David Leigh, James Ball
02.09.2011 | 15:14 20

Ohne Rücksicht auf Rache

Datenleck Wikileaks veröffentlicht unredigierte US-Kabelnachrichten – angeblich weil der "Guardian" vor Monaten das Passwort "verraten" hat. Jetzt nehmen die Journalisten Stellung

Julian Assange hat angekündigt, ohne Rücksicht auf mögliche Racheakte an namentlich genannten Personen 250.000 unbearbeitete Depeschen des US State Department zu veröffentlichen, die sich seit vergangenem Jahr in seinem Besitz befinden. Damit hat der Wikileaks-Gründer mit der Mehrheitsmeinung in Bezug auf den Umgang mit dem brisanten Material gebrochen. Sein Vorgehen widerspricht völlig den Bemühungen des Guardian und anderer Medienhäuser, Hinweise auf vertrauliche Informanten vor der Veröffentlichung ausgewählter Kabel unkenntlich zu machen: Bemühungen, die nun weitgehend vergeblich erscheinen dürften.

Assanges Pläne ließen sich schon bei einem geheimen Treffen des Wikileaks-Teams im vergangenen November erahnen. Ein Teilnehmer des Treffens auf dem Landsitz Ellingham Hall, der der Organisation schon damals als Stützpunkt diente, notierte in seinem Tagebuch: „Hitzige Debatte über grobe Pläne, Depeschen zu veröffentlichen … JA besteht darauf, dass alle Depeschen letzten Endes irgendwie veröffentlicht werden müssen.“ Nach einem Jahr, das von seiner Verhaftung, hitzigen Streitereien mit früheren Verbündeten und einer Reihe von Unfällen innerhalb Assanges Organisation unterbrochenen war, hat sich dieser Wunsch nun erfüllt. Ein paar Tage nach dem Treffen auf Ellingham Hall stellte sich Assange der Polizei wegen eines schwedischen Auslieferungsantrags aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen zweier junger Wikileaks-Unterstützerinnen. Gegen die Auslieferung kämpft er bis heute.

Am 7. Dezember, dem Tag seiner Verhaftung, wurde eine riesige Datei voller Wikileaks-Informationen von einem seiner Unterstützer auf der Seite piratebay.org gepostet. Die ehemalige Nummer 2 der Gruppe, der Computer-Experte Daniel Domscheit-Berg, sagt hierzu: „Diese Leute sagten, sie wollten Wikileaks funktionsfähig halten, aber sie haben nie mit Julian gesprochen.“ Dies führte offenbar dazu, dass niemals jemand realisierte, dass die veröffentlichte Datei auch Assanges Kopie aller geheimen US-Kabel enthielt.
Zu Beginn des Jahres übergab Assange nach Aussage von Domscheit-Berg eine Kopie der Kabel an den Guardian – eines der Medienhäuser, mit dem er eine Zusammenarbeit vereinbart hatte –, um die Kabel in redigierter Form zu veröffentlichen.

Warum das Passwort veröffentlicht wurde

Er machte dem Guardian ein Passwort sowie einen speziellen Online-Server zugänglich, auf dem er, wie er sagte, eine Kopie der Datei mit den Depeschen platzieren werde, die nur für einen begrenzten Zeitraum existieren werde. Assange sagte aber nicht, dass er sich nicht an die übliche Sicherheitspraxis gehalten und für die Transaktion kein neues Passwort erstellt hatte. Stattdessen, so Domscheit-Berg, verwendete er einfach das vorhandene Master-Passwort, das auch anderen Wikileaks-Mitarbeitern bekannt war: „Zu der Datei sollte eigentlich nie ein Dritter Zugang erhalten. Um eine Kopie zu machen, hätte man für gewöhnlich eine neue Datei erstellt und mit einem neuen Passwort versehen. Er war zu faul, um etwas Neues zu schaffen."

Zu Beginn des Jahres veröffentlichte der Guardian ein Buch über Wikileaks, in dem das von Assange bereitgestellte und schon lange als obsolet angesehene Passwort veröffentlicht wurde. Das Buch enthält aber keine Informationen, die jemand ermöglichen, die verschlüsselte Datei zu finden und herunterzuladen.

Diese Reihe von Ereignissen hat in den vergangenen Wochen zu ungeplanten Konsequenzen geführt. Domscheit-Berg, der sagt, er habe sich von Assange unter anderem wegen Sicherheitsbedenken getrennt, erhob gegenüber der deutschen Wochenzeitung der Freitag den Vorwurf, Wikileaks sei unsicher. Im Internet existiere eine Datei mit den unbearbeiteten Cables, die mit dem veröffentlichten Passwort eingesehen werden könne. Er und der Freitag achteten darauf, keine Ortsangaben zu machen, die irgendjemanden in die Lage versetzen würden, sich Zugang zu der Datei zu verschaffen.

Der Streit mit Domscheit-Berg scheint Assange, der immer noch auf das Urteil in seinem Auslieferungsprozess wartet, erschüttert zu haben. Er veröffentlichte unbelegte Anschuldigungen, Domscheit-Berg unterhalte Verbindungen zu westlichen Geheimdiensten und begann dann, zehntausende noch unveröffentlichter Kabel zu veröffentlichen, von denen die meisten offenbar unredigiert sind. „Er hatte Angst, er könnte nicht mehr derjenige sein, der sie veröffentlicht“, sagt Domscheit-Berg. „Er ist so egozentrisch und völlig irrational.“

Auf die Kritik der australischen und der US-amerikanischen Regierung, er gefährde Quellen, reagierte Assange damit, dass er über Twitter eine Reihe von Hinweisen auf den Ort fallen ließ, wo die Kabel-Datei im Internet zu finden ist. Dies ergänzte er durch die Behauptung, er veröffentliche nun neues Material, weil der Guardian sieben Monaten zuvor sein Passwort „verraten“ habe. Assanges Aussagen über den Guardian entsprechen nicht der Wahrheit.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (20)

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shalako 02.09.2011 | 18:08

"2. Steffen Kraft
Trägt der Autor Steffen Kraft, der mit einem Artikel in >der Freitag den Stein überhaupt erst in`s Rollen brachte, ein erhabliches Maß an Mitschuld?

>>... "Sie haben verschiedenen Journalisten, die namhaft gemacht werden können, operationale Details zur Verbindung verschlüsselt veröffentlichter Daten und der Passphrase, die deren Öffnung ermöglicht, mitgeteilt. Bislang konnte diese Verbindung noch nicht gezogen werden. Mit Ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter." ...

... "Ihr Verhalten ist in hohem Maße geeignet, die von Ihnen angeblich befürchteten Gefährdungen überhaupt erst herbeizuführen." ...

Quelle:
docs.dpaq.de/49-eisenberg_ddb.pdf

"Gegen David Leigh und eine nicht genannte deutsche Person (zur Auswahl stehen Jakob Augstein, Steffen Kraft und Daniel Domscheit-Berg) wurden rechtliche Schritte angekündigt – wir werden sehen, wie weit man damit kommt. Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit vermeintlichen Verrätern möchte man als Institution, die um uneingeschränktes Vertrauen wirbt, eigentlich nicht haben."

Quelle:
netzpolitik.org/2011/flucht-nach-vorn-wikileaks-veroffentlicht-alle-cables/

"Was war geschehen? Domscheit-Berg hatte Ende letzter Woche dem “Der Freitag“-Reporter Steffen Kraft offenbart, dass es bei Wikileaks ein Leck gegeben habe. "

Quelle:
blog.zdf.de/hyperland/2011/08/domscheit-berg-ein-klassisches-ablenkungsmanoever/

Quelle:
www.freitag.de/pol..."

Als Quelle ZEIT ONLINE , da der Orginal-Kommentar bei >der Freitag zwischenzeitlich entfernt worden ist.

Hier die Quellen:
www.zeit.de/digital/internet/...ks-transparenz

1)
docs.dpaq.de/49-eisenberg_ddb.pdf

2
)http://netzpolitik.org/2011/flucht-n...t-alle-cables/

3)
blog.zdf.de/hyperland/2011/08...kungsmanoever/

Quelle:
forum.spiegel.de/showthread.php?t=42952=3

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shalako 02.09.2011 | 18:24

"Julian Assange hat angekündigt, ohne Rücksicht auf mögliche Racheakte an namentlich genannten Personen 250.000 unbearbeitete Depeschen des US State Department zu veröffentlichen, die sich seit vergangenem Jahr in seinem Besitz befinden."

Die Veröffentlichung hat doch bereits mit entsprechenden Hinweisen stattgefunden, wobei der Freitag-Autor Steffen Kraft den Stein in`s Rollen brachte. SPIEGEL und Guardian haben die Story aufgeblasen und ZEIT ONLINE versucht sich nun im Genickschlag.

www.zeit.de/digital/internet/2011-09/wikileaks-openleaks-transparenz?commentstart=9#comments

Dabularasa 02.09.2011 | 18:26

David Leigh ist doch mit in den britischen Abhör-Skandal verwickelt.(Mailbox-Schnüffler)
Wie er bereits gestanden hat.
Ein entsprechenden Verfahren läuft gegen Ihn.
Von daher hat dieser nur noch eine Reputation eines Toastbrotes.

Möchte sich der Freitag nun als Unschulds-Lamm darstellen ?
"Ist nicht meine Herren".
Aber nur zu->Auf der Titanic ist noch Platz.
Hoffentlich haben wir diese Unschulds-Lämmer dann rechtzeitig beisammen.
Gemeinsames "Absaufen" ist doch auf eine Art Community Projekt.
Das bekommt das Wort "Leak" ganz neue Bedeutung.

WikiLeaks lebt ! :-)

Dabularasa 03.09.2011 | 02:15

Herr Augstein hat in diesem Fall diplomatisch den Standpunkt des Freitag dargelegt.
Auch die Argumentation ist in sich schlüssig und erklärend.
Ist hier im Zuge dieser Angelegenheit ein Umdenken erfolgt ?
Ich glaube ja.
Unabhängig davon war der reißerische Umgang mit dem Wissen über die Zusammenhänge des Zuganges zu den Cablegate Daten nicht richtig.
Der Domino-Effekt hat zu chaotischen Zuständen geführt.
Ich halte DB weiterhin für den Initiator und Informanten dieser Kampagne.
Und niedere menschliche Instinkte als Auslöser für diese.
Nochmal etwas zur Sicherheit von Leaking Plattformen:
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen das es im Zusammenhang mit Online Aktivitäten keine 100% Sicherheit gibt.
In den letzten Tagen wurde eine Zertifizierungsstelle dazu missbraucht um SSL Zertifikate für bekannte Domänen auszustellen.
Dieses Szenario des Austausch von SSL Zertifikaten lässt sich auch auf Übertragungswege von Einsendungs-Projekten übertragen.
Nur als Beispiel.

Hellie Bu 06.09.2011 | 10:39

Dass der Freitag den Artikel des Guadian unkommentiert übernimmt, sagt wohl alles.
Weder Daniel Domscheit-Berg noch der Freitag sind sich irgendeiner Schuld bewusst. Und auch dem Guardian wird die Absolution erteilt – immerhin ist er ein Medienpartner des Freitag. Hier gilt offenbar: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Gut, dass der Ruf von Julian Assange schon ruiniert ist, da bietet er sich als Alleinschuldiger geradezu an.

Außerdem:
Was für ein glaubwürdiger Zeuge ist wohl Daniel Domscheit-Berg? 1. Er kennt die Geschichte selber nur vom Hörensagen, weil er da schon nicht mehr bei wl war.
2. Er lässt bekanntermaßen keine Gelegenheit aus, Assange ans Bein zu pinkeln.
3. Vergleicht man seine sich widersprechenden Aussagen zu den mitgenommenen Daten in verschiedenen Interviews, drängt sich der Eindruck auf, dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Assange hat seinem Medienpartner Guardian ein Passwort übergeben und darauf vertraut, dass dieser es vertraulich behandelt. Das war offenbar ein Fehler, aber Vertraulichkeit war vertraglich zugesichert und es handelte sich immerhin um eine renommierte Zeitung.
Aus welchem Grund auch immer (Dummheit, Zufall, Absicht - Sensationsgier, würde ich tippen), hat Leigh in seinem Buch das buchstabengenaue Passwort veröffentlicht. Als die Publikation erschien, waren die Daten längst gespiegelt und nicht mehr löschbar. Danach konnte Wikileaks lediglich vermeiden, auf den Zusammenhang zwischen Datei und Passwort aufmerksam zu machen. Das Wissen beschränkte sich aber auf ein paar Insider.

Der Damm ist erst gebrochen, als Daniel Domscheit-Berg diese Geschichte dem Freitag erzählt hat!
Nun habt ihr zwar eine rhetorische Floskel an die Überlegung verschwendet, dieses Wissen NICHT zu veröffentlich.

Doch für ein kleines Magazin ist die Versuchung wohl zu groß, darauf zu verzichten, endlich mal eine Story ganz exklusiv zu haben?
Ihr habt zwar nicht die Passphrase und der genaue Fundort der Daten ins Netz gestellt. Tatsache ist aber, dass die Angaben ausreichten, dass jeder clevere Internetnutzer Datei und Passwort finden konnte.

Altmodisch aber wahr, lieber Freitag, schämt ihr euch eigentlich nicht?

Dass heute die Botschaftsdepeschen von Wikileaks unbearbeitet im Netz stehen, ist auch euer Verdienst!
Man könnte nun sagen, "Dumm gelaufen, Schwamm drüber".
Aber es ist wirklich unverfroren alle Schuld auf Assange zu schieben!

Hellie Bu 06.09.2011 | 10:56

Stimmt!
Wenn im Moment immer wieder gefragt wird, wie sicher die Leaking-Plattformen sind, darf man wohl auch die Medien unter die Lupe nehmen.

Sowohl Guardian als auch Freitag haben ihre Sensationsstorys um jeden Preis veröffentlicht. Diese Ausrichtung auf Auflagezahlen, deren Logik Medien nun mal folgen müssen, ist nicht immer zum Besten von Daten, Informanten und Whistleblowern.

Ehrlich gesagt, im Moment würde ich meine Geheimnisse auch nicht David Leigh oder Steffen Kraft persönlich in die Hand drücken...

Hellie Bu 06.09.2011 | 11:29

Danke für den Link
Kulturzeit J. Augstein:
„Wir haben hier ein institutionelles Problem der Leaking-Plattformen. Die müssen die Frage beantworten: Wie garantiert ihr, dass menschliches Fehlverhalten nicht dafür sorgt, dass mit den Daten, die man euch anvertraut, Schindluder getrieben wird? Solange diese Frage nicht beantwortet ist, kann man tatsächlich mit Leaking-Plattformen nicht zusammenarbeiten.“
wstreaming.zdf.de/3sat/veryhigh/110902_augstein_kuz.asx

Soweit so gut.
Doch wenn die Daten einmal in der Hand der Medien sind, gilt die gleiche Frage auch für diese.
Bei David Leigh z.B. wäre „menschliches Fehlverhalten“ durchaus ein realistischer Erklärungsansatz.

Hellie Bu 06.09.2011 | 21:12

Julian Assange, hat in einem Videointerview auf der Medienwoche Berlin-Brandenburg die Veröffentlichung der unredigierten US-Botschaftsdepeschen begründet:

"Nach der Veröffentlichung des Passworts zur Entschlüsselung des Materials durch einen Journalisten des britischen Guardian vor zwei Monaten und nach Berichten über die Fundstelle im Freitag im August habe ein "gefährlicher Zwischenraum" existiert. Da habe ´jeder Geheimdienst` das komplette Archiv, das unter anderem auch bereits verschlüsselt in Tauschbörsen kursierte, in Händen gehalten. Die Leute, die in den Botschaftsberichten genannt werden, hätten das Material dagegen in der Regel noch nicht im Volltext durchlesen können. [...] "Wir hätten nichts anders machen können im Rückblick"

www.heise.de/newsticker/meldung/Wikileaks-Gruender-Wir-haben-alle-Versprechen-gehalten-1337769.html

Irgendwie einleuchtend...