Eine sehr englische Art, seine Meinung auszudrücken“, wie er findet. „Es ist boshaft, aber niemand kommt zu Schaden.“

Vergangenen Samstag wurde Blair mit Schuhen und Eiern beworfen, als er zur ersten Signierstunde eintraf, vier Leute wurden verhaftet. Diese Form des Protests lehnt Booth ab. Er unterstreicht auf seiner Facebook-Seite den friedlichen Charakter. Wenn Blair auf diese Weise „etwas davon mit­bekommt, was die Leute über ihn denken, bin ich zufrieden. Er verdient zwar nichts an dem Buch, verfügt aber über eine Möglichkeit, seine Ansichten zu verbreiten, die mir verwehrt bleibt. Das versuche ich zu ändern.“

Und die Gruppenmitglieder? Bei Facebook schlägt ein Gordon vor, das Buch ins Regal für Dark Fantasy zu stellen, eine Eva bringt unter Verweis auf die Abschnitte, in denen Blair überschwänglich über sein Liebesleben schreibe, den Platz „neben den Schnulzen“ ins Spiel. Laurie fotografierte das Buch in einem Supermarkt neben einem Wischmopp, weil es dort keine Krimiabteilung gibt. Und Jill berichtete, sie habe ein Buch „in die Science-Fiction-Abteilung gestellt, eines ins Regal mit tragischen Lebensgeschichten und eines in die Horror-Abteilung. Ich denke, alle diese Kategorien treffen zu. Ich habe mehrere Leute schmunzeln sehen, als sie das Buch in der Horror-Abteilung sahen.“

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10:30 11.09.2010
Geschrieben von

Alexandra Topping | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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