Chloe Angyal
08.04.2010 | 17:05 43

Ohne wenn und aber

Feminismus Feministin zu sein, ist harte Arbeit. Zwar nehmen die heutigen jungen Frauen kaum mehr ein Blatt vor den Mund, und doch wagen sie viel zu selten das F-Wort auszusprechen

Die meisten jungen Frauen würden in Amerika auf die Frage, ob sie die Gleichberechtigung der Frau wichtig finden, zweifellos mit einem lauten „Ja“ antworten. Wenn es um das Wahlrecht oder das Anrecht auf eine anständige Ausbildung geht, dann herrscht unter den Frauen meiner Generation keinerlei Zweifel daran, dass uns beides zusteht. Und auch wenn es um Unrecht geht, das Frauen in anderen Ländern widerfährt, von Säureangriffen bis hin zu Genitalverstümmelungen, sind wir einer Meinung.

Die jungen Frauen meiner Generation sind ehrgeizig und nehmen kein Blatt vor den Mund. Wir bloggen, schließen uns in Sportmannschaften zusammen und leiten an den Universitäten Theatergruppen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen High-School- und Uniabschluss machen ist größer als bei unseren männlichen Altersgenossen und zahlenmäßig sind wir ihnen auch an den Berufsschulen und in den Masterstudiengängen ebenbürtig. Wir sehen einem erfüllten, geschäftigen Leben entgegen, das wir zum Teil den Fortschritten, die unsere Mütter und Großmütter erzielten, zu verdanken haben. Wir sind die Erbinnen des Vermächtnisses, das vor uns die Frauenrechtlerinnen und vor diesen die Suffragetten erkämpft haben. Und doch: Auf die Frage, ob sie eine Feministin sind, würden die meisten jungen Frauen in Amerika kaum mit einem lauten „Ja“ antworten. Die Antwort ist in der Regel: „Ich bin keine Feministin, aber ...?“

Was folgt, ist die Bekundung feministischer Ansichten. Die junge Frau wird sagen, dass sie dafür ist, dass Männer und Frauen gleichen Lohn erhalten und dass eine Frau das Recht hat, freie Entscheidungen zu treffen. Aber, so wird sie hinzufügen, zu einer Feministin mache sie das noch lange nicht. In einer Zeit, in der feministische Überzeugungen für junge Frauen etwas Selbstverständliches sind, gilt für das Wort Feministin das Gegenteil und es gibt viele, die sich diesen Stempel nicht aufdrücken lassen wollen.

Feminismus: Vollzeit oder gar nicht

Überraschen kann das kaum. Schließlich hat der Feminismus einen ziemlich miserablen Ruf. Susan Faludi hat in ihrem bahnbrechenden Buch Backlash äußerst sorgfältig dokumentiert, mit welchen Abschreckungsmechanismen ein Jahrhundert lang versucht wurde, die Frauen davon abzuhalten, sich die Ideen des Feminismus zu eigen zu machen. Zum Glück haben diese Strategien letzten Endes versagt: Die meisten Frauen meiner Generation denken feministisch. Doch es ist den Gegnern gelungen, die Feministinnen und überhaupt den Gedanken, eine Feministin zu sein, unattraktiv zu machen. Faludi schrieb ihr Buch 1991, doch heute, beinahe zwanzig Jahre später, hat sich viel zu wenig verändert. Die allgemeine Vorstellung von einer Feministin sieht immer noch so aus: Eine hässliche, wütende, männermordende Extremistin, deren Ziel nicht die Gleichheit der Geschlechter, sondern die Weltherrschaft ist. Wer sich selbst als Feministin bezeichnet, geht das Risiko ein, dass ihr diese Vorurteile auf die Stirn gebrannt werden.

Wenig überraschend ist auch, dass viele Frauen meiner Generation das Gefühl haben, dass es für sie keinen Platz in der feministischen Bewegung gibt. Und lange Zeit war das tatsächlich so. Doch zum Glück hat die Bewegung inzwischen erkannt, dass auch die Stimmen der jungen Frauen gehört werden müssen und dass es bereichernd ist, ihnen auch führende Rollen zuzugestehen. Die Webseite Feministing, für die ich schreibe, will jungen Feministinnen eine Plattform geben, und sie ist nicht die einzige ihrer Art. Da draußen sind tausende von jungen Frauen, die sich mit Stolz Feministinnen nennen und ich bin jeden Tag dankbar für den harten Job, den sie machen. Keine von ihnen würde da wohl widersprechen: Feministin zu sein, ist harte Arbeit. Der Feminismus erfordert, dass wir alles komplett überdenken: Unsere Denkmuster, unser Verhalten, die Art, wie wir sprechen, wo wir arbeiten, welche Medien wir konsumieren, wie wir wählen und wie wir unser Familienleben führen wollen. Sowohl für Männer als auch für Frauen bedeutet der Feminismus eine dramatische Abkehr von dem, wie wir die Dinge bisher handhabten. Deshalb ist er so aufregend – und so bedrohlich.

Luxuriöse Haltung

Unglückseligerweise ist diese Generalüberholung noch längst nicht vollständig – trotz der enormen Schritte, die wir in Richtung Gender-Gleichheit bereits getan haben. In einem Land wie Amerika, in dem 17 Prozent der Kongressabgeordneten Frauen sind, in dem Frauen – seien sie Mütter oder kinderlos – auch zehn Jahre nach Abschluss ihrer Ausbildung nur 77 Prozent des Gehalts eines Mannes verdienen und in dem nur sechs Prozent aller Vergewaltiger ins Gefängnis kommen, können wir uns diese „keine Feministin, aber ...“-Haltung nicht leisten. Denn mit diesem Dementi sagt eine Frau doch nichts anderes, als dass sie bereit ist, sich mit einer unvollständigen Generalüberholung zufrieden zu geben.

„Ich bin keine Feministin, aber ...“ ist eine Art, der Welt mitzuteilen, dass wir keine ernsthafte Bedrohung sind. Es ist eine Art zu sagen, dass wir nicht allzu viel Staub aufwirbeln wollen und dass wir uns bestimmt an die Regeln halten werden. Feministinnen aber sind diejenigen, die den Mut haben, sich eine Welt vorzustellen, in der 50 Prozent der Kongressabgeordneten Frauen sind, in der Frauen genauso viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen und in der jede Vergewaltigung angezeigt, strafrechtlich verfolgt und geahndet wird.

Es ist verlockend, sich hinter diesem Dementi, diesem Schutzschild zu verstecken. Aber der Feminismus ist es, der uns dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen. Wenn es nun keine unerschrockenen jungen Feministinnen gibt, die bereit sind zu handeln und die Führung zu übernehmen, dann werden wir nicht weiterkommen. Also treten Sie bitte hinter ihrem Schutzschild hervor und sagen Sie es: „Ich bin eine Feministin.“ Ohne wenn und aber.

Übersetzung aus dem Englischen: Christine Käppeler

Kommentare (43)

Azenion 08.04.2010 | 19:48

"Gleichberechtigung", "Wahlrecht", "anständige Ausbildung", gleiche Löhne -- solche Forderungen sind bei halbwegs anständigen Männern und Frauen derart selbstverständlich geworden, daß es eines Etikettes "Feminismus" dafür nicht mehr bedarf.

Dieses Etikett bleibt denen vorbehalten, die es in den Siebzigern und Achtzigern für sich erfunden haben. Und das waren eben jene, die zwischen "Sex mit einem Mann" und "Vergewaltigung" keinen wesentlichen Unterschied zu erkennen schienen. Und diejenigen, die nach dem Jahrtausendunrecht des "Patriarchates" ein weibliches Anrecht auf mehr als den halben Kuchen forderten, sozusagen als historische Wiedergutmachung -- und weil Frauen sowieso die besseren Menschen seien.

"Feminismus", das ist in Deutschland Alice Schwarzer.
Daß niemand sein will wie sie, ist doch sehr verständlich.

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Ehemaliger Nutzer 08.04.2010 | 20:22

Absolut korrekt, die Frauen die sich selbst als Feministinen bezeichnen entsprechen häufig den obig genannten Klischees. Auch haben de facto in Deutschland die Frauen die Männer überholt und zwar seit ca. 10 Jahren. Die Gesellschaft (so fürchten einige Soziologen) driftet, auf Grund dieser einseitigen Emanzipation auseinander.

Nichtlesibische Feministinen sind wahrscheinlich auch die einzigen Frauen, welche einen emanzipierten Mann haben wollen.

Feminismus ist, m. E. nach, schon als extreme Position in Frauenrechtsbewegungen zu bezeichnen. Die Verteidigung dieser findet in Alice Schwarzer seine Kulimination.

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smith 08.04.2010 | 22:19

"Sowohl für Männer als auch für Frauen bedeutet der Feminismus eine dramatische Abkehr von dem, wie wir die Dinge bisher handhabten. Deshalb ist er so aufregend – und so bedrohlich."

Ein Aufreger ist der F. in der Tat und in seinem demokratischen Verständnis so bedrohlich wie der chinesische Volkskongress.
Feministische Plattformen wie bspw. maedchenmannschaft.de sind weniger Diskussionsangebote als vielmehr faktenresistente Parallelwelten in denen jede Kritik ausgeblendet bzw. gelöscht wird – frei nach "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune ... Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt."

Jene "dramatische Abkehr von dem, wie wir die Dinge bisher handhabten" sollte denn doch weniger infantil daher kommen, wenn sie denn wirklich ernst genommen werden will.

verena 08.04.2010 | 23:17

@Azenion schrieb am 08.04.2010 um 17:48
"Gleichberechtigung", "Wahlrecht", "anständige Ausbildung", gleiche Löhne -- solche Forderungen sind bei halbwegs anständigen Männern und Frauen derart selbstverständlich geworden, daß es eines Etikettes "Feminismus" dafür nicht mehr bedarf.
-----> genau diese meinungen/haltungen bedeuten aber "feminismus" heute, wie ich meine., es ist also eine art arbeitsbegriff.
@ "Feminismus", das ist in Deutschland Alice Schwarzer.
-----> da möchte ich widersprechen. Beim ersten Hinschauen mag es so erscheinen, weil A.S. sehr prominent ist. Außerdem: es ist nun ja wirklich nicht alles schrecklich und dumm, was diese Frau bisher publiziert hat, oder?

@Technixer schrieb am 08.04.2010 um 18:22
"einseitige emanzipation"? schön, wenn es so wäre ... zudem, "emazipieren" sollte und kann sich doch jeder mensch.

@Nichtlesibische Feministinen sind wahrscheinlich auch die einzigen Frauen, welche einen emanzipierten Mann haben wollen.
-----> wie jetzt, möchte nicht jede/r einen emazipierten mann oder eine emanzipierte frau? das ist doch eine feine sache.

@Smith schrieb am 08.04.2010 um 20:19
-----> die "mädchenmannschaft" ist, wie ich finde, eine sehr differenziert plattform, die mit fakten arbeitet und gar nicht kritik-resistent ist ist. was das "löschen" angeht: die "mädchenmannschaft" achtet einfach sehr auf sachlichkeit und respektvolle kommentare. das rechne ich ihr hoch an, denn ich vermisse es oft auf plattformen wie spiegel-online, oder zeit-online. von infantilität keine spur. zu anderen plattformen kann ich nichts sagen.

Was haben bloß so viel Leute gegen den Begriff "Feminismus"? Vielleicht ist der Begriff irreführend. Mir geht es dabei um Gleichberechtigung und Chancengleichheit (und nicht um "Männerhass" oder "Frauen sind bessere Menschen". Beides ist Unsinn.)
Und solange wir noch Sexismus und Rassimus und Homophobie und so weiter haben, sollten wir diese Themen auch ansprechen.

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smith 09.04.2010 | 00:44

@verena

"Heul doch und kauf dir ‘nen Dauerlutscher. Oder was soll man sonst zu armen Mann-Opfern sagen?

von Meredith

Immer wieder einen Grunzer wert sind ja die feinen Freiheitskämpfer von der Männerrechte-Fraktion. Das sind ungefähr drei Typen in der Bundesrepublik, die sich bei jeder feministischen Diskussion im Internet und, äh, in Berlin, zu Wort melden, um für die Gleichberechtigung der Männer in dieser ach-so-matriarchalischen Gesellschaft einzutreten. "

Gemeint mit diesen so "sachlich" und "respektvoll" vorgetragenen Zeilen der maedchenmannschaft sind u.a. Prof. Hollstein, Prof. Amendt, Astrid von Friesen, Dr. Bruno Köhler, Paul-Hermann Gruner, Karin Jäckel ...

Nee danke, Glaubwürdigkeit und Diskussionsbereitschaft sehen anders aus.

kugule 09.04.2010 | 12:17

schön, durch so einen artikel rückenwind zu bekommen. es ist zu hoffen, dass mehr menschen fragen "woher kommen deine feministischen einsichten" als hingegen "ach, du bist auch so eine..."

erstaunlich ist auch, dass dieses thema immer wieder emotionen und aggressionen hervorruft, sh. ältere kommentare, wo doch jedem vernünftigen menschen klar sein muss, dass gleichberechtigung dem gemeinwohl dient und sich aber eben leider noch nicht flächendeckend durchgesetzt hat.
dass frauen in patriarchalen strukturen systematisch unterdrückt werden ist auch klar. aber weder frauen, noch männer der heutigen generation können etwas dafür im patriarchat geboren worden zu sein. deshalb sollte es auch keine vorwürfe geben, sondern ein gemeinsames verändern ungerechtigkeit schaffender strukturen. und dies gilt nicht nur für die ungleichberechtigung der geschlechter, sondern auch für kapitalismus, rassismus, homophobie etc.

"gehts uns allen gut, gehts uns allen gut."

töfftöff 09.04.2010 | 13:03

Feminismus ist der Machtkampf zwischen Mann und Frau.

Für Feministinnen zählt kein Argument, keine Sachverhalte, keine Objektivität. Einzig das sie Recht behalten will, das sie künftig mehr Macht, mehr Geld und mehr Einfluss haben will, die sie notfalls mit der Macht des Staates dem männlichen Feindbild entreißen will.

Das dieser Weg sich keinen Deut von ihrem Feindbild unterscheidet, das die Frau sich überholter und falscher Argumente bedient, das die Lüge ihr also ihr Stilmittel ist, das alles unterstreicht das es egal ist wer die Herrschaft ausübt. Frauen sind genauso schlechte Regenten wie Männer. Denn beide unterwerfen sich dem Machtgeschacher und erreichen damit nur eines: Sie entmenschlichen sich selbst und die Gesellschaft zusehends und verlieren das authentische Leben aus den Augen.

Eines kann man den Feministinnen einmal im Gedankenspiel vorwerfen: Wenn Männer so schlimm seien, wie es feministischen-alptraumhaften Darstellungen vom Patriachat entspräche, muss man dabei ganz klar berücksichtigen, daß diese Männer ja in erster Linie von Frauen erzogen worden sind.

Somit beißt die Ratte der Katze in den Schwanz während die Katze der Ratte ihren abbeißt.

Frauen gegen Männer im ewigen Kampf um Macht und Vorherrschaft.

Das einzige Recht das wir brauchen ist das Menschenrecht und ein Ende der neidischen Gleichmacherei. Gender ist nichts anderes als das befohlene Ende natürlicher Unterschiede zwischen Menschen.
Zucht- und Erziehungsprogramm zur unterschiedlosen Gesellschaft. Damit am Ende alle keinen echten Charakter mehr haben und verbogene unzufriedene Konsumisten sind.
Die Frau weil sie nicht mehr Frau sein kann, sondern Amazone sein muss, der Mann, der nicht mehr Mann sein darf, weil er gefälligst einem neuen Ideal zu entsprechen hat. Der lachende dritte ist der kapitale Verwertungsbetrieb; Steuerung einer Gesellschaft durch Integration von seelischer Spaltung ins Zuchtprogramm.
Echtes Humankapital in dieser Dystopie ist der unzufriedene Konsument, dem das Streben nach Güterreichtum als einziger Lösungsweg zu einem entzweienden Unzugehörigkeitsgefühl erscheint. Er ist nicht nur manipulabel sondern längst einer Manipulation verfallen und glaubt dabei noch die Kontrolle zu haben, weil er die Ideologien anderer aktiv weiterträgt.

DanielW 09.04.2010 | 14:12

Einige Diskussionsbeiträge hier sind mir ein Rätsel, wie etwa der von töfftöff: "Die Frau weil sie nicht mehr Frau sein kann, sondern Amazone sein muss, der Mann, der nicht mehr Mann sein darf, weil er gefälligst einem neuen Ideal zu entsprechen hat."
oder von Technixer: ""Feminismus", das ist in Deutschland Alice Schwarzer. Daß niemand sein will wie sie, ist doch sehr verständlich."
Die Verdienste des Feminismus und in seiner Folge der gender-Studien liegen ja gerade darin, daß sie die außerbewußten Rollenmodelle hinterfragt, ins Bewußtsein gerückt und kritisiert haben. Frauen hören nicht auf Frauen zu sein, wenn sie sich emanzipieren, sie hören nur auf, "Frauen" zu sein, das heißt, sie können Rollenmodelle, die ihnen weniger Rechte als Männern zugestehen, ablegen und sich emanzipieren davon, nur eingeschränkte, defizitäre mit weniger Rechten Wesen zu sein. Das hat nichts mit "faktenresistenten Parallelwelten" zu tun, wie Smith schreibt. Der Feminismus ist als Teil einer Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegung zu sehen, und ich begreife nicht, wenn Technixer schreibt, "Auch haben de facto in Deutschland die Frauen die Männer überholt und zwar seit ca. 10 Jahren."
Denn das geht an der Sache völlig vorbei. Es geht überhaupt nicht darum, wer hier wen "überholt", es geht um Rechte. Emanzipation und Feminismus, das ist nicht Geschlechterkampf oder gar Geschlechterkrieg, und es wundert mich schon sehr, daß hier solche Argumente auftauchen, denn dieser Gedanke sollte doch seit wenigstens dreißig Jahren eigentlich Allgemeingut sein.
kugule hat völlig recht: "deshalb sollte es auch keine vorwürfe geben, sondern ein gemeinsames verändern ungerechtigkeit schaffender strukturen. und dies gilt nicht nur für die ungleichberechtigung der geschlechter, sondern auch für kapitalismus, rassismus, homophobie etc.
"gehts uns allen gut, gehts uns allen gut.""
Die Ängste, die diese Forderungen auslösen, lassen sich aber recht gut mit Statusverlustängsten erklären. Wenn Männer sich mit überkommenen Geschlechterrollen unhinterfragt identifizieren, befürchten sie natürlich den (Teil-)Verlust ihrer Identität und fühlen sich bedroht, wenn "Frauen nicht mehr Frauen sind", das heißt, wenn die Rollenmodelle und -vorgaben sich abschwächen oder gar verschwinden, dann wird selbstverständlich auch das traditionelle Männerrollenverständis obsolet. Daher kommen die Ängste. Für Frauen, die in diese Richtung argumentieren, gilt das Gleiche: Der Verlust der (Teil-)Identität droht auch den Frauen, die in diesen Rollen sich eingerichtet haben.
Nur ist es ja nicht so, daß Feminismus und Emanzipation diese Rollen abschaffen wollen, sie wollen die Handlungsmöglichkeiten und Identifikationsmöglichkeiten für Männer und Frauen nur erweitern. Wer gerne nach alten Mustern leben möchte, kann das doch tun. Ich möchte es nicht, und ich muß sagen: Ich bin Feminist!

THX1138 09.04.2010 | 17:21

Solange der Feminismus bereit ist, der sozialen Wirklichkeit stellt- Stichworte gemeinsame Haushaltseinkommen (und die jeweiligen Anteile daran), Einkommen in Relation zur Berufswahl (oder Geistes- vs. Naturwissenschaften [bzw. der Wahl der Berufslehre] und den sich daraus ergebenden, beruflichen Möglichkeiten Konsequenzen)- dann ist gegen den Feminismus absolut nichts einzuwenden, auch wenn er allmählich verstaubt wirkt und von seinem radikal ausgeprägten Erbe der Siebziger- und Achzigerjahre immer wieder eingeholt wird.

Doch solange sich der Feminismus hauptsächlich damit beschäftigt, soziale Wirklichkeiten ideologisch umzudeuten, um daraus weiterhin weibliche Opferrollen zu basteln- wenn auch wesentlich geschickter als noch vor zwanzig Jahren- oder Quoten zu fordern, kann ich ihn persönlich nicht mehr ernst nehmen.

Der Artikel will meiner Ansicht nach darauf aufmerksam machen, dass der Feminismus mittlerweile mit Image- und Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen hat.

Zu recht, wie ich finde.

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smith 09.04.2010 | 22:00

"Ich denke feministisch.
...
Ich kann nur davor warnen, die Erzeuger in ein gemeinsames Sorgerecht einzubeziehen."

O-Ton Familienrichterin Johanna Bacher.

Welche Handlungsmöglichkeiten sieht Feministin Bacher für dich als Mann, Daniel, wohl vor? Richtig, Barunterhalt. Und seit Bachers Äußerung sind gut 12 Jahre ins Land gegangen, ohne das der Gesetzgeber die Handlungsmöglichkeiten von Vätern verbessert hätte.

DanielW 10.04.2010 | 02:29

Lieber Smith, natürlich gibt es Einzelfallentscheidungen und –äußerungen, auf die ich aber gar nicht näher eingehen und die ich auch nicht im Einzelnen diskutieren möchte.
Ich kenne nicht den Zusammenhang, in dem dieser Satz geäußert worden ist, aber ich glaube, daß es ein Fehler ist, diesen Satz wiederum als Musterbeispiel für einen „überzogenen und männerfeindlichen Feminismus“ heranzuziehen.
Doch zum Thema: Denn der „Barunterhalt“ ist ja nichts anderes als eine Folge überkommener Geschlechterrollen, in denen allein der Mann für den Unterhalt der Familie zu sorgen hat, und die Gesetzeslage fördert ja beispielsweise durch das Ehegattensplitting noch immer dieses Modell.
Doch die Vorstellung, daß Männer sich nun gegen diese vermeintlich überzogenen Ansprüche zur Wehr setzen müssten, halte ich für falsch. Denn der Feminismus fordert ja, was von seinen Gegnern häufig nicht verstanden oder vergessen wird, auch einiges von den Frauen: Das Rollenmodell, das ja nicht nur einschränkend ist, sondern auch gewisse Bequemlichkeiten fördert – geradezu notwendig entstanden aus den Folgen der Unselbständigkeit dieses Rollenmodells – verlangt von den Frauen ja auch, eigene Entscheidungen zu treffen, für sich selbst verantwortlich zu sein und eben nicht mehr nur vom Portemonnaie und dem Wohlwollen des Gatten.
Insgesamt gleichen die gegen eine vollständige Frauenemanzipation vorgebrachten Argumente doch immer wieder den Äußerungen, mit denen auch gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft, der Sklaverei und beispielsweise der Rassentrennung in den USA polemisiert wurde. Alles Dinge, die sich bislang noch immer zum beiderseitigen Vorteil entwickelt haben.
Ich möchte keine Frau, die mich mit süßlich-vermeintlich-niedlich hochgezogenen Augenbrauen fragt, ob ich ihr mal ein Loch in die Wand bohren oder die Reifen wechseln kann, und die auf irgendeine Weise von mir abhängig ist, ich möchte Frauen – ebenso wie Männern – auf gleicher Augenhöhe begegnen. Und ich finde, da gibt es noch viel zu tun in diesem Land. Zumal ich glaube, daß der religiöse und konservative Rollback, den ich derzeit zu beobachten fürchte, eher emanzipationsfeindlich ist.
Insgesamt denke ich, daß eine Emanzipation für beide Seiten zwar nicht nur einfach, sondern auch durchaus schwierig ist und hohe Anforderungen an beide Seiten stellt, aber für beide eben auch eine Befreiung ist, in diesem Fall ebenso für die Frauen wie für die Männer.

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smith 10.04.2010 | 04:23

@Daniel

Gerade Bachers Worte verdeutlichen doch, dass vom Feminismus als ein zielgerichtetes Wirken nicht die Rede sein kann. Vielmehr fallen sich inzwischen ihre Vertreterinnen gegenseitig ins Wort, da einerseits "gleiche Augenhöhe" via Quote innerhalb eines auf gnadenlosen Wettbewerb basierenden Systems als Ziel ausgegeben - andererseits ein unantastbares weibliches Selbstbestimmungsrecht bzw. "Wahlfreiheit" (Stichwort Halbtagsarbeit) eingefordert wird, während parallel dazu die um sechs Jahre geringere Lebenserwartung von Männern in keiner Weise in Zusammenhang mit gesetzlichen Rahmenbedingungen im Unterhaltsrecht gebracht wird, welche mit sich bringen, dass es nach 40 Jahren Emanzipation hierzulande immer noch gerade mal 1% Alleinernährerinnen gibt. Daran zeigt sich, dass Feminismus - wie der Name schon sagt - ausschließlich Fraueninteressen - und seien sie noch so widersprüchlich - im Blick hat.
Ich erfahre als Vater jedenfalls keinerlei Ünterstützung durch bsw. "positive Diskriminierung" - im Gegenteil. Eine kinderlose Frau kann hierzulande mit mehr Beistand rechnen, als ein Vater. Letzterer kann sich hingegen der "erhöhten Erwerbsobligenheitspflicht" und des "fiktiven Einkommens" sicher sein.

Und nenne mir bitte eine rechtliche Handhabe, die Männer gleich Frauen in die Lage versetzt, sich mit Hinweis auf die wirtschaftliche Situation ihrer Elternschaft mithin finanziellen Verantwortung zu entziehen. Männer bzw. "Erzeuger" laut feministischer Sprachregelung, werden im Fall der Schwangerschaft nicht nach ihrem Selbstbestimmungsrecht befragt sondern einfach zum Unterhalt verpflichtet. Gleiches ist Frauen offenbar nicht zumutbar sind. Da endet sie schon, die weibliche Emanzipation und dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis, denn sobald der 14. Schwangerschaftsmonat erreicht ist, kommt dann doch die ansonsten "tumbe Biologie" als willkommenes Argument ins Spiel. An dieser klassischen Situation will keine Feministin dieses Landes etwas ändern. Du kannst mich gerne eines besseren belehren.
Soviel zu "Rollback" bzw. "süßlich-vermeintlich-niedlich hochgezogenen Augenbrauen".

tintin 10.04.2010 | 04:41

Daniel,
du beschreibst den Feminismus so wie er sich gerne in der Außenwirkung darstellt. Nur die Realität sieht meiner Ansicht nach anders aus.
Weiter oben zitiert Smith einen Beitrag der Mädchenmannschaft "Heul doch und kauf dir ‘nen Dauerlutscher. Oder was soll man sonst zu armen Mann-Opfern sagen?". Sehr typisch, Männer die wagen sich über Missstande zu klagen werden diffamiert. Die Männlichkeit eines Mannes in Frage zu stellen ist eine sehr alte Methode um Druck aufzubauen und konformes Verhalten zu erzwingen. Da treffen sich dann die hippen 3. Welle Feministinnen mit den Alt-Konservativen und rufen gemeinsam "Sei ein Mann, Waschlappen!". Soviel also zum hinterfragen von Rollenmustern und Geschlechterklischees. Beispiele für Doppelmoral lassen sich noch viele finden.

Es gibt im Feminismus keinen Platz für eine männliche Perspektive, qua angeborenen Privilegien ist die männliche Sichtweise weniger wert. Das ist auch ok schließlich ist es eine Bewegung, die der weiblichen Perspektive ein Stimme verleihen will. Nur ist es dann etwas absurd auf die absolute Deutungshoheit in Geschlechterfragen zu beharren. Gemeinsam ist also nicht.

Bitte nicht falsch verstehen, ich bin selbstverständlich für Gleichberechtigung. Ohne Zweifel gibt es viele Bereiche in denen Frauen immer noch Nachteile haben und die gehören auch abgeschafft. Aber ich würde mich nicht mit einer Bewegung identifizieren, die die Probleme des männlichen Geschlechts als nicht existent oder belanglos abtut.

DanielW 10.04.2010 | 11:23

Na, da habe ich mich ja auf was eingelassen… :o)
Aber ich versuche, Punkt für Punkt zu argumentieren und fange mit Smiths Kommentar an: Daß sich die Vertreterinnen und Vertreter des Feminismus gegenseitig ins Wort fallen, sollte mit demokratischen Umgangsformen hinreichend erklärt sein. Es gibt schließlich viele Strömungen und Vorstellungen und Standpunkte, und das ist bei einer noch immer recht jungen Bewegung auch vollkommen normal.
Zum Zweiten handelt es sich beim Feminismus – oder, um der Vielfalt der Meinungen gerecht zu werden, bei den „Feminismen“ – natürlich um eine Bewegung, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. Aber das bedeutet nicht, daß sie automatisch gegen die Männer gerichtet ist. Emanzipation ist kein Nullsummenspiel, sondern bereichert und erleichtert letztlich das Leben beider Seiten.
Zu den Rechten von Vätern und Müttern kann ich leider nur wenig sagen, da mich das Problem nicht betrifft, ich habe keine Kinder.
Ich glaube nur, daß der Feminismus keine Verschwörung gegen die Männer ist, auch wenn es unter einigen Feministinnen vereinzelt männerfeindliche Positionen durchaus gibt, die mir auch nicht gefallen. Doch auch unter Männern gibt es frauenfeindliche Positionen, ohne daß man das verallgemeinern sollte. Denn ich denke, ein „Geschlechterkrieg“ wird eher von der männlichen Seite geargwöhnt, als von der weiblichen geführt.
Und was den konservativen und religiösen Rollback angeht: Ich wurde in der DDR sozialisiert, und muß doch viele Rückschritte beklagen, die seit 1990 in der Geschlechterpolitik stattgefunden haben: Ich erinnere an die massiven Proteste gegen den § 218, der dann doch wieder in Ostdeutschland eingeführt wurde, an die Verdrängung der Frauen von der Erwerbstätigkeit, an die plötzlich wieder auftauchende Prostitution und vieles Andere…
Heute findet man leider – wie mir scheint – den Frauentyp, der sich wieder in der Rolle des hilflosen Weibchens einrichtet, häufiger wieder als noch in den 1990er Jahren, auch wenn ich mich freuen würde, mich in diesem Punkt zu täuschen.
Und nun stellen sich einige Konservative hin und beklagen – nun gut, zu einem demokratischen Land gehört ganz zweifellos die Meinungsfreiheit, die ich auch vehement verteidigen möchte und für unverzichtbar halte – den Werteverfall und predigen eine Rückkehr zu den alten Werten. Ich finde das sehr bedenklich und halte solche Ansichten für grundfalsch.
Und nun zu tintins Kommentar: Daß es unqualifizierte und beleidigende Äußerungen gibt, und leider sogar hier im Forum, das ist bedauerlich, aber da sollten wir einfach drüberstehen. Interessanter und recht aufschlußreich hingegen ist die Aussage: „die Männlichkeit eines Mannes in Frage zu stellen ist eine sehr alte Methode um Druck aufzubauen und konformes Verhalten zu erzwingen.“
Wer könnte denn Deine oder meine Männlichkeit in Frage stellen? Und wie sollte das überhaupt gehen? Die Rollenvorstellung kritisieren und hinterfragen, das funktioniert, das ist sehr fruchtbar und erhellend, und das hat die femistische und die Gender-Literatur auch sehr erfolgreich getan. Und ich erinnere mich, in einigen Seminaren zur Gender-Problematik gesessen zu haben und nicht etwa abgewatscht worden zu sein, nur weil ich ein Mann bin. Und das nicht etwa, weil ich zu allem Ja und Amen gesagt hätte Wir haben durchaus kontrovers diskutiert, und danach sind wir einen Kaffee trinken gegangen und hatten alle miteinander unsere Sichtweise und unseren Horizont erweitert. Und daß Gender-Studies und Feminismus nur die Frauen im Blick hätten und „die Probleme des männlichen Geschlechts als nicht existent oder belanglos abtut“, ist schlichtweg falsch, es geht genauso sehr um die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Das würde Dir bei einem Blick in die Literatur schnell auffallen.
Ich glaube, wir sollten uns weniger mimosenhaft benehmen und uns nicht angegriffen fühlen, wenn Rollenidentitäten kritisiert werden, und genau das meinte ich, als ich weiter oben von Statusverlustängsten sprach: Das Gefühl, persönlich angegriffen zu werden, wenn Rollenmuster kritisiert werden, zeigt doch nur sehr deutlich, daß Du Deine Identität noch nie losgelöst von diesem Rollenmuster von „Männlichkeit“ gedacht hast.
Ich hoffe, Euch ein paar Anregungen gegeben zu haben und vielleicht habt Ihr ja nun Lust, Euch ein wenig tiefer mit dem Thema zu beschäftigen. Wie wäre es mit der Teilnahme am nächsten VHS-Kurs „Einführung in die Gender-Studies“ oder „Was will der Feminismus“? Viele Grüße!

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smith 10.04.2010 | 16:04

"Wie wäre es mit der Teilnahme am nächsten VHS-Kurs „Einführung in die Gender-Studies“ oder „Was will der Feminismus“? "

Mir scheint in deinem Fall ein Grundkurs im deutschen Sorge/Unterhaltsrecht dringender geboten, einfach um deiner verkündeten Parteinahme auch das hierfür nötige Hintergrundwissen mitzugeben.
Fürs erste sollten diese Links genügen:

forum.piratenpartei.de/viewtopic.php?f=150=13291=e85f6ef19e0465e33d71168cd10d72cd

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?topic=4196.0

femokratieblog.wgvdl.com/manndat-betrachtungen-zahlesel-vater/01-2010/

femokratieblog.wgvdl.com/ein-desaster-fuer-vaeter/03-2009/

Und zum Thema wie rücke ich Kritiker eines nur noch auf Schuldzuweisungen regredierenden Feminismus einfach in die rechte Ecke, um mich nicht weiter inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen zu müssen, sehr exemplarisch der Herr Gesterkamp:

www.freiewelt.net/nachricht.php?id=3701=2

Die Antworten des Herrn Gesterkamp stehen noch immer aus. Vielleicht möchtest du, Daniel als bekennender Feminist, an seiner Stelle und "ohne wenn und aber" hier antworten?

DanielW 10.04.2010 | 16:59

Lieber Smith, zum letzten Link nur Folgendes: Wer einen Journalisten für integer und nicht rechtsradikal hält, der in der "Jungen Freiheit", einer eindeutig neonazistischen Zeitung, publiziert, der ist für mich nicht diskussionsfähig (Punkt 9), und wer die "Junge Freiheit" neben der FAZ, Cicero usw. als scheinbar normale Zeitung nennt (Punkt 11), für den gilt aus meiner Sicht selbstverständlich das Gleiche.
Zudem die Blogzeitschrift "Die freie Welt" mir, wenn schon nicht rechtsradikal, so doch wenigstens stramm national- und wertkonservativ erscheint, diesen ersten Eindruck habe ich schon gewonnen beim Blick in den einen oder anderen Artikel.
Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und Chauvinismus gehen halt gerne Hand in Hand.
An dieser Stelle würde ich deshalb gerne die Debatte abbrechen, ich habe gesagt, was ich denke, und wenn Du Frauen so sehr brauchst, wie Fische ein Fahrrad, dann will ich Dich auch gar nicht nicht vom Gegenteil überzeugen. Nur würde ich Dich bitten, nicht vom "Mann" allgemein zu sprechen, und wenn es schon der Plural sein sollte, dann bitte so: "Der Mann, außer DanielW". Vielen Dank!

tintin 10.04.2010 | 18:24

"Wer könnte denn Deine oder meine Männlichkeit in Frage stellen?" Männlichkeit definiert sich nicht durch unsere Geschlechtsteil sondern wie wir uns Darstellen ( Doing Gender). Dazu gehört unter anderem, dass Männer nur sehr begrenzt Emotionen zeigen dürfen. Einen Mann also als Jammerlappen zu bezeichnen ist natürlich ein Angriff auf seine männliche Identität. Wenn nun dieser Angriff von feministischer Seite kommt, die es sich eigentlich zur Aufgabe gemacht hat Geschlechterrollen aufzubrechen, ist das doch sehr ironisch.

Ich bin sehr dafür Geschlechterrollen zu hinterfragen. Nur bin ich immer wieder überrascht wie einseitig das getan wird und hier steht mein Punkt mit der weiblichen Perspektive und der Diskurshoheit. Privilegien sollten aufgezeigt werden aber bitte für beide Geschlechter. Ich sehe kein Interesse des Feminismus spezifisch weibliche Privilegien in Frage zu stellen. Was Smith im Bezug auf das Sorgerecht anspricht ist ein Beispiel dafür. Das alles ist vollkommen in Ordnung. Nur wäre es ehrlich zu sagen Feminismus ist in erster Linie Lobbyismus für Frauen und keine Bewegung, die die Gleichberechtigung aller im Sinn hat.

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smith 10.04.2010 | 18:24

@Daniel

Das Fisch/Fahrrad-Bonmont erschließt sich natürlich nur dem Feminismuskenner.

Darüber hinaus werden Meinungen auch in der "Jungen Freiheit" kund getan. So gesehen befindest du dich auf gleichem Diskussionsniveau.

Die allzu schlichte Methode Gesterkamp ist sicher ein gemeinhin gebräuchliches aber keinesfalls überzeugendes Mittel ideologischer Realitätsferne. Auch ich bin ostsozialisiert. Jene Methode Gesterkamp erinnert mich persönlich fatal an die perfide Vorgehensweise selbstherrlicher Ideologen in der damaligen DDR, welche Bürgerrechtler öffentlich als "Feinde des Volkes und Sozialimus" und "Chauvinisten" bezeichneten. Geholfen hat das schon damals nicht – im Gegenteil.

Aber bitte, brich ganz in ideologischer Tradition einmal mehr die Debatte ab.
Sei`s drum.

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smith 10.04.2010 | 19:22

@Daniel

"Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und Chauvinismus gehen halt gerne Hand in Hand."

Hierzu hat Prof. Walter Hollstein in seinem Buch "Was vom Manne übrig blieb" bereits treffend bemerkt:

"Der zur 'Wahrheit' gewordene Mythos wird von einer feministischen Lobby in der Politik, in den Medien und in Frauen- und Gleichstellungsbüros sorgsam gepflegt; Widerstand wird diffamiert und mit Etiketten von 'Frauenfeindlichkeit' versehen. Dieser Vorwurf ist inzwischen ebenso sehr ein sozialer Todesstoß wie der Ordnungsruf des 'Antisemitismus', wenn die israelische Politik kritisiert wird.
...
Es ist im Grunde das stalinistische Prinzip der Installierung von Totschlagbegriffen. Widerspruch ist gleichbedeutend mit 'Frauenfeindschaft'."

DanielW 10.04.2010 | 19:59

Ich habe zu erklären versucht, daß eine Emanzipationsbewegung kein Geschlechterkampf ist, und daß von einer Emazipationsbewegung, die Gleichberechtigung anstrebt und keine Herrschaft, keine Gefahr ausgeht.
Das Problem ist, daß sich manche Männer bedroht und als Opfer fühlen, was unnötig ist. Niemand will den Männern etwas wegnehmen.
Ich habe argumentiert, und als ich gesehen habe, daß das nichts bringt, habe ich mich aus diesem sinnlosen Disput zurückgezogen. Und ich habe nun mal was gegen Nazizeitungen. Und behalte Du Deine ruhig Meinung, ich neide sie Dir nicht.
Aber der Vorwurf, ich würde ideologisch und stalinistisch Totschlagbegriffe installierten, scheint mir doch etwas weit hergeholt. Ich glaube, es bringt wenig, das hier fortzusetzen, wir werden uns wohl nicht näherkommen.

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smith 10.04.2010 | 20:21

Und ich habe versucht darzulegen, dass eine Emanzipationsbewegung die sich allein auf die Unterstützung und Privilegien einer Hälfte der Bevölkerung fokussiert, den Namen nicht verdient und sehr wohl einen Geschlechterkampf nach sich ziehen muss.
Das Problem ist, dass bekennende Feministen, die auch noch zu erkennen geben, nur unzureichend über die Rechtslage informiert zu sein, behaupten, Männer müssen sich bzgl. Gleichberechtigung nicht als Opfer fühlen. Die es trotzdem tun, werden einfach in die braune Ecke gestellt und damit hat sich der Lack.

In der Tat, es bringt wenig um nicht zu sagen nichts, darauf länger einzugehen.

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smith 10.04.2010 | 22:16

Abschließend und quasi kommentierend zur sattsam bekannten "Nazikeule" ein Auszug aus dem offenen Brief der Gleichstellungsbeauftragten Monika Dittmer an Thomas Gesterkamp :

"Sehr geehrter Herr Gesterkamp,

ich danke Ihnen für Ihre persönlichen Worte und Ihre subjektiven Schlussfolgerungen in der Veröffentlichung der FES im März 2010, die Sie mit „Geschlechterkampf von rechts“ überschrieben haben.

...

Die von Ihnen beschriebenen Umdeutungen wundern mich nicht. Diese sind ja dann möglich, wenn Begrifflichkeiten vage sind. In der Gleichstellungspolitik gibt es davon etliche.
Gleichstellungsarbeit als Querschnittsaufgabe überlässt es den Akteuren vor Ort mit einer ausufernden Deutungshoheit, diese zu prägen und zu dominieren. Deren einzige Sicherheit ist ein begrenzter Kreis feministisch ausgerichteter Frauen, deren Argumente wie sie selbst in die Jahre gekommen sind. Dieser Tunnel scheint mir immer mehr zur Sackgasse für die altehrwürdige Frauenbewegung und den Feminismus zu werden.

...

Mir hat es nicht gefallen, dass Sie gleich auf der ersten Seite Ihres Textes mit dem braunen Pinsel kommen und diesen im gesamten Verlauf Ihrer Ausführungen nicht mehr aus der Hand fallen lassen. Mir hat es auch deswegen nicht gefallen, dass Sie ohne Not den braunen Pinsel über AGENS gestrichen haben. Gerade wir Frauen fühlen uns von AGENS ernst genommen, da er Mann und Frau eine Stimme gibt! Ihr brauner Pinsel ist kein Beitrag zu einem dringend notwendigen gesellschaftlich-politischen Diskurs, das ist pure Ideologie.

...

Mit Ihrer einseitigen, pauschalen Zuweisung der „Männerrechtler“ in die rechte Ecke sind Sie für mich nicht diskursfähig. Mündige Bürger und erst recht Sie als Journalist sollten in der Lage sein, Argumente abzuwägen. Dabei werden Sie unterschiedliche Standpunkte aushalten können.

Es ist in diesem Sinne gut (für mich) aushaltbar, einmal mit etwas mehr Nachdruck auf die Seite der Männer zu schauen und daraus Schlüsse für Frauen und Männer zu ziehen. Sie haben mit Ihrem Text allerdings auch deutlich gemacht, wie weit fortgeschritten dieser neue Diskurs bereits ist – unaufhaltbar!"

Dieser Brief ging auch als Leserbrief an die TAZ - mit Sicherheit keine "Nazizeitung" (Totschlagbegriff). Wird dies den Feministen dazu bewegen können, sich endlich inhaltlich und sachbezogen mit der Kritik am inzwischen institutionalisierten Feminismus auseinander zu setzen?

DanielW 11.04.2010 | 00:57

Lieber Smith, gestatte mir noch einen Kommentar, auch wenn ich die Debatte eigentlich bereits verlassen habe: Sollten wir die ganze Sache nicht vielleicht etwas gelassener angehen? Etwas weniger kämpferisch und kriegerisch?
Womit ich meine allgemeine Grundhaltung auch gleich noch mit definiert hätte. Ich glaube nicht, daß die Frauen den Krieg wollen, und auch die Feministinnen wollen ihn nicht. Und wer ihn tatsächlich will, der schlägt doch ohnehin ins Leere, denn wir Männer haben doch auch gar nichts zu verlieren.
Ich weiß nicht, warum Du in dieser Debatte die Familiengesetzgebung heranziehst, aber das wird wohl persönliche Gründe haben, die mir zu kommentieren nicht zusteht. Nur bitte begeh' nicht den Fehler, dafür die halbe Menschheit verantwortlich zu machen, denn der stehen die gleichen Rechte zu wie jedem anderen (männlichen) Menschen auch.
Ich denke, wir sollten aufeinander zugehen, statt Gräben aufzureißen, wo keine sein müssen. Das heißt selbstverständlich auch, seine eigenen Positionen und Forderungen klar zu definieren und Grenzen zu ziehen. Doch immer, wie ich finde, auf gleicher Augenhöhe und zu gleichen und zu fairen Bedingungen. Und das heißt, meiner Meinung nach, Gleichheit der Rechte, und solange das nicht der Fall ist, im Zweifelsfall zugunsten der oder des Schwächeren.
PS: Daß die "Junge Freiheit" eine Nazizeitung ist, steht für mich aber außerhalb jeder Debatte, das ist nun mal so.

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smith 11.04.2010 | 02:04

"Doch immer, wie ich finde, auf gleicher Augenhöhe und zu gleichen und zu fairen Bedingungen. Und das heißt, meiner Meinung nach, Gleichheit der Rechte"

Köstlich!
Um nichts anderes geht es mir. Und die Familiengesetzgebung ist in der Geschlechterkonstellation letzthin der Dreh- und Angelpunkt, denn hier wird entschieden wer welche Rolle einzunehmen hat bzw. am längeren Hebel sitzt. Frag mal in die Runde, was den Leuten am wichtigsten ist - die Familie.
Und dann wirf endlich mal einen tiefen Blick in die deutsche Familiengesetzgebung. Das Europa-Gericht hat es getan und es als zutiefst väterdiskriminierend verurteilt. Kein Wort davon in der EMMA. Der Feminismus verharrt nicht nur in deinem Fall stur in der Opferrolle, während wie bereits erwähnt Männer 75% aller Selbstmörder stellen, über eine gegenüber Frauen um sechs Jahre geringere Lebenserwartung verfügen, 95 % aller tödlichen Arbeitsunfälle zu verzeichnen haben. Genau diese Zustände würden Männer verlieren, so der Blick endlich mal weg von den Frauen- hin zu den Männerrechten gelenkt werden würde. Darum geht es. Und solange dies keine der politisch korrekten Zeitungen dieses Landes eingedenk einer pfründenreichen, mächtigen Frauenlobby zu tun wagt, müssen eben andere Plattformen genutzt werden, um die nötige Öffentlichkeit herzustellen. A. Schwarzer wirbt schließlich auch für die BILD-Zeitung. Also, was soll`s.

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smith 11.04.2010 | 10:38

Krieg hin oder her - der Kreis schließt sich dann auch wieder, wenn wir zu den im vorangegangenen Kommentar genannten Punkten die Reaktionen jener ach so hart an der Zerstörung von Rollenkonstrukten arbeitenden Feministinnen - in vorliegenden Fall der "mädchenmannschaft" - betrachten (siehe meinen Kommentar zu Beginn des Threads):

"Heul doch und kauf dir ‘nen Dauerlutscher. Oder was soll man sonst zu armen Mann-Opfern sagen?"

Wie klassisch Mutti eben von jeher sagt: Ein Mann heult nicht!

chrischerf 12.04.2010 | 16:24

*schmunzel* Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der heftigste Disput hier zwischen zwei Männern abläuft. Frauen scheint das offenbar kälter zu lassen.
Dennoch möchte ich nach all den Standpunkt auch einige Aspekte anschneiden, die mir bisher zu kurz kamen.
Gleich vorweg: Auch als Mann empfinde ich viel Symphatie mit feministischen Überzeugungen. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Gesellschaft Frauen in vielen Fällen (z. B. den Lohnverhältnissen) benachteiligt, ist eine gerechtere Gesellschaft auch eine weiblichere Gesellschaft. Die Frage ist aber, was unter "vorbildlicher Weiblichkeit" zu verstehen ist und da wird es kompliziert.
Der Feminismus leidet - meiner Auffassung nach - bedauerlicherweise unter einem inhärenten Widerspruch: Das, was aus guten Gründen überwunden werden soll, nämlich die Vorverurteilung von Frau (und Mann), wird selbst immer wieder aufgezeigt und damit auch ein stückweit reproduziert. Frauenquoten, Frauenmedien, Frauenparkplätze etc. zeigen ja an, dass hier weiterhin ein Unterschied in der Behandlung gemacht wird. Daher plädiere ich persönlich sehr dafür, die Forderungen auszuweiten. Benachteiligten mehr Rechte einzuräumen ist letztlich "nur" Mittel zum Zweck. Am Ende kommt es darauf an, ob die Menschen - gleich ob Frau oder Mann - in ihrer individuellen Vielfalt ernst- und angenommen werden. Ein Mensch zeichnet sich schließlich durch unzählige Eigenarten aus, er ist mithin ein schillerndes Mosaik aus vielen kleinen Bausteinen. Es ist einfach dumm, ihn auf die soziale Kategorie "Geschlecht", und dann noch auch noch bipolar, zu reduzieren. So verstanden ist der Feminismus ein richtiger und wichtiger Schritt auf dem Weg des sozialen Fortschritts, aber wir dürfen nicht bei der "Frauen-Lobby" stehenbleiben. Männer sind ebenso gefordert, für gleiche Behandlung einzustehen und sich von vorverurteilenden Rollenmustern zu lösen. Letzten Endes geht es darum, den Menschen von Verhältnissen zu emanzipieren, in die er hineingeboren wurde und zu denen er ohne eigenes Zutun kam. Das ist ein gutes Stück abendländische Aufklärung. Selbstreflektion ist hierzu ein wesentlicher Schritt.
Das gilt für den Mann, der meint, alles sei doch "naturgegeben" ebenso, wie für die Frau, die sich hinter das Vorurteil zurückzieht, für dies und jenes sei nunmal "der Mann zuständig"...als wenn das alles in Stein gemeißelt wäre. Dieser Strukturkonservativismus tut mir immer wieder weh. Alles was sozial ist, kann immer auch anders gemacht werden.
...das ist wohl etwas, das über das Thema Unterhaltszahlung bei Weitem hinausgeht. Hier ist schlicht eine möglichst gleich Behandlung unabhängig vom Geschlecht des jeweiligen Elternteils anzutreben. Die Eltern - gleich ob Frau oder Mann - sollten finanziell, vor allem aber emotional, bestmöglich für ihr gemeinsames Kind sorgen, so gut es ihre individuelle Lage zulässt. Beide Elternteile tragen hier die gleiche soziale Verantwortung. Der Mann ist ebensowenig nur "Erzeuger" wie die Frau nur "Gebärerin" ist. Solche Ausdrück finde ich biologistisch, reduktionistisch und schlichtweg inhuman.

tintin 12.04.2010 | 18:30

" Ein Mensch zeichnet sich schließlich durch unzählige Eigenarten aus, er ist mithin ein schillerndes Mosaik aus vielen kleinen Bausteinen. Es ist einfach dumm, ihn auf die soziale Kategorie "Geschlecht", und dann noch auch noch bipolar, zu reduzieren."

Sehr richtig, aber "when all you have is a hammer, everything starts to look like a nail."

In einem Folgeartikel erklärt übrigens eine dunkelhäutige Frau warum sie die Bezeichung "feminist" für sich ablehnt und sich lieber "womanist" nennt.

www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/apr/10/white-feminism-black-woman-womanism

DanielW 12.04.2010 | 23:32

Lieber chrischerf, hab vielen Dank für Deinen Beitrag!
Nur als kleine Anmerkung - auf Anregung meiner Freundin, alleine hätte ich das nicht gewußt - sei uns das gestattet: Frauenparkplätze befinden sich, um Gewalttaten vorzubeugen und zu verhindern, näher am Ausgang und sind zudem häufig videoüberwacht.
Ansonsten bin ich einfach nur froh, nach dem ausufernden Disput mit smith, abgesehen von denen von leeehlah, kugule und heikeF natürlich, endlich mal auf einen Kommentar gestoßen zu sein, der konstruktive und weiterführende Gedanken enthält.
"...das ist wohl etwas, das über das Thema Unterhaltszahlung bei Weitem hinausgeht. Hier ist schlicht eine möglichst gleich Behandlung unabhängig vom Geschlecht des jeweiligen Elternteils anzutreben. Die Eltern - gleich ob Frau oder Mann - sollten finanziell, vor allem aber emotional, bestmöglich für ihr gemeinsames Kind sorgen, so gut es ihre individuelle Lage zulässt. Beide Elternteile tragen hier die gleiche soziale Verantwortung. Der Mann ist ebensowenig nur "Erzeuger" wie die Frau nur "Gebärerin" ist. Solche Ausdrück finde ich biologistisch, reduktionistisch und schlichtweg inhuman."
Gerade dieser Abschnitt, dem wir nur zustimmen können, zeigt, wie wir auch an vielen Freunden, die nicht verheiratet sind und gemeinsame Kinder haben, beobachten, daß es möglich ist, gemeinsam Lösungen zu finden, ohne einen "Geschlechterkrieg" zu führen.
Viele Grüße! DanielW