Nummer PM3900013

Italien Die Pathologin Cristina Cattaneo versucht, im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge zu identifizieren

Es war ein junger eritreischer Flüchtling, ungefähr 1,80 Meter groß und sehr dünn, dessen Leiche die Pathologin Cristina Cattaneo in einem Hospital auf Sizilien untersuchte. Während der größte Teil des Körpers keine Verletzungen aufwies, waren Gesicht und Hände skelettiert, wahrscheinlich das Werk von Meerestieren. Am Morgen des 3. Juli 2015 hatte man den Toten nach einem Schiffsuntergang Tage zuvor mithilfe eines Marine-roboters geborgen. Seinerzeit kamen Hunderte ums Leben. Die Menschen stammten aus Senegal, Mauretanien, Nigeria, der Elfenbeinküste, Sierra Leone, Mali, Gambia, Somalia und Eritrea. Von der Küste Nordafrikas waren sie mit einem überladenen Fischkutter nach Europa aufgebrochen. Als es nachts zur Kollision mit einem portugiesischen Frachter kam, sank das Schiff – nur 28 Passagiere überlebten. Wer sich im Rumpf aufhielt, hatte keine Chance und wurde zunächst nicht geborgen. Die Leiche des Jungen gehörte zu den 13 Toten, die Seeleute der italienischen Küstenwache aus dem Wasser zogen. Er trug eine schwarze Jacke und ein Sweatshirt, Jeans und Turnschuhe. Die sterblichen Überreste kamen in einen Leichensack, der – in weißer Tinte mit der Identifikationsnummer PM3900013 versehen – auf dem Friedhof von Lampedusa im Feld für unbekannte Migranten bestattet wurde. Es gibt keine offiziellen Zahlen, aber die Annahme, dass etwa die Hälfte der Migranten, die den Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, nicht überlebt haben, als unbekannte Tote auf italienischen Friedhöfen ruht.

Jeder Tote hatte einen Namen

Professorin Cristina Cattaneo, Leiterin des Labors für forensische Anthropologie an der Universität Mailand, setzt sich seit Jahren dafür ein, jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, die auf See ertrunken sind, einen Namen zu geben. Was sie will, ist ehrgeizig und ziemlich sicher nicht zu erreichen, aber dazu angetan, die Gleichgültigkeit der EU-Länder gegenüber dem tragischen Schicksal so vieler Menschen zu unterstreichen. „Stellen wir uns nur für eine Minute vor, ein Flugzeug voller Italiener wäre vor der Küste eines anderen Kontinents abgestürzt“, so Cattaneo, „stellen wir uns weiter vor, dass ihre Leichen geborgen und ohne Identifizierung begraben würden. Das wäre undenkbar! Warum lassen wir das aber zu, wenn es sich bei den Toten um Flüchtlinge aus Afrika handelt?“ Cattaneo hält die Gleichgültigkeit gegenüber der Identifizierung dieser Toten für eine „kulturelle Frage“. „Ich vermute, die Tatsache, dass die meisten Opfer dunkle Haut und den Koran gelesen haben, ist ein Grund für eine solche Diskriminierung. Man kann es auch so ausdrücken: Wir befinden uns in zwei verschiedenen Kontexten, in unserem eigenen, dem der reichen Europäer; sowie dem anderen der Armen und Fremden.“

Einer der Ersten, die die Frage der Identifizierung aufwarfen, war Morris Tidball-Binz, damals Chef der forensischen Einheit des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), mit dem Cattaneo zusammenarbeitete, um vergessene Opfer zu identifizieren. Im Februar 2013 besuchte Tidball-Binz Mailand, rief Cattaneo an und gestand ihr bei einem Mittagessen, dass ihn die Sache nicht loslasse. „Er erzählte, das IKRK erhalte viele Telefonanrufe von Leuten aus Syrien, Mali oder Eritrea, deren Brüder, Schwestern und Kinder auf dem Weg nach Europa waren und nie dort ankamen“, erinnert sich Cattaneo. „Sehr wahrscheinlich wurden sie Opfer von Schiffbrüchen. Die Anrufer wollten wissen, wo sie die Leichen finden können. Tidball-Binz fragte mich, ob es in Italien dazu ein Register gebe. Dergleichen war nicht vorhanden, aber der Moment gekommen, das zu ändern.“

Anfang 2014 unterzeichnete Vittorio Piscitelli, damals Regierungsbeauftragter für Vermisste, mit dem Roten Kreuz eine Vereinbarung, wonach im Mittelmeer verschollene Flüchtlinge identifiziert werden müssen. Italien ging diesen Schritt als erstes Land weltweit. „Als mir Doktor Cattaneo neue Technologien präsentierte, die zur Identifizierung genutzt werden können“, erzählt Piscitelli, „wusste ich, dass wir mehr tun konnten, als wir bis dahin getan hatten.“ Aber der erste Schritt ist häufig der schwierigste. Schon nach dem 3. Oktober 2013 – es war der Tag, an dem 368 Menschen vor der Insel Lampedusa ums Leben kamen – hatte sich bald gezeigt, welche Hindernisse einer Identifizierung im Weg stehen können. Normalerweise werden in diesem Fall bei der Obduktion von Leichen die äußeren Gewebe und inneren Organe untersucht, Knochen und Zähne analysiert und DNA-Proben gesammelt. Nützliche Daten wie Zahnfüllungen oder Tätowierungen geben die Mitarbeiter in eine Datenbank ein. Im zweiten Schritt werden die DNA eines nahen Verwandten, ein Röntgenbild oder sogar ein Foto mit den bisherigen Daten abgeglichen. „In der Theorie scheint das alles sehr einfach“, erklärt Cattaneo. „Aber wenn ein Element fehlt, ist es fast unmöglich, weiterzukommen. Und bei diesen Migranten stellten wir schnell fest, dass es sehr schwierig war, sich ein verlässliches Bild zu verschaffen.“

Genau ein Jahr nach dem Kentern des Schiffes trafen Cattaneo und ihr Team in einem Büro des Innenministeriums in Rom die ersten Angehörigen der Flüchtlinge, die vor Lampedusa ertrunken waren. In den folgenden Monaten meldeten sich 80 Familien, etwa 40 Menschen wurden schließlich identifiziert. „Es war ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Cattaneo, „jedoch wichtig, weil wir die Körper von Söhnen und Brüdern zurückgaben. Wir verschafften ihnen Frieden. Die Identifizierung ist nicht nur eine Frage der Würde für die Toten, es dürfte zudem notwendig für das Seelenheil der Lebenden sein.“ Unbewältigte Trauer könne zu Depressionen oder Alkoholismus führen.

Für die gebotenen Recherchen werden auch persönliche Gegenstände erfasst. In einem Raum des forensischen Instituts in Mailand finden sich ganze Regale mit Besitztümern von Ertrunkenen: Halsketten, Armbänder, Kleingeld, Embleme von Fußballmannschaften, eingeschweißte Zeugnisse, alles katalogisiert. „Migranten, die im Meer sterben, sind häufig Jugendliche. Sie haben in ihren Taschen die gleichen Dinge, die unsere Teenager dabeihaben, wenn wir sie in die Schule schicken“, sagt Catteneo. Als sie Anfang Juli 2015 im Krankenhaus von Catania die Autopsie des jungen Eritreers vornahm, bemerkte Cattaneo, dass im T-Shirt des Toten eine Tasche eingenäht war. Darin befand sich ein kleines Zellophanpäckchen mit einem dunklen Pulver. „Es war Sand. Sand aus seinem Dorf, nehme ich an, denn bei Eritreern ist es üblich, ein physisches Erinnerungsstück mitzunehmen, bevor sie ihre Heimat verlassen, in die sie womöglich nie zurückkehren.“

Viele der damals Ertrunkenen wurden erst im Jahr darauf von den italienischen Behörden geborgen. Eine Abteilung der Armee war beteiligt, Kostenpunkt: 9,5 Millionen Euro. Im Rumpf des Schiffes fand man mehr als 500 Leichen. „Stellen Sie sich Schädel und Knochen Hunderter Menschen vor, eingeschlossen und ein Jahr lang geschüttelt“, sagt Cattaneo. „Bis heute haben wir erst sechs Personen sicher identifiziert. Je länger es dauert, desto komplizierter wird es, Verwandte zu finden. Außerdem wird das Geld knapp. Vollenden können wir diese Arbeit nur, wenn uns mehr europäische Regierungen unterstützen.“ Im April verabschiedete das EU-Parlament eine Resolution zum Schutz des Asylrechts, bei der es nicht zuletzt um das Recht auf Identifizierung der Migranten geht, die im Mittelmeer starben.

Am Rande der Augusta-Werft in Sizilien – dort, wo 2016 Feuerwehrleute Zelte aufbauten, um geborgene Leichen aufzubahren – wächst heute eine Wiese mit rosafarbenen Wildblumen. In Professor Cattaneos Tagebuch, in dem sie die Erlebnisse ihrer ersten Migranten-Autopsien festgehalten hat, steckt eine Blüte von dieser Wiese. „Ich habe sie in Augusta gepflückt, als ich zwei Jahre nach dem Unglück zurückkam. Ich trage sie immer bei mir, wie dieser Junge, der die Erde seines Dorfes bei sich hatte. Die Blüte ist meine Version des afrikanischen Sands. Sie hebt die Distanz zwischen mir und ihm auf, und sie treibt mich an, jeden Tag dafür zu arbeiten, diesem Jungen den Namen zurückzugeben, der ihm durch Europas Gleichgültigkeit gestohlen wurde.“ Das Unglück vom Juli 2015 ist zu einem Symbol für Tragödien auf See geworden; die Reste des versunkenen Schiffes wurden auf der Biennale von Venedig ausgestellt.

Lorenzo Tondo recherchiert und schreibt als Korrespondent des Guardian in Italien vor allem über Migrationsfragen

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 23.06.2021
Geschrieben von

Lorenzo Tondo | The Guardian

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