Obamas Gipfelmarathon

UN-Gipfel Der US-Präsident will das Bild von der egozentrischen Supermacht schleifen. In diesen Tagen hat er dazu zwischen New York und Pittsburgh ausreichend Gelegenheit

Wenn es jemals eine Woche gegeben hat, um die Welt in Ordnung zu bringen, dann ist es diese. Die Reihe der Gipfelbegegnungen beginnt mit einem Sondertreffen der Vereinten Nationen, bei dem Regierungschefs vieler UN-Staaten versuchen wollen, die Abwehr des Klimawandels wieder zu beleben. Es folgt die Generaldebatte der diesjährigen UN-Vollversammlung mit einem Programm, das von den Friedensverhandlungen der Konfliktparteien in Nahost über den Terrorismus bis hin zur weltweiten Armut reicht. Am 24. Mai führt Barack Obama den Vorsitz einer Sondersession des Sicherheitsrates, bei der die atomare Abrüstung im Mittelpunkt steht. Nur für den Fall, die führenden Staats- und Regierungschefs könnten sich zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht ausgelastet fühlen, dürfen die mächtigsten von ihnen dann nach Pittsburgh umziehen, sich als G20 zusammen finden und darüber beraten, wie man die Weltwirtschaftskrise schneller eindämmen kann.

Kein durchschnittlicher Präsident

Wenn es darum geht, luftige Absichtserklärungen in irdische Errungenschaften zu verwandeln, ist immer eine Portion Skepsis angebracht. Schließlich trifft sich die UNO jedes Jahr zur Vollversammlung, ohne dass der Krieg bislang vom Antlitz des Planeten verbannt wurde. Neu ist 2009 allenfalls das Gefühl, dass die Vereinten Nationen ihren heutigen Status ein großes Stück weit Barack Obama zu verdanken haben. Er ist dank seiner Bereitschaft zum multilateralem Handeln bei weitem kein durchschnittlicher Präsident Amerikas. Deutlich wurde dies einmal mehr, als er seinen UN-Botschafter in den Rang eines Kabinettsmitgliedes beförderte. Noch deutlicher zeigt sich das bei seinem Bemühen um atomare Abrüstung.

Die Bombe auf multilateralem Weg verbieten zu wollen, scheint so fern jeder Realität zu sein, dass selbst die größten Hardliner der US-Verteidigungspolitik sich bereit fanden, dieser Absicht ihr prinzipielles Plazet zu geben, weil sie sicher sein konnten, dass es ohnehin nicht dazu kommen würde. Obama hingegen bemüht sich beharrlich darum, aus Luftschlössern reale Möglichkeiten werden zu lassen, angefangen bei seiner frühen Entscheidung, die Mittel für einen „verlässlichen Ersatzsprengkopf“ zu kürzen, über seine entwaffnende Prager Rede am 5. April bis hin zur Absage an den europäischen Raketenabwehrschild vor wenigen Tagen. Besonders dieser Schritt könnte Russland dazu bewegen, am Verhandlungstisch Platz zu nehmen und über Abrüstung zu reden, was für eine Revision des Atomwaffensperrvertrages die entscheidende Voraussetzung darstellt.


Bald jedoch wird der Präsident gegenüber skeptischen Wählern unter Beweis stellen müssen, wie sich auf internationalem Parkett bewiesener Edelmut so auszahlt, dass auch die Bürger zuhause etwas davon spüren. Es ist ein Zeichen für die Kühnheit Obamas, dass er seinen Plan zu einer Zeit vorantreibt, in der sich andere Staatschefs – oft aus gutem Grund – mit ganz anderen Dingen befassen. Der britische Premier Gordon Brown etwa will sich in dieser Woche in erster Linie mit Klimaschutz und einer Wiederbelebung des wirtschaftlichen Wachstums auseinandersetzen. Eine Gelegenheit, mit einem aktiven Internationalismus gegenüber den Konservativen zu punkten, die eher einen Laissez-faire-Ansatz verfolgen. Schon dieser ganz andere Ansatz zeigt, dass all die kühnen Hoffnungen diese Woche kaum überdauern werden. Aber immerhin treffen sie sich die Politiker, um an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten – und das ist eine gute Nachricht.

Übersetzung: Holger Hutt

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The Guardian, Editorial | The Guardian

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