Nur schlechte Nachrichten sind gute

Impfschäden Wenn Wissenschaftler Entwarnung geben, werden sie von den Medien regelmäßig ignoriert

Kürzlich berichteten mehrere britische Zeitungen, dass ein Gerichtsmediziner den Tod eines Säuglings untersuchen werde, der zuvor eine Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) erhalten hatte. „Gesundes Baby starb nach MMR-Impfung“, titelte beispielsweise der Independent.

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Zwei Tage später verkündete der Gerichtsmediziner dann seinen Befund: Die Impfung hatte mit dem Tod nichts zu tun. Seither hat von allen Zeitungen nur der Telegraph den Anstand besessen, das Ergebnis der Untersuchung mitzuteilen. Alle anderen waren wohl der Ansicht, ihre Leser sollten besser in Unkenntnis bleiben.

Aber es geht noch weiter. Amateurmediziner spekulieren ja schon länger, ob MMR und andere Impfstoffe nicht doch irgendwie „schädlich für das Immunsystem“ seien und verantwortlich für die Zunahme von Asthma und Heuschnupfen. Zweifellos warten sie schon sehnsüchtig darauf, dass endlich ein Beweis dafür auftaucht.

Im American Journal of Epidemiology wurde jetzt eine umfassende Studie von Hviid und Melbye veröffentlicht. Sie haben in einer Gruppe von 871.234 Dänen untersucht, wie sich die Asthmaanfälligkeit zur MMR-Impfung verhält. Das Ergebnis war, dass diejenigen, die als Kind eine MMR-Impfung erhalten hatten, signifikant seltener mit Asthmadiagnose ins Krankenhaus eingewiesen worden waren als die Ungeimpften. Zudem wurden ihnen weniger Anti-Asthmamedikamente verschrieben. Dieser „schützende“ Effekt der MMR-Impfung erwies sich bei Fällen von besonders schwerem Asthma als besonders ausgeprägt.

Und dann gibt es da noch die erstaunliche Geschichte mit der O’Leary-Studie. Diese hatte 2002 behauptet, in Gewebeproben von autistischen Kindern Spuren des Masernimpfstoffs gefunden zu haben, was zu einem gewaltigen Medienecho geführt hat. 2006 kamen Studien von Afzal et al. und von D’Souza et al. in der gleichen Sache zu einem negativen Ergebnis und wurden einmütig von den Medien ignoriert. Daran änderte sich auch nichts, nachdem sich D’Souza die Mühe gemacht hatte, ausführlich zu zeigen, wie O’Leary zu seinem falsch-positiven Ergebnis gekommen war.

Stephen Bustin ist Professor für Molekularwissenschaft am Barts and the London NHS Trust, einem der führenden Lehrkrankenhauszusammenschlüsse Großbritanniens. Im Auftrag des Medikamentenherstellers, der in dem MMR-Impf-Prozess angeklagt war, unterzog er O’Learys Labor einer Prüfung. Da die Anklage fallengelassen wurde, konnte er seine Ergebnisse nicht mehr vorbringen. Später jedoch wurde er in einem amerikanischen Prozess gegen die Impfung, der als der „autismus omnibus“-case bekannt wurde, in den Zeugenstand gerufen. Die Bewegung der Impf-Gegner tat allerdings ihr Bestes, dies zu verhindern. Ihnen war bekannt, was Bustin herausgefunden hatte: es scheint unwiderlegbar bewiesen zu sein, dass in O’Learys Labor falsche Positiv-Befunde ermittelt worden waren.Nun hat Bustin endlich darüber schreiben können, was er in O’Learys Labor herausgefunden hat. Er hat im Dezember 2008 publiziert, allerdings bei niemandem Erwähnung gefunden, der über das O’Leary-Papier berichtet hat. Und auch sonst wird niemand darüber schreiben.Die Masern sind wieder auf dem Vormarsch. Nach Jahren der Ruhe kommt es sogar in Mitteleuropa wieder zu lokalen Epidemien mit Todesfällen.

Man darf Mittelschicht-Eltern dafür keinen Vorwurf machen, auch wenn es manchmal eine rhetorische Herausforderung ist, mit ihnen über solche Themen zu diskutieren. Sie wurden gründlich und systematisch von den Medien fehlgeleitet, also von Leuten, die eigentlich Ausbildung und Zugang besitzen, sich vollständig zu informieren, die aber trotzdem im Kollektiv und jeder für sich beschlossen haben, ihren Lesern nur die Hälfte der Fakten weiterzugeben. Dies tun sie so hartnäckig, dass man es beinahe für eine Verschwörung halten könnte. Tatsächlich habe auch ich Ihnen hier nur einen Bruchteil der Fakten mitgeteilt. Aber ich werde weiterschreiben, auch wenn andere schweigen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Ben Goldacre, The Guardian | The Guardian

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