Michael Wilkerson
09.03.2012 | 17:28 12

Oprah und Armbänder sind keine Lösung

Kony 2012 Die Video-Kampagne gegen den Warlord Joseph Kony bewegt Millionen. Doch sie lässt wichtige Informationen außen vor und vermittelt ein falsches Bild des heutigen Ugandas

Helfen Sie mit, Joseph Kony aufzuhalten? Kony 2012, ein Video der Organisation Invisible Children über den massenmörderischen und Kinder entführenden Anführer der Lord’s Resistance Army (LRA) wurde bereits mehr als 50 Millionen Mal angesehen. Ziel der Aktion ist es, den Namen des flüchtigen Warlords allgemein bekannt zu machen und Regierungen zu drängen, Kony vor Gericht zu bringen. Oprah Winfrey, P. Diddy, Rihanna und andere Promis sind alle mit dabei, zusammen mit Teenagern und anderen Menschen mit einem sozialen Gewissen. Sie sind eingestimmt und bereit, ihre Mission zu erfüllen: Stoppt Kony.

Doch leider ist das alles nicht so einfach, wie es aussieht. Es steht außer Frage, dass die LRA eine der schrecklichsten Armeen des vergangenen halben Jahrhunderts war. Das Video jedoch hält dazu an, die Botschaft zu verbreiten, Kony-2012-Armbänder und -Postern zu kaufen und natürlich an Invisible Children zu spenden. Und es fällt schwer zu begreifen, wie die langsame Jagd auf Kony und seine Truppen durch eines der unwegsamsten Gelände der Welt voranbringen soll.

US-Militärberater helfen der ugandischen Armee seit Oktober bei der Verfolgung der LRA, und Invisible Children will Druck auf die USA ausüben, damit sie diese Unterstützung beibehalten oder verbessern. Doch darüber, dass diese Hilfe entzogen werden könnte, gibt es noch nicht einmal ansatzweise  Gerüchte. Als Argument für die Dringlichkeit des Anliegens erscheint dies also einigermaßen absurd.

Die LRA hat Norduganda verlassen

Abgesehen von diesem fadenscheinigen Argument ist das eigentlich problematische an der Videokampagne von Invisible Children die Art und Weise wie sie – durchaus mit Erfolg – Aufmerksamkeit erregt. Uganda und Kony sind auf Twitter allgegenwärtig– aber bedeutet diese Aufmerksamkeit, dass ein Grundverständniss vermittelt wird, das über Konys Namen hinausgeht? Nur kurz und erst nach 15 Minuten erwähnt im Video der Erzähler – Invisible-Children- Mitbegründer Jason Russell –, dass die LRA Norduganda verlassen hat, und er sagt nicht, wann. Insofern könnte man den tausenden eifrigen Twitterern ihre Aufrufe zum Handeln gegen die nicht existierende Gewalt in Norduganda nachsehen. Aber ist es entschuldbar, dass Invisible Children dies unter den Teppich kehrt?

Vielleicht hat Invisible Children, die meisterhaft Aufmerksamkeit auf die LRA gelenkt hat (zweimal bei Oprah!), deren regionale Ausbreitung nicht gut genug erklärt. Möglicherweise fällt das schwerer, wenn die Zielgruppe Anhänger von Promis sind, anstatt motiviertere Weltverbesserer an der Uni. Oder vielleicht hat Invisible Children so gedacht: Ihr eindrücklichstes Filmmaterial wirft ein Schlaglicht auf den schlimmsten Terror, den Kony gegen Kinder in Norduganda verübt hat. Würde man an dieser Stelle verwirrende Grenzen und weniger bekannte Orte wie die Zentralafrikanische Republik einführen, riskierte man, das Publikum zu verlieren. Und diese Informationen wären es nicht wert, die Zeit der lebhaften, Armbänder tragenden Studenten außerhalb der US-Hauptstadt zu verschwenden.

Das führt zu einem weiteren beunruhigenden Aspekt der Kony-2012-Kampagne. Das Video erzählt uns, dass sich zuvor niemand gekümmert habe, nun aber – dank der Technologie und Invisible Children – jeder die nötigen Schritte tun könne, um Kony die verdiente Schande und Verhaftung oder den verdienten Tod zu bringen.

Weiße Retter, arme Afrikaner

Aber da die Organisation Invisible Children entstand, als ein paar Nordamerikaner über einen Konflikt stolperten, von dessen Existenz sie vorher nichts wussten und dann beschlossen, den zu Opfern gemachten Kindern zu helfen, indem sie einen Film drehen, ist das Ausgangsniveau für großes weißes Erlösertumtum schon recht perfekt. Wer andeutet, dass nun, da mithilfe von Promis, Armbändern und Sozialen Medien die Nachricht über Kony verbreitet worden ist, auch die LRA besiegt werden kann, unterstützt das Narrativ von den weißen Rettern, die armen Afrikanern helfen. Völlig ignoriert werden dabei die guten wie schlechten Anstrengungen, die Ugander seit 25 Jahren im Kampf gegen die LRA unternehmen. Ich gehöre zu einer Diskussionsgruppe von hunderten ugandischer Journalisten, und bis jetzt hat nur einer von ihnen dafür eintreten wollen, dass diese Kampagne eine gute Sache sei (und zwar hauptsächlich, weil sie dazu beitragen könnte, dass mehr Menschen Uganda auf der Karte finden). Die meisten anderen finden Kony 2012 selbstverherrlichend, bevormundend und zu vereinfachend.

Als jemand, der wie die Gründer von Invisible Children Uganda liebt und sich stark um das Land sorgt, beunruhigt mich vielleicht am meisten, dass in den Köpfen dieser Millionen Videozuschauer das Bild des Landes durch fortwährenden Konflikt und Streit bestimmt wird. Einige meiner ugandischen Freunde wiesen darauf hin, dass am Donnerstag der Weltfrauentag begangen wurde und die zahlreichen Fortschritte der ugandischen Frauen in der Aufmerksamkeit für Kony 2012 untergingen.

Doch Uganda steht auch vor einigen ernsten Problemen: Der Präsident ist seit 26 Jahren an der Macht, Millionenbeträge wurden gestohlen, und es fehlt an Medizin. Bald werden die Ölquellen zu sprudeln beginnen, was ein Potenzial für weitere Korruption bietet. Und eine der jüngsten Bevölkerungen der Erde sieht sich mit hohen Inflationsraten und steigender Arbeitslosigkeit konfrontiert. Wie viele, die Uganda mehr als nur oberflächlich kennen, sorge ich mich, dass diese wichtigen und komplizierteren Fragen vom halb informierten Aufschrei über die LRA überlagert werden und das Land für Millionen immer noch mit einer der schrecklichsten Zeiten seiner Geschichte verbunden bleiben wird. Und natürlich mit den netten Amerikanern, die kamen, um zu helfen.

Kony sollte aufgehalten werden, und Invisible Children als Organisation und Kony 2012 als Kampagne wollen dieses Ziel voranbringen. Aber nicht alle wohlmeinenden Anstrengungen sind fehlerlos, und Kritik sollte nicht als zynisches Nein-Sagen abgetant, sondern angenommen werden. Man sollte sich mit ihr befassen, anstatt sie zurückzuweisen.

Ein Referendum über die Frage, ob Joseph Kony mit allen verfügbaren Mitteln gejagt werden sollte, bis er verhaftet oder getötet worden ist, würde sicherlich eine Mehrheit finden. Aber Millionen Video-Aufrufe lassen sich deutlich schwerer in lokalen Wandel in Ost- und Zentralafrika übersetzen, als die Flut von Anteilnahme in den Sozialen Medien (und die Gratulation zu dieser Anteilnahme) glauben machen könnte.

Michael Wilkerson ist Journalist und Marshall-Stipendiat in Politik an der Universität Oxford, wo er die Korruption und Demokratisierung in Uganda untersucht.

Übersetzung: Steffen Vogel

Kommentare (12)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 19:01

Vielen Dank für die Übersetzung des Artikels.
Auf FB wird man damit regelrecht zugespamt.
In der Einleitung zeigt der Regissseur seinen eigenen Sohn, das Wunder der Geburt, dem menschlichen Zusammenhalt und sozialer Gefüge innerhalb derer wir Freud und Leid teilen können. Dann leitet er über ob dieses Recht und der Schutz nicht allen Kindern zukommen muss?
So etwas sind rhetorische Tricks der untersten Schublade, denen nur schwer beizukommen ist. Sie sorgen dafür das Diskussionen von Anfang an stark mit Emotionen beladen sind.
Es ist das Gleiche Prinzip wie als wenn Unicef halbverhungerte Kinder auf Fotos zeigen und man sein Gewissen durch eine Spende beruhigt, obwohl man insgeheim weiß die Gelder kommen, wenn überhaupt, nur zu einem verschwindend geringen Teil an (Der Freitag - Die Spendenmafia).

Die politisch-wirtschaftlichen Eliten könnten ohne Weiteres die dortige Situation verbessern, wenn sie es wollten. Doch die Industriestaaten dürften kaum Interesse an stabilen demokratischen Systemen mit hohem Bildungsniveau haben, denn sonst würden die Rohstoffe relativ schnell relativ teuer werden. und das wollen wir doch nicht ;-)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 09.03.2012 | 23:14

Das YT Video ist gemein, aber der Sprecher hat absolut recht, wenn er sagt das soetwas, Aufmerksamkeit im Millionenbereich generiert, während echte politisch durchdachte Initiativen höchstens einige Tausend auf die Straße holt. Dort arbeiten die Aktivisten lesen, diskutieren und zerbrechen sich die Köpfe über die jeweiligen Themen und dann kommt so "ein an Schwülstigkeit und Schmierigkeit kaum zu überbietendes Kitsch-Werk" aus den USA und schwupps sind wir alle wieder eine happy Community die das Böse bekämpft.

Aber wir wissen ja Blödmaschinen sind systemrelevant, wo kämen wir denn hin wenn alle mal ein wenig hinter die schönen Kulissen schauen würden?

Heinz Lambarth 10.03.2012 | 12:22

Uganda hat wahrlich wichtigere und ernstere probleme als die jagd auf Kony - z.B. eine menschwürdige und gerechte behandlung jener einfachen bauern, die dem erdölboom weichen müssen und schutzlos von den bulldozern und privatmilizen der ölkonzerne überrollt und schikaniert werden. Bei der Kony-kampagne geht es offensichtlich nur um eines: spenden auftreiben und staatliche unterstützung, staatliches wohlwollen sichern. Aber genauso wie jene, denen angeblich mit diesem geld "geholfen" wird, werden die "helfer" selbst abhängig von "hilfe". In der hilfeindustrie geht es om 10.000te gut bezahlte arbeitsplätze, zum grossen teil im norden aber auch im süden. Deshalb beginnt jeder selbstbestimmte "fortschritt" mit der beendigung der hilfeabhängigkeit; und dazu leistet diese kampagne offensichtlich nichts.

dabnism 10.03.2012 | 16:21

Es wäre wünschenswert, würden sich "echte" Gedanken zu dem Thema gemacht. Nicht nur Armbändchen-Aktionismus.

Allerdings sehe ich nicht alles grundsätzlich negativ. Viele junge Menschen haben überhaupt kein Gefühl mehr dafür, wie es in anderen Teilen der Welt aussieht.
Die hiesigen Massenmedien sind da zweifellos nicht ganz unschuldig.
Wenn von den 50 Millionen Klicks auch nur verschwindent wenig Leute dabei sind, die sich wirklich engagieren und informieren, anstatt weiterhin jeden Abend anzusehen, wie Frauen getauscht und Schwiegertöchter gesucht werden, dann ist es mir allemal lieber, als gar keine Reaktion.

Ich bezweifle außerdem, dass sich Menschen noch ohne die typischen (gewohnten) Propagandamechanismen aktivieren lassen...

Malte Krøgergaard 12.03.2012 | 00:28

Ich kann den Kritikpunkten, die der Artikel vorbringt, nur zustimmen. Man merkt der Kampagne überdeutlich an, für wen und mit welchem Anspruch sie gestrickt ist. Ich fand den Fremdschäm-Faktor dementsprechend hoch.

Neben übertriebenem Marketing und Aktionismus ist die Stilisierung der USA zum Retter der Menschheit das mit Abstand Problematischste an dem Vorhaben. Diese Unterstellung impliziert, dass alle Nationen, die Besuch von der Weltpolizei erhalten und sich danach nicht in aufgeklärte Bejubler des US-Menschenbildes verwandeln, automatisch zu bekämpfen sind.
Fatal für eine wirkliche Verständigung zwischen den Völkern, wie sie die Regisseure doch angeblich gerne hätten.

Aber abgesehen vom naiven Idealimus, in einem Aspekt muss ich der Kritik an den Kritikern zustimmen: Niemand kann leugnen, dass die Verbrechen nun gesehen wurden, und zwar von der Augen eines nicht geringen Teils der Weltöffentlichkeit. Das, was kaum ein Artikel, sei er auch noch so engagiert und gut recherchiert, kein Beitrag auf ARTE oder in ähnlichen Formaten, keine Erwähnung in den Nachrichten vom Tage geschafft hat.
Es mag sein, dass der Gehalt der Botschaft zu wünschen übrig lässt, aber sie ist angekommen.

Wir müssen uns tatsächlich darüber Gedanken machen, wenn eine solche Aufrüttelung der Weltöffentlichkeit geschehen soll, in welcher Form sie das muss - bzw. kann.
Dabei muss wohl immer in Kauf genommen werden, dass Themen unterkomplex und holzschnittartig "vermarktet" werden. Anderenfalls verkleinert sich der Kreis jener Empfänger, die dem Geschehen tatsächlich Aufmerksamkeit schenken.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.03.2012 | 15:46

Ich füge noch die massiven Menschenrechtsverletzungen gegen Schwule, Lesben und Transgender an. Seit Anfang des Jahres diskutiert das Parlament in Uganda wieder die Verschärfung des ohnehin rabiaten Anti Homo Gesetzes in Uganda. Zumindest die Todesstrafe scheint vorerst vom Tisch. Großen Einfluss auf diese Gesetzesinitiative scheinen Evangelikale in den USA gehabt zu haben. Eben diejenigen Organisationen, denen dieses zur Last gelegt wird, spenden nun in großem Ausmaß für 2012.

www.queer.de/detail.php?article_id=16127