Ostwind obsiegt

China Mit dem Projekt der neuen Seidenstraße könnte sich eine alte Prophezeiung Mao Zedongs erfüllen
Ostwind obsiegt
Silk Road reloaded: Shenzhen City in der Nähe der historischen Handelsstadt Kaschgar soll wieder zum Handelszentrum werden

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Zu Beginn des Jahres fuhr der erste Güterzug auf direktem Weg aus China kommend in ein Depot des Ostlondoner Bezirks Barking, um dort entladen zu werden. Die Waggons mit Containern trugen sämtlich den Namen Ostwind, sie hatten eine mehr als 12.000 Kilometer lange Strecke zurückgelegt und in 16 Tagen acht Länder durchfahren. Das heißt, dieser Zug brauchte die Hälfte der Zeit, die der Transport auf dem Seeweg gedauert hätte. Wenige Wochen später war das rollende Material wieder auf der Rückfahrt und brachte schottischen Whisky, Medikamente und medizinisches Equipment auf die Großhandelsmärkte von Yiwu an der chinesischen Ostküste. Im Vorjahr kamen 1.702 Güterzüge aus China in Europa an, doppelt so viele wie 2015, inzwischen sind weitere Verbindungen erschlossen.

Ostwind, der Name des Zuges wie der Waggons, geht auf die berühmten Worte Mao Zedongs zurück: „Entweder der Ostwind obsiegt über den Westwind oder der Westwind obsiegt über den Ostwind“, insistierte er im Jahr 1957. Sechs Jahrzehnte später tut Chinas Führung ihr Bestes, damit der Ostwind weiter kräftig weht. Was an Zügen durch Eurasien rollt, ist Teil des Versuchs, für eine neue transkontinentale Seidenstraße zu sorgen, inspiriert von jener antiken Handelsroute, auf der einst Karawanen Steppen und Wüsten Zentralasiens unterwegs nach Westen durchquerten. Das Projekt soll Einfluss und Renommee Chinas zugutekommen und durch den Bau von Autobahnen, Zugtrassen wie Häfen ermöglichen, dass buchstäblich alle Wege nach Peking führen.

Antikes Vorbild

Die neue Seidenstraße wäre sowohl geografisch als auch ökonomisch von anderer Dimension als ihr antikes Vorbild, dessen Routen hauptsächlich über Land verliefen und allein dem Handel dienten. Die jetzige Version umfasst an Land den Bau einer neuen Transport-Infrastruktur und von Industriekorridoren, die sich durch Zentralasien über den Nahen Osten bis nach Europa erstrecken. Zu Wasser umfasst sie neue Häfen und Schifffahrtslinien durch das Südchinesische Meer in den Südpazifik und durch den Indischen Ozean bis ins Mittelmeer. In Peking spricht man von etwa 60 Ländern, die angeschlossen sein wollen, doch existiert keine definitive Liste. Bei dem, was es gibt, handelt es sich eher um eine Art diplomatischer Kurzschrift, die chinesische Finanzhilfen, Investitionen und Bauprojekte in Entwicklungsländern weltweit erfasst. Keine Frage, Präsident Xi Jinping treibt das Projekt entschieden voran. Seit fünf Jahren ist er darum bemüht, Chinas internationalen Einfluss zu vergrößern. Die Seidenstraße ist Teil seines „chinesischen Traums“, den er schon 2012 bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei vorstellte.

Bisherige Trassen der neuen Seidenstraße

Karte: Susann Massute für der Freitag (JPG)

Zuletzt beschwor Xi diese Vision beim Besuch des Nationalmuseums auf dem Tiananmen-Platz. Die Exposition dort war den sechs Jahrzehnten des chinesischen Sozialismus gewidmet, der dem Land nach einem „Jahrhundert der Erniedrigung“ wieder Wohlstand gebracht habe, so Xi. Er versprach, „die große Verjüngung des chinesischen Volkes“ zu verwirklichen. Gemeint ist die kommunistische Spielart von „Make China great again“.

Ein Netz ohne Entkommen

Mitte Oktober trifft sich die Parteiführung mit 2.300 Delegierten zum XIX. Parteikongress, um festzulegen, wer das Land die kommenden fünf Jahre und darüber hinaus regiert. Xi scheint seinen Führungsanspruch festigen zu wollen. Er kann für sich geltend machen, dass China heute international mehr Respekt genießt als bei seinem Antritt als KP-Generalsekretär vor gut fünf Jahren. Ermutigt durch die unter Donald Trump schwächer werdenden USA setzt er auf die Rückkehr zu einer historischen Dominanz seines Landes in der asiatisch-pazifischen Region.

Die neue Seidenstraße dient dem Zweck, Transportwege, Pipelines und Kraftwerke anzubieten, um so ein Netz ökonomischer Abhängigkeiten zu spinnen, aus dem es so schnell kein Entkommen mehr gibt. Nur können unterentwickelte Länder der Aussicht schwerlich widerstehen, die vielbenötigte Infrastruktur zu erhalten. Passstücke der Seidenstraße wie Überlandrouten für den Güterverkehr von China nach Europa (s. Karte) sind bereits fertig. Die staatlichen Direktinvestitionen belaufen sich seit 2015 chinesischen Angaben zufolge auf 30 Milliarden Dollar, während chinesische Unternehmen Bauverträge im Wert von 189 Milliarden Dollar im Portfolio haben und 145 Milliarden für in 60 Ländern erbrachte Leistungen einnahmen. Zuweilen ist das an einen erheblichen Sicherheitsaufwand gebunden, wenn allein in Pakistan etwa 14.500 Wachleute gebraucht werden. Sie schützen 7.000 chinesische Arbeiter, die derzeit den Wirtschaftskorridor nach Nordwestchina bauen. Das mit diesem Kordon nicht übertrieben wird, zeigte sich im Mai, als zwei Chinesisch-Lehrer in Quetta entführt und ermordet wurden – sie waren als Sprachmittler in einem entlegenen, aber wichtigen Teil des Korridors eingesetzt. Dabei ist Pakistan ein chinafreundlicher Staat, anders als Vietnam oder Indien, die sich traditionell feindselig verhalten. Delhi hat von chinesischen Firmen in Sri Lanka und Pakistan gebaute Häfen als „Brückenköpfe einer Expansion“ verurteilt. Diese Terminals gehörten zu „einer Perlenschur, die sich um den Hals von Mutter Indien legt“. Die Gefahr eines Konflikts zwischen den beiden asiatischen Großmächten hat auch das neunte Treffen der BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – überschattet, das während der vergangenen Woche in der chinesischen Hafenstadt Xiamen stattfand. Auch wenn das dortige Treffen zwischen Xi und Indiens Premierminister Narendra Modi die Spannungen gemindert hat, bleibt die geostrategische Rivalität bestehen.

In anderen Teilen Asiens zahlt sich Chinas Infrastruktur-Diplomatie aus, so etwa auf den Philippinen, deren Präsident Rodrigo Duterte im Vorjahr mit einem Investitions- und Handelspaket im Wert von 24 Milliarden Dollar von einem Peking-Besuch nach Hause kam, nachdem er erklärt hatte, sein Land werde die Bindung an die USA lockern. Auch Malaysia wurde bedacht, seit sich Regierungschef Najib Razak zum „wahren Freund Chinas“ erklärt hat und ein Abkommen mit einem Finanzvolumen von 34 Milliarden Dollar zustande kam. Auch kleine Länder wie Kambodscha und Tadschikistan sind in Peking gefragt und darauf angewiesen, dass China ihnen wichtige öffentliche Güter liefert.

Fraglos steigt der geopolitische Einfluss der Volksrepublik. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die USA die Hegemonialmacht im asiatisch-pazifischen Raum. Unmittelbar nach Trumps Amtsantritt Ende Januar spielte es China jedoch in die Karten, dass der US-Präsident das Transpazifische Handelsabkommen (Trans-Pacific Partnership/TPP), an dem China nicht beteiligt war, kündigen ließ. Der Vorgang war geeignet, den Einfluss Washingtons in der Region zu schwächen, war doch TPP von der Obama-Administration ausdrücklich lanciert worden, um die wirtschaftliche Präsenz der USA in Asien zu Lasten Chinas auszudehnen. Längt bemüht sich Peking um ein alternatives Abkommen, an dem man selbst, nicht aber die Vereinigten Staaten, teilhat.

Während die unter Trump stark mit sich selbst beschäftigt sind, versucht ein mit neuem Selbstvertrauen ausgestattetes China an Terrain zu gewinnen. Zu Beginn des Jahres drängte Parteichef Xi Delegierte in Peking auf einem Forum zur neuen Seidenstraße, Amerikas Protektionismus zurückzuweisen und eine Version des Welthandels zu bejahen, die Chinas Publicity als „Globalisierung 2.0“ anpreist. Auch wenn daran vieles Rhetorik ist, verkörpert Xi Jinping ernsthafte Diplomatie. 30 Regierungschefs waren auf diesem Forum vertreten – nicht ganz so viele, wie Peking gehofft hatte, aber genug, damit sich Xi als distinguierter Staatsmann von internationalem Rang darstellen konnte. Auch wenn ihm bewusst sein dürfte, dass noch viel diplomatische Kärrnerarbeit zu leisten ist, da bislang nur ein paar der potenziellen Partnerstaaten an das Mantra glauben, es gehe stets um den gegenseitigen Vorteil. Einfach gesagt: Man traut China nicht. Doch ist dessen nüchterne Wirtschaftsdiplomatie weitaus unerschrockener, zukunftsorientierter und pragmatischer als alle Alternativen. Unter Trump verfügen die USA über keine kohärente Asien-Politik mehr und werden nicht länger als verlässlicher Player angesehen, noch nicht einmal von den regionalen Verbündeten. Japan investiert zwar viel in der Region, aber seine Wirtschaftskraft wird von der Chinas in den Schatten gestellt. Es fehlt Tokio schlichtweg die Finanzkraft, um mit Peking zu konkurrieren.

Aus europäischer Perspektive scheint Chinas asiatisches Machtspiel weit entfernt. Wenn die Seidenstraße ein paar Container mit billigen Konsumgütern mehr in EU-Länder bringt, ist das gewiss auf der Habenseite zu verbuchen. Sollte China mit seiner Wirtschaftsdiplomatie allerdings global Erfolg haben, wird die EU davon ganz anders tangiert sein, als das bisher der Fall war. Wie sich am Beispiel des Verlags der renommierten Cambridge University in diesem Sommer nur zu deutlich zeigt, führt wirtschaftlicher Einfluss zu profunder Macht. Nur ein internationaler Aufschrei hinderte Großbritanniens ältesten Wissenschaftsverlag daran, Pekings Bitte um Löschung von 300 politisch sensiblen Artikeln zu entsprechen. Der ökonomische Druck auf den Westen, derartigem Verlangen aus Peking zu genügen, wird kaum nachlassen. Wie gesagt, Mao Zedong sagte voraus, dass der Ostwind schließlich über den Westwind obsiegen werde. Wenn seine Prophezeiung zutrifft, wird man das demnächst zu spüren bekommen.

Tom Miller ist Guardian-Autor und hat das Buch China’s Asian Dream: Empire Building Along the New Silk Road geschrieben

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 11.10.2017
Geschrieben von

Tom Miller | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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