Null-Covid-Strategie in Shanghai: „Das ist unmenschlich“

China Die Kosten der Null-Covid-Strategie in Shanghai sind sehr hoch. Das Gesundheitssystem ist überlastet. In der größten Stadt Chinas wächst der Ärger über das Versagen, Omikron unter Kontrolle zu bekommen
Der Eingang zum einem Wohnkomplex im Viertel Jing'an in Shanghai ist verschlossen
Der Eingang zum einem Wohnkomplex im Viertel Jing'an in Shanghai ist verschlossen

Foto: Hector Retamal/AFP/Getty Images

Jia Ruilings* Vater hat seit dem 17. März starke Schmerzen. Er leidet unter Magenkrebs im Endstadium, aber sein Krankenhaus weigert sich, ihn zu behandeln, weil Jias Stadtviertl in Shanghai wegen einiger Corona-Fälle im Lockdown ist. „Wir haben das Krankenhaus wieder und wieder gebten, ihn aufzunehmen“, erzählte Jia. „Irgendwann hatte mein Vater so schlimme Schmerzen, dass er sich das Leben nehmen wollte. Was können wir tun? Bitte helfen Sie, dass die Zentralregierung davon erfährt.“

Chinas strikte Null-Covid-Politik bedeutet, dass alle positiven Fälle im Krankenhaus isoliert werden. Aber in den vergangenen paar Wochen sind in Shanghai die Fallzahlen stark gestiegen. Ein harter Lockdown für 26 Millionen Menschen brachte das wichtigste Finanzzentrum Festlandchinas zum Stillstand. Am Montag, 4. April, überschritt die Zahl der positiven Fälle innerhalb eine Tages erstmals 10.000. Trotz der 38.000 Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die aus ganz China zur Unterstützung nach Shanghai geholt wurden, werden die medizinischen Ressourcen vor allem im Kampf gegen Covid-19 eingesetzt. Das macht es für Patienten mit anderen Krankheiten - wie Jias Vater - schwierig, versorgt zu werden.

Luo Ruixiang*, ein 39jähriger Chinese, der in der Republik Kongo arbeitet, machte ähnliche Erfahrungen. Nachdem er sich am linken Auge verletzt hatte, flog er im März nach Hause in der Hoffnung, eine dringende Behandlung zu erhalten.

Er landete in Shanghai und informierte sein Quarantäne-Hotel und die Zollbeamten über seinen medizinischen Notfall, aber über eine Woche lang hörte er nichts. „Ich hatte Angst, dass ich schon blind sein würde, wenn ich auf das Quarantäneende warte“, erinnerte er sich.

Verzweifelt bat Luo auf der Sozialen Medien-Webseite Weibo um Hilfe. Bald schon meldeten sich lokale Medien, und er bekam schnell medizinische Hilfe. „Zum Glück bin ich operiert“, freute er sich. „Das sollte nicht so schwierig sein, aber ich bin keine wichtige Person. Da ist alles schwer.“

Der Omikron-Ausbruch in Shanghai ist der bislang größte Test für Chinas Null-Covid-Politik, und die Stadt ist am kämpfen. Von den 10.000 Fällen waren laut Gesundheitsbehörden 8.581 asymptomatisch und 425 symptomatisch. Das sind niedrige Zahlen im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien und den USA, aber es sind die höchsten in China, seit erstmals 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan über das Virus berichtet wurde.

Menschen in Shanghai sind hilflos und frustriert

Kritische Stimmen sagen, die Stadt Shanghai, die zu Chinas modernsten gehört, hätte besser vorbereitet sein müssen. „Sie waren seit 2020 zu erfolgreich. Das hat sie selbstgefällig gemacht“, meint Jia. Sie betont, dass sie nicht gegen die Regierung sei. Aber das Leiden ihres Vaters habe sie „sehr wütend“ gemacht.

„Das Virus und die Menschen verändern sich“, erklärte Gesundheitsexperte Chen Xi von der Yale School for Public Health. „Es ist das erste Mal, dass der Omikron-Subtyp BA.2 Shanghai trifft. Die beispiellose Geschwindigkeit, mit der sich die Krankheit ausbreitet, macht es unmöglich, alle Kontaktpersonen zu ermitteln. Auch andere konventionelle Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit greifen nicht mehr. Zudem sind die Menschen nach mehr als zwei Jahren strenger Gesundheitsmaßnahmen deutlich Corona-müde.“

Während der Lockdown in Chinas größter Metropole weitergeht, herrscht ein überwältigendes Gefühl der Hilflosigkeit. Am ersten Aprilwochenende lösten Fotos und Videos großen Ärger aus, die zeigen, wie in einem Krankenhaus in Shanghai kleine Kinder nach einem Positivtest von ihren Eltern getrennt wurden. Ein Elternteil, dessen Kleinkind nach einem positiven Test mitgenommen wurde, schrieb in den sozialen Medien: „Ich bin so verärgert.... Das ist unmenschlich.“

Bereits Ende März hatten mehrere in Shanghai arbeitende EU-Diplomaten in einem Schreiben die Stadtregierung gedrängt, ihre Staatsbürger zu versorgen, wenn sie medizinische Hilfe benötigen. Sie forderten die Stadt zudem dringend auf, Kinder nicht von ihren Eltern zu trennen, „egal unter welchen Umständen“.

Nachdem Eltern und Vormünder ihrem Ärger auf den sozialen Medien Luft gemacht hatten, verteidigten Shanghais Gesundheitsbehörden zunächst ihre Politik. Wu Qianyu, ein Vertreter von Shanghais städtischer Gesundheitskommission, erklärte, die Politik sei integraler Bestandteil der Bemühungen, dem Virus vorzubeugen und es zu kontrollieren.

Staatliche Quarantäne-Einrichtung wird von Ehrenamtlichen geführt

Auf Beschwerden hin räumte der Generalsekretär von Shanghais Stadtregierung Anfang April eine schwache Leistung seiner Verwaltung beim Umgang mit dem Ausbruch ein. „Wir waren uns der hoch infektiösen und heimtückischen Omikron-Variante nicht genügend bewusst. Unsere Vorbereitung für den deutlichen Anstieg der Infektionen war nicht ausreichend“, sagte er. „Wir nehmen Ihre Kritik sehr ernst und arbeiten hart daran, sie zu verbessern.“

Trotz dieses Eingeständnisses sagen einige, die Lage habe sich nicht verbessert. Deng Zhaoyangs* Frau und sein dreijähriger Sohn sind seit dem 29. März in einer staatlichen Quarantäne-Einrichtung. „Die Einrichtung wird von Ehrenamtlichen geführt und keiner scheint verantwortlich zu sein“, erzählte er. „Das geht so weit, dass wir nicht einmal wissen, wann sie die Einrichtung verlassen können. Auch hat niemand irgendwo hin gebracht, um Corona-Tests zu machen.“

Deng zog vor einigen Jahren als Erwachsener nach Shanghai. Als es in den vergangenen Jahren in anderen Teilen Chinas zu Corona-Ausbrüchen kam, hätte er nie gedacht, dass das in Shanghai passieren könnte. „Vor Omikron war es verständlich, dass alle, die es hatten, in Quarantäne-Einrichtungen kamen“, meint er. „Aber jetzt haben die meisten von ihnen nur milde Symptome. Sollte die Regierung ihre Politik nicht dementsprechend anpassen?“

Einige Mitarbeiter im Gesundheitswesen teilen dieses Gefühl von Frustration. In einem vielsagenden Telefongespräch, das Ende März in China und im Ausland die Runde machte, sagte eine Vertreterin des Shanghaier Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC), die medizinischen Ressourcen der Stadt seien enorm belastet. „Mehrfach schon habe ich an höherer Stelle vorgeschlagen, dass die milden und symptomfreien Fälle einfach zuhause in Quarantäne gehen sollten“, sagte sie. Aus ihrer Sicht haben die derzeitigen Anstrengungen, das Virus zu kontrollieren, eher mit Politik zu tun. „Aber wer hört auf mich?“ Einige chinesische Internet-Nutzer:innen jedenfalls bezeichneten ihre Äußerungen als „falsch“ und „gefährlich“. Das Shanghai Pudong-Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention kündigte an, es werde sich darum kümmern. Es gab zudem eine interne Mitteilung heraus, in der die Hotline-Mitarbeiter:innen aufgefordert werden, eine gemeinsame Linie zu vertreten.

Chinesisches Militär schickt mehr als 2.000 Ärzt:innen nach Shanghai

Andere Regionen in China sollten daraus lernen und Impfungen vorantreiben, bevor die Ansteckungen dort ansteigen - Chen Xi.

Am gleichen Tag betonte der chinesische Vize-Premier Chunlan Sun bei einem offiziellen Shanghai-Besuch laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua „die konsequente Beibehaltung des dynamischen Null-Covid-Ansatzes“. Weniger als 24 Stunden später schickte das chinesische Militär mehr als 2.000 Ärzt:innen nach Shanghai, um die Bemühungen zu unterstützen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Laut Jin Dong-yan, Professor für Biomedizin an der Universität Hongkong, können Wochen vergehen, bis das Virus unter Kontrolle ist. „Selbst wenn sie mit zunehmend sehr hohen Kosten Null-Covid erreichen, kann ein anderer Auslöser einen neuen starken Anstieg verursachen“, erklärte er. „Mit dem Virus zu leben ist die einzige tragfähige Option.“

„Leben mit dem Virus“ hat sehr stark mit einem effektiven Impfstoff zu tun. In den vergangenen Monaten begannen, offizielle Stimmen offen über mRNA-Impfstoffe zu sprechen. Das deutet darauf hin, dass die Behörden möglicherweise über die Einführung anderer Impfstoffe als die in China hergestellten Produkte Sinopharm und Sinovac nachdenken. Der führende chinesische Atemwegsexperte Zhong Nanshan empfahl im Dezember, China solle gute Dingen aus anderen Ländern übernehmen, etwa mRNA-Impfstoffe. Shanghais Stadtregierung schrieb Ende März in einem offiziellen Dokument, man befürworte den Import von Impfstoffen und Covid-19-Medikamenten.

„Der Einsatz von Antigen-Schnelltests und die Zulassung von mRNA-Impfstoffen ist machbar. Die Behörden verfügen über ausreichende Daten für die Zulassung von mRNA-Impfstoffen. Auch die Kapazitäten für die Massenproduktion von Schnelltests sind da“, erklärte Chen. Sowohl die niedrigen Impfraten unter den älteren Bürger:innen als auch die in China benutzten Impfstoffe bezeichnete er als „beunruhigend“. “Das verbleibende Zeitfenster schrumpft schnell“, erklärte er. „Dabei ist es so wichtig, dass andere Regionen in China daraus lernen und die Impfung der Bevölkerung vorantreiben, bevor dort der Anstieg der Fälle beginnt.“

Für Lia liegt die Vorstellung, mit dem Virus zu leben, in weiter Ferne. Sie hoffte einfach, dass ihr Vater so schnell wie möglich in ein auf Krebs spezialisiertes Krankenhaus eingewiesen wird. „Durch eine höhere Dosis von Schmerzmitteln haben seine Schmerzen nachgelassen, aber das ist keine dauerhafte Lösung“, erklärte sie. „Er muss zum Arzt.“

Nachdem Jia das Leid ihres Vaters im Internet öffentlich gemacht hatte, wurden auch auf sie die Medien aufmerksam. Vielleicht wegen des Drucks meldeten sich die örtlichen Bezirksbehörden. Man könne ihren Vater ins Krankenhaus schicken, hieß es. „Aber sie wollten, dass ich erst meine Posts in den sozialen Medien lösche“, erzählte sie. „Ich habe mich geweigert. Am Ende gelang es ihnen nicht, meinen Vater ins Krankenhaus zu bringen, weil sie nur eine Behörde auf Distrikt-Ebene sind. Sie waren nicht in der Lage, eine städtische Institution zum Umdenken zu bewegen.“

*Namen wurden zum Identitätsschutz geändert

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Vincent Ni ist China-Korrespondet des Guardian

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