Ordnung von unten

Anarchismus Der Anarchist als Chaot? Nicht nur in Großbritannien ist diese Lesart populär, wenn Steine fliegen und Autos brennen. Zeit für die Rehabilitierung eines verfemten Begriffs

Wenn, wie gewöhnlich, von „Anarchie“ gesprochen wird, wo „Chaos“ oder „völlige Unordnung“ gemeint ist, haben Anarchisten hierfür nur Verachtung übrig. Für sie bedeutet Anarchie die Abwesenheit von Herrschaft im Sinne einer selbstverwalteten, solidarisch-sozialistischen Gesellschaft, die sich vom gegenwärtigen chaotischen Zustand kapitalistischer Unordnung gerade durch einen höheren Organisationsgrad abhebt. Eine anarchistische Gesellschaft wäre vernünftiger eingerichtet und besser organisiert, weil von unten nach oben in selbstverwalteten und miteinander auf freiwilliger Basis assoziierten Einheiten aufgebaut, anstatt diese Ordnung den Individuen und Gruppen von oben aufzuoktroyieren.

Die historische anarchistische Bewegung war Teil der Arbeiterbewegung. Ihre größte gesellschaftliche Wirkungsmächtigkeit entfaltete sie von den 1860er bis in die 1930er Jahre hinein. Ideelle Vorläufer finden sich aber bereits im chinesischen Taoismus, bei Laozi und Zhuangzi, wie auch in der griechischen Antike bei Zeno von Kition. Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass die muslimischen Mu'taziliten und Najditen, die im neunten Jahrhundert in Basra  lebten, Anarchisten waren. In Europa finden sich seit der Reformation im 16. Jahrhundert und deren Vorläufern (zum Beispiel die böhmischen Taboriten und die Täuferbewegung) vermehrt Beispiele; später dann in der Renaissance (François Rabelais und Etienne de la Boétie) und, Mitte des 17. Jahrhunderts, die englische Revolution (nicht nur die Diggers und Gerrard Winstanley, sondern auch die Ranters).

Im 18. Jahrhundert begegnen uns dann Persönlichkeiten, deren anarchistische Prägung offensichtlicher ist: der Rousseau der Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755), William Blake (1757–1827) in allen seinen Werken und William Godwin in seiner großartigen Enquiry Concerning Political Justice (1793). Anders als Blake, dessen Ideen bei seinen Zeitgenossen kaum verfingen, übte Godwin einen immensen Einfluss aus - am stärksten auf seinen künftigen Schwiegersohn Shelley, der mit den Worten Peter Marshalls zum "größten anarchistischen Dichter wurde, indem er Godwins Philosophie in Verse fasste“. Marshall geht über diese ziemlich weit verbreitete Einschätzung hinaus, wenn er Blake und Godwin als die "Gründerväter" des britischen Anarchismus bezeichnet.

Erster Theoretiker des staatsfreien Sozialismus

Dass Godwin jedoch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht als anarchistischer Denker wahrgenommen wurde und dies bei Blake noch weitere hundert Jahre dauern sollte, lag schlicht daran, dass es den Begriff lange Zeit überhaupt nicht gab. Erst Proudhon verwendet ihn in seiner Schrift Was ist Eigentum? von 1840, wo er nicht nur sich selbst als Anarchisten bezeichnet – „Ich bin (in der vollen Bedeutung des Wortes) ein Anarchist“ – sondern auch versucht, „Anarchie“ als positives Konzept zu bestimmen, indem er betont, „ein treuer Freund der Ordnung“ zu sein. Im Folgenden musste der Anarchismus dann als soziale Bewegung entstehen, was erst ab der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts geschah. Kropotkin konnte Godwin dann als "den ersten Theoretiker des staatsfreien Sozialismus, der Anarchismus heißt“, bezeichnen.

Der Anarchismus ist berüchtigt für die Vielfältigkeit seiner Ausprägungen: Seine anerkannten Formen reichen von dem Egoismus Stirners über den Individualismus amerikanischer Prägung eines Tucker und den Mutualismus Proudhons - die beide (innerhalb strenger Grenzen) die Institution des Privateigentums akzeptierten - bis hin zum Kollektivismus Bakunins, dem Kommunismus Kropotkins und der revolutionären Gewerkschaftsbewegung der Syndikalisten. Was sie fast alle miteinander verbindet, ist die unerbittliche Gegnerschaft zu Staat und Parlamentarismus, die Befürwortung direkter Aktion als Mittel zur Erlangung der angestrebten Ziele sowie die Organisation in genossenschaftlichen Verbünden, die von unten nach oben aufgebaut und assoziiert sind. Der erste Punkt ist das entscheidende Wesensmerkmal des Anarchismus. Der Staat wird nicht nur abgelehnt, weil er konstitutiv für die herrschende Ordnung ist, sondern weil in seiner Abschaffung das entscheidende Mittel zu einer jeden wünschenswerten Veränderung liegt. Dem Vertrauen der Marxisten, der Staat werde in einer sozialistischen Gesellschaft immer weiter zurückgedrängt und schließlich irgendwann absterben, standen die Anarchisten von Anfang an mit größter Skepsis gegenüber. Sie vertraten die Ansicht, die Fortexistenz einer staatlich formierten Ordnung in einer post-kapitalistischen Gesellschaft werde zum genauen Gegenteil führen. Ihr Pessimismus wurde durch die tyrannische Machtkonzentration bestätigt, die sich  der Staat in den Ländern des Realsozialismus aneignete.

Die Wurzeln der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung

Über anderthalb Jahrhunderte hinweg waren die Anarchisten vorwiegend Sozialisten, die wenigen versprengten Individualisten in Europa und Nordamerika fielen ihnen gegenüber kaum ins Gewicht. Der Anarchismus vereint eine durch und durch sozialistische Kritik des Kapitalismus mit einer liberalen Kritik am Sozialismus. Anarchisten stimmen mit den klassischen Liberalen in ihrer Befürwortung autonomer Assoziationen und der Freiheit des Individuums überein.

Anarchisten werden für gewöhnlich auf das Werfen von Bomben reduziert und (im Augenblick wieder verstärkt) mit Randale auf der Straße in Verbindung gebracht, dabei gibt es unter ihnen über die Mittel zum Erreichen ihrer Ziele die unterschiedlichsten Positionen, die von der Befürwortung extremer Gewalt bis hin zum völlig gewaltfreien Widerstand Tolstois reichen, alle dazwischen liegenden Schattierungen mit einbegriffen, mit Ausnahme der parlamentarischen Stellvertreterdemokratie und anderer Formen konstitutioneller Beteiligung.

Vor fünfzig oder sechzig Jahren schien der Anarchismus seine praktische wie theoretische Wirkungsmächtigkeit eingebüßt zu haben. Doch seit den Sechzigern gibt es in Europa und Nordamerika eine Renaissance anarchistischer Ideen und Praxen. Sie sind zutiefst in den „neuen sozialen Bewegungen“ des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts verwurzelt, auch wenn viele Aktivisten der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung sich dessen nicht bewusst waren und sind. Viele Umweltinitiativen des frühen 21. Jahrhunderts tragen noch Charakteristika anarchistischer, basisdemokratischer Organisation.

In Großbritannien gibt es heute mit Sicherheit mehr bewusste Anarchisten als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Hinzu kommen viele „natürliche“ Anarchisten, das heißt Leute, die sich nicht als Anarchisten bezeichnen, aber in vielerlei Hinsicht anarchistisch denken und handeln.

David Goodway ist Sozialhistoriker und forscht seit 20 Jahren über Anarchismus und libertären Sozialismus. Die zweite Auflage seines Buches Anarchist Seeds beneath the Snow: Left-Libertarian Thought and British Writers from William Morris to Colin Ward (2006) erscheint diesen Herbst bei PM Press.

Seit der Einstellung des Schwarzen Faden sind die wichtigsten deutschsprachigen anarchistischen Publikationen die anarcho-pazifistische

Graswurzelrevolution

sowie die Zeitung der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterunion

Direkte Aktion

Für Deutschland müssen noch die Namen

Gustav Landauers

(der einen beträchtlichen Einfluss auf die Philosophie Walter Benjamins ausübte) sowie des von den Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10.7.1934 zu Tode gefolterten Dichters

Erich Mühsam

und Rudolf Rocker hinzugefügt werden.

11:55 12.09.2011
Geschrieben von

David Goodway | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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