Nur das Unkraut vergeht nicht

Drogenkrieg Im mexikanischen Juárez-Tal, direkt an der Grenze zu den USA, gelten nicht einmal mehr die Gesetze des organisierten Verbrechens

Die Ereignisse, die keinen Namen tragen, schneiden sich ihren Weg wie Sensenmänner durch das Tal. Sie mähen von Ost nach West, von West nach Ost in mörderischen Zügen. Die beiden menschlichen Köpfe in einer Kühlbox an der Ecke des Marktplatzes? Ein Rätsel. Die 18 Häuser, die in einer einzigen Nacht niedergebrannt wurden? Ein Mysterium. Der Arzt und seine Familie, die verschwanden? Ein Gerücht.

Von den Ortsansässigen erfährt man nur soviel: Das Juárez-Tal erstreckt sich entlang des Rio Bravo, einst wurde hier Baumwolle angepflanzt. Am Tag herrscht brütende Hitze, nachts ist es bitterkalt. Wenn man von der mexikanischen Seite aus einen Stein über den Fluss wirft, landet er in Texas.

Will man mehr erfahren, versiegt die Unterhaltung. Über das Gemetzel, über die Gründe, weshalb dieser Ort zu einem der mörderischsten der Welt geworden ist, haben die Einwohner wenig zu sagen. Sie sprechen höchstens über „die Situation“, „die Dinge, die geschehen“ oder einfach nur über „es“.

Deutlicher wird keiner sagen, dass sich dieses Tal mit seinen Dutzend Dörfern und Städten, wo einst 20.000 Menschen lebten, vom Rest des Landes abgelöst hat und in ein Reich vorgedrungen ist, das keine Karte mehr erfasst. Hier gibt es keinen Staat mehr, kein Gesetz. Menschen werden ermordet, enthauptet, Häuser werden in Brand gesetzt und keiner will etwas gesehen haben. Die offizielle Erklärung dafür lautet: Das Sinaloa-Kartell fordert das heimische Juárez-Kartell heraus. Es soll um die Kontrolle über eine alte Handelsroute für Waffen und Drogen in die USA gehen. Einst weckte sie Billy the Kids Begehrlichkeit, heute kämpfen die modernen Outlaws darum.

Dieses Tal ist vermutlich das einsamste Schlachtfeld des so genannten Drogenkriegs in Mexiko. Über 500 Menschen sollen hier in den vergangenen vier Jahren ermordet worden sein, die Todesrate ist damit höher als im Irak oder in Afghanistan. Während die Gewalt talauf und -abwärts schwang, begann der Exodus. Als dann irgendwann eine Kirche ausbrannte und anonyme Hinweise vor einem weiteren Blutbad warnten, hatten die meisten Bewohner dem Tal bereits den Rücken gekehrt und vernagelte Geisterstädte zurückgelassen. Allein die Natur gedeiht hier noch: Unkräuter ranken sich wie Girlanden um die Wracks zurückgelassener Pick-Up-Trucks.

Nicht-Wissen rettet das Leben

Der Friedhof außerhalb der größten Stadt Guadalupe ist ein verdörrter Ort mit frischen Grabhügeln. „Vier in der vergangenen Woche, alles junge Menschen“, sagt Ignacio Montes, der Totengräber. Ein Stofflappen unter seiner Baseballmütze schützt den 66-Jährigen vor der Sonne. Er deutet an, dass es sich um eine Familienfehde handelt: „Sie zielen auf die Verwandten“, sagt Montes. 2008 griffen Bewaffnete bei einer Beerdigung die Trauernden an, sie töteten die Tochter des Toten und verletzten seine Enkelin. „Es hört nicht auf“, sagt Montes. Vor kurzem fand er auf einem der Gräber die geschundene Leiche eines 16-Jährigen.

Victor Luque, 53, ist Bürgermeister von Guadalupe. Sein Vorgänger kam vor zwei Monaten bei einem Anschlag ums Leben – so wie drei Bürgermeister der Stadt vor ihm. Luque, ein kultivierter, höflicher und eleganter Mann in einem weißen Leinenhemd, erklärt sich zu einem Interview bereit.

Was ist los in diesem Tal?

– Das weiß ich wirklich nicht.

Auf wessen Konto gehen die Morde?

– Das weiß ich wirklich nicht.

Wer ist für die Sicherheit verantwortlich?

– Das weiß ich wirklich nicht.

Wie viele Menschen sind geflohen?

– Das weiß ich wirklich nicht.

Das Mantra wird beinahe zu einem Witz. Der Bürgermeister zuckt mit den Schultern und lächelt. Er weiß, wie lächerlich dieser Wortwechsel ist. Er stellt eine Metapher in den Raum. Die „Situation“, sagt er, sei „ein Orkan“. Es gibt eine lokale Redensart für solche Situationen. Sie lautet: „Selbst der Wind hat Angst.“ In diesem Rathaus, mit seinem schwarzen Trauerflor, dem ausgeblichenen, pfirsichfarbenen Anstrich und den so gut wie leeren Büros hängt der Terror jedoch bleiern und bewegungslos in der Luft.

Nur einmal gibt Luque die Scharade einen Moment auf, als er erwähnt, dass er keinen Personenschützer hat. „Was würde das bringen. Wenn sie entscheiden, mich zu töten, dann gäbe es zwei Leichen statt einer.“

Wer sind „sie“? Der Bürgermeister lächelt wieder: „Das weiß ich wirklich nicht.“

Einer, der sehr viel weiß

Doch es gibt jemanden, der sehr viel über das Tal und alles darin weiß. Während meiner ersten Tour durch das Tal war kaum ein Fahrzeug oder auch nur eine Menschenseele in Sicht. Doch am nächsten Tag erhielt die Familie unseres Fahrers einen anonymen Anruf. Eine Stimme gab präzise wieder, wen wir getroffen und was wir besprochen hatten. Selbst die Orte, an denen wir nur abgebremst, aber nicht angehalten hatten, wurden exakt wiedergegeben.

Mexikos Agonie wird gebetsmühlenhaft als Revierkrieg zwischen Drogenkartellen dargestellt. Ein grausamer Konflikt, doch die Behörden deuten das Chaos als ein Anzeichen für die Verzweiflung der Kartelle. Dank seiner mutigen Soldaten und Polizisten setze sich der Staat langsam durch. „Meine Regierung ist absolut entschlossen, den Kampf gegen das Verbrechen ohne Gnade fortzuführen, bis wir diesem gemeinsamen Feind Einhalt geboten und das Mexiko bekommen haben, das wir wollen“, teilte Präsident Felipe Calderón, der den Kartellen 2006 den Krieg erklärt hatte, kürzlich via Zeitungsanzeige mit.

Allerdings sind die Sicherheitskräfte ein wandelnder Widerspruch. Wenn sie nicht da sind, herrscht Unsicherheit, sind sie da, dann ist es nicht anders. Sie nehmen die Bevölkerung aus, machen bei Entführungen und Erpressungen gemeinsame Sache mit den Kriminellen – das geht aus zahlreichen Beschwerden hervor, die bei der unabhängigen mexikanischen Menschenrechtskommission eingereicht wurden. Bei einer Meinungsumfrage, deren Ergebnis Anfang September veröffentlicht wurde, gaben 39 Prozent der Bevölkerung an, sie hielten die offizielle Korruption für den Hauptauslöser der Gewalt. Den Drogenhandel hingegen machten – den Behauptungen der Regierung zum Trotz – gerade einmal 14,6 Prozent dafür verantwortlich.

In der glühenden Wüstenhitze verschwimmt die Grenze zwischen sich bekriegenden kriminellen Banden und dem Staat. Soldaten und die Polizei – und auch gewählte Regierungsvertreter – kämpfen sowohl gegen das organisierte Verbrechen, als auch Seite an Seite mit ihm. „Sie stützen sich gegenseitig, das Phänomen wird immer schlimmer“, sagt der Menschenrechtsbeauftragte Mexikos, Gustavo De La Rosa. „Es gibt Politiker, die mit ihren Beziehungen offen prahlen.“

Die Polizei auf den Straßen von Juárez gilt bestenfalls als untauglich, im schlimmsten Fall als raffgierig und mörderisch. Trotz einiger Umstrukturierungen, gelten die Kommune und ihre Polizei immer noch als loyal gegenüber dem einheimischen Juárez-Kartell – eine Tradition, die Jahrzehnte zurückreicht. Die Bundespolizei wiederum, die von Außen in den Drogenkrieg hineingezogen wird, scheint mit den Eindringlingen des Sinaloa-Kartells zu kooperieren.

Schädel auf der Kühlerhaube

Deren Verhaftungs-Statistik schürt zumindest den Verdacht der Vetternwirtschaft. Von den 81.128 Festnahmen wegen Drogendelikten bis Ende Juli entfielen nur 24 Prozent auf die Sinaloa, das älteste und mächtigste Kartell Mexikos. Ein Motiv, abgesehen von Bestechung, könnte sein, dass dem Kompetenzgerangel ein Ende gesetzt werden soll, indem die Vorherrschaft eines Kartells gefördert wird. Präsident Calderón weist Vorwürfe der Begünstigung entrüstet von sich, doch die Natur der Gewalt in Juárez legt nahe, dass lokale Befehlshaber – mit oder ohne Segen Mexico Citys – mit der Sinaloa Geschäfte machen.

Das Juárez-Kartell fürchtet wiederum seine Auslöschung und schlägt gegen die schwarz-uniformierten Bundespolizisten zurück, die mutmaßlich ihre Kontrahenten unterstützen. Seit April sind etwa 40 Beamte der Offensive einer Stadtguerilla zum Opfer gefallen: Schießereien aus fahrenden Autos heraus, Entführungen, Autobomben – und eine seltsame Anfrage beim FBI, es solle gegen den mexikanischen Geheimdienst ermitteln.

An einem besonders heißen Morgen Ende August war auf dem Asphalt des Bulevar Ampliacion Cuatro Siglos die Zeichen eine neuer Strategie des Kartells zu begutachten: Erst stieß man auf einen blutigen nackten Fuß, dann auf Teile eines Beins, einen Torso, Arme, Hände und schließlich, 200 Meter entfernt, lag auf der Kühlerhaube eines schwarzen Nissan ein Kopf. Es waren die zerstückelten Überreste eines 25 Jahre alten Bundespolizisten. Daneben ein Zettel: „Das passiert mit denen, die Chapo helfen.“ Joaquin „El Chapo“ Guzman ist der Boss der Sinaloa.

Von dem Anblick wäre wohl jeder Polizist erschüttert gewesen, doch die Anordnung des grausigen Tableaus schien bewusst darauf abzuzielen, jungen Beamten aus dem Süden Angst einzuflößen, wo Aberglaube und Zauberei noch weit verbreitet sind.

Gesicht zur Müllkippe

Und jeder Tag bringt neue Schrecken. Kürzlich wurden zwei Männer erstochen mit dem Gesicht nach unten auf einer Müllkippe gefunden. Sechs Personen wurden in einem Bus verbrannt. Zwei Radfahrer wurden auf offener Straße erschossen. Ein Kind wurde auf der Schwelle seines Elternhauses erschossen. Alles an einem Tag. Noch vor dem Mittagessen.

„Ich kann nur lachen, wenn ich höre, wie verschiedene Experten der amerikanischen und mexikanischen Regierungen oder die Medien versuchen zu erklären, was hier los ist“, sagt Charles Bowden, Autor des Buches Murder City: Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Fields, der seit langem die Ereignisse an der Grenze dokumentiert. „Die Sache ist die, dass man in Juárez kein Schema hinter der Gewalt mehr erkennen kann. Überall wird gemordet, über alle Klassengrenzen hinweg. Man kann sich keinen Reim darauf machen.“

In der Stadt soll es rund 500 Gangs geben, viele Mitglieder kommen aus den Slums, wo die Eltern in den Sweatshops 40 Dollar die Woche verdienen. Manche Gangs sind unabhängig, andere arbeiten für die Kartelle, manche für die Polizei und dann gibt es noch die, die nicht so recht wissen, für wen sie eigentlich arbeiten. Sie erhalten ihre Anweisungen per Telefon von ihnen unbekannten Bossen.

Die wenigsten Morde werden untersucht, geschweige denn aufgeklärt. Selbst wenn die Verdächtigen festgenommen und den Fernsehkameras präsentiert werden, müssen sie oft wenige Tage später freigelassen werden – aus Mangel an Beweisen, weil es keine Zellen mehr gibt oder auf richterliche Anordnung. „Es ist, als wüsste keiner mehr, wie dieser Krieg eigentlich angefangen hat. Keiner kontrolliert jetzt noch das Töten, es hat ein Eigenleben entwickelt“, meint Bowden.

Und da Mexikos Präsident Calderón nicht in der Lage ist, den Blutstrom zu stoppen, versucht er ihn neu zu definieren. Er behauptet, 90 Prozent der Getöteten seien in den Drogenhandel verwickelt. Ein General hat von den Medien gefordert, anstelle von „einem weiteren Mordopfer“ lieber „ein Krimineller weniger“ zu schreiben. Angesichts der Tatsache, dass so wenige Mordfälle überhaupt untersucht werden, kann man sich nur wundern, woher der Präsident, sein General oder irgendjemand sonst das wissen wollen.

Rory Carroll ist der Südamerika-Korrespondent des Guardian


Übersetzung: Christine Käppeler

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13:52 23.10.2010
Geschrieben von

Rory Carroll | The Guardian

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