Nur ein Ort, um nicht zu hungern

Somalia Dadaab war einst ein kleines kenianisches Dorf. Heute ist es das größte Flüchtlingslager der Welt. In den Camps wachsen Frust und Spannungen

Es war eine schreckliche Erfahrung“, sagt Sarua Ali. „Wir waren zu acht und mussten fünf Tage mit ein paar Kilo Mehl überleben. Die ganze Reise über wurden wir von Hunger und Durst gepeinigt.“ Sie hält ihren vierjährigen Enkel im Arm. Der staubige Morgenwind weht ihr ins Gesicht. Sie und ihre Familie sind vor der Dürre aus dem Dorf Waldid in Somalia geflohen und eben im zentralen Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias angekommen. „Die Hitze war unerträglich, wir konnten nur nachts gehen. Es war immer dunkel und wir hatten Angst“, erzählt sie.

Mehrere hundert Leute haben sich an der Registrierstelle in Dagahaley versammelt, einem der drei Flüchtlingslager um Dadaab. In Somalia waren sie Kleinbauern und Viehhirten, eine der schlimmsten Dürren der vergangenen 60 Jahre und die politischen Wirren haben ihre Existenzen vernichtet. Geduldig warten sie, um sich von Mitarbeitern des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) registrieren zu lassen. Die meisten von ihnen waren Wochen zu Fuß in der Wüste unterwegs und im Grenzgebiet zwischen Kenia und Somalia tagelang der Gnade von Banditen ausgeliefert.

Allein in diesem Jahr sind 100.000 Somalier aus ihrem Land geflohen, weil der Regen ausblieb. Viele von ihnen haben in Dadaab Zuflucht gefunden, es ist inzwischen das größte Flüchtlingslager weltweit. Es ist nicht nur der Hunger, der sie aus ihrer Heimat treibt, auch der Krieg. Die islamistischen al-Shabab-Milizen, die den größten Teil des Landes außerhalb der Hauptstadt Mogadischu unter Kontrolle haben und die Übergangsregierung vollends stürzen wollen, haben ungeachtet der Situation angekündigt, die Angehörigen der meisten internationalen Hilfsorganisationen nicht ins Land zu lassen.

Klagen über Korruption

Das Lager von Dadaab wurde bereits Anfang der neunziger Jahre angelegt, für die Opfer des somalischen Bürgerkrieges. Ursprünglich auf 90.000 Menschen ausgelegt, beherbergt der etwa 100 Kilometer von der somalischen Grenze entfernte Ort heute 380.000 Flüchtlinge. Eigentlich sind es drei Camps rund um das Dorf – Ifo, Hagadea und Dagahaley. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schätzt, bis zum Ende des Jahres könnten sich Flüchtlingszahlen auf 450.000 erhöhen. Die Lager sind schrecklich überfüllt, jeden Tag kommen neue Menschen an. Lebensmittellieferungen treffen mittlerweile nur noch unregelmäßig ein.

Spannungen und Frustrationen entladen sich bereits. Es ist vorgekommen, dass wütende junge Männer das Gelände des UNHCR in Dagahaley mit Steinen bewarfen. Das ewige Warten hatte sie wütend gemacht. Viele kommen jeden Tag hierher, nur um gesagt zu bekommen, sie sollen sich am folgenden Tag wieder melden. Angesichts des immensen Andrangs werden die Menschen danach ausgewählt, wie schwach sie sind. Familien mit mehr als acht Kindern und alte Leuten würden bevorzugt behandelt, sagt der Sozialarbeiter Aden Sirat Olow, der im Büro des UNHCR in Dagahaley arbeitet. „Zuerst erhalten sie etwas zu essen, dann bekommen sie Decken, ein Zelt und Lebensmittel für die nächsten Tage. Alleinstehende und junge Leute müssen länger warten, da ihre Fälle nicht so schwer wiegen. Allein in diesem Camp registrieren wir 1.000 Menschen pro Tag.“

Viele Neuankömmlinge beschweren sich darüber, wochenlang keine Rationen zugeteilt bekommen zu haben, andere sagen, die Verteilung der Lebensmittel und die Anmeldung werden durch Korruption behindert. „Einige der örtlichen Angestellten von UN und NGOs verlangen 3.000 Schilling (ungefähr 23 Euro) für eine Lebensmittelkarte. Wer nicht bezahlt, muss weiter hungern“, sagt Gedow Nunow aus Baidoa. Er habe zwei Monate warten müssen, bis er registriert werden konnte und irgendeine Unterstützung bekam. Die Menschen um ihn herum nicken mit den Köpfen.

Das von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) betriebene Krankenhaus im nahe gelegenen Lager Ifo hat 80 Betten, behandelt werden dort zurzeit aber 100 Leute. „Siebzig Prozent unserer Patienten sind Neuankömmlinge“, sagt Dr. Daniel Muchiri. „Durch die anstrengende Reise kommen sie in einem sehr schlechten Zustand hier an. Wir haben viele Fälle von Tuberkulose, Durchfall und Atemwegsproblemen.“

Auf einem Bett auf einer der drei Stationen wiegt die 23-jährige Hiraq Bayo ihren einjährigen Sohn, der sich ununterbrochen übergibt. Die beiden haben gerade einen Fünftagesmarsch aus dem Dorf Baraway in der Gedo-Region Somalias hinter sich. „Wir hatten einen Hof, doch alle Tiere sind in der Dürre verendet“, sagt sie, während sie versucht, ihr Kind aufrecht zu halten, damit es aufhört zu würgen. „Wir mussten alles aufgeben und hierher kommen, um unser Leben zu retten.“

Banden bewaffnen sich

Die Wüstenebene, auf der einst ein kleines kenianisches Dorf stand, ist mit Tausenden von Zelten für die Flüchtlinge und aus Plastiktüten oder Planen behelfsmäßig gebauten Hütten übersät. Heute leben hier drei Generationen von Somaliern, die vor Krieg, Dürre und Hunger geflohen sind. Durch die Nähe zur somalischen Grenze haben hier einige Waffen zur Hand, das und der Mangel an Jobs und Perspektiven verschärft die ohnehin schon explosive Situation weiter. Vergewaltigungen und andere Formen von Gewalt nehmen zu. Hunger und Angst lassen die Menschen verzweifeln. „Wir gehen alle zusammen nach draußen, versuchen, so schnell wie möglich voranzukommen und rennen weg, sobald wir jemanden näherkommen sehen“, sagt eine von sechs Frauen, die zwischen den Lagern Ifo und Dagahaley Holz sammeln. Einige Somalier haben sich zu bewaffneten Banden zusammengeschlossen, die auf der Straße zwischen Dadaab und der Grenzstadt Liboi Neuankömmlinge überfallen und ausrauben.

Tausende weiterer Menschen werden in den kommenden Wochen nach Dadaab kommen. Die UN spricht von der schlimmsten humanitären Krise weltweit. Die Geschäftsführerin des Welternährungsprogramms, Josette Sheeran, sagte bei einem Besuch des Lagers, das von der Hungersnot betroffene Gebiet werde sich bald ausweiten. Die Agenturen der UN und andere Hilfsorganisationen tun ihr Möglichstes, doch die Vorräte schwinden schnell und das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und Einheimischen verschlechtert sich zunehmend. Einige Neukömmlinge haben sich außerhalb der Lager niedergelassen und provozierten damit den Unmut der Ansässigen. Sie fühlen sich um ihr Land beraubt.

Andere behaupten, die einheimischen Kenianer verlangten Schutzgelder. „Ich musste ein paar Einheimischen 500 Schilling zahlen. Sie haben mir gedroht, mich hinauszuschmeißen. Zunächst habe ich mich geweigert, aber dann haben sie mein Haus dem Erdboden gleichgemacht“, sagt die 45-jährige Mariam Hassan Aden, die jetzt in Dagahaley lebt. „Mit dem Geld hätte ich Lebensmittel für meine Kinder kaufen können. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Schicksale von Flüchtlingen in Dadaab

Die Mutter

Adey Salat, 23, kommt aus dem Dorf Dinsor im Süden Somalias. Sie ist vor fünf Monaten mit ihren fünf Kindern im Lager Ifo in Dadaab angekommen. 25 Tage dauerte der Fußmarsch der Familie. „Einmal wurden wir von Banditen angehalten. Sie haben uns übel zusammengeschlagen. Als sie merkten, dass bei uns nichts zu holen war, haben sie uns laufen lassen.“ Ihre Hoffnungen, in Ifo ein besseres Leben zu finden, wurden schnell enttäuscht. Die Lebensmittelrationen, die sie alle zwei Wochen erhält, reichen nicht aus, um ihre Kinder zu ernähren. „Einige halten nur vier Tage“, sagt sie. Einen Teil davon verkauft sie, um Teeblätter und Milch für die Kinder zu besorgen. Sie hat im Lager keine Verwandte und muss betteln, wenn ihr die Lebensmittel ausgehen. Auch Wasser zu holen, ist äußerst mühevoll. „Manchmal steht man stundenlang umsonst an, denn das Wasser geht schnell aus.“ Ihr Mann ist noch „irgendwo“ in Somalia. Adey Salat hofft, dass er es schafft nachzukommen.

Der Vater

Isaac Mohammed, 50, kommt aus Buale im Süden Somalias. Er verwaltete dort einen kleinen Hof. „Ich hatte über 100 Stück Vieh. Sie sind alle tot. In den vergangenen Jahren konnte ich nichts ernten“, erzählt er. Als sein dreijähriger Sohn Mohammed wegen der schweren Unterernährung krank wurde, entschloss er sich, all sein Geld zusammenzunehmen, einen Esel­karren zu leihen und sich mit seinen zwei Frauen und neun Kindern aufzumachen. „Wir haben 18 Tage gebraucht, um ins Lager Ifo zu gelangen. Die ganze Zeit über hatte ich meinen Sohn auf dem Schoß und betete, er möge nicht sterben. Es war die schwerste Erfahrung meines Lebens.“ Sein Sohn erholt sich nun in einem Krankenhaus des Lagers. Isaac ist ständig bei ihm. Seine Frau hat im Lager gerade ein weiteres Kind zur Welt gebracht. Sie kommt gerade wieder zu Kräften.

Der Witwer

Ibrahim Isaac, 35, Bauer aus Bardhere in der westlichen Region Gedo, kümmert sich allein um seine vier Jahre alte Tochter Adey. Seine Frau ist zu Beginn des Jahres verstorben. Er entschloss sich vor einem Monat, nach Kenia aufzubrechen. Sein Hof am Ufer des Jubba-Flusses brachte keine Erträge mehr. „Ich hatte kein Geld, also mussten wir den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen“, erzählt er. „Unsere Füße waren voller blauer Flecken und Schnittverletzungen, als wir hier ankamen.“ Am meisten sorgt er sich um die Gesundheit seiner Tochter. Sie wurde im Lager sofort krank. Verwandte, die bereits länger hier leben, kümmerten sich um sie. Jetzt geht es ihr besser. „Ich musste bei ihr bleiben, konnte mich deshalb nicht anmelden und habe bisher noch keine Lebensmittel erhalten“, sagt er. Isaac will sich bald nach einem Job umsehen. „Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr Bauer. Aber jetzt habe ich mich entschlossen, etwas anderes zu machen.“

Die Bäuerin

Sarura Aden, 40, ist Mutter von sechs Kindern. Sie kommt aus dem Dorf Salagle, in der Nähe der somalischen Stadt Kismayo. Zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftete sie dort einen kleinen Hof mit ein paar Ziegen und Kamelen. „Vor der Dürre haben wir viel angebaut. Jetzt aber muss ich dieses Symbol des Hungers tragen“, sagt sie und zeigt auf das blaue Band an ihrem Handgelenk, das Flüchtlinge bei der Registrierung bekommen und zur Identifizierung tragen. Zusammen mit fünf anderen Familien waren sie 25 Tage zu Fuß unterwegs. „Auf unserem Marsch sahen wir viele Gräber, Leichen und Menschen, die von wilden Tieren getötet worden waren. Wir haben es geschafft, aber es war wirklich sehr schwer.“

Der Viehhirte

Abdi Omar, 80, ist seit fünf Tagen mit seiner achtköpfigen Familie in Ifo. Zwei Wochen dauerte die Reise, meist zu Fuß. Erst in der Nähe der Grenzstadt Doble gelang es Abdi Omar, ein Fahrzeug aufzutreiben. Einst besaß der Viehhirte zehn Kühe und über hundert Ziegen. Viele verhungerten, die letzten lebenden Tiere hat er verkauft, um die Reise nach Dadaab zahlen zu können. „Das ist die schlimmste Dürre, die ich meinem Leben gesehen habe“, sagt er. „Durst und Hunger waren die ganze Reise über unsere Begleiter, aber glücklicherweise haben wir es bis hierher geschafft.“ Vor zwei Tagen habe er seine ersten Lebensmittelrationen erhalten, warte aber noch auf ein Zelt für seine Familie. Omar ist bei einem seiner Söhne untergekommen, der sich bereits vor Jahren in Ifo niedergelassen hat. Er hofft, dass seine Familie sich so schnell wie möglich an die neue Umgebung anpasst.

Matteo Fagotto ist Reporter mit Schwerpunkt Ostafrika. Er schreibt für den Guardian

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

08:00 07.08.2011
Geschrieben von

Matteo Fagotto | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14681
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare