Ohne Ausweg

Atomenergie Aussteigen – und fertig? Selbst wenn sich die Mehrheit einen Verzicht auf Kernkraft wünscht, darf man nicht so tun, als ließe sich die Zerstörung der Erde einfach vermeiden

In der Debatte um die Atomkraft denken viele, dass sie über verschiedene Technologien diskutieren, obwohl sie in Wahrheit über verschiedene Glaubenssysteme sprechen. Denn die Frage, wie wir in Zukunft unsere Energie erzeugen werden, ist immer auch eine Chiffre für etwas Größeres: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Und in welche Richtung soll sich unsere Gesellschaft entwickeln? Technologische Aspekte spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Welche Methode wir uns aussuchen oder welche wir auf jeden Fall außen vor lassen, hängt vielmehr von Glaubenssätzen ab, die allerdings zu selten überprüft werden.

Gegen einen Ausstieg aus der Atomenergie lässt sich dabei ganz einfach argumentieren, denn die Kernkraft wird entweder durch fossile Brennstoffe ersetzt werden müssen oder durch erneuerbare Energien – die ja eigentlich die fossilen ersetzen sollten. Egal wie, der Verzicht auf Atomstrom wird daher zu einem erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen führen und mithin auch zur Zerstörung von Lebensraum und der Beschädigung von Menschen bis hin zu deren Tod.

Die Argumente gegen eine Reduktion des Strombedarfs liegen ebenso auf der Hand. So verlangt zum Beispiel ein vom Centre for Alternative Technology veröffentlichter Bericht, den Gesamtbedarf an Energien bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent zu senken – ein Ziel, das voll und ganz zu unterstützen ist. Dafür hält der Bericht allerdings auch eine Verdopplung der Stromproduktion für notwendig, weil sich CO2-Emissionen, insbesondere beim Transport und Heizen, am besten senken lassen, indem man Öl und Gas durch CO2-arm erzeugte Energie ersetzt. Wenn wir die Stromproduktion jetzt aber durch den Atomausstieg beschneiden, sind wir doch wieder auf Öl und Gas angewiesen oder müssen noch viel mehr in erneuerbare Energie investieren, als es gegenwärtig ohnehin schon vorgesehen ist. Der enorme öffentliche Widerstand gegen den Ausbau von Windfarmen und neuen Stromleitungen wird das verhindern. Die Reduktion industrieller Treibhausgase erfordert zwar einen Ausbau der Infrastruktur. Aber Infrastruktur ist hässlich, zerstörerisch und wird von Regierungen und Unternehmen kontrolliert, deren Interessen meist nicht mit denen der Bevölkerung übereinstimmen. Diese Dinge sind genau deshalb so schwierig: Weil uns ein und dieselbe Weltsicht sagt, dass wir die Emissionen kürzen, unsere Landschaft schützen und uns gegen Staat und Großunternehmen zur Wehr setzen müssen. Das alles lässt sich nicht unter einen Hut bringen.

Zwang zum Wachstum

Selbst wenn wir einen hässlichen Ausbau der Infrastruktur akzeptieren, bekommt die technikzentrierte Vision von der CO2-Reduktion Schwierigkeiten, denn diese Vision versucht, sich einem System anzupassen, dem man sich nicht anpassen kann, weil ihm der Zwang zu kontinuierlichem Wachstum innewohnt. Wir könnten uns dem zuvor zitierten Bericht gemäß im Jahr 2030 CO2-neutral versorgen. Das Wachstum aber sorgt dafür, dass wir es 2050, 2070 und so weiter wieder nicht mehr können. Eine Anpassung ergibt nur einen Sinn, wenn die Wirtschaft eine nachhaltige Größe im Sinne eines steady state erreicht. Je deutlicher solche Details der Vision erkennbar werden, desto ferner erscheint ihre Realisierung. Eine Steady-State-Ökonomie erscheint, im sich stetig verschärfenden Wettlaufs um den Abbau von Sozial-, Arbeits- und Umweltstandards, jedenfalls kaum greifbar.

Doch wem diese Vision unwahrscheinlich vorkommt, der möge die Alternativen durchdenken. In der jüngsten Ausgabe seines hervorragenden Magazins The Land antwortete ein wütender Simon Fairlie auf meinen Vorschlag, in der Wahl unserer Energiequellen auch die Industrie mitzuberücksichtigen. Fairlies Replik fördert ein wichtiges, aber selten erkanntes Problem zutage: Dass nämlich die meisten ­derjenigen, die für eine landgebundene, netzunabhängige Wirtschaft werben, die verarbeitende Industrie nicht mit berücksichtigen. Ich rede nicht von dem unsinnigen Quatsch in der How to spend it -Beilage der Financial Times. Ich rede über die Energie, die nötig ist, um Ziegel, Metallwerkzeuge- und Utensilien, Textilien (ausgenommen den von Hand gewebten Tweed, den wir laut Fairlie tragen sollten); Keramik und Seife herzustellen. Produkte also, die so gut wie jeder als selbstverständliches Minimum betrachten dürfte. Sind Leute wie Fairlie nun der Ansicht, dass wir einmal ohne all dies auskommen werden oder sollten? Wenn nicht, welche Energiequellen sollen wir zu ihrer Produktion nutzen?

Holzkohle würde die Industrie einmal mehr in direkte Konkurrenz zur Landwirtschaft setzen, sie würde Lebensmittelknappheit und Hunger verschärfen und dafür sorgen, dass verarbeitete Produkte ein Privileg der Reichen werden. ( Der Historiker Tony Wrigley hat gesagt, dass auf der halben Fläche Großbritanniens genügend Holzkohle hergestellt werden könnte, um 1,25 Tonnen Eisenbarren herzustellen - und keine Tonne mehr. Das ist ein Bruchteil der gegenwärtigen Nachfrage.) Ein ehrlicher Umweltschutz muss deshalb erklären, welche Produkte weiterhin mit welchen Energiequellen produziert werden können und welche nicht. An dieser Stelle gibt es aber noch ein größeres Problem: Selbst wenn man die Produktion einiger wichtiger Güter mit einplant, wie Fairlie das tut, aber die Produktion stark zurückfährt und eine Rückkehr zur landgebundenen Wirtschaft einleitet: Wie vermittelt man das den Leuten? Warum sollten sie diese Veränderung auch wollen?

Dieser Konflikt ist in den Augen mancher vermeidbar, wenn man sich darauf hinausredet, das Problem werde sich durch den nahen Kollaps des Wirtschaftssystems von selbst erledigen: Der Untergang ist unsere Rettung! Ich halte davon nichts. Und kann es auch begründen.

Wut auf die IEA

Neulich geschah etwas Erstaunliches: Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energiebehörde (IEA), gab bekannt, dass das Ölfördermaximum schon fünf Jahre zurückliegt: „Wir denken, dass die Rohölförderung 2006 bereits ihren Höhepunkt erreicht hat.“ Wenn das stimmt, sollte uns das sehr wütend auf die IEA machen. 2005 amüsierte sich ihr Executive Director noch über jene, die von einem Ölfördermaximum sprachen, und nannte sie „Schwarzmaler“ und „Propheten des Untergangs“. Bis zum Jahr 2008 (also zwei Jahre nach dem tatsächlichen peak oil), hatte die IEA schon die Möglichkeit ausgeschlossen, die Ölförderung könne jemals aufhören zuzunehmen und werde stattdessen ihren Zenit überschreiten.

Hieraus ergibt sich für uns Grüne nun allerdings auch eine unangenehme Frage: Warum ist denn dann die Weltwirtschaft noch nicht kollabiert, wie wir es vorhergesagt haben? Ja, sie ist ins Schwanken geraten, dies hatte aber andere Gründe und heute wächst sie wieder, als sei nichts gewesen: Um 4.6 Prozent im vergangenen Jahr und der IWF sagt für 2011 und 2012 ungefähr das Gleiche voraus. Der Grund für den ausbleibenden Einbruch liege darin, dass die entstandene Lücke unmittelbar durch flüssiges Erdgas und dreckigen Teersand gefüllt wurde. Die Wirtschaft erscheint nicht nur widerstandsfähiger gegenüber Ressourcenschocks zu sein als wir geglaubt haben, diese Schocks resultieren langfristig wohl auch in einer Verschärfung und nicht in einem Rückgang der Umweltzerstörung.

Das Problem ist, dass wir zu viel fossile Brennstoffe haben, anstatt zu wenig. Wenn das Öl tatsächlich alle ist, wird man auf Teersand, Schiefergas und Kohle ausweichen. Wenn die Kohle knapp wird, kann man auf die Vorkommen in großer Tiefe (die sie im Rückgriff auf Untertagevergasung ausbeuten) und auf Methanklathraten zurückgreifen. Mit den Mineralien dürfte es wahrscheinlich ähnlich laufen: Wir finden sie zwar, aber um sie auszubeuten und abzubauen, müssen wir einen immer größeren Teil der Erde zerstören. Kurzum: Wir haben genügend nicht-erneuerbare Ressourcen aller Art, um das Scheitern der erneuerbaren Energien spielend zu besiegeln. Der Zusammenbruch wird eines Tages kommen, aber nicht bevor wir alles mit uns in den Abgrund gezogen haben.

Und selbst im Fall einer sofortigen Katastrophe wäre nicht ausgemacht, dass sich unser Zerstörunspotenzial dadurch verringerte. In Ostafrika habe ich gesehen, wie die Menschen sich behelfen, wenn es kein Paraffin und Kerosin mehr zum Kochen gibt: Sie fällen einfach mehr Bäume. Und die Geschichte zeigt uns, dass, wo immer es zu einem Zusammenbruch großen Ausmaßes gekommen ist, die Psychopathen das Ruder übernommen haben. Derlei ist einer vernünftigen Nutzung natürlicher Resourcen kaum zuträglich.

Egal, ob wir der Theorie der Anpassung, des radikalen Downsizing oder des Zusammenbruchs anhängen: Wir sind verloren. Keiner hat einen überzeugenden Plan, wie die Menschheit aus diesem Schlamassel herauskommen könnte. Keine der von uns vorgeschlagenen Lösungen kann dem Projekt der Zerstörung unseres Planeten Einhalt gebieten. Ich hoffe, dass ich uns mit der Darlegung des Problems dazu motivieren kann, es mit mehr Vernunft anzugehen, auf Mythen zu verzichten und die Widersprüche zu erkennen, mit denen wir es zu tun haben. Aber selbst das könnte schon zu viel verlangt sein.

George Monbiot ist Hauspessimist und Klimaexperte des britischen Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

11:30 06.06.2011
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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The Guardian

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