Nicht ohne meinen Kabeljau

Promi-Kampagnen Pelze sind out, Fische dafür in. Viele Prominente in Großbritannien beschäftigen sich mit der Ethik des Essens und entdecken Lebensmittel als neues Kampagnen-Thema

Dieses Bild soll faszinieren: ein Foto einer herrlichen, strahlenden Kreatur mit leuchtenden Augen und seidig glänzender Haut. Und die italienische Schauspielerin Greta Scacchi, die den Kabeljau an ihren nackten Körper drückt, sieht auch nicht schlecht aus. In der vergangenen Woche ging das Bild durch die britischen Medien. Und in den kommenden Jahren könnte diese Aufnahme den Moment markieren, von dem an Lebensmittel-Kampagnen schließlich sexy geworden sind.

Der Einsatz prominenter Haut zur Beförderung eines ethischen Themas ist nichts Neues. Schon in den Neunzigern konnte Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) für Kampagnen Supermodels wie Naomi Campbell gewinnen. Sie ließen sich unter der Überschrift "Ich würde lieber nackt gehen, als einen Pelz zu tragen" für eine guten Zweck nackt fotografieren. Allerdings ist es mit Prominenten-Kampagnen so eine Sache. Campbell bewies jedenfalls, wie wankelmütig Promis sein können, als sie kurze Zeit später zu dem Schluss kam, doch lieber Pelz zu tragen und sich mit einem auf einem Mailänder Laufsteg präsentierte.

Schlechte Lebensmittel – mächtig angesagt

Nun scheint es, als seien Lebensmittel die Pelze von heute - jedenfalls was Promi-Kampagnen betrifft. Die aktuellen Bilder, die Scacchi zusammen mit der Schauspielerin Emilia Fox, dem Regisseur Terry Gilliam und dem Schauspieler Richard E. Grant zeigen, wurden zur Unterstützung des Kinostarts von The End of the Line veröffentlicht – ein Film, der die Bedrohung der Überfischung thematisiert. Aber die Bilder sind nur Teil eines größeren Ganzen. Am 17. Juni stellten Paul McCartney und seine Töchter Stella und Mary eine Kampagne vor, die die Leute dazu bewegen soll, an einem Tag in der Woche auf Fleisch zu verzichten. Ein weiterer Film, Food Inc., der die Exzesse und negativen Nebeneffekte der Massenproduktion von Nahrungsmitteln in den Blick nimmt, kam gerade in den USA in die Kinos und wird bestimmt auch bald in Europa anlaufen. Zudem sorgt noch eine umfangreiche Dokumentation der Umweltaktivistin Tracy Worcester über die dunklen Seiten der Schweinemast für Aufsehen. Was zeigt: Lebensmittel, und wichtiger noch, wirklich schlechte Lebensmittel sind zur Zeit mächtig angesagt.

Aber wieso entdecken Promis auf einmal das ethische Essen? Es begann vor ein paar Wochen mit der Nachricht, dass Nobu, die japanische Nobel-Restaurant-Kette, die von der Hautvolee bevorzugt wird, immer noch Blauflossenthunfisch anbietet, obwohl dieser akut vom Aussterben bedroht ist. Anders als berühmte Chefköche wie Jamie Oliver weigerte sich die Restaurantkette, den Fisch von der Speisekarte zu nehmen. Nobu erklärte lediglich, das Angebot mit einem Hinweis auf die Bedrohung der Tiere zu versehen. Man wolle die Gäste einladen, sich nach Alternativen zu erkundigen, hieß es knapp.

Die Geschichte kam jetzt wieder hoch, weil sie in The End of the Line eine Rolle spielt, der auf dem Buch des Journalisten Charles Clover basiert. Einige Promis schrieben Nobu nun einen Brief und verlangten, den Blauflossenthunfisch von der Speisekarte zu entfernen, damit sie wieder guten Gewissens in den Restaurants essen gehen könnten. Der Schauspieler und Regisseur Stephen Fry begann über das Thema zu twittern. Nobu weigert sich allerdings trotz Promi-Druck nach wie vor, seine Haltung zu ändern. Anscheinend kommt die Kette auch ohne Fry und die anderen Promis zurecht.

McCartney und der fleischfreie Montag

Clover gibt zu, dass der Promi-Einsatz auch The End of the Line mehr Öffentlichkeit bringen soll. Ein Freund stellte den Kontakt zu Greta Scacchi her. Scacchi schaffte es sogar ins Fernsehen, wo sie in Talksendungen über Überfischung diskutieren sollte. "Sie ist wesentlich besser geeignet für so etwas und weckt die Aufmerksamkeit der Leute viel stärker als ich das könnte", sagt Clover.

Aber mit Promi-Kampagnen kann es auch Probleme geben. So lud etwa Paul McCarthey Medienleute zum Essen ein, um seine "fleischfreier Montag"-Kampagne vorzustellen. "Die Viehhaltung hat einen größeren Einfluss auf den Klimawandel als das gesamte Verkehrswesen. Diese Industrie ist für 18 Prozent der Erderwärmung verantwortlich – eine erschreckende Zahl ... Helfen Sie uns, die Leute dazu zu ermutigen, ihren Fleischverbrauch einzuschränken, indem sie an einem Tag der Woche auf Fleisch verzichten." Das hört sich nach einer vernünftigen Idee an. Nur leider lässt nicht mehr darüber sagen, denn die McCartneys haben Interviews zu diesem Thema exklusiv verkauft.

Warum aber gibt es gerade jetzt all diese Kampagnen? Der britische Fernsehkoch Hugh Fearnley-Whittingstall glaubt, das gesteigerte Interesse an Lebensmitteln habe mit Defiziten beim Tierschutz und der Untätigkeit der Regierung zu tun. "Wenn man etwas tun will, um die Bedingungen in der Viehzucht zu verbessern, dann wendet man sich nicht an Politiker, sondern geht zum Fernsehen und ins Kino. Das scheint im Augenblick besser zu funktionieren. Die entscheidende Frage dabei ist, wieweit man das Publikum überzeugen kann."

Die unappetitlichen Methoden der Industrie

Diese Frage versucht Food Inc. zu beantworten. Die Dokumentation gräbt tief unter den Regalen, in denen die frischen Produkte in den amerikanischen Supermärkten liegen. Filmemacher Robert Kenner legt dabei die wenig appetitlichen Methoden offen, mit denen die Lebensmittel hergestellt werden. Der Film soll ein Weckruf sein, sagen seine Macher. Zu ihnen gehört auch Eric Schlosser, Autor von Fast Food Nation. Und Michael Pollan, Autor von In Defense of Food leiht dem Film seine Stimme.

"Vieles in dem Film ist schwer zu ertragen, aber ich glaube, die Leute sind bereit dazu, einen klaren, unverstellten Blick darauf zu werfen, wie ihre Lebensmittel hergestellt werden", sagt Pollan. "Das ist im Augenblick eine der interessantesten sozialen Bewegungen. Die Politiker haben das noch nicht gemerkt. Hoffentlich wird dieser Film seinen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert."

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

17:30 18.06.2009
Geschrieben von

Jay Rayner, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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