Organisiert die Sex-Arbeiter!

Porno Der Ruf nach einem Werbeverbot für die Sex-Industrie ist ein unlogischer und kaum praktikabler Angriff auf die Beschäftigten der Branche

Nachdem sie zunächst eine Kriminalisierung von Freiern gefordert hatte, fordert Julie Bindel nun ein Verbot von Anzeigen für Sex-Arbeiter/innen. Eine solche Forderung entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn sie von einer Frau kommt, die um ihr Recht auf freie Meinungsäußerung fürchtete, als die transsexuelle Community sie der Transphobie bezichtigte. Sie sagt, sie kämpfe gegen Ausbeutung, dabei kämpft sie in Wirklichkeit gegen die Prostitution und die Pornoindustrie an sich. Aber ob das den darin Beschäftigten hilft?

Ich arbeite nun seit fast zwei Jahren in der schwulen britischen Pornoindustrie. Im Durchschnitt verdienen wir 300 Pfund Sterling pro Szene. Das mag verglichen mit den Stundenlöhnen in anderen Berufen erst einmal hoch erscheinen. Da man aber selten zum Drehen kommt, kann kaum einer von der Pornographie allein leben. Solange sie nicht berühmt sind und entsprechend gut verdienen, müssen die meisten Porno-Darsteller sich noch in weiteren Berufen inner- oder außerhalb der Sex-Industrie verdingen.

Man verdient heute nur noch die Hälfte dessen, was früher einmal üblich war. Die Produktionsfirmen machen immer noch ein Heidengeld, nutzen jedoch die Demokratisierung der Pornographie durch das Internet dazu, die Sätze und Gagen der Darsteller zu drücken. Man wird in bar bezahlt und tritt mit Unterzeichnung der Papiere alle Rechte an seinem Bildmaterial ab. Man muss zwar nachweisen, dass man über 18 ist, aber es gibt keine ordentlichen Verträge, in denen Arbeitsschutzbestimmungen enthalten wären. Unsere Bilder können monate- oder jahrelang verwendet werden, aber wir erhalten dafür keinerlei Tantiemen, wie dies in der „konventionellen“ Kino-Industrie üblich ist.

Die meisten, die in der schwulen Pornoindustrie tätig sind, verwenden Kondome. Bevor in den Neunzigern antiretrovirale Medikamente aufkamen, wollten alle nur noch mit Kondomen arbeiten, weil so viele Homosexuelle an den Folgen von Aids starben. Aber seitdem hat das Bareback-Geschäft wieder stark zugenommen und der Druck, ungeschützt zu arbeiten, ist merklich gestiegen. Einige Produzenten bezahlen mehr für Sex ohne Kondom und gehen sogar dazu über, Filme in ärmeren Ländern zu drehen, wo die Darsteller eher bereit sind, das Risiko einer HIV-Infektion einzugehen.

Es handelt sich hierbei um die gleichen Länder, in denen es keinen oder nur einen sehr geringen Zugang zu antiretroviralen Medikamenten gibt. Selbst in sicheren Filmen wird nie der Versuch unternommen, die Verwendung von Kondomen in irgendeiner Weise zu erotisieren und in die Dramaturgie mit einzubauen. Wie durch Zauberhand erscheint es immer erst kurz vor Beginn der Penetration, als sei dem Überstreifen des Gummis unmöglich etwas Erotisches abzugewinnen.

Die Gay-Community tut nicht viel, um ihre Sex-Arbeiter zu schützen. In ein und demselben Schwulen-Magazin kann man Aufrufe von Gesundheitsorganisationen zur Verwendung von Kondomen und Anzeigen für Bareback-Movies finden – doppelzüngiger geht es wohl kaum. Aber die Schwulenmagazine sind nun mal auf das Geld von Porno-Unternehmen und Sex-Clubs, die Bareback-Partys organisieren und von Gay Stores, die Bareback-Produkte verkaufen, angewiesen.

Dieses Thema betrifft natürlich nicht nur Porno-Darsteller, sondern die gesamte Gay-Community. Meine Generation hat das Glück, dass ihr Sexualleben erst nach der schlimmsten Phase an HIV-Erkrankungen begonnen hat. Auf der anderen Seite gibt es heute nicht dieselbe Mobilisierung und Solidarität wie damals. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und wenn etwas passiert? Ron Stall von der University of Pittsburgh geht davon aus, dass 41 Prozent aller homosexuellen Männer in den USA im Alter von 40 HIV positiv sein werden, wenn die gegenwärtigen Ansteckungsraten sich fortsetzen. Die Folgen des Geschäftes mit dem ungeschützten Verkehr und seiner Normalisierung sind also bereits Realität.

In der heterosexuellen Pornoindustrie ist ungeschützter Verkehr die Regel. Die Unternehmen verlangen HIV-Testes sowie die Überprüfung auf andere ansteckende Geschlechtskrankheiten, um sich vor Klagen zu schützen. Die Darsteller tragen das Risiko, denn negative Tests bedeuten aufgrund des Zeitfensters für die Serokonversion nicht notwendiger Weise, dass man auch HIV-negativ ist, sondern lediglich, dass man drei Monate vor dem Test HIV-frei war. Die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, besteht in der Verwendung eines Kondoms.

Ich würde mir wünschen, wir Porno-Darsteller wären in der Lage, uns selbstständig zu organisieren und unsere eigenen Filme zu produzieren. Wir könnten uns gegenseitig filmen, die Kontrolle über unsere Bilder behalten und die Qualität unserer Arbeit verbessern, weil wir mehr Zeit auf sie verwenden könnten und diese Zeit auch besser nutzen würden. Wir hätten selbst mehr Interesse daran, einen schönen und antörnenden Film zu drehen, statt lediglich Geld verdienen zu wollen. Wir Darsteller könnten die Gewinne unter uns aufteilen und Pornographie könnte schließlich als das wahrgenommen werden, was sie eigentlich sein sollte – nämlich eine Kunstform.


Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:40 05.03.2010
Geschrieben von

Thierry Schaffauser | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14696
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 18