„Nur die Paranoiden überleben“

10 Jahre Facebook Das soziale Netzwerk feiert seinen zehnten Geburtstag und ist unterdessen so allgegenwärtig, dass einige sogar Facebook und Internet miteinander verwechseln

Am Dienstag feiert Facebook seinen zehnten Geburtstag. Das Netzwerk hat mittlerweile 1,23 Milliarden Nutzter. Denken Sie über diese zwei Zahlen einen Augenblick lang nach: Ein Unternehmen, das vor zehn Jahren noch nicht existierte, hat heute so viele Nutzer wie Indien Einwohner.

Wenn man eine Studie darüber durchführen wollte, inwiefern das Internet „disruptive Innovation“ ermöglicht, dann wäre Facebook eines der vier besten Beispiele. (Die anderen drei wären das WorldWideWeb, Wikipedia und Sykpe). Wie das Web ist Facebook im Grunde das Werk eines einzigen, begabten Individuums – Mark Zuckerbergs. Er war nur in der Lage, Facebook zu gründen, weil das Internet „zulassungsfreie Innovation“ erlaubt, wie jemand es einmal formulierte – selbst Studienabbrecher haben hier eine Chance.

Facebook war nicht das erste Soziale Netzwerk. Das Erstaunlichste an dem Unternehmen ist, auf welche Art und Weise es zum führenden Player auf einem schon längst etablierten und dicht gedrängten Markt werden konnte. Die Idee von computervermitteltem sozialem Networking ist alt. Sie geht auf die kalifornische Gegenkultur der siebziger Jahre zurück. Es gab im Verlauf der Entwicklung unzählige Unternehmen, die für einige Zeit wahnsinnig boomten, bevor sie entweder in Bedeutungslosigkeit verschwanden (SixDegrees, MySpace) oder sich in einer Nische einrichteten (LinkedIn).

Als Facebook aufkam, drängte sich zunächst der Vergleich mit MySpace auf. Doch selbst damals schien klar, dass die beiden keine direkten Konkurrenten waren. Im Vergleich mit dem ordinären und manchmal auch etwas schrägen MySpace wirkte Facebook adrett, streng und langweilig. Und es war exklusiv – man musste an einer US-amerikanischen Elite-Universität eingeschrieben sein, um beitreten zu können. Anscheinend übertrugen sich die gesellschaftlichen Klassenunterschiede auch ins Netz. Eine Karrikatur des New Yorker aus jener Zeit zeigt die Tochter eines Wall Street Bankers dabei, wie sie ihren Eltern ihren schmuddeligen Freund vorstellt. „Findest Du nicht, er ist ein bisschen zu myspacig für Dich, Liebes?“, sagt die Mutter.

Der Erfolg von Facebook hatte mehrere Gründe. Einer davon bestand in der technischen Virtuosität seines Gründers und dessen ersten Mitarbeitern. Anders als andere vergleichbare Unternehmen, die ein explosionsartiges Wachstum zu verkraften hatten, kam Facebook damit hervorranged zurecht. Selbst das Marketing war sehr clever: Sein ursprüngliches Wachstum speiste sich aus der Tatsache, dass Harvard-Undergraduates in erster Linie eins im Kopf haben: Sex. Des Weiteren nutzte Facebook seine frühe Exklusivität als Köder und ließ erst Schritt für Schritt immer weitere, auch weniger elitäre Universitäten zu, bis es sich schließlich für alle öffnete.

An diesem Punkt griff Metcalfes Gesetz. Dieses besagt, dass ein soziales Netzwerk für Leute, die über einen Beitritt nachdenken, umso attraktiver wird, je mehr Leue sich bereits angemeldet haben. Das bedeutet praktisch eine – Kartellwächter aufgemerkt! – potenzielle The-winner-takes-it-all-Situation. An exakt diesem Punkt befindet das Unternehmen sich gegenwärtig.

Vom Beginn seines exponentiellen Wachstums an war Facebook der Gegenstand fieberhafter Spekulationen, sowohl im finanziellen als auch im medialen Sinne. Vor dem Börsengang ging es meistens um die Bewertung. Seit dem Börsengang standen dann andere Fragen im Vordergrund: Wird das Unternehmen in der Lage sein, auf dem Mobilfunktmarkt ebenso zu bestehen wie in der Desktopwelt? Kann sein spektakuläres Wachstum anhalten? Worin genau besteht eigentlich sein Geschäftsmodell?

Vor allem anderem ergingen sich die Medien aber über jene mythischen Wesen, die unter dem Namen „Teenager“ bekannt sind. Da der Eindruck vorherrschte, Facebook habe sein Wachstum in erster Linie jungen Leuten zu verdanken – deren Unbeständigkeit, was Beziehungen angeht, allgemein bekannt sind – wurde der Börsenwert des Unternehmens im Zusammenhang mit der Frage diskutiert, ob Teenager sich mit der Zeit gelangweilt von der Seite abwenden würden – oder nicht. Die jüngste Nuance dieses Gerüchts besagt, Jugendliche würden davon abgestoßen, dass inzwischen ihre Eltern oder gar Großeltern bei Facebook unterwegs seien.

Ein amüsantes Beispiel dafür, wie tief das Niveau dieser Spekulationen mittlerweile gesunken ist, kommt von Wissenschaftlern der Princeton University, die versuchten, die Kontakte bei sozialen Netzwerken mit einem epidemologischen Ansatz darzustellen. Der Beitritt zu einem Netzwerk weise Parallelen zur Infektion mit einer ansteckenden Krankheit auf, so die Wissenschaftler. Die Aufgabe der Aktivität bzw. das Löschen des Profils entspricht in diesem Vergleich der Genesung des Patienten. Das Ergebnis der Untersuchung lautet: Facebook habe soeben die Phase erreicht, in der die Nutzer sich von der Plattform abwenden und die User-Basis der Plattform werde schon bald stark abnehmen.

Drei „Facebook-Wissenschaftler“ gingen hart mit der Methode ins Gericht und wendeten sie dann retour auf Online-Daten über Princeton an. Ergebnis: „Wenn man dem wissenschaftlichen Prinzip folgt, das Korrelation mit Ursache gleichsetzt, hat unsere Untersuchung verdeutlicht, dass die Gefahr besteht, Princeton könne völlig von der Landkarte verschwinden.“

Die entscheidende Frage ist in der Tat nicht, ob die Jugendlichen sich von Facebook abwenden werden oder nicht. Vielmehr muss sich zeigen, ob der Beitritt großer Mengen Erwachsener dazu führen wird, dass Zuckerbergs Traum vom „sozialen Graphen der Welt“ Wirklichkeit wird und sein Netzwerk alle sozialen Online-Verbindungen der Menschheit umfasst. Wenn dem so ist, wird der Schritt unserer Gesellschaft in völlig unerforschtes Territorium komplett sein.

Das liegt daran, dass Facebooks Geschäftsmodell in gewisser Weise dem des US-Geheimdienst NSA entspricht. Beide müssen das persönliche wie öffentliche Online-Verhalten beobachten. Die NSA behauptet, damit terroristische Aktivitäten und andere schlimme Dinge vereiteln zu können. Facebook behauptet eher indirekt als ausdrücklich, die intensive Überwachung seiner Nutzer ermögliche ihm, seine Angebote und Dienstleistungen auf deren Bedürfnisse zuzuschneiden und Werbern präzise Informationen bieten zu können.

Während man bei der Überwachung durch die NSA nicht weiß, wie wirkungsvoll, effizient und kostengünstig der Aufwand ist, der hier betrieben wird, kann bei der Überwachung der Facebook-Nutzer kein Zweifel bestehen, dass er sich bezahlt macht. Den vor kurzem veröffentlichten Zahlen für das letzte Quartal zufolge verzeichnet das Unternehmen in diesem Zeitraum Einnahmen in Höhe von 2,59 Millarden US-Dollar. Das sind 63 Prozent mehr als im entsprechenden Quartal des Vorjahres. Im Gesamtjahr 2013 betrugen die Einnahmen 7,87 Milliarden – 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Dies ergab für 2013 einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar.

Was ist mit den kommenden zehn Jahren? Wie bei den meisten Internet-Unternehmungen, ist das unmöglich vorherzusagen. Weitere Überraschungen sind natürlich möglich. Schließlich entspringt Software vollständig dem menschlichen Geist und die Branche ist nicht gerade arm an Genies. Das ist auch der Grund, warum viele Online-Mogule sich das Motto Andy Groves zu eigen machten: „Nur die Paranoiden überleben.“ Facebooks Zukunft hängt davon ab, wie der Kampf zwischen Metcalfes Gesetz und der Fähigkeit des Netzes disruptive Überraschungen zu Tage zu fördern ausgeht.

Vor ein paar Jahren entdeckte ich während einer Recherche zu meinem Erstaunen, dass einige Politiker dachten, das World Wide Web sei das selbe wie das Internet. Als ich das eines Tages auf einem Symposium bei einem Kaffee dem Erfinder des Web, Tim Berners-Lee, erzählte, antwortete er mir: „Es ist sogar noch schlimmer. Es gibt hundertmillionen von Menschen auf der Welt, die denken, Facebook sei das Internet.“

Aus diesem Grund sollten wir uns wegen Zuckerbergs Erfolg sorgen.

John Naughton ist der Autor des Buches From Gutenberg to Zuckerberg: What You Really Need to Know About the Internet

10 Facebook-Meilensteine

Februar 2004: Mark Zuckerberg gründet zusammen mit seinen Zimmergenossen Eduardo Saverin, Andrew McCollum, Dustin Moskovitz und Chris Hughes Facebook. Die Mitgliedschaft auf der Seite ist Studenten der Harvard-Universität vorbehalten.

Im Verlauf desselben Jahres behaupten Cameron and Tyler Winklevoss, sie hätten Facebook erfunden. Nach einer vierjährigen juristischen Auseinandersetzung kommt es zu einem Vergleich in Höhe von 65 Millionen US-Dollar.

Mai 2005: Die Beteiligungsgesellschaft Accel Partners investiert 12, 7 Millionen Dollar in die Seite und der Accel-Partner Jim Breyer legt noch eine Million aus seinem Privatvermögen drauf.

September 2005: Studenten aller Hochschulen können beitreten. Ein Jahr später wird die Seite für jeden geöffnet.

September 2010: The Social Network, David Finchers Film über die Gründung von Facebok kommt in die Kinos und erhält viel Lob.

April 2012: Facebook gibt bekannt, für eine Millarde Instagram zu kaufen – die Smartphone-App zum Teilen von Bildern. Zuckerberg verspricht, Instagram als eigenständige Marke weiterzuentwickeln.

Mai 2012: Der Börsengang von Facebook kostet Zuckerberg zunächst vier Millarden seines Vermögens. verliert vier Millarden seines Vermögens. In weniger als zwei Wochen verlieren die Facebook-Aktien fast ein Viertel ihres Werts und Zuckerberg fällt aus der Liste der 40 reichsten Millardäre der Welt.

Dezember 2012: Facebook reagiert auf Kritik mit weitreichenden Veränderungen seiner Datenschutz-Bestimmungen.

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

15:55 03.02.2014
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

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The Guardian

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