Noch wirkt Teheran gelassen

Iran/USA In Syrien haben US-Truppen im Juni dreimal das Feuer auf vom Iran unterstütze Kräfte eröffnet. Ein ungeplanter, rasch eskalierender Konflikt ist möglich
Noch wirkt Teheran gelassen
Soldaten paradieren zum "Tag der Streitkräfte" in Teheran

Foto: Chavosh Homavandi / AFP

Die drei Zwischenfälle ereigneten sich in al-Tanf, einem abgelegenen Außenposten in der Wüste, unweit des Punktes, an dem die Grenzen Syriens, des Irak und Jordaniens aufeinandertreffen. Dort näherten sich für die Assad-Regierung kämpfende Milizen einem 150 Mann starken Trupp von US-Soldaten, die lokale Kämpfer für den Kampf gegen den IS ausbilden. Die Amerikaner reagierten mit Luftangriffen. Bei den Anrückenden scheint es sich um syrische und schiitische irakische Milizen gehandelt zu haben. Begleitet wurden sie möglicherweise von ihren wichtigsten Förderern, den Islamischen Revolutionsgarden aus dem Iran.

Letzter gaben sich keine sonderliche Mühe, ihren Identität zu verbergen. Kassem Sulejmanim, Kommandeur der Al-Quds-Einheit, ließ sich in der Nähe mit Milizen fotografieren. Eine Drohne, die US-Truppen abschossen, nachdem diese eine Bombe abgeworfen hatte, stammte aus iranischer Herstellung.

Die Ereignisse sind nur ein Beispiel dafür, wie die verschiedenen Agenden, die ausländische Mächte in Syrien verfolgen, zunehmend miteinander kollidieren. Nachdem am 18. Juni ein US-Flugzeug einen Kampfjet der syrischen Armee abgeschossen hat, drohten russische Kräfte, Maschinen der US-geführten Koalition genauso zu behandeln, sollten die in westliche Richtung den Fluss Euphrat überfliegen.

Die Hintergründe all dieser Zusammenstöße ähneln einander. Während der IS aus seinen Hochburgen vertrieben wird, beginnt der Wettbewerb um die Kontrolle der freiwerdenden Gebiete. In der östlichen syrischen Wüste hat das sich iranische und amerikanische Truppen in direkter Konfrontation gegenüberstehen.

Konfrontation im Golf

Doch ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem es zu Spannungen zwischen dem Iran und den USA kommt. Ähnlich ist die Lage im Jemen, wo sich von Washington und dem Iran unterstützte Kräfte in einem inzwischen zwei Jahre andauerndem Krieg gegenüberstehen. Gleiches gilt für die Straße von Hormus im Persischen Golf. Mitte der Woche näherte sich ein iranisches Kriegsschiff einem US-Flotteverband, die sich auf Durchfahrt durch die Meerenge befand, bis auf etwa 700 Meter. Man leuchtete mit Scheinwerfern die US-Schiffe an und deutete per Laser auf einen Hubschrauber. US-Offizielle beschrieben den Vorfall als unprofessionell und gefährlich.

Solche Konfrontationen sind nichts Neues in der vielbefahrenen Wasserstrasse von Hormus. Geändert hat sich aber der Kontext. In Washington gibt es eine neue Regierung, die in vielerlei Hinsicht chaotisch agiert, aber klar bestrebt ist, den iranischen Einfluss in der Region einzudämmen. Uneinigkeiten herrschen in dieser Hinsicht bloß darüber, wieviel Härte und welche Risiken nötig sind.

Hochrangige Kontakte zwischen Washington und Teheran, die die Obama-Regierung etabliert hatte, sind abgebrochen worden. Donald Trump hat auch im Weißen Haus seine hitzige anti-iranische Wahlkampfrhetorik beibehalten. Die erste Auslandsreise seiner Präsidentschaft unternahm er nach Saudi-Arabien, wo er sich angesichts der Rivalität des Königreichs mit dem Iran, unmissverständlich auf die Seite Riads stellte.

Trump stellte in Riad den iranischen Einfluss als Bedrohung dar, die der vom IS und al-Qaida ausgehenden Gefahr gleichkomme. Als Teheran am 7. Juni von einem Terroranschlag erschüttert wurde, gab der US-Präsident zu verstehen, Schuld daran trage letztlich die iranische Regierung selbst. „Wir betonen, dass Staaten, die den Terrorismus fördern, riskieren, selbst dem Bösen zum Opfer zu fallen, das sie unterstützen“, ließ er in einer Stellungnahme des Weißen Hauses wissen.

Muster regime change

Trita Parsi, der Vorsitzende des National Iranian American Council hat gerade ein Buch mit dem Titel Losing an Enemy: Obama, Iran and the Triumph of Diplomacy veröffentlicht. „Indem er nach Saudi-Arabien gegangen ist und dort die totale Isolation des Iran verkündete, hat Trump nicht nur das Fenster für einen allumfassenden Dialog geschlossen, sondern auch eines für einen möglichen Krieg mit dem Iran geöffnet“, glaubt Parsi. „Darüber gibt es in den USA keine Debatte. Das Ganze mag den Anschein der Zufälligkeit haben. Sieht man aber genau hin, erkennt man, dass es sich um eine sehr bewusste Eskalation handelt.“

Noch hat Trump seine Drohung aus dem Wahlkampf nicht wahr gemacht, das Nuklearabkommen mit dem Iran, das die Obama-Regierung mit fünf weiteren Mächten ausgehandelt hatte, platzen zu lassen. Aber er überhäuft es stetig mit Verachtung, während die Republikaner im Kongress auf neue Sanktionen drängen, die das Überleben des Abkommens gefährden würden.

Die gefährlichsten Orte der Welt sind dieser Tage der Jemen, das Gebiet zwischen dem Osten Syriens und dem Westen des Irak und die Säle des US-Kongresses“, sagte Robert Mally, einst hochrangiger Mitarbeiter Obamas im Weißen Haus, der an den Verhandlungen um das Atomabkommen beteiligt war. „Derzeit vernehme ich von den Iranern, dass sie entschlossen sind, gelassen zu bleiben, angesichts der Schritte der USA nicht überzureagieren und zu zeigen, dass sie diejenigen sind, die sich vollkommen entgegenkommend verhalten. An einem gewissen Punkt könnte es aber durchaus sein, dass der Oberste Führer entscheidet: ‚Wir werden handeln.‘“ Die Trump-Regierung sagt, sie sei noch dabei, die Iran-Politik zu prüfen. Außenminister Rex Tillerson erklärte gerade dem Senat, die USA würden „auf eine Unterstützung jener Elemente im Iran hinarbeiten, die zu einem friedlichen Wandel führen.“

Sorge der Alliierten

Die Betonung lag dabei zwar auf friedlichem Wandel, doch für die Ohren der iranischen Regierung dürfte dies nach einer Rückkehr zum Geist der Regimewechsel der Bush-Jahre geklungen haben und sogar noch fernere Erinnerungen an den vom CIA inszenierten Putsch von 1953 wecken. Tillersons Amtskollege auf der anderen Seite, Mohammed Dschawat Sarif, antwortete mit einer Stichelei auf Twitter. Er spielte darin auf die Untersuchungen in der Russland-Affäre an, die Trumps Präsidentschaft überschattet: „Zu ihrem eigene Wohl sollten die Mitglieder der US-Regierung sich lieber um die Rettung ihrer eigenen Regierung Gedanken machen, als darüber, die des Iran – wo 75 Prozent der Bevölkerung gerade gewählt haben – auszutauschen.“

Unter den Verbündeten der USA in Europa wächst die Sorge, die US-Regierung könnte sich gegenüber dem Iran in Stellung gebracht haben, ohne sich zuvor auf eine Strategie im Umgang mit dem Einfluss des Landes in der Region verständigt zu haben. Weiter herrscht die Befürchtung, dieses Posieren könne umso lauter und gefährlicher werden, je mehr Trump sich durch die Ermittlungen zu den Russlandverbindungen seiner Kampagne bedroht fühlt.

Übersetzung Zilla Hofman

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15:01 22.06.2017
Geschrieben von

Julian Borger | The Guardian

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The Guardian

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