Opfer seiner selbst

Simbabwe Robert Mugabe war anfangs ein Hoffnungsträger und hinterlässt nun als tragikomische Figur einen gescheiterten Staat
Opfer seiner selbst
Mugabe war einmal der richtige Mann, der am richtigen Ort richtige Worte aussprach

Foto: Zinyange Auntony/AFP/Getty Images

Das Land trieb seit Tagen einer Entscheidung entgegen. Zum wiederholten Mal verhandelte Generalstabschef Constantino Chiwenga am Wochenende mit Robert Mugabe, um ihm zu bedeuten, die Demission des 93-Jährigen sei nur noch eine Formalität. Die Zeit seines Regimes sei nach 37 Jahren unwiderruflich vorbei. Dabei hatte die sture Verstiegenheit, mit der Mugabe bis zuletzt die Macht verteidigte, etwas Tragikomisches und vermochte das Bewusstsein zu schärfen, dass da einer aus der inzwischen dünn gesäten Generation afrikanischer Unabhängigkeitskämpfer der ersten Stunde abtrat, von denen nicht wenige so wie er an sich selbst gescheitert sind.

Mugabe, der 1980 die Macht in Simbabwe übernahm, war stets eine Mann der vielen Gesichter – ein idealistischer junger Marxist und als solcher Gefangener des weißen, rassistischen Regimes von Ian Smith, der sich 1965 einseitig von Großbritannien losgesagt hatte. Mugabe war vielgepriesene Ikone eines panafrikanischen Nationalismus, Reformer wider Willen, schließlich gnadenloser und gnadenlos alternder Diktator, tief verstrickt in Korruption und Filz. Doch neigen viele seiner westlichen Kritiker, die ihn für Misswirtschaft und Repressionen verantwortlich machen, zu einer eindimensionalen Sicht. Sie geißeln ihn als Inkarnation des Versagens, gar als Präsidenten, der einen Failed State hinterlässt – die Wahrheit ist nicht ganz so schwarz und weiß.

Mugabes Aufstieg nach Simbabwes durch die schwarze Mehrheit getragener Unabhängigkeit von Großbritannien ab 1980 stand nicht von vornherein fest. Joshua Nkomo, Führer der Zimbabwe African People’s Union (ZAPU), rang mit Mugabes Zimbabwe African National Union (ZANU) um die Macht. Beide machten ihr Prestige aus dem Unabhängigkeitskampf geltend, inklusive langjähriger Haft unter dem Kolonialregime, und waren sehr verschiedene Charaktere.

Nkomo präsentierte den afrikanischen Anführertyp des „großen Mannes“ – ausladend, unbeständig und charismatisch. Der schnittige, schlanke Mugabe war der Intellektuelle – clever, elegant, kalkulierend und eitel. Während des „Rhodesischen Buschkriegs“ gegen Ian Smiths illegale Regierung in den frühen 1970er Jahren wurde Mugabe von China unterstützt, Nkomo von der Sowjetunion. Eine noch grundlegendere Spaltung ergab sich durch den ethnischen Bezug: Nkomo gehörte zur Gruppe der Ndebele aus Matabeleland, historisch gesehen Feinde von Mugabes Shona-Mehrheit. Hätte sich Nkomo durchgesetzt, wäre Simbabwes jüngste Geschichte womöglich völlig anders verlaufen. Aber schon bei den Lancaster-House-Gesprächen in London wurden 1979 Weichen gestellt. Der damalige britische Außenminister Lord Carrington legte Mugabe nahe, die Rolle eines prowestlichen, demokratischen Führers einzunehmen und sich so vom populistischen Nkomo abzusetzen. Eine Zeit lang richtete sich Mugabe danach. Als er daraufhin nach dem ZANU-Wahlsieg Anfang 1980 Simbabwes erster Premierminister wurde, gab es zunächst mit finanzieller Assistenz Großbritanniens und der USA ein konventionelles Programm sozialökonomischer Reformen. Der ausmanövrierte Nkomo wurde in Mugabes erster Regierung zwar Minister, doch war der ultimative Crash zwischen beiden programmiert.

Die Kobra im Haus

1982 kam es – wie zu erwarten – zum offenen Konflikt: Nkomo setzte sich ab, nachdem Mugabe ihn als „Kobra im Haus“ angeprangert und ihm vorgeworfen hatte, einen Coup zu planen. Bei einem brachialen Feldzug der Rache in Matabeleland zeigte Mugabe erstmals, wie unerbittlich er sein konnte. Bis zu 20.000 Menschen – zumeist Ndebele – fielen Pogromen seiner berüchtigten, in Nordkorea ausgebildeten Fünften Brigade zum Opfer.

Ab 1987 dann vereinte Mugabe als Exekutivpräsident die Mandate des Staatsoberhaupts, Regierungschefs und Armeeführers in seiner Person. Ende des gleichen Jahres kam es zum Burgfrieden mit Nkomo, der zurückkehren, der Fusion von ZANU und ZAPU zur ZANU-PF seinen Segen geben und später Vizepräsident sein durfte. Simbabwe driftete in Richtung Einparteienstaat. Mit neuer Macht ausgestattet, aber immer noch frustriert vom langsamen Wandel, kehrte Mugabe zu seinen früheren neo-marxistischen Ansichten zurück und wurde in seinem Führungsstil deutlich autoritärer.

Als viele weiße Simbabwer Mitte der 1980er Jahre das Land verließen, wirkte sich das ungünstig auf die Agrarproduktion aus, Simbabwes ökonomische Lebensversicherung. Dabei blieben die leistungsstarken Betriebe in den Händen weißer Eigentümer. Zugleich erschütterte anschwellender Widerstand gegen die Apartheid im benachbarten Südafrika auch Simbabwe, das Verfolgte und Flüchtlinge aufnahm. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel, verlor Mugabe international den letzten Rückhalt, so dass er sich dazu durchrang, die Wirtschaft nach den Leitlinien des freien Marktes zu führen, aber an seinen sozialistischen Maximen festzuhalten. 1991 akzeptierte er eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) und fügte sich einem „Strukturanpassungsprogramm“. Parallel dazu löste eine Landreform, die auf eine Enteignung weißer Farmen gegen Entschädigung zielte, einen Sturm der Entrüstung in den USA und Großbritannien aus, die nun einen Grund hatten, ihren finanziellen Beistand heftig zu kürzen.

Isoliert und geächtet gab Mugabe im Jahr 2000 jeden Willen zum Konsens auf, er billigte gewaltsame Landenteignungen und erklärte, dies diene der sozialen Gerechtigkeit. Der Effekt freilich war ein anderer – auf den Exodus der Weißen folgten schrumpfende Agrarerträge und verknappte Lebensmittel.

Je dirigistischer die Wirtschaftspolitik ausfiel, desto resoluter wurde in Simbabwe die Intoleranz gegenüber jedem politischen Dissens. Was die oppositionelle Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) unter Morgan Tsvangirai bei mehreren Wahlen zu spüren bekam – durch Betrug, Einschüchterung, Medienzensur und das Wegsperren ihrer Kandidaten. Nachdem Tsvangirai 2008 die erste Runde der Präsidentenwahl gewinnen konnte, zwangen ihn Drohungen, die Kandidatur aufzugeben. Mugabe hatte zuvor eine angloamerikanische Konspiration für seine Niederlage verantwortlich gemacht – weder die chronische Armut noch eine grassierende Hyperinflation noch ein kollabierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Die folgende Regierungszeit prägte eine hohe Erwerbslosigkeit, die viel mit dem Niedergang der einstigen Kornkammer im südlichen Afrika zu tun hatte. Dieser Ressource wieder Leben einzuhauchen, blieb durch internationalen Kreditboykott verwehrt.

Endgültig diskreditiert hat sich die ZANU-PF-Elite wegen etlicher Bestechungsskandale und des extravaganten Lebensstils der kaum populären Grace Mugabe, der zweiten Frau des Präsidenten. Da der Druck im Kessel stets weiter stieg, grenzte es an ein Wunder, dass sich Robert Mugabe so lange an der Staatsspitze halten konnte. Augenscheinlich verhinderten sein Charisma und die Verdienste um die Souveränität des Landes einen jähen Sturz.

Als Mugabe 1980 die Unabhängigkeit aushandelte und besiegelte, war er der richtige Mann, der am richtigen Ort richtige Worte fand. Aber wie andere namhafte Freiheitskämpfer und afrikanische Nationalisten seiner Generation – Nelson Mandela ausgenommen – hat er nie auf die Kunst eines ausgewogenen, demokratischen Regierungsstils Wert gelegt.

Warum? Vermutlich weil ihn ein Machtwille korrumpiert hat, bei dem es zuletzt nur noch darauf ankam, sich gegen andere zu behaupten Wie sein fast schmählicher Abgang zeigt, war er nie so mächtig, wie er und seine Gegner glaubten.

Simon Tisdall ist einer der Kolumnisten des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 06.12.2017
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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