Ochtyrka im Nordosten der Ukraine: Warum muss diese Stadt bluten?

Reportage Die ukrainische Stadt Ochtyrka liegt an der Straße nach Charkiw – und wird von Russland heftig attackiert. Trotzdem geben die Menschen hier nicht auf

Pavlo Kusmenko, Chirurg von Beruf und derzeit Bürgermeister von Ochtyrka, fährt durch die Straßen seiner Stadt. Er passiert ein zerstörtes Haus nach dem anderen. Vor kurzem noch zählten die Schlaglöcher hier zu seinen größten Problemen. Jetzt zählt er Tote auf: „Hier wurden sechs Menschen getötet“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. „Dort drei.“

Wie viele Menschen sind während dieses Krieges insgesamt in Ochtyrka umgekommen? Kusmenko möchte dies nicht öffentlich sagen, „um die Bürger:innen nicht zu verängstigen“. Aber „nach dem Sieg“ werde man die Gesamtzahl der Toten dann veröffentlichen. Bürgermeister Kusmenko wirkt überzeugt, aber ein Sieg scheint derzeit genauso weit entfernt wie der Frieden, der vor weniger als einem Monat noch hier in Ochtyrka herrschte.

Vor dem russischen Angriff war Ochtyrka, im Nordosten der Ukraine in der Region Sumy gelegen, ein Städtchen mit etwa 48.000 Einwohnern. Dann wurde die strategisch wichtig gelegene Stadt drei Wochen lang fast täglich bombardiert. Jetzt ist sie ein abgebrannter, vom Rauch erstickter und schuttübersäter Schatten ihrer selbst.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Ochtyrka ist geflüchtet. Berichte, die Stadt sei dem Erdboden gleichgemacht worden, sind nicht ganz aus der Luft gegriffen. Der Bahnhof steht nicht mehr. Der Einschlag kam mit einer solchen Wucht, dass er mehrere schwere Güterwaggons umkippte. Das Rathaus ist verschwunden, genauso ein Einkaufszentrum und ein Kulturzentrum. Eine einzige Rakete zerstörte drei ganze Häuser und beschädigte obendrein die Fenster und Balkone zweier neunstöckiger Gebäude in 100 Metern Entfernung.

Ein Geschoss riss einen großen Krater in den Boden, aus dem zersplitterten Holz daneben und den Trümmern, die einmal Mauerwerk waren, steigt ständig Rauch auf. „In diesen Häusern starben heute zwei ältere Frauen“, erzählt Kusmenko und zeigt auf das Ergebnis des jüngsten russischen Angriffs. In den Trümmern liegen möglicherweise weitere Leichen. „Schauen Sie sich um. Hier ist ein Wohngebiet. Es gibt keine militärische Einrichtung in der Nähe, nur einen kleinen Fluss und einen Wald.“

Ukraine-Krieg ist ein ganz altmodischer Krieg

Seit der russischen Invasion auf der Krim 2014 war viel von Cyberwaffen, Desinformation und hybrider Kriegsführung die Rede. Putins jüngster Kampf allerdings ist ein ganz altmodischer Krieg mit Karten, Gefechten und massivem Leid unter der Zivilbevölkerung. Ochtyrkas Wärmekraftwerk, das nicht von einem Cyberangriff, sondern von einer Rakete außer Funktion gesetzt wurde, konnte zum Teil repariert werden. Aber die Menschen kämpfen immer noch mit der Kälte – besonders, wenn die Temperaturen nachts auf minus zwölf Grad fallen.

Während der ersten Tage packten viele Frauen ihre Kinder ein und verließen die Stadt. Aber viele blieben auch, darunter ältere Menschen, die keinen Ort hatten, an den sie gehen konnten, und die ihr Zuhause nicht verlassen wollten. Die medizinische Ausbildung des Bürgermeisters erwies sich als Vorteil. „In den ersten Tagen, als es viele Opfer gab, habe ich selbst operiert“, erzählt Kusmenko, der Mitte 40 ist. „Es waren komplizierte Operationen. Es ist komplett anders als in Friedenszeiten. Wir hatten uns auf Verletzungen durch Minen und Explosionen vorbereitet. Aber die Theorie ist eine Sache, die Praxis eine völlig andere.“

Aber warum Ochtyrka? Auf den ersten Blick ist schwer zu erkennen, warum gerade dieses Städtchen dermaßen ins Visier der russischen Armee geraten ist und mutmaßlich schon mindestens 100 Zivilisten getötet wurden. Kusmenko mutmaßt, das liege daran, dass „Ochtyrka sich nicht ergeben und die Russen mit Blumen begrüßt“ habe. Er berichtet von Gesprächen mit russischen Kriegsgefangenen; die hätten angegeben, dass sie davon ausgegangen seien, in zwei Tagen Kiew zu erreichen.

Ochtyrka ist zudem von zentraler geografischer und strategischer Bedeutung. Die Stadt liegt in der Mitte eines Dreiecks zwischen den drei Oblasten Sumy, Charkiw und Poltawa und befindet sich nur 37 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Hätten die russischen Truppen Ochtyrka sofort besetzt, wäre die Straße nach Poltawa frei gewesen und die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw, von Kiew abgeschnitten. Dazu kommt, dass in Ochtyrka 50 Prozent des ukrainischen Öls produziert werden, was erklärt, warum hier die Öllager beschossen wurden.

Inmitten der Bombardements entstehen neue Routinen. Eine Gruppe von Stadtbewohnern arbeitet daran, die Trümmer wegzuräumen, wenn sie nicht gerade im Keller eines Kindergartens Schutz sucht. Die Leute stürzen auch nicht mehr sofort in die Schutzräume, wenn sie die Explosionen in der Ferne hören. Sie wissen mittlerweile, dass die gefährlichsten Angriffe in der Dunkelheit kommen. Bei Tageslicht können die ukrainischen Streitkräfte, die Ochtyrka kontrollieren, die Ausgangsorte für die Geschosse ausmachen und zurückschießen.

Es ist nicht so leicht, die Art der Waffen zu identifizieren, mit denen Ochtyrka Stück für Stück zerstört wird. Das ukrainische Militär sagt, es könnte sich dabei unter anderem um Totschka-U-Raketen handeln, das sind ballistische Boden-Boden-Raketen aus sowjetischer und später russischer Produktion. Am 25. Februar wurden laut Amnesty International bei einem Angriff auf einen Kindergarten in Ochtyrka drei schutzsuchende Menschen getötet, darunter ein Kind. Dabei sei verbotene Streumunition aus einer 220-mm-Uragan-Rakete eingesetzt worden. „Das stammt von einem BM-27-Uragan-Mehrfachraketenwerfer-System“, sagt Vlad, ein ukrainischer Soldat, als er den Schutt beim Kindergarten untersucht. Der Kreml behauptet, ein militärisches Ziel angegriffen zu haben. Aber Amnesty International bezeichnet den Angriff als ein mögliches Kriegsverbrechen.

„Ich lebe neben dem Kindergarten, der bombardiert wurde“, berichtet die Laborassistentin Halyna. „Ich sah das Blut neben dem Eingang zu meinem Haus. Wir haben solche Angst.“ Am 19. Tag der Bombardierung hörte ihr Jüngster nicht auf, zu schreien und zu weinen. „Mein Sohn lag vor einem Jahr im Koma und hat überlebt“, erzählt sie. „Und meine Tochter hat einen Stent in der Niere. Ich habe meine Kinder nicht gerettet, um sie jetzt zu verlieren.“ Trotzdem hat Halyna beschlossen, mit ihren Kindern in Ochtyrka zu bleiben, um denen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Jetzt arbeitet sie als freiwillige Helferin, zwischendurch geht sie zu Beerdigungen von Leuten, die sie kannte. „Serhiy war ein Klavierstimmer, ich war heute bei seiner Beerdigung“, erzählt sie. „Aber ich möchte nicht weiter über den Tod reden. Es ist alles schrecklich schwierig.“

Der Bürgermeister hat gerade einen Freund beerdigt, den er seit 15 Jahren kannte. „Leider gibt es jeden Tag Beerdigungen“, sagt er. „Wir haben keine Zeit, unseren Leuten richtig die Ehre zu erweisen. Sie werden schnell beerdigt. Viele Zivilisten sterben. Die Russen dachten, die Leute würden sagen: ‚Putin, hilf!‘, aber wir sagen: ‚Putin, stirb!‘“

Hier kam der Krieg ins Stocken

Vlad – der Soldat – sagt stolz, die Gegenwehr in und um Ochtyrka habe dazu beigetragen, die russische Invasion in den ersten Stunden zu verlangsamen. „Das haben sie nicht erwartet. Wir haben sie aufgehalten.“ Aber die Einnahme der Stadt ist immer noch von Bedeutung für die russischen Eroberungspläne. Und wenn die russische Armee sie nicht besetzen kann, beschließt sie vielleicht, sie dem Erdboden gleichzumachen.

Kusmenko, der vor eineinhalb Jahren gewählt wurde, hatte vor, Ochtyrka zu sanieren und sich um die Schlaglöcher in den Straßen zu kümmern. Stattdessen muss er nun Bombenkrater zuschütten und Leute auf das Himmelfahrtskommando schicken, unter heftigem Beschuss die Gas-, Wasser- und Stromversorgung zu reparieren.

„Ochtyrka ist die Grenze zwischen der zivilisierten Welt und der Barbarei. Wir sind es, die diesen kriminellen Einmarsch stoppen“, sagt Kusmenko. Seine Forderungen sind nicht neu: eine Flugverbotszone und die Wiedereinsetzung des Budapest-Memorandums von 1994. Damals hatte die Ukraine gegen Sicherheitsgarantien von Russland, den USA und Großbritannien ihre Nuklearwaffen aufgegeben.

Humanitäre Hilfe brauche man nicht, die Ukrainer:innen könnten sich selbst um sich kümmern, so der Bürgermeister. „Richten Sie eine Flugverbotszone ein“, sagt er und gibt zu, dass er vor einem Monat nicht genau gewusst hätte, was damit gemeint ist. Es gehe nicht um internationale Sicherheit, sagt er, sondern einfach nur darum, die Menschen hier zu schützen.

Die Ausgangssperre rückt näher, aber es bleibt noch Zeit für ein paar Stopps bei unserer Tour durch die Trümmer. Während wir uns von Ort zu Ort bewegen, spricht der Bürgermeister von der Zukunft und davon, wie Ochtyrka „nach dem Sieg“ aussehen könnte. In den Ruinen des Bahnhofs stellt er sich ein neues Gebäude aus Glas vor.

Trotz der fortwährenden Bombardements ist Kusmenko nicht einmal der Einzige, der jetzt schon von einer Zukunft für Ochtyrka nach dem Krieg träumt.

Wir fragen Halyna, wann sie glaube, dass der Krieg enden wird. „Wenn die Tulpen blühen. Dann wird der Krieg zu Ende sein. Das glaube ich“, antwortet sie. „Ich sehe, wie diese Stadt vor meinen Augen stirbt. Aber wir sind jung, und die, die gegangen sind, werden zurückkommen. Wir werden sie wieder aufbauen. Unser geliebtes Ochtyrka wird bestehen, und unsere Ukraine wird Bestand haben. Wir werden mit Freude den Frühling begrüßen. Wir werden ans Meer fahren, wir werden uns in den grünen Wiesen und Hügeln ausruhen. Wir werden die Schönheit hier genießen.“

Nataliya Gumenyuk ist eine ukrainische Journalistin und die Direktorin des Public Interest Journalism Lab. Von 2015 bis 2020 leitete sie den unabhängigen ukrainischen Sender Hromadske TV

Übersetzung: Carola Torti

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Nataliya Gumenyuk | The Guardian

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