George Monbiot
16.03.2011 | 12:30 1

Öl ist dicker als Blut

Saudi Arabien Im Gegensatz zu Libyen muss Saudi Arabien keine Kritik aus dem Westen fürchten: Zu kostbar ist für uns das Öl, über das die despotische Monarchie verfügt

Haben Sie gehört, mit welcher Empörung die westlichen Regierungen die Schüsse saudischer Sicherheitskräfte auf Demonstranten am Donnerstag, die Unterdrückung der Demonstration am Freitag und die Ankunft saudischer Truppen am Montag in Bahrain verurteilt haben? Nein? Ich auch nicht.

Haben wir da etwas verpasst oder glauben unsere Regierungen, Saudi Arabien habe eine Demokratisierung weniger nötig als Libyen? Und wenn ja, auf welcher Grundlage? Dem "Democracy Index" der Economist Intelligence Unit zufolge rangiert Libyen auf der Liste von 167 Staaten auf Rang 158. Saudi Arabien belegt den 160sten Rang. Immerhin werden Frauen in Libyen, trotz aller Grausamkeiten des dortigen Regimes, nicht so behandelt, wie man dies im mittelalterlichen Europa mit Leprakranken zu tun pflegte.

Folter, Verstümmelungen, Exekutionen

Als Außenminister Prinz Saud Al-Faisal vergangene Woche erklärte, warum Proteste in seinem Königreich unnötig seien, versprach er charmant, denen „die Finger abzuschneiden, die versuchen, sich in unsere internen Angelegenheiten einzumischen“. In anderen Teilen der Welt würde man dies für eine drastische Metapher halten, er aber dürfte es wörtlich gemeint haben. Wenn es in Saudi Arabien noch nicht zu Massenprotesten gekommen ist, dann liegt dies daran, dass es sich um ein Schreckensregime handelt, das seine Herrschaft auf Folter, Verstümmelungen und Exekutionen aufbaut.

Dennoch fühlen sich unsere Regierungschefs in der saudischen Autokratie sogar noch wohler als sie es bis vor kurzem am Hofe von Oberst Gaddafi taten. Die Zahl der von der britischen Regierung genehmigten Exportlizenzen für Waffenlieferungen an das Haus von Saud hat sich seit dem Jahr 2003 grob vervierfacht. Die letzte britische Regierung war so versessen darauf, das besondere Verhältnis mit den saudischen Despoten aufrechtzuerhalten, dass sie sogar in die britische Justiz eingriff und das Betrugsdezernat der Staatsanwaltschaft veranlasste, seine Ermittlungen wegen Korruption bei den al Wamamah-Waffengeschäften einzustellen.

Warum? Zukünftige Waffenverkäufe spielen hierbei sicherlich eine Rolle. Aber es gibt noch einen wichtigeren Grund. Vor ein paar Tagen hat die französische Bank Société Générale davor gewarnt, dass Unruhen in Saudi Arabien den Ölpreis auf bis zu 200 Dollar pro Barrel in die Höhe treiben könnten.

Furcht vor 200 Dollar pro Barrel

Abdullahs Königreich ist der weltweite einzige „Swing Producer“ – d.h. das einzige Land, welches den Ausfall der Förderung in einem anderen Land oder eine erhöhte Nachfrage ausgleichen könnte. Drohende Störungen sind daher für die Stabilität westlicher Regierungen mindestens ebenso bedrohlich wie für das saudische Regime, wenn nicht sogar noch bedrohlicher – wenn man bedenkt, dass unsere Regierenden es sich nicht erlauben könnten, uns auf den Straßen niederzuschießen.

Nur wenige Regierungen nomineller Demokratien würden wahrscheinlich die ökonomischen Konsequenzen überstehen, die ein Ölpreis von 200 Dollar nach kurzer Zeit hätte: Wie Irlands Expremier Brian Cowen wären sie schneller weg vom Fenster als man mit dem Fahrrad an einer Tankstelle vorbeifahren kann. Dass David Cameron nach dem Sturz des saudischen Königshauses verlangt, ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Forderung König Abdullahs nach dem Sturz des britischen Oberhauses.

Doch selbst wenn das Regime nicht infrage gestellt werden sollte, ist nicht sicher, dass dieses die in es gesetzten Erwartungen auch erfüllen kann. Den WikiLeaks-Depeschen zufolge bezweifeln die Amerikaner, dass das Königreich seine Förderquote noch weiter erhöhen kann. Wenn ja, so wäre dies nicht überraschend. Die Produktionsquoten der Opec-Staaten hängen von der behaupteten Größe ihrer Ölreserven ab, sodass alle Mitglieder des Kartells ein Interesse daran haben, diese zu übertrieben hoch anzusetzen. Saudi Arabien gibt immer noch dieselbe Zahl an wie 1988. Überprüfen kann sie keiner. Die wahre Verfassung ihrer Ölfelder ist ein Staatsgeheimnis.

Unsere Abhängigkeit stärkt die Despoten

In einer anderen Depesche wurde in Frage gestellt, ob die Saudis wirklich den Markt verändern können. „Sicher können sie die Preise nach oben treiben, aber wir bezweifeln, dass sie auch weiterhin in der Lage sind, die Preise für eine längere Zeit zu drücken.“ Für ihre Produktionsvorhersagen vertrauen die westlichen Regierungen in erster Linie auf die Internationale Energieagentur (IEA). Die musste vor kurzem sowohl ihre Prognose bezüglich der zukünftigen Versorgung zurücknehmen, als auch ihren Spott über jene , die davor gewarnt hatten, eines Tages werde das globale Ölfördermaximum erreicht. 2006 sagte die IEA voraus, die weltweite Ölförderung werde bis 2030 von 82 Millionen Barrel pro Tag auf 116 Millionen ansteigen. 2006 reduzierte sie die Prognose auf 106 Millionen, 2009 auf 105 und 2010 auf 96 (bis 2035).

Und es könnte sein, dass sie noch weiter herabgesetzt werden muss. Die neue Vorhersage fußt auf der Annahme, dass die Förderung der Saudis bis 2035 von 9 auf 14,6 Millionen ansteigen wird. Die Botschaftsdepeschen zitieren den ehemaligen Hauptverantwortlichen für Erschließung und Förderung bei der Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco, Dr. Sadad al-Husseini wie folgt: „12 Millionen Barrel pro Tag zur Verfügung zu stellen wird nur für eine begrenzte Zeit möglich sein und selbst dies nur mit einem massiven Investitionsprogramm.“ Wenn Saudi Arabien 180 Milliarden Barrel gefördert haben wird „wird langsam aber beständig ein Rückgang einsetzen, der durch keine Anstrengung aufgehalten werden kann“: Nach Veröffentlichung der Depeschen leugnete al Husseini diese Aussage. Die in dem Bericht aufgeführten Zahlen sind allerdings detailliert und präzise.

Abhängigkeit vom Öl bedeutet Abhängigkeit von Saudi Arabien. Abhängigkeit von Saudi Arabien bedeutet eine Stärkung seiner despotischen Monarchie. Sie müssen gar nicht an die Auswirkungen für die Umwelt und die Wirtschaft zu denken: Eine Wirtschaft, die vom Öl abhängt, macht die Tyrannei in Saudi Arabien unangreifbar. Das allein sollte uns dazu veranlassen, darüber nachzudenken, welche Verkehrsmittel wir benutzen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (1)

claudia 18.03.2011 | 06:51

>>Dennoch fühlen sich unsere Regierungschefs in der saudischen Autokratie sogar noch wohler als sie es bis vor kurzem am Hofe von Oberst Gaddafi taten.
Ich bin sicher: Wenn ganz ganz Nordafrika unter die Hoheit der saudischen "Ordnungsmacht" gestellt werden könnte, käme dies dem europäischen "Demokratieverständnis" sehr entgegen. Wahrscheinlich denken EU-Regierungen insgeheim schon seit Anfang diesen Jahres intensiv darüber nach.
Auch der ADAC ("freies Brettern für freie Bürger") würde das begrüssen.