Olympia im Ausnahmezustand

Großbritannien Die Spiele von London drohen zu einem Festival der Rüstungsindustrie und Sicherheitsneurosen zu werden. Die Wettbewerbe könnten dabei zur Nebensächlichkeit schrumpfen

Die Bemühungen von Lord Coe und seinen Freunden beim IOC, die diesjährigen Sommerspiele lächerlich zu machen, scheinen keine Grenzen zu kennen. Derzeit findet in der britischen Hauptstadt eine einwöchige „Militärübung“ statt: Typhoon-Jets der Roxal Air Force sollen die Themse rauf und runter jagen; in den Parks des East Ends und auf Wohnhäusern in Bow sollen Batterien mit Starstreak-Boden-Luft-Raketen und zehn Mann Besatzung stationiert werden und Scharfschützen in Hubschraubern von Armee und Luftwaffe die Stadt überfliegen, um „die Piloten von terroristischen Flugzeugen“ abzuschießen.

Erstmals werden Wachleute in der U-Bahn Maschinengewehre tragen. Und Spezialkräfte der Polizei Sturmhauben aufsetzen, um ihre Identität zu verbergen. Die Marine wird vor der Küste vor Weymouth patrouillieren, U-Boote sind in Alarmbereitschaft versetzt. Es gibt keinen in der Regierung, der es wagt, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Nero hätte zu seinen besten Zeiten nicht mehr Geld für den Zirkus ausgeben können.

Raketen abschießen

Die Olympischen Spiele sind zu einer Orwellschen Parodie dessen geworden, was geschieht, wenn eine Weltagentur eine Regierung, die dringend nach Prestige verlangt, dazu erpresst, endlos Geld auszugeben. Kein einziger der Verteidigungsleute konnte bislang ein Szenario liefern, das die Jets und Raketen rechtfertigen würde. Letztere verfügen über eine Reichweite von gerade einmal drei Meilen und sollen angeblich „nur auf Geheiß des Premierministers“ zum Einsatz kommen. Was werden sie abschießen, und wem wird das dann auf den Kopf fallen?

Das Sicherheitsprogramm kostet die britischen Steuerzahler eine Milliarde Pfund Sterling, obwohl es nicht ein Jota zur nationalen Sicherheit beiträgt. Es hat rein gar nichts mit der Abschreckung von Terroristen zu tun, selbst wenn man unterstellt, dass eine Bedrohung existiert. Der moderne Terrorist wendet Selbstmordtaktiken an, die immun gegen Abschreckung sind. Die Regierung hat mit diesen Maßnahmen lediglich das politisch-militärische Profil der Spiele erhöht und provoziert so erst recht irgendeinen Verrückten, es zu versuchen. Occupy London und die militanten Radfahrer der Stadt dürften Lord Coes VIP-Fahrspuren ebenfalls als einmalige Gelegenheit empfinden. Die Organisatoren planen, die Mall, Horse Guards Parade sowie den größten Teil des St. James Parks von Juni an zu schließen, weil sie Angst haben, es könnte jemand eine Bombe in der Nähe des Volleyball-Geländes deponieren, das sich verrückter Weise gleich hinter der Downing Street befindet. Und das, obwohl der Premier als auch das Büro des Bürgermeisters sich ausdrücklich gegen diese Entscheidung ausgesprochen haben. Computerunternehmen, die sich Verträge erhoffen, platzieren regelmäßig Geschichten über die „Bedrohung der Spiele durch eine Cyber-Attacke“. Ein Unternehmen wurde schließlich damit beauftragt, 450 „IT-Genies“ anzuwerben, um die Spiele vor Hackern zu schützen.

Platzverweise drohen

Das heißt, dass London für den Rest des Sommers de facto vom IOC „regiert“ wird. Eine sich selbst bestätigende Organisation, die niemandem rechenschaftspflichtig ist, erwartet Fünf-Sterne-Hotels, BMWs mit Chauffeur, spezielle Fahrspuren nach sowjetischem Vorbild und automatische Dauer-Grünphasen für Tausende ihrer „Offiziellen“ und Mitläufer aus der Wirtschaft. Das alles erwartet das IOC nicht nur – es bekommt, was es begehrt. Das IOC verlangte nach Sonderrechten – und es bekam sie in Gestalt eines eigenen Gesetzes, dem London Olympic Games and Paralympic Games Act von 2006. Lord Coe tut, was das IOC ihm aufträgt und leitet die Rechnung hinterher an Finanzminister George Osborne weiter, der sie dann begleicht. Als allein für die Eröffnungszeremonie 30 Millionen Pfund fehlten (bei einem gigantischen Budget von 60 Millionen Pfund), wurde umgehend ein Scheck ausgestellt.

Stets übernimmt das IOC auch die Überwachungsaufgaben für seine Sponsoren. Inspektoren müssen die Stadt durchkämmen und jeden verhaften, der die Zeichenkombination "2012 Olympics" oder irgendeine ähnliche Formulierung unrechtmäßig verwendet, also keine astronomischen Sponsoren-Gelder an Coe und das IOC bezahlt. Jamie Oliver darf keine Olympia-Party im Victoria Park feiern, schließlich ist er kein Sponsor. Blogs, Bilder und Videos auf YouTube oder Facebook sind verboten. Jeder, der an einem Veranstaltungsort auch nur einen nicht-genehmigten Beutel, Hut oder Schuh trägt, erhält einen Platzverweis.

Außer Kontrolle

Die Verkehrsverbund Transport for London wurde zu einem Schatten seiner selbst reduziert und die Londoner dazu aufgerufen, die Stadt während der Spiele zu verlassen. Hat sich schon einmal jemand gefragt, was das für die Wirtschaft bedeutet? Die Bürger wurden gewarnt, dass die Straßen im Stadtzentrum gesperrt sein werden, dass die U-Bahn-Fahrer streiken und in den Notaufnahmen der Krankenhäuser die Blutreserven knapp werden könnten. Wie London unter diesen Umständen Geld verdienen will, wie Coe und andere versprochen haben, bleibt ihr Geheimnis. Als Tourismus-Ziel wird die Stadt jedenfalls ungefähr so attraktiv wie Bagdad oder Kabul.

Eine Dividende für die Gesellschaft gibt es nicht und hat es nie gegeben. Der Londoner August ist immer leicht und wie die leeren Straßen in Athen und Beijing gezeigt haben, sind olympische Sportarten nicht gerade Publikumsmagneten. Die Ironie besteht darin, dass der größte Erfolg der Organisatoren der Londoner Spiele gleichzeitig auch die Hauptquelle der Kritik ist. Zweifellos ist es ihnen gelungen, eine gewisse Begeisterung in der Bevölkerung zu erzeugen. Indem sie aus den Kartenverkäufen eine Lotterie gemacht haben, konnten sie es offenbar schaffen, die ersten ausverkauften Spiele der Neuzeit auf die Beine zu stellen.

Die Londoner Spiele begannen in einer Atmosphäre der Begeisterung von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit Kosten von 2,4 Milliarden Pfund sollten sie einen Kontrapunkt zu dem Gigantismus der Spiele in Beijing setzen und die moderne Sportveranstaltung in die Struktur der Stadt einschreiben. London sollte den Beweis antreten, dass eine Stadt nicht reich sein muss, um die Spiele auszurichten. Es sollten die „Spiele der Menschen“ werden. Das IOC hat dem ein Ende gesetzt, und die britische Regierung paranoid, verschwendungssüchtig und habgierig zugleich gemacht. Wenn das Image der Spiele noch gerettet werden soll, muss irgendwie die Würde des sportlichen Ereignisses wiederhergestellt werden, das sich gegenwärtig in der Geiselhaft eines außer Kontrolle geratenen Monsters befindet. .

Übersetzung: Holger Hutt

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16:35 04.05.2012
Geschrieben von

Simon Jenkins | The Guardian

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The Guardian

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