Occupy Bad Bank

Irland In Irland planen Aktivisten Gebäude zu besetzen, die sich im Besitz der landeseigenen Bad Bank befinden. Allein in Dublin leben rund 2.000 Menschen auf der Straße

Während Irland nach einem Jahr wirtschaftlicher Entbehrungen unter einen weiteren Sparpaket ächzt, plant eine Gruppe junger Aktivisten, leerstehende Gebäude zu besetzen, die während des Baumbooms entstanden sind und nach dem Crash von den Banken und Grundstücksentwicklern fallengelassen wurden.

Die Besetzer, die mit Irlands Occupy-Bewegung in Verbindung stehen, wollen Häuser und Wohnungen besetzen, die sich im Besitz der regierungseigenen Bad Bank National Asset Management Agency (Nama) befinden. Die Einrichtung hat tausende von Immobilien übernommen, die die Spekulanten nach dem Crash an die Banken zurückgegeben hatten.

Sprecher der Bewegung ist der 27-jährige Liam Mac an Bháird, Absolvente der Universität von Galway. Seine Gruppe hat im Herbst bereits ein Haus auf der Dubliner Northside besetzt. Während des Booms war es 550.000 Euro wert, jetzt ist der Wert auf unter 200.000 gesunken. Da es seit mehreren Jahren leergestanden hatte, besetzten es Mac an Bháird und seine Freunde, um auf die Wohnungslosigkeit sowie die Immobilienunternehmen- und Bankenrettung durch den Steuerzahler aufmerksam zu machen. In der Republik Irland stehen derzeit an die 400.000 Immobilien leer. Das National Institute of Regional and Spatial Analysis (NIRSA) warnt davor, dass dieser Leerstand die Immobilienpreise auf Jahre hinaus drücken könnte.

Gegen das Gesetz

Mac an Bháird räumt ein, dass seine Gruppe gegen das Gesetz verstößt. Sie machten dies aber um einer wichtigen politischen Botschaft willen. „In diesem Land gibt es tausende von Obdachlosen, 2.000 schlafen heute Nacht allein in den Straßen von Dublin. Gleichzeitig stehen in der ganzen Stadt tausende von Wohnungen, Apartments und Häusern leer, von denen einige mit Sicherheit bewohnbar sind. Mit unserer Besetzung wollen wir auf das System aufmerksam machen, in dem wir hier zusammen leben. Diese Immobilien könnten zehn Jahre oder länger leer stehen – warum sollte man sie also nicht Obdachlosen zur Verfügung stellen?

Noch steckt die Bewegung in den Kinderschuhen, doch sie hat bereits eine Reihe von geeigneten Gebäuden ausgemacht, darunter eine leerstehende Elektrofabrik im nördlichen Dubliner Bezirk Smithfield.

„Ich habe innerhalb der Occupy-Bewegung das Argument vorgebracht, wir müssten Immobilien besetzen, die sich im Besitz der Nama befinden, um damit auf die Ungerechtigkeit eines Systems aufmerksam zu machen, in dem Milliarden in Banken gesteckt werden, die ihr Geld an Immobilienspekulanten verloren haben. Letztlich sollte es darum gehen, eine große Zahl von Obdachlosen in eine dieser „Geistersiedlungen“ einziehen zu lassen, die andernfalls leer stehen und verfallen würde.

Die ungefähr 600 „Geistersiedlungen“, die in den Jahren des Keltischen Tigers gebaut wurden, sind zum Symbol der irischen Wirtschaftskrise geworden. Die Kosten der Bankenrettung, die Bauunternehmern und Immobilienspekulanten während des Booms Milliarden geliehen haben, war enorm. Ökonomen beziffern die Verluste irischer Banken auf 106 Milliarden Euro.

Keine Drogen, kein Alkohol

Die Wut auf Banken und Spekulanten, die die Mehrheit der Iren für den wirtschaftlichen Zusammenbruch verantwortlich macht, nimmt beständig zu, je länger die landesweite Rezession und die mit ihr einhergehende Verelendung der Bevölkerung anhalten. Nach den jüngsten, vor Weihnachten veröffentlichten Zahlen des Central Office of Statistics ist das irische BIP im dritten Quartal 2011 erneut um 1, 9 Prozent zurückgegangen.

Im Occupy-Zeltlager vor der Central Bank of Ireland betont Mac an Bháird, dass ihre Bewegung den irischen Besetzern Regeln auferlegen werde. „Wir tolerieren während der Besetzungen weder Drogen noch Alkohol, schließlich handelt es sich um eine Form von politischem Widerstand. Völlige Gewaltfreiheit wie bei der Occupy-Bewegung gehört ebenfalls dazu. Und wir nehmen uns in den Gebäuden, die wir besetzen, nichts, was uns nicht gehört.“ Überleben würden sie durch Containern – das Sammeln von Lebensmitteln, die die großen Supermärkte in den Müll schmeißen, wenn sie nicht mehr verkäuflich sind.

Vor dem Hintergrund der im Dezember-Haushalt vorgesehenen erneuten Sparmaßnahmen von 2, 2 Milliarden Euro erhalte ihre Kampagne auch aus konservativen Kreisen immer mehr Zuspruch, so Mac an Bháird. „Selbst im Occupy-Camp vor der Central Bank kommen Leute aus der Mittelschicht auf uns und äußern ihre Solidarität. Sie, die nun für die Gier der Banker und Bauunternehmer bezahlen müssen, verstehen die Logik, Häuser zu besetzen, die andernfalls jahrelang sich selbst überlassen bleiben und verfallen.“

Die Aktivisten wollen schon bald das erste im Besitz der Nama befindliche Gebäude in Beschlag nehmen und sehen, wie die Behörden darauf reagieren. „Es wird interessant sein zu sehen, ob sie bereit sind, Obdachlose aus einem Gebäude hinauszuschmeißen, das sich in staatlichem Besitz befindet, also uns allen gehört, und andernfalls wahrscheinlich jahrelang leer stehen würde.“

Übersetzung: Holger Hutt
15:00 06.01.2012
Geschrieben von

Henry McDonald | The Guardian

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