Oh, Hoff!

Porträt David Hasselhoff singt immer noch – und parodiert sich in seiner Show selbst. Ein Hausbesuch beim berühmtesten Bademeister der TV-Geschichte und bei einem Gesamtkunstwerk
Oh, Hoff!
War Jekyll links und Hyde rechts? Oder umgekehrt? David Hasselhoff auf der Bühne

Foto: Capital Pictures / ddp

Aufgedreht von einem Jetlag und einer Dose Red Bull zum Frühstück betritt David Hasselhoff das Wohnzimmer seines Hauses in Los Angeles, wo ich zusammen mit seinem Hund Henry auf ihn warte: „Ich bin David“, sagt er zur Begrüßung. Im Wohnzimmer steht eine überlebensgroße Puppe des Schauspielers in roten Baywatch-Shorts, daneben ein Baywatch-Flipperautomat. An der Wand hängen ausgestopfte Köpfe verschiedener Tiere und ein Foto seines Sterns auf dem Hollywood Walk of Fame. Er überreicht mir ein Exemplar seines neuen Albums, This Time Around, und bittet seinen Assistenten Nick, den Hund hinauszubringen. „Henry liebt Frauen“, sagt er. Oh, Hoff!

Ich muss zugeben, dass ich aufgeregt bin. Für alle, die mit Knight Rider aufgewachsen sind, wird der gerade 60 gewordene Hasselhoff immer der Mann bleiben, der uns einmal die Woche mit „auf einen geheimnisvollen Flug in die gefährliche Welt eines Mannes mitnahm, der nicht existierte“ – wie es im Originaltrailer von Knight Rider hieß. Baywatch, der Alkohol, das lächerliche Label „famous in Germany“ – nichts von dem kann das zerstören.

Es muss merkwürdig sein für den Hoff, sich zwischen der sehr ernsthaften Bewunderung seiner Fans in der deutschsprachigen Welt – die goldenen Schallplatten an seiner Wohnzimmerwand stammen alle aus Deutschland und Österreich – und der englischsprachigen Welt zu bewegen, wo er nicht weniger geliebt wird, das aber meist aus anderen Gründen. „Ich will die Musik machen, die ich möchte“, sagt der Hoff, der zuletzt von Rock-Hymnen auf Musical-Nummern umgestiegen ist.

„In Deutschland habe ich alles gesungen, von …“ Er legt plötzlich aus voller Kehle los: „I’ve been looking for freedom!“ Ich springe aus meinem Stuhl auf. „Das ist eine große Hymne – fast wie eines dieser Bruce-Springsteen-Epen …“, erklärt er. Das war doch auch der Song, den er sang, als die Berliner Mauer fiel? „Yeah.“ Er singt weitere Lieder an und ruft dann plötzlich, um zu demonstrieren, wie das Publikum reagierte: „We love you, Hoff!“

Ein schwuler Hitler

Weiter geht die Gesangseinlage mit Versionen von „What I Did For Love, A Chorus Line“ und ein paar Zeilen aus dem Musical The Producers, bei dem sein Agent ihm abgeraten hatte, mitzumachen: „Ich glaube, du solltest Hitler nicht machen, das ist tödlich“, meinte der Agent. Aber so geht das nicht mit dem Hoff. „Ich sagte: ‚Wovon, zum Teufel, redest du? Das ist aus The Producers, einem der großartigsten Musicals überhaupt. Wir machen uns über ihn lustig. Das ist keine Hommage an Hitler, das ist ein schwuler Hitler.‘“

Singt er das Lied auch in Deutschland? Er blickt mich ungläubig an. „Das Musical war ein Riesen-Hit in Deutschland. Die Deutschen hassen Hitler mehr, als die Amerikaner das tun. Hitler hat schließlich ihr ganzes Leben versaut.“

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Hasselhoff als Hitler im Musical "The Producers - Springtime For Hitler"

Um seine Gesangsvorführung abzurunden, singt er noch eine Nummer aus dem Musical Jekyll and Hyde. Er steht auf, um mir zu demonstrieren, wie er dabei Jekyll und Hyde spielte: „Ich hatte zwei Perücken – eine für Jekyll, Jekyll war links, und Hyde war ... Warten Sie ... Hyde war rechts und Jekyll war … Jekyll war rechts und Hyde war links. Und dann wird es wirklich verrückt.“

Diesen Sommer präsentiert der Hoff nun Shows in Edinburgh und London. Er zeigt Parodien auf Knight Rider und Baywatch, singt seine Lieder und macht mit dem Publikum ein Spaßquiz. Wenn ein Prominenter auf diese Weise sein eigenes Image kannibalisiert, neigt man zur Herablassung. „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“, wird dann gern gesagt. Der Hoff hat deshalb in seinen Antworten immer etwas Selbstverteidigendes, das manchmal auch bitter klingt. Aber er macht bei aller Extrovertiertheit den Eindruck, dass er ein netter Kerl ist, auch wenn er beim Sprechen den Pluralis Majestatis verwendet. „Es begann alles“, sagt der Hoff, „als wir acht waren und es nur machten, um Spaß zu haben. Wir haben nicht versucht, davon zu leben.“ Er sieht mich arglos an. Oh, Hoff!

Zurzeit ist er mit einer 32-jährigen Waliserin namens Hayley zusammen, die er in einem Hotel in Cardiff traf, als er dort als Juror für Britain’s Got Talent arbeitete, der englischen Version von Deutschland sucht den Superstar. Zu ihrem ersten Treffen nahm er sie kurzerhand in ein Schweizer Wellnesshotel mit. „Ich wollte nicht, dass sie denkt, es ginge mir nur darum, mit ihr zu schlafen. Ich mag dieses Mädchen wirklich.“

Als sie sich kennenlernten, arbeitete Hayley in einem walisischen Kaufhaus. Jetzt ist sie gerade bei ihm in L.A. Ist sie bei ihm eingezogen? Der Hoff blickt mich erschrocken an. „Sie ist, ja, uh, nein. Ja. Wir beide – wir pendeln.“

Er war zweimal verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Eine von ihnen filmte ihn vor fünf Jahren, als er betrunken auf dem Boden eines Hotelzimmers lag. Sie wollte ihn damit aufrütteln. Später tauchte das Video auf YouTube auf. Das Aufrütteln hat funktioniert – er sei jetzt trocken, sagt der Hoff.

Sein Vater war Verkäufer, und die Hasselhoffs zogen oft um. Seinen Elan und seine Geselligkeit habe er von seinem Vater, sagt der Hoff. Dieser habe ihm beigebracht, wie wichtig es sei, zu allen nett zu sein. Nachdem er in Kalifornien Schauspiel studiert hatte, bekam er eine Rolle in der Seifenoper The Young and the Restless und ging 1982 von dort direkt zu Knight Rider.

Trotz des großen Erfolgs von Knight Rider war Baywatch noch profitabler – für den Hoff auf jeden Fall, denn er war so clever, sich die Rechte von NBC zurückzukaufen, und verdiente an den Wiederholungen ein Vermögen. „Es ist vielleicht nicht damit zu vergleichen, wie wenn einer Krebs heilt, aber es geht auch darum, Leben zu retten. Es geht um Helden, um gut aussehende Menschen, um Frauen in Badeanzügen – was soll daran verkehrt sein, wenn man am Strand ist und das Wetter ist, wie es ist?“ Er denkt noch etwas darüber nach, dann fügt er hinzu: „Wenn ich im Ausland bin, freue ich mich immer, wenn ich den Fernseher einschalte und Baywatch sehe.“

Vor zehn Jahren erhielt er einen Anruf von einem Journalisten in Sydney. Etwas Merkwürdiges ginge in den Büros der Stadt vor sich. „Er sagte, es gebe eine Unmenge an E-Mails zwischen Sekretärinnen, in denen mein Name – the Hoff – auf unterschiedlichste Weise verwendet werde. Ich fragte, was er damit meinte, und er schickte mir die Mails: Brave-Hoff, Some Like It Hoff, The Wizard of Hoff, jeder nur mögliche Hoffismus, den man sich denken konnte. Auch Abschätziges wie whack Hoff, fuck Hoff. Es waren 400 Stück. Ich verwende sie jetzt in meiner Show. Wenn die Leute reinkommen, leuchten sie auf den Bildschirmen auf. Ganz schön lustig.“

Was auch immer die Wortspiele ins Rollen gebracht hat – vielleicht die seltene Mischung aus Dandytum, Brusthaar und Gutmütigkeit, die bei Hasselhoff aufeinandertreffen –, der Hoff erkannte sofort das kommerzielle Potenzial. Wenn heute Leute in seine Show kommen, lädt er sie ein, im Hoff-Style zu feiern. Was bedeutet das? „Verrückter Rock’n’Roll-Spaß.“ Und was treibt ihn an? „Ich stehe gerne auf der Bühne. Wenn man auf der Bühne steht, hat man die Kontrolle. Niemand kommt an einen ran. Ich kann das Publikum zu mir einladen und es wieder wegschicken.“ Er wirkt aber auf einmal niedergeschlagen. „Wenn jemand etwas Negatives sagt, kann ich …“ Er setzt neu an: „Dann ist das in Ordnung. Ich kann auch das Spiel spielen.“

Sein Handy vibriert, und der Hoff schreit durch die Tür: „Hey Nick, ich habe gerade eine SMS gekriegt. Kümmerst du dich drum?“ Nick kommt herein und sagt: „Das war ich. Ich hab dir die Adresse geschickt, bei der du um zwei Uhr sein musst.“ Der Hoff sagt etwas irritiert: „Oh.“

Seine Töchter fänden seine Musik abgedroschen, erzählt er – „Techno-Pop“ gefällt ihnen besser. Aber hin und wieder ist auch ein Song dabei, der sie anspricht. Die meisten Hoff-Fans sind in ihren Dreißigern, auch wenn durch die weltweiten Endlos-Wiederholungen von Knight Rider und Baywatch eine neue Generation Hoff-Fans herangewachsen ist.

Die neue Cher?

Als er neulich in Deutschland aufgetreten sei, habe er außerdem noch etwas Erstaunliches festgestellt, sagt er. „Wir haben unglaublich viele schwule Fans!“ Ich blicke auf das Cover seines Albums, auf dem er auf einem goldenen Thron sitzt, das Hemd fast vollständig aufgeknöpft, ein großes keltisches Kreuz an einem Lederband um den Hals. „Sie sagen, ich sei so etwas wie die neue Cher“, sagt der Hoff mit einiger Verwunderung. Aber er geht pragmatisch damit um. Würde er lieber auf die Ironie verzichten? „Natürlich. Aber wenn wir den Hoff machen müssen, um die Miete zu bezahlen, dann machen wir eben den Hoff.“

Der Hoff ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Er macht eine Weihnachtsshow für die Snack-Marke Mr Lean und bringt bald ein Hoff-Videospiel auf den Markt. Die überlebensgroße Nachbildung seiner Selbst im Wohnzimmer stammt aus dem Sponge-Bob-Film, den er gedreht hat. Gern würde er auch eine Bollywood-Version von Baywatch machen – „Bombaywatch“.

„Ich denke mir: Okay, ich hab das Geld, um mich hier zur Ruhe zu setzen. Ich hab genügend Geld, um mich um meine Ex und die Kinder zu kümmern. Und ich hab das Geld, um die Miete zu bezahlen.“ Als er das sagt, sieht er auf einmal sehr müde aus. Langweilt es ihn? „Langweilen Sie sich nicht?“, fragt er zurück. Er hat Angst, er könnte nicht genügend Follower auf Twitter haben – 430.000, während „Justin Bieber Millionen hat“. Und er denkt darüber nach, wie er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am Leben halten kann. „Ich kenne ein paar Lokale, wo ich schick essen gehen kann und die Zeitungen dann darüber berichten.“ Das sind die Anlässe, zu denen er seine neue Freundin anhält, ihr „kleines nettes Outfit“ anzuziehen. Er weiß aber auch, wo er nachlässig sein kann, ohne dass sich jemand daran stört. „Ich kenne den besten Strand, wo es Wale gibt. Zu meinem Geburtstag versuche ich auch, mit Walhaien zu tauchen. Sie sind wirklich groß, aber sehr sanftmütig.“

Er will bald eine Tour durch amerikanische Universitäten machen und Motivationsseminare geben, deren Botschaft lauten soll: „Das Leben ist nicht gerecht. Das ist mein Schlüssel. Wenn einem das klar geworden ist, dann führt man sich nicht auf, gibt sich nicht übermäßig die Kante. Man geht einfach immer nach vorn.“

Er runzelt die Stirn. „Man kann sich sein Umfeld selbst gestalten. Man kann hingehen und eine Rockshow machen!“ Auf berührende Weise verdutzt sagt er plötzlich: „Ich meine, sie ziehen sich in Discos an wie ich. Wir waren in einer Disco in Mittelengland, wo 1.200 Leute angezogen waren wie ich. Sie sagten mir, dass sie mich lieben. Zuerst dachte ich, sie machen sich über mich lustig, aber das taten sie nicht“, sagt er ruhig. „Sie halten das für retro und cool.“

Wir gehen in die Küche. Ein Schwein schnüffelt von draußen an der Tür, um hereingelassen zu werden. Ein Kakadu namens Peaches krächzt in einem Käfig. Freundin Hayley sagt freundlich Hallo. Er ist ihrer Familie dankbar, sagt der Hoff, insbesondere ihren Eltern. „Sie sind wie kleine Hobbits“, die ihm das Gefühl gäben, in Wales sehr willkommen zu sein. „Ich liebe Abenteuer“, sagt der Hoff und erzählt, wie er sich ein Auto gemietet hat und die walisische Küste entlanggefahren ist.

Hayley zuliebe ging Hoff letztes Jahr zur Weihnachtsfeier der Bäckerei der Familie und verursachte einen Tumult. „Können Sie sich das vorstellen: Sie betreten einen Raum mit 500 Leuten, und alle stehen auf, kommen auf Sie zu wie in Nacht der lebenden Toten und halten Ihnen ihre Mobiltelefone entgegen, um Fotos zu machen?“ Eine Stunde lang musste er Autogramme geben. Ich stelle ihn mir dabei sehr glücklich vor.

Was ist sein Wunsch für die Zukunft? „Wenn ich James Bond spielen könnte, wäre das großartig“, sagt er. „Und wenn nicht,“ – ein freundliches Achselzucken – „dann werde ich sehen, was sich ergibt.“

Kommerzieller Erfolg und viel Häme

Auch wenn viele Mittdreißigjährige ihre heutige David-Hasselhoff-Begeisterung gern als Ironisierung eigener Kindheitserinnerungen darstellen, gehört doch zur Wahrheit dazu, dass ihnen trotz Brechung immer noch warm ums Herz wird, wenn sie an Knight Rider denken. Höchstens noch Lee Majors alias Colt Seavers löst solche Gefühlsstürme bei den großgewordenen Kindern der Achtziger aus. Die vier Staffeln von Knight Rider entstanden von 1982 bis 1986. Die meistgesehene Serie der Achtziger wird heute noch in 82 Ländern ausgestrahlt.

Noch erfolgreicher war die Rettungsschwimmer-Serie Baywatch, die 1989 erstmals gezeigt wurde und von der 241 Folgen entstanden. Baywatch wurde in 144 Länder verkauft und gilt bis heute als erfolgreichste TV-Serie weltweit. Trotz des kommerziellen Erfolgs wurde Hasselhoff als Schauspieler genauso wie als Sänger meist belächelt. Viele Amerikaner sind heute noch der Überzeugung, dass die Deutschen einen grauenhaften Musikgeschmack haben, weil sie Hasselhoff zur Wendezeit bei „Looking for Freedom“ euphorisch zujubelten.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:24 17.08.2012
Geschrieben von

Emma Brockes | The Guardian

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