Nieren für den Schwarzmarkt

Hashim Thaci Wie eine Expertise des Europarates zeigt, ist der Premierminister des Kosovo ein Krimineller und damit prädestiniert, einen illegalen Staat zu führen

Kosovos Premier ist Chef einer "mafia-ähnlichen“ albanischen Gruppe, die für den Schmuggel von Waffen, Drogen und menschlichen Organen in Osteuropa verantwortlich zeichnet, so der Abschlussbericht einer vom Europäischen Rat in Auftrag gegebenen Untersuchung über das Organisierte Verbrechen. Hashim Thaci wird darin als „Boss“ eines Netzwerkes identifiziert, das seine kriminellen Machenschaften im Vorfeld des Kosovo-Krieges von 1999 begann und seit dieser Zeit die Regierung des Landes kontrolliert. Der Bericht der zweijährigen Untersuchung, in dem das FBI und andere Geheimdienste aus mindestens fünf Ländern zitiert werden, konnte vom Guardian eingesehen werden. In ihm heißt es, Thaci habe den Markt für Heroin und andere Betäubungsmittel im vergangenen Jahrzehnt kontrolliert. Mitglieder aus Thacis Umgebung werden angeklagt, nach Kriegsende heimlich Gefangene über die Grenze nach Albanien gebracht zu haben, wo einige Serben ermordet worden sein sollen, um deren Nieren auf dem Schwarzen Markt zu verkaufen. 

Schnell in die Klinik

Am 14. Dezember begann im Bezirksgericht Pristina die juristische Aufarbeitung eines Falls von organisiertem Organschmuggel, der 2008 entdeckt worden war. Dabei sollen in einer unter dem Namen Medicus bekannten Klinik verarmten Opfern Organe entnommen worden sein. Im Report heißt es über die Verbindung dieses Falles zur Organentnahme bei ermordeten Kriegsgefangenen: „Als bestätigt wurde, dass die Chirurgen für die Organentnahme bereit waren, wurden die Gefangenen einzeln aus dem so genannten sicheren Haus gebracht, kurzerhand von UCK-Leuten erschossen und ihre Leichen dann schnell in die Klinik gefahren.“ Die gleichen Personen, die an diesen makabren Morden beteiligt waren, sollen dem Bericht zufolge auch mit dem Medicus-Fall in Verbindung stehen.

Der Bericht erscheint zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der Geschichte des Kosovo, das gerade seine ersten Wahlen seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von 2008 erlebt hat. Thaci beansprucht den Sieg für sich und hat sich bereits daran gemacht, eine neue Regierung zu bilden, an der auch bisherige Oppositionsparteien beteiligt werden.

UCK-Verbrechen ignoriert

Der für den Bericht verantwortlich zeichnende Dick Marty legt sein Papier am 16. Dezember in Paris diplomatischen Vertretern aller 47 Mitgliedsstaaten des Europäischen Rates vor. Er macht deutlich, dass Thacis Verbindungen zum Organisierten Verbrechen bereits über ein Jahrzehnt bestehen, seit diejenigen, die sich loyal zu seiner Drenica-Gruppe verhielten, die dominierende Fraktion innerhalb der UCK wurden. Ihre Vorherrschaft innerhalb der Guerillabewegung habe die Gruppe von 1998 an in die Lage versetzt, „die meisten der illegalen Unternehmungen“ unter ihre Kontrolle zu bringen, an denen Kosovaren in Albanien beteiligt waren. 

Während sie die serbischen Gräueltaten während des Kosovo-Krieges verurteilte, so Marty, habe die internationale Gemeinschaft es vorgezogen, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der UCK zu ignorieren. So sei es Thacis Truppen möglich gewesen, während des Krieges und noch ein Jahr lang nach dessen Ende, Rache an Serben, Roma und ethnischen Albanern zu üben, die der „Kollaboration“ mit dem Feind beschuldigt wurden. Thaci und vier andere Mitglieder der Drenica-Gruppe werden in dem Bericht beschuldigt, Leute inhaftiert, verhört, verprügelt und ermordet zu haben. Dieselbe Hardliner-Fraktion übte während der vergangenen zehn Jahre beträchtliche Macht über die kosovarische Regierung aus und erhielt dabei auch noch die massive Unterstützung der westlichen Mächte, die daran interessiert waren, das Land zu stabilisieren.

Die Untersuchung wurde übrigens in Auftrag gegeben, nachdem die ehemalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte, ausgesagt hatte, man habe sie an der strafrechtlichen Verfolgung führender UCK-Mitglieder gehindert. Am schockierendsten war ihr Verdacht bezüglich des Organhandels.

Beim jetzigen Bericht handelt es sich um keine strafrechtliche Untersuchung, so dass damit auch keine Urteile über Schuld oder Unschuld gesprochen werden können. Doch wird Del Pontes These untermauert, dass die UCK die serbischen Gefangenen meistens in einem geheimen Netzwerk aus sechs Gefängniseinrichtungen im Norden Albaniens untergebracht habe. Thacis Drenica-Gruppe trage die größte Verantwortung für die spontanen Internierungen und das Schicksal der Inhaftierten.

Recht auf Wahrheit

Dick Marty kritisiert die westlichen Mächte dafür, dass sie Thaci und andere führende Figuren nicht zur Verantwortung zogen. Es habe auf Seiten der internationalen Gemeinschaft keinen politischen Willen gegeben, ehemalige UCK-Führer strafrechtlich zu verfolgen. „Die Anzeichen der Vermischung zwischen der kriminellen und der höchsten politischen Klasse sind zu zahlreich und zu offensichtlich, um sie ignorieren zu können. Die Bürger des Kosovo haben ein Recht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren. Dies stellt auch eine unverzichtbare Bedingung für die Aussöhnung zwischen den verfeindeten Gruppen dar.“ Wenn der Bericht, wie zu erwarten, in dieser Woche von dem Ausschuss angenommen wird, werden die Ergebnisse 2011 nach Konsequenzen schreien.

16:30 15.12.2010
Geschrieben von

Paul Lewis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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