Nie mehr Size Zero

Schönheit Jahrelang dominierten magere Frauen die Laufstege. Nun gibt es erste Anzeichen für ein Umdenken. Und die Models beginnen, sich gegen das falsche Schönheitsideal zu wehren

Als sie noch magersüchtig war, war Crystal Renn ein erfolgreiches Model. Sie hatte Herzrasen, war so schwach, dass sie ohnmächtig wurde, wenn sie zu weit ging, und ihre Knochen traten scharf unter ihrer papierdünnen und grauen Haut hervor. Aber sie hatte US-Größe 0, Size Zero – das entspricht ungefähr der deutschen Kleidergröße 32 – und die Aufträge flatterten herein.

Als Renn dann wieder anfing zu essen und schließlich Größe 42 trug, ging ihre Karriere aber erst richtig los. In ihrer Autobiographie Hungry, die Anfang September in Manhattan vorgestellt und von den Medien gefeiert wurde, spricht das bestbezahlte Übergrößen-Model der USA von einem zarten Hoffnungsschimmer für einer Mode für "üppige und strahlende Frauen", bei denen "sich kein Knochen abzeichnet."

Es gebe zwar immer noch „einige Verrückte, die immer noch gerne Super-Schlanke begaffen“, aber in der Modewelt wachse das Bedürfnis nach „den natürlichen Formen, die der Körper einer Frau annimmt, wenn ihm keine Nahrung vorenthalten wird“, sagt Renn. Sie sollte es wissen. Als sie mit 13 von einem Modeagenten entdeckt wurde, sagte man ihr, sie müsse 32 Kilo abnehmen: Das waren mehr als 42 Prozent ihres damaligen Körpergewichts. Mit 14 war sie schlanker als “Size Zero“, sicherte sich einen Dreijahresvertrag über 290.000 Euro und ging nach New York.

Es begann in den Neunzigern

„Als ich 2002 mit dem Modeln anfing, waren – und in etwas geringerem Maße sind bis heute – Frauen gefragt, die bis auf die Knochen abgemagert sind. Es begann in den frühen Neunzigern mit Kate Moss und dem Heroin-Chic. Die Modeindustrie verliebte sich in deprimiert dreinschauende, abgemagerte Mädchen“, sagt Renn.

2006 dann die Krise: Die Models Luisel Ramos und ihre Schwester Eliana, Ana Carolina Reston und Hila Elmalich hungerten sich zu Tode, weil sie immer noch schlanker werden wollten. Ein Aufschrei blieb aus. Der Rat amerikanischer Modedesigner sprach die Empfehlung aus, dass Models mindestens 16 Jahre alt sein sollten. Spanien verbannte Models, die weniger als 56 Kilo wogen, von der Madrider Modewoche. Darüber hinaus hat es aber keine unmittelbaren Konsequenzen gegeben. Die meisten Models seien so dünn wie eh und je, meint Renn.

Nun aber zeichne sich langsam – und gegen großen Widerstand – eine Veränderung ab. Inga Eiriksdottir stimmt ihr zu. Als sie mit 15 von einer New Yorker Frauenagentur entdeckt wurde, trug sie Größe 34. „Mit 18 war ich 1,80 m und hatte immer noch Größe 34. Sie aber wollten ein Size-Zero-Model. Es war grauenhaft. Sie setzten mich unter Druck und sagten mir, ich sei dick. Ich war besessen von dem Wunsch abzunehmen, aber mein Körper wollte einfach nicht mitspielen. Ich tat alles. Ich aß nicht und trainierte, aber es gelang mir einfach nicht. Schließlich kam jemand auf die Idee, ich solle doch Übergrößen-Model werden.“


Dies sei der beste Rat ihres Lebens gewesen, sagt Eiriksdottir, die nun ihre natürliche Größe 40 trägt. „Ich hatte keine Ahnung, dass es einen so großen Markt, so viele Möglichkeiten und phantastische Kunden für Mädchen mit normalen Größen gibt. Es ist verrückt, wieviel Arbeit es in diesem Bereich gibt. Ich habe bereits für Vanity Fair, Bloomsdale's oder Saks and Macy's gearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass die Grenze zwischen normalen Größen und Übergrößen verwischt: Früher gab es lediglich Super-Dünne und Übergrößen, jetzt aber sieht man alle Größen und Formen. Jede Form von Schönheit wird nun anerkannt.“

Trotz dieses Optimismus bevorzugt die große Mehrzahl der Mode- und Pret-a-porter-Designer immer noch dünne Models und dünne Kundinnen für ihre Kleider: Selbst Leute, die öffentlich zugegeben haben, dass sie sich mit Gewichtsproblemen herumschlagen – wie Donna Karan, Karl Lagerfeld, Alber Elbaz, Kate oder Laura Mulleavy von Rodarte – entwerfen keine Kleider für Übergrößen. Renn aber sieht eine langsame Veränderung: „Das Marc-Gesicht 2009 von Marc Jacobs ist Daisy Lowe, die einen rundlicheren Körper hat, als es zuletzt in der Modewelt üblich war. Und auch die Körper von Jennifer Hudson, Adele und Beyoncé werden allgemein bewundert und nicht verunglimpft.“

Zwei Monate, nachdem sie mit Größe 42 zurückgekehrt war, wurde sie von der gefürchteten Vogue-Chefin Anna Wintour gefragt, ob sie nicht bei einer „Shape Edition“ der amerikanischen Vogue mitmachen wolle. Wintour suchte Steven Meisel aus – den besten aller amerikanischen Modefotografen –, um Renn zu fotografieren und der buchte das Model sofort für eine Ausgabe der italienischen Vogue, bei der Gewicht überhaupt kein Thema war. Renn war in der italienischen Vanity Fair, der italienischen Elle und in CosmoGirl zu sehen. Sie ist das einzige Model mit Übergröße, das je auf einem Cover von Harper`s Bazaar erschien. Sie war in vier internationalen Vogue-Ausgaben zu sehen und war für Vena Cava, Heatherette und am bemerkenswertesten für Jean-Paul Gaultier in seiner 2006er Pret-a-porter-Kollektion in Paris auf dem Laufsteg. Gaultier entwarf sogar ein Kleid für sie ganz persönlich und ging mit ihr im Finale der Show den Catwalk entlang.

Nur um der Schönheit Willen gebucht

Renns Agent meint, Models mit Übergrößen seien mittlerweile nichts Neues mehr und würden jetzt nur noch um ihrer Schönheit Willen gebucht. „Ich bin seit elf Jahren im Geschäft und habe diese Debatte schon mehrmals auflodern gesehen. Dieses Mal aber hat sie einen anderen Schwung.“ Stilberater Stephen Bayley stimmt zu. Anfang September erschein sein Buch Women as Design, das sich mit der Frage beschäftigt, wie die Definitionen weiblicher Schönheit sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. „In Phasen, in denen es uns wirtschaftlich schlechter geht, gibt es eine Mode für üppige Frauen“, sagte er.

Die Designer beginnen langsam, größeren Models eine Rolle zuzugestehen. Doch, so Designer Antonio Berardi, sei es gar nicht so einfach Frauen mit weiblichen Rundungen zu finden. „Es kostet uns manchmal Tage, die Kleidungsstücke zu verändern“, beschwerte er sich. „Wir versuchen, die Models auszupolstern, um ihre Formen weiblicher erscheinen zu lassen. Ich will nicht diese Mädchen mit blasser Haut, die alle gleich aussehen. Meine Familie stammt aus Italien – ich bin von einer weiblichen Ästhetik inspiriert.“

Roland Mouret stimmt ihm zu: „Ich sehe, dass die Werbung sich wieder in Richtung dieser kraftvollen Achtziger-Jahre-Mentalität bewegt, wo Mädchen wie Linda Evangelista als Ideal angesehen wurden. In den Achtzigern waren die Supermodels um einige Nummern größer als die Topmodels von heute. Da funktionierten die Kleider auch auf größeren Körpern. Sie waren bunt, frech und figurbetont.“

Dem Größe 42-Model Kate Smith zufolge hat sich die Zahl der Models mit Übergrößen in den vergangenen Jahren vervielfacht. Dennoch machten sie immer noch lediglich einen geringen Prozentsatz des gesamten Geschäftes aus. „Es nervt mich, dass ich Model bin und dennoch keine Designerklamotten kaufen kann, die mir passen. Entwicklungen ereignen sich eben nicht von heute auf morgen. Wir werden an den Punkt gelangen, wo jede Form und Größe auf dem Laufsteg repräsentiert sein wird, auch wenn ich das vielleicht nicht mehr miterleben werde.“

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08:00 19.09.2009
Geschrieben von

Amelia Hill, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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