Nicht schön, aber laut

Feminismus Punkrock von Frauen: Die Riot Grrrls waren voller Wut und subversiver Kraft. Laura Barton erinnert an die Bewegung der neunziger Jahre

„Aus hunderten einst pink gestrichener und mit Schleifchen verzierter Mädchenzimmer kommt die junge feministische Revolution“ – so begann im Jahr 1992 ein Artikel in USA Today, der wie viele in jenem Jahr die von den USA aus um die Welt gehende Riot Grrrl-Bewegung zu erklären versuchte. Zum Schluss schickte der Autor noch eine Warnung hinterher: „Schön ist das nicht.“

Gemessen an konventionellen Standards war die feministische Unterground-Punk-Bewegung, die in den frühen 1990er Jahren begann und unter dem Namen Riot Grrrl bekannt wurde, ganz bestimmt nicht schön; sie war voller Wut und subversiver Kraft und machte sich über die rehäugige und perfekt herausgeputzte und gepflegte Cheerleader-Ästhetik lustig, frau trug Piercings und Tattoos und die Röcke kurz. Sie war laut, dreist und nahm kein Blatt vor den Mund.

Kurz gesagt ging es bei Riot Grrrl in mehrfacher Hinsicht um die weibliche Stimme. Es ging um Musik, darum, in einer Band zu spielen, nicht darum, zu Konzerten zu gehen oder als Groupie mitzutun. Gleichzeitig ging es aber auch darum, mithilfe des Schreibens und der Veröffentlichung in Fanzines eine eigene Stimme zu finden. Und es ging auch um die Artikulation politischer Themen: Wut über die gesellschaftliche Rolle und Behandlung der Frauen, Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung, Sexualität, Recht auf Abtreibung und Bezahlungsgerechtigkeit, um nur einige zu nennen.

Punkrock war von Jungs für Jungs gemacht

Die Bewegung begann an der amerikanischen Westküste, am Evergreen State College in Olympia, Washington und der University of Oregon in Eugene. Am Evergreen studierte Kathleen Hanna Photographie und betrieb nebenher eine kleine Galerie, in der auch hin und wieder Bands auftraten. Eine dieser Bands nannte sich Go Team. Deren Schlagzeugerin Tobi Vail hatte schon in Fanzines über ihre Erfahrungen berichtet: „Ich fühle mich ausgeschlossen von allem, was mir wirklich wichtig ist und ich weiß, dass das etwas damit zu tun hat, dass Punkrock von Jungs für Jungs gemacht wird. Hanna und Vail begannen gemeinsam an einem Fanzine zu arbeiten, dem sie den Namen Bikini Kill gaben, später entwickelte sich hieraus eine der ersten Riot Grrrl-Bands.

Die Riot Grrrl-Bewegung war zum Teil eine Reaktion auf die von Männern dominierte Musik-Szene an der nördlichen Pazifikküste. „Wir müssen einen Mädchen-AUFRUHR [girl RIOT] lostreten“, schrieb die Musikerin Jen Smith 1991 in einem Brief an ihre Freundin Allison Wolfe. Mit diesem Bedürfnis stand sie nicht allein da: „Mit meinem ganzen Herzen, meinem Verstand und meinem Körper glaube ich, dass Mädchen eine revolutionäre Kraft ins Leben rufen können, die eine Seele hat und wirklich etwas verändern kann“, schrieb Hanna.

"Riot Grrrl war der totale Hammer“, erzählt Sara Marcus, die an einer Geschichte der Bewegung schreibt. „Plötzlich hatte ich diesen Tross von Mädchen um mich, einige aus meiner Stadt, einige, die ich noch nie zuvor getroffen hatte. Wir gingen zusammen zu Konzerten und tanzten ganz vorne direkt vor der Bühne. Wenn wir uns trafen haben wir unsere Herzen ausgeschüttet und uns die leidenschaftlichsten und ehrlichen Briefe geschrieben oder Artikel in Zines veröffentlicht.

Die Beschäftigung mit dem Feminismus half die musikalische Identität zu entwickeln

Washington D.C. entwickelte sich schnell zum Mittelpunkt der Bewegung, hier fand 1992 auch die Riot Grrrl Convention statt. Sharon Cheslow, die Gitarristin von Chalk Circle, der ersten reinen Frauenband in Washington D.C. war von Los Angeles dorthin gezogen. Sie erinnert sich: „Am Anfang spielte es keine Rolle, dass wir Mädchen waren, denn in der frühen D.C.-Punkszene gab es viele Mädchen und die Jungs unterstützten uns sehr. Nachdem Henry Rollins 1981 D.C. verließ und die Hardcore-Szene stärker von Männern dominiert wurde, mussten Chalk Circle sich viele Foppereien und Erniedrigungen gefallen lassen, weil sie eine reine Mädchenband waren.“ Sie zitiert Beispiele aus lokalen Zines, in denen die Mädchen als „Tussis“ bezeichnet wurden, deren Gitarrenspiel, „dafür, dass sie Mädchen sind“, ganz akzeptabel sei.

„Ich wollte mich nicht in die Tradition der weiblichen Singer/Songwriter stellen. Ich wollte in einer Band E-Gitarre spielen, “ erzählt Cheslow. Das Studium feministischer Theorien an der Uni half ihr, ihre musikalische Identität zu entwickeln: „Es half mir, die Musik mit einem ideellen Rahmen zu versehen. Ich dachte darüber nach, was es bedeutet, als Frau in der Öffentlichkeit zu stehen und auf einer Bühne aufzutreten und fragte mich, wie unsere Texte unsere Erfahrungen als Frauen widerspiegeln, denn bis zum Aufkommen von Punk und Postpunk handelten die allermeisten Rock-Lyrics von Erfahrungen, die Männer betrafen. Und ich dachte darüber nach, was es für mich bedeutete, E-Gitarre zu spielen, die damals als ein reines Männer-Instrument betrachtet wurde.“

Aus einer weiblichen Perspektive über Musik schreiben

Cheslow hatte auch mit Fanzines zu tun. Sie war in den frühen Achtzigern Mitherausgeberin von If This Goes On. „Zines waren von zentraler Bedeutung. In If This Goes On schrieb ich zum ersten Mal über Sexismus in der Punkszene von Washington D.C. Mein Hauptanliegen bestand darin, aus einer weiblichen Perspektive über Musik zu schreiben und das beinhaltete den Umstand, dass weibliche Musiker nicht ernst genommen wurden.“

Für Nadine Monem, die Herausgeberin des Buches Riot Grrrl: Revolution Girl Style Now! , besteht die wichtigste Errungenschaft darin, dass Frauen sich zusammentun, um etwas zu erreichen und sich gegenseitig unterstützen. Und Sara Marcus ergänzt: „In den frühen Neunzigern war Feminismus weitestgehend eine akademische Veranstaltung. Die Frauenbewegung hatte keine Sprache, mit der sie junge Frauen hätte ansprechen können. Die Sprache und Ideen der Riot Grrrl-Bewegung waren kulturell anschlussfähiger und ließen mehr Menschen am Feminismus teilhaben, machten ihn offen für jedermann.“

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 18.04.2009
Geschrieben von

Laura Barton, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 15/2021

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