Öl kann man nicht trinken

Ressourcen Wenn die Diktaturen von Tunis bis Sanaa überwunden sind, steht die Region vor der nächsten konfliktträchtigen Herausforderung: Das Wasser wird knapp

Neben Armut, Unterdrückung und Arbeitslosigkeit sind in einigen Ländern auch die steigenden Lebensmittelpreise ein wichtiger Grund für die politischen Konvulsionen, die den Nahen Osten und den Norden Afrikas seit einigen Wochen in Atem halten. Sie stehen in direktem Zusammenhang zu einer regionalen Wasserkrise in dieser ölreichen, aber extrem wasserarmen Region. Es gibt nur wenige Flüsse, der Wasserbedarf steigt mit den Bevölkerungszahlen stetig weiter an. Die Grundwasservorräte gehen zurück und fast alle arabischen Länder sind auf die Einfuhr von Grundnahrungsmitteln angewiesen, die mittlerweile zu Rekordpreisen gehandelt werden.

Vorgeschmack auf größere Unruhen

In einer Region, die in den kommenden vierzig Jahren die Verdopplung ihrer Bevölkerungszahlen auf über 600 Millionen erwartet und in der die Temperaturen im Zuge des Klimawandels steigen werden, sind diese strukturellen Probleme politischer Sprengstoff und tragen nach Ansicht von Weltbank und UN, sowie zahlreichen unabhängigen Studien bereits heute zur Destabilisierung der Region bei. In ihren jüngsten Berichten warnen verschiedene Organisationen unabhängig voneinander, die Hungerrevolten und Demonstrationen infolge der drei großen Lebensmittelpreiserhöhungen, die Nordafrika und der Nahe Osten in den vergangenen fünf Jahren erlebt haben, könnten lediglich ein Vorgeschmack auf größere Unruhen gewesen sein, die diesen Ländern bevorstehen, wenn sie ihre natürlichen Ressourcen nicht gemeinschaftlich nutzen und ihren Energie- und Wasserverbrauch nicht reduzieren.

„In Zukunft wird die wichtigste geopolitische Ressource im Nahen Osten eher Wasser als Öl sein. Die Situation ist alarmierend“, sagte die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey vor kurzem bei der Veröffentlichung eines von der Schweiz und Schweden finanzierten Berichtes für die EU. Der Blue-Peace-Bericht untersucht die langfristigen Aussichten von sieben Ländern – unter anderem der Türkei, des Iraks, Jordaniens, der Palästinensergebiete und Israels. Fünf leiden dem Bericht zufolge bereits heute unter größeren strukturellen Engpässen und können viele bisherige Quellen nicht mehr lange nutzen, da diese bald versiegen werden. „Solange es zu keinem technologischen Durchbruch oder einer wundersamen Entdeckung kommt, wird der Nahe Osten einer ernsthaften Wasserknappheit nicht entgehen können“, meint Sundeep Waslekar, Wissenschaftler bei der Strategic Foresight Group, die den Bericht verfasst hat.

Die Hauptstadt verlegen?

„Wasser ist in den Ländern des Nahen Ostens ein grundlegender Bestandteil des Gesellschaftsvertrages. Neben subventionierten Lebensmitteln und Benzin stellen die Regierungen auch kostengünstig oder -frei Wasser zur Verfügung, um sich so der Zustimmung der Regierten zu versichern. Wenn die Subvention bestimmter Waren zurückgefahren wurde, ist es in der Vergangenheit schon oft zu Instabilitäten gekommen. Wasser hat bei bisherigen Unruhen und Aufständen eine relativ untergeordnete Rolle gespielt, aber dies dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit ändern. Künftig wird es zu wesentlich länger andauernden Engpässen bei der Wasserversorgung kommen“, so Jon Alterman, Direktor des Middle East Programme am Centre for Strategic Studies in Washington.

„2008/9 haben die arabischen Länder Lebensmittel im Wert von 30 Milliarden Dollar importiert. Dann haben steigende Preise zu Wellen von Hungerunruhen geführt. Das Paradox der arabischen Volkswirtschaften besteht darin, dass sie vom Ölpreis abhängen, hohe Energiekosten aber gleichzeitig zur Verteuerung ihrer Lebensmittel führt“, so der Nahost-Experte Vicken Cheterian.

Am schlimmsten ist die Lebensmittel- und Wasserunsicherheit im Jemen, dem ärmsten Land der arabischen Welt, wo jedem Einwohner im Jahr weniger als 200 Kubikmeter zur Verfügung stehen. Das liegt weit unter der bei tausend Kubikmeter angesiedelten Grenze für Wasserarmut. Darüber hinaus muss das Land 80-90 Prozent seines Lebensmittelbedarfs importieren. Dem Vorsitzenden der jemenitischen Wasser- und Umweltschutzagentur, Mahmoud Shidiwah, zufolge werden 19 der 21 wichtigsten Grundwasserleitern bald kein Wasser mehr führen. Die Regierung denkt sogar bereits darüber nach, die Hauptstadt Sanaa mit ihren zwei Millionen Einwohnern an einen anderen Ort zu verlegen, da ihr an ihrem jetzigen Standort in voraussichtlich sechs Jahren das Wasser ausgehen wird.

Die soziale Gewalt nimmt zu

Zwei interne, bewaffnete Konflikte existieren im Jemen bereits, diesen Monat kamen in der Hauptstadt zusätzlich Demonstrationen und soziale Proteste hinzu. „Das jüngste Gutachten über Handfeuerwaffen im Jemen (Small Arms Survey) versucht, den Anstieg sogenannter sozialer Gewalt in ein Verhältnis zu der steigenden Verknappung von Trinkwasser und fruchtbaren Böden zu setzen. Diese soziale Gewalt nimmt zu, die Zahl der Toten und Verletzten ist sehr hoch“, so Giancarlo Cirri, der Repräsentant des UN Welternährungsprogramms für den Jemen.

Andere arabische Länder stehen nicht viel besser da. Jordanien, das eine Verdoppelung des Wasserbedarfs in den kommenden 20 Jahren erwartet, sieht aufgrund des Bevölkerungswachstums und eines schon lange währenden Streits mit Israel massiven Engpässen entgegen. Seine Pro-Kopf-Versorgung wird der Weltbank zufolge in den kommenden 30 Jahren von gegenwärtig 200 Kubikmeter auf 91 fallen.

Algerien, Tunesien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Marokko, Irak und Iran weisen alle ein „Wasserdefizit“ auf, d.h. sie verbrauchen weit mehr als sie durch Regen oder Schneefall erhalten. Nur die Türkei verfügt über einen größeren Überschuss, will aber nicht teilen. Libyen hat 20 Milliarden dafür ausgegeben, tief liegende Quellen anzuzapfen, ohne zu wissen, wie lange diese Vorräte ausreichen werden. Der Wasserbedarf Saudi-Arabiens hat sich in 25 Jahren um 500 Prozent erhöht und wird sich in den kommenden 20 Jahren voraussichtlich noch einmal verdoppeln.

Versiegende Quellen, versalzende Meere

Der Blue Water Bericht unterstreicht das Versiegen vieler wichtiger Wasserquellen in der Region. Der Wasserspiegel im Toten Meer ist sei den Sechzigern um fast 45 Meter gesunken. Im Irak ist das Marschland um 90 Prozent zurückgegangen und der See Genezareth droht vollständig zu versalzen. Einige ölreiche arabische Länder haben vor kurzem begonnen, das Problem anzugehen. Nachdem man viele Jahre lang unterirdische Quellen angezapft hatte, um Getreide anzubauen, schwenken sie nun im großen Stil auf Entsalzungsanlagen um. Über 1.500 große Anlagen gibt es mittlerweile an Golf und Mittelmeer, die einen großen Teil Nordafrikas und des Nahen Ostens mit Trinkwasser versorgen – sie produzieren zwei Drittel des entsalzten Wassers der Erde. Die Anlagen nehmen Salz- oder Brackwasser auf, um es dann entweder zu erhitzen und verdunsten zu lassen oder über Filter vom Salz zu trennen. Dem WWF zufolge handelt es sich hierbei um eine „teure, energie- und CO2-intensive Methode zur Trinkwassergewinnung“. Außerdem führt die Rückführung des Salzes ins Meer zu einem extrem hohen Salzgehalt (im Arabischen Golf ist er acht Mal höher als er sein sollte) Dennoch: Die Kosten gehen zurück und die Industrie boomt.

Einige arabische Staatschefs haben erkannt, dass sie ihre Anstrengungen auf die Einsparung von Wasser und Energie richten müssen, wenn sie eine ökologische Katastrophe vermeiden wollen. So baut Abu Dhabi mit Masdar für 20 Milliarden eine futuristische Stadt, die vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll und fährt eine große Kampagne zur Reduzierung des Wasserverbrauchs.

Chance für eine neue Form des Friedens?

Eine drastischere Reaktion auf die Krise besteht in der Verlagerung der landwirtschaftlichen Produktion ins Ausland und der Anlegung von Reserven. Saudi Arabien erklärte 2008, man werde die eigene Getreideproduktion um 12, 5 Prozent pro Jahr zurückfahren, um die Wasservorräte zu schonen. Nun unterstützt das Land Private dabei, Land in Afrika aufzukaufen. Seit Beginn der Unruhen in Nordafrika versuchen die Saudis nach eigenen Angaben, ihre Getreidereserven auf 1, 4 Millionen Tonnen zu erhöhen – das ist genug, um den Bedarf für ein ganzes Jahr zu decken.

Die Wasserknappheit, so fasst der Blue-Peace-Bericht die Ergebnisse der Untersuchung zusammen, hat mittlerweile so dramatische Ausmaße angenommen, dass in einigen Jahren heutige Konfliktparteien keine andere Chance haben werden zu überleben, als zusammenzuarbeiten und Ressourcen untereinander aufzuteilen. So könnte die Wasserkrise anstatt die bestehenden Konflikte noch zu verschärfen, auch die Möglichkeit zu einer neuen Form des Friedens bereiten. Das klingt sehr optimistisch, aber der frische Wind, der durch die Region weht, lässt vieles möglich erscheinen.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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17:15 23.02.2011
Geschrieben von

John Vidal | The Guardian

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