Nicht ablenken lassen, bitte

Klima Der Fokus auf Überbevölkerung entlässt die Reichen aus der Verantwortung für eine Krise, die diese selbst anheizen. Ihr Konsum ist das eigentliche Problem
| The Guardian | 11
Aber Schuld sind immer die anderen – vor allem wenn sie arm und nicht weiß sind
Aber Schuld sind immer die anderen – vor allem wenn sie arm und nicht weiß sind

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Vergangenen Monat wurde eine große Studie veröffentlicht, nach der die globale Bevölkerung wahrscheinlich viel schneller ihren Höhepunkt erreichen und dann wieder einbrechen wird, als die meisten Wissenschaftler*innen angenommen hatten. Als ich das las, nahm ich ganz naiv an, dass die Menschen in den reichen Ländern endlich aufhören würden, das Bevölkerungswachstum für alle Umweltprobleme der Welt verantwortlich zu machen. Aber weit gefehlt: Es scheint sogar schlimmer geworden zu sein.

Die britische Geburtenstreik-Bewegung – gegründet von Frauen, die durch die Ankündigung, auf Kinder zu verzichten, auf den drohenden Umweltkollaps aufmerksam wollen – wird sich selbst auflösen. Der Grund: Ihr Anliegen sei zu stark und anhaltend von Leuten vereinnahmt worden, die Bevölkerung zu ihrem zentralen Thema machen. Die Geburtenstreik-Gründerinnen sagen, sie hätten „die Macht der ‚Überbevölkerung’ als zunehmende Form der Leugnung des Klimakollapses unterschätzt“.

Es ist richtig, dass in einigen Teilen der Welt das Bevölkerungswachstum für bestimmte Umweltschäden verantwortlich ist. Beispiele sind die Ausbreitung kleinbäuerlicher Landwirtschaft in den Regenwald hinein, der Handel mit Buschfleisch und wachsende Nachfrage nach Wasser und Land für Wohnraum. Aber ihre globale Auswirkung ist viel kleiner, als viele Leute behaupten.

Die Formel für die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ist einfach, wird aber weithin falsch verstanden: Impact (Auswirkung) = Population (Bevölkerung) x Affluence (Wohlstand) x Technology (Technologie), also I = PAT. Die globale Konsumwachstumsrate betrug vor der Pandemie jährlich 3 Prozent. Das Bevölkerungswachstum liegt bei einem Prozent. Manche Leute schließen daraus, dass der Anstieg der Bevölkerung für ein Drittel der Konsumzunahme verantwortlich ist. Aber das Bevölkerungswachstum konzentriert sich überwiegend auf die ärmsten Menschen der Welt, die kaum ein A oder T besitzen, dass mit ihrem P zu multiplizieren wäre. Der zusätzliche Ressourcenverbrauch und die Treibhausgasemissionen wegen der wachsenden Bevölkerung sind nur einen kleinen Bruchteil dessen, was der Anstieg des Konsums ausmacht.

Weitermachen und „die anderen“ wegwünschen

Trotzdem wird der Bevölkerungsanstieg weit verbreitet als allgemeingültige Erklärung für den Klimakollaps benutzt. Die Panik vor einem Bevölkerungsanstieg ermöglicht es denjenigen, die am stärksten verantwortlich sind für die Auswirkungen des wachsenden Konsums – nämlich die Reichen –, denen die Schuld zuzuschieben, die am wenigsten verantwortlich sind.

Auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos sagte die Menschenaffenforscherin Jane Goodall, Schirmherrin der Organisation „Population Matters“, vor den versammelten „Pollutokraten“ (Wohlhabende mit einem umweltschädigenden Lebens- und Businessstil), von denen einige ökologische Fußabdrücke haben, die tausendfach größer sind als der des globalen Durchschnitts: „All diese Dinge, über die wir reden, wären kein Problem, wenn wir eine Bevölkerungszahl wie vor 500 Jahren hätten.“ Ich bezweifle, dass einer oder eine von denen, die nickten und klatschten, dabei dachte: „Ja, ich muss hier dringend verschwinden.“

Im vergangene Jahr war Goodall in einer Werbung für British Airways zu sehen, deren Kunden während eines Fluges mehr Treibhausemissionen verursachen als viele Menschen auf der Welt in einem Jahr. Wenn wir die globale Bevölkerungszahl von vor 500 Jahren hätten (rund 500 Millionen) und sie alle aus durchschnittlichen britischen Flugpassagieren bestünden, wären die Auswirkungen auf die Umwelt wahrscheinlich größer als die der 7,8 Milliarden heute Lebenden.

Goodall machte auch keinen Vorschlag, wie ihr Traum wahr werden könnte. Das könnte es sein, was ihn attraktiv macht. Ebendiese Ohnmacht ihres Aufrufs ist für diejenigen beruhigend, die keine Veränderung wollen. Wenn die Antwort auf die Umweltkrise ist, andere Leute wegzuwünschen, können wir genauso gut aufgeben und weiter konsumieren.

Eine Prise Rassismus gefällig?

Die exzessive Betonung des Bevölkerungswachstums hat eine dunkle Vorgeschichte. Seit die Kirchenmänner Joseph Townsend und Thomas Malthus im 18. Jahrhundert ihre Traktate schrieben, wurden für Armut und Hunger nicht Hungerlöhne, Krieg, schlechte Regierung und Ausbeutung von Besitz durch die Reichen, sondern die Geburtenraten der Armen verantwortlich gemacht. Winston Churchill, der die Hungerkrise in Bengalen 1943 durch den massenhaften Export indischen Reises mit verursacht hatte, erklärte ihn dadurch, dass die Inder „sich wie Kaninchen fortpflanzen“. Im Jahr 2013 stellte Sir David Attenborough – ebenfalls Schirmherr von Population MattersHungersnöte in Äthiopien fälschlich als Problem von „zu vielen Leuten für zu wenig Land“ dar und vertrat die Ansicht, Lebensmittelhilfe sei kontraproduktiv.

Ein weiterer Schirmherr der Organisation ist Paul Ehrlich, dessen falsche Vorhersagen in Bezug auf Massenhungersnöte zur aktuellen Bevölkerungspanik beigetragen haben. Er schlug einmal vor, die USA sollten Indien dazu „zwingen“, „alle männlichen Inder mit drei oder mehr Kindern zu sterilisieren“, indem sie Lebensmittelhilfe an diese Politik knüpft. Dieser Vorschlag ähnelt dem brutalen Programm, das die bei einem Attentat umgekommene indische Premierministerin Indira Ghandi später mit der finanziellen Unterstützung der UN und der Weltbank einführte. Britische Hilfsgelder finanzierten noch 2011 unausgereifte und gefährliche Sterilisationen in Indien mit der Begründung, diese Politik trage zur „Bekämpfung des Klimawandels“ bei. Einige der Opfer des Programms behaupten, sie seien zur Teilnahme gezwungen worden. Zur gleichen Zeit gab die britische Regierung Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern für den Ausbau der Kohle-, Gas- und Öl-Produktion in Indien und anderen Ländern. Sie gab also den Armen die Schuld an der Krise, zu deren Ursache sie selbst beitrug.

Malthusianismus gleitet leicht in Rassismus ab. Der größte Anteil des Bevölkerungswachstums findet in den ärmsten Ländern statt, wo die meisten Leute BIPoC sind. Die Kolonialmächte rechtfertigten ihre Gräueltaten, indem sie Angst und moralische Entrüstung darüber schürten, dass „barbarische“, „degenerierte“ Menschen die „überlegene Rasse“ „durch Fortpflanzung zahlenmäßig überholen“ würden. Diese Behauptung wird heute von den Rechtsextremen wiederbelebt, die Verschwörungstheorien über „die Umvolkung der Weißen“ und „weißen Völkermord“ verbreiten. Wenn wohlhabende weiße Leute fälschlich die Schuld für ihren ökologischen Fußabdruck auf die Geburtenrate viel ärmerer BIPoC schieben, verstärken sie damit diese Narrative. Es ist inhärent rassistisch.

Heute nutzen die Rechtsextremen das Bevölkerungsargument, um Einwanderung zu diskreditieren. Auch das hat dunkle Vorläufer: Der US-amerikanische Rechtsanwalt und Zoologe Madison Grant war neben seinen Schriften zum Umweltschutz auch Verfasser rassentheoretischer Werke. Er sah die „nordische Herrenrasse“ in den USA in Gefahr, von anderen, „wertlosen Rassen“ „überholt“ zu werden. Als Präsident der Immigration Restriction Liga trug er dazu bei, das Einwanderungsgesetz von 1924 zu schaffen, das Quoten einführte, die erwünschte Gruppen, wie Nord- und Westeuropäer, bevorzugte.

Wer setzt sich gegen strukturelle Armut ein?

Bevölkerungswachstum hat echte ökologische Auswirkungen. Wie also lassen sich eine verhältnismäßige Besorgnis über mögliche Schäden unterscheiden von Ablenkung von anderen Problemen und Rassismus? Wir wissen, dass die stärksten Faktoren für sinkende Geburtenraten Emanzipation und Bildung von Frauen ist. Das größte Hindernis für weibliche Ermächtigung ist extreme Armut, deren Auswirkungen Frauen überproportional stark treffen.

Ein guter Weg ist daher, sich anzugucken, was jemand oder eine Organisation getan hat, um sich gegen strukturelle Armut einzusetzen. Haben sie die viel zu hohen Schulden kritisiert, die arme Nationen zurückzahlen müssen? Haben sie sich gegen Steuerflucht von Unternehmen eingesetzt oder gegen die Unternehmen der Rohstoffindustrie, die den Reichtum aus armen Ländern ableiten und fast nichts dort zurücklassen? Oder gegen die Rolle des Finanzsektors bei der Wäsche von Geld, das im Ausland gestohlen wurde? Oder haben sie einfach dagesessen und zugeguckt, während Menschen in Armut feststecken und sich dann über ihre Fruchtbarkeit beklagt?

Schon bald wird diese Panik vor Geburtensteigerung sowieso verschwunden sein. Die Nationen werden sich um Einwander*innen streiten: Nicht, um sie abzuwehren, sondern um sie anzuziehen, wenn die demografischen Veränderungen dazu führen, dass ihre alternden Bevölkerungen mit einer schrumpfenden Steuerbasis und einem Mangel an essenziellen Arbeitskräften dastehen. Bis dahin sollten wir uns dem Versuch der Reichen, die Armen zu dämonisieren, widersetzen.

George Monbiot ist ein britischer Journalist, Autor, Universitätsdozent, Umweltschützer und Aktivist

Übersetzung: Carola Torti

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5792
The Guardian

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden